Die Zwanzig (I)

Als ich mich über meine Grenzen brachte.

Ich gehe mit einem Vorsatz los: Endlich den Weg zu gehen, den ich mir schon so lange vorgenommen habe, für den es bisher aber nie gereicht habe. Ich beginne den Weg wie so oft an dem Wasserreservoir vor dem Naturschutzgebiet, und statt meiner geliebten Schleife um einen Ausläufer der Kuppe herum gehe ich sofort auf den ausgeschilderten Weg, der durch die jungen Birkenwälder und an Orchideenwiesen entlang führt, bis zu dem Ungeheuer aus Beton, das früher hier Steine aufgebrochen hat. Zwanzig Minuten bin ich unterwegs, ehe ich den langen, schier endlosen Pfad entlang gehe, der so offen wirkt, als wäre dies ein merkwürdiger Park.

Ich bin frohen Mutes, optimistisch, dass ich mein Ziel schaffen werde. Ich habe genug Wasser dabei und eine Jause und überlege mir bereits, an welchem Ort ich sie essen könnte. Nach dem Pfad, auf dem ich vor einigen Tagen eine Reiterin mit einem Dalmatiner begegnete, biegt mein Weg ab in den Wald, schlängelt sich langsam auf jene Nordseite des Hügels, der nicht Teil des Tagebaugebietes war und in dem sich noch ein alter Wald mit großen Buchen befindet.

Einige Minuten laufe ich durch Hecken, ehe ich wirklich in den Wald komme, und sogleich geht es bergab, immer tiefer, bis ich ganz unten an einem Bauwerk ankomme, das früher wohl eine Eisenbahnbrücke gewesen sein muss. Das Schild, das nebenan steht, verstehe ich nicht ganz, aber ich lese es auch nur halb. Ich will weiter, wieder hoch, während sich meine Gedanken verlieren und ich mich alle paar Minuten frage, woran ich denn gerade gedacht hätte.

Das Gefühl ist großartig. Ich schwitze zwar, aber meine Beine interessiert das nicht so sehr. Der Anstieg ist sanfter, als ich ihn in Erinnerung habe – vielleicht hat sich meine Kondition auch verbessert. In den Wiesen des ehemaligen Tagebaugebiets sind die Grillen so laut, und ich freue mich über den Anblick und die Stimmung. Es ist anstrengend, ohne Schatten zu gehen, aber der kommt bald wieder, wie ich weiß.

In dem kleinen Birkenwäldchen, das voller Orchideen ist, treffe ich auf die Schafe, die hier ihre Arbeit verrichten, um die Landschaft so zu erhalten, wie wir Menschen sie schützenswert finden. Ich wechsele zwei, drei Worte mit dem Schäfer, der merkwürdigerweise überhaupt nicht wie ein Schäfer angezogen ist und ziehe weiter, an dem alten Mineneingang entlang, wieder nach oben, bis zu dem Weiher, den ich so mag, und weiter nach oben, bis ich mit dem Ausblick belohnt werde, nach dem ich mich bereits gesehnt habe.

Ich setze mich auf den Stein, auf dem das Hinweisschild angebracht ist und esse meine Jause. Ich höre die Schafe noch, rede mit einem älteren Paar, das die Sonne genießt, bevor sie zu schlimm wird. Vielleicht bleibe ich etwas zu lange sitzen, denn es fällt mir immer schwerer, aufzustehen. Als ich mich zum nächsten Hügel aufmache, auf einem Weg, den ich noch nie ausprobiert habe, spüre ich mein linkes Bein, das bereits beim letzten Mal nicht so wollte wie ich. Ich entscheide mich für den Fitnesspfad, den ich eigentlich nicht so mag – aber ich bin ihn länger nicht gegangen und es fühlt sich immer an, wie durch eine Höhle zu gehen.

Rückblickend ist hier wohl der Moment, in dem ich mich am meisten zwingen musste: Es ist heiß, mein Bein macht Anstalten und ich könnte recht einfach wieder nach Hause gehen, ohne einen allzu großen Umweg zu machen. Als ich an dem alten Schmallspurbahnhof ankomme, bin ich jedoch wieder optimistisch. Ich raste, rauche eine Zigarette, höre den Menschen im Gastgarten zu, beobachte eine Eidechse und gehe dann weiter, wieder nach oben.

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