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Die Pilgerreise

Als ich keinen Rat wußte.

Ich bin etwas ratlos. Nicht nur in Bezug auf Dinge, die ich bewerten sollte, sondern im Hinblick auf die Welt, vielleicht auch bezüglich meiner Stellung in ihr. Die Art von Ratlosigkeit, die eigentlich von einer zweijährigen Wanderschaft kuriert werden sollte. Oder zumindest mit einer Pilgerreise auf einen Berg, auf dem ein paar Steine übereinander stehen. Dort würde ich dann irgendetwas rituell verbrennen und Antworten bekommen. Leider durchleben wir eine Pandemie, weswegen solche Unternehmungen eher nicht zu empfehlen sind, außerdem war da noch ein anderer Grund, irgendetwas mit „21. Jahrhundert“ oder so.

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Sechsundachtzig unvollendete Projekte

Als ich in eine Hütte wollte.

Ich erinnere mich auf einmal daran, dass erst Dienstag ist. Mich erwischt das, als wache ich aus einem Traum auf. In Wahrheit ist nicht schon die ganze Woche vergangen, in Wahrheit waren die letzten Tage nur knappe vierundzwanzig Stunden und in Wahrheit war ich nur auf drei bis vier Dinge gleichzeitig konzentriert und habe sechsundachtzig unvollendete Projekte im Kopf, von denen eins eigentlich heute fertig werden sollte. Es wird nicht.

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Die Regenfahrt

Als ich im Auto saß.

Im Auto wirkt alles so anders. Wenn nicht gerade ein Stau ist, ist das Land so klein, dass eins in zwanzig Minuten beinahe überall ist – wenn dieses überall eine Autobahnabfahrt hat. Der Regen hat alles verwandelt, das Grün am Straßenrand ist nur noch Dekoration, der Himmel eine große graue Wand, vor mir das scheinbar endlose grauweiße Band. Alles fühlt sich so schwer an, erschöpfend. Dabei ist gerade mal September.

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Das Äquinoktium (verspätet)

Als der Sommer zu Ende war.

„Das war er also, der letzte Tag des Sommers.“, sage ich und schaue in den Regen. Es hat angefangen. Das Datum ist sehr passend, ab jetzt kriecht die Dunkelheit nicht mehr langsam heran. Ich sehe mein Gegenüber, die Person die wir einst Ruth nannten, nicht an, während ich spreche. Was vor allem daran liegt, dass wir nebeneinander sitzen und in diesen Regen starren, der so ungewohnt wirkt.

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Der Morgenkaffee

Als ich nicht unter den Wimpeln saß.

Beim Morgenkaffee versuche ich nicht daran zu denken, dass dies der letzte schöne Tag des Jahres ist, versuche nicht in Melancholie zu verfallen und konzentriere mich auf meinen Kaffee und den Sonnenschein und das Interview, das ich über meine schlechten Handylautsprecher höre.

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Die Latte

Als ich in mir zusammen fiel.

Der Tag fühlt sich am Ende an wie ein Springschloss, das sich auf mir aufgeblasen hat. Es liegt schwer auf mir und irgendwer hopst darin herum. Irgendwer anderes kümmert sich darum, dass ich Essen bekomme, eine Stimme redet fast eine Stunde mit mir und am Ende falle ich in mich zusammen. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass schon bald wieder Wochenende ist und ich dann sicherlich einmal eine Stunde länger schlafen kann. Die Latte liegt tief, aber wir sind auch in einer globalen Pandemie.