Die Seehnsucht

Als ich erinnert wurde.

Das eine große soziale Netzwerk erinnert mich daran, dass ich vor sieben Jahren am Abend in einen Nachtzug gestiegen bin, um am nächsten Morgen am See auszusteigen und dann die Fähre zu nehmen. Wenn ich das so aufschreibe, kommt es mir immer noch magisch vor. Dabei war die Fähre eigentlich gar nicht so magisch – vor allem nicht, wenn die übliche Klientel sich breitmachte und laut plapperte, während ich verzweifelt versuchte, mir den fehlenden Schlaf nicht anmerken zu lassen.

Irgendeinen Plot habe ich mir mal ausgedacht und in eins meiner schwarzen Notizbücher geschrieben. Vielleicht habe ich auch mal versucht, etwas daraus zu machen, vielleicht gibt es noch irgendwo ein halbes Kapitel, das tatsächlich etwas taugt.

Ich suche drei Minuten und finde den Text sogleich: Knapp 70.000 Zeichen, die ich komplett vergessen – oder verdrängt? – hatte. Ich weiß nicht, ob ich das lesen will, es hat einen Protagonisten, der Frederick heißt, was mir heute weniger sympathisch ist als zu dem Zeitpunkt, als ich das Dokument begann, im Jahr 2011. Bevor jener Reise, an die ich heute erinnert wurde. Mein Zeitgefühl ist ohnehin dahin, die Einordnung, was in welchem Jahr passierte, fällt mir schwer. Vielleicht habe ich mir irgendwo notiert, wann L. mich geküsst hat, vor der S-Bahnstation, ohne dass ich es erwartet hätte, ohne dass ich daran geglaubt hätte.

Ich suche den Text nach, in dem ich das andeutete – es war ein Jahr danach. Was für glücklose Dinge zwischen dem See, Frederick und jenem Kuss passierten; ich will es eigentlich gar nicht wissen. Ich vermisse den See, ich vermisse die Einsamkeit zwischen den Zelten, die Lagerfeuer mit unangenehmen Menschen, die Schlaflosigkeit, die Sonnenaufgänge, in die ich übermüdet und mit Sehnsucht hinein starrte, das Schlafen unter Sternen und die Wellen.

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