Was ich beim progress gelernt habe (III): social media

Ich stehe am Klo der ÖH-Bundesvertretung, es ist der letzte Tag des letztens Produktionswochenendes. Trotz der Erschöpfung finde ich, dass ich irgendwie gut aussehe. Oder habe das Gefühl, dass ich mich in diesem Zustand der müden Melancholie dokumentieren will. Ich mache also Fotos. Vielleicht kann ich ja eins der Selfies später auf Instagram stellen.

Joël steht auf einem Klo und macht ein Selfie, skeptischer Blick

Die letzten beiden Jahre beim progress war ich eigentlich in der Online-Redaktion. Ich hatte nach zwei Jahren Printmagazin nicht mehr so wirklich Lust auf den Produktionsstress, der vor allem mit der Aufopferung nicht weniger Wochenenden einherging. Das hat im Endeffekt nicht so hingehauen, wie ich es mir vorgestellt habe, was aber vor allem an der „Personalpolitik“ der ÖH lag (darauf komme ich in meinem vierten und letzten Beitrag über meine Zeit beim progress nochmal zu sprechen). Auf jeden Fall: Ich war auch für die Vermarktung auf social media verantwortlich. Social media heißt beim progress vor allem: Facebook und Twitter. Gerne würde ich behaupten, ich könnte hier Weisheiten teilen, aber ich habe das Gefühl, immer noch genauso ratlos zu sein wie am Anfang.

Wahrscheinlich war das vor allem jugendliche Selbstüberschätzung, aber irgendwann Mitte der 2000er hatte ich das Gefühl, „das Internet“ verstanden zu haben und zu wissen, wie diese Dinge funktionieren. Es folgte die Welle des „Mainstreams“ ins Internet (und vor allem nach Facebook) und dann waren die Dinge auf einmal ganz anders, Clickbait und „lustige“ Sprüche (als jpgs! Text als Bild!) regierten. Gegen letzteres wehrte ich mich sehr lange, weil das ein No-Go ist. Hatte ich damalsTM so gelernt. Mit Facebook (der Plattform) kannst du halt nicht diskutieren, auch wenn die Argumente (z.B. Barrierefreiheit) noch so gut wären.

Joël steht auf einem Klo und macht ein Selfie, nicht ganz so skeptischer Blick

Das progress ist nicht die Neon oder die Vice und will (und kann) das auch nicht sein. Auch wenn die stilistische und inhaltliche Bandbreite enorm groß war, die Clickbait-Artikel über Sex und Drogen gab es eher nicht. Wir (oder meistens: ich) begnügten uns also damit, knackige Teaser zu schreiben und mit unseren Inhalten zu punkten. Spannenderweise war es oft der Bildungsbereich, der viele Shares/Likes erhielt, obwohl die Autor_innen sich für das Ressort eher zierten. Irgendwie auch logisch, dass das Zielpublikum eines Studierendenmagazins sich für Hochschulthemen interessiert – besonders dann, wenn es „Aufreger“ wie „Warum haben Arbeitsaufwand und ECTS eigentlich selten was miteinander zu tun?“ geht. Die Drogen-Wochen, bei denen wir uns mit vielfältigen Aspekten des Themas, vor allem angesichts der zunehmenden Repression gegen (meist schwarze) Dealer_innen an der Wiener U6 auseinandergesetzt haben, liefen hingegen nur so mittel. Vielleicht zieht das Thema nur dann, wenn auch die Redakteur_innen dies tun.

À propos Redakteur_innen: Selfies der Redaktion am Dach des Büros liefen meistens ziemlich gut – das kann aber auch einfach der Effekt sein, dass mit getaggten Menschen halt einfach der ganze Freundes- und Familienkreis das Bild in der Timeline hat und auch die nicht-progress-lesende Oma das Foto liked (Disclaimer: Eine meiner Omas hat Facebook, ich hab aber jetzt nicht nachgesehen, ob sie das Foto geliked hat). Also doch mehr Selbstdarstellung? Ich bin der Überzeugung, dass ein guter Text auch dann überzeugen kann, wenn der_die Autor_in nicht im Rampenlicht steht oder gar ein Pseudonym ist – und ich denke, dass es wichtig ist, die Möglichkeit zum anonymen/pseudonymen Veröffentlichen zu geben, gerade bei Themen wie Antifaschismus. Anderseits haben viele freie Journalist_innen gar keine andere Wahl, als sich (und zu einem gewissen Teil auch ihre Texte) selbst zu vermarkten – wer sich eine treue Fanbasis aufgebaut hat, kann neben vielen Likes für Selfies auf Instagram vielleicht sogar darauf hoffen, dass die eigenen Texte gelesen werden.

Der Artikel, der wohl die meisten Klicks und Shares hatte, war – und ich liebe diesen Fakt von ganzem Herzen – eine Kinderbuchrezension. Die hatte den Titel „Zwei mal ‚Wo kommen Kinder her?‘, ohne heteronormative Kackscheiße“ und widmete sich zwei Kinderbüchern, die auf queere Eltern eingehen. Eigentlich – bis auf den etwas provokanten Titel – eine unspektakuläre Sache. Zumindest so lange, bis die FPÖ-nahe rechtsextreme Webseite „unzensuriert.at“ drauf kam und einen Artikel über die Rezension schrieb und damit natürlich einen rechten Mob auf unsere Seite brachte. So einen Shitstorm lässt sich weder steuern, noch wirklich heraufbeschwören – dass es eine derartige Provokation sein könnte, ein Kinderbuch zu rezensieren, in dem ein Vater schwanger wird (Männer mit Uterus sind jetzt nicht sooo die Seltenheit), hätte ich mir auf jeden Fall nicht gedacht. Einen Teil des Shitstorms haben wir hier dokumentiert.

Joël steht auf einem Klo und macht ein Selfie, eher freundlicher Blick

Es gibt auch die Möglichkeit, Facebook Geld in den Rachen zu werfen und Posts hervorheben zu lassen. Das haben wir nicht sonderlich oft gemacht und lief stets in Zusammenarbeit mit dem Öffentlichkeitsreferat der ÖH-Bundesvertretung. Wir haben die Artikel meistens ziemlich genau ausgewählt und haben wohl auch deswegen (für unsere Verhältnisse) hohe View-Zahlen erreicht.

Riesige Unterschiede zwischen Facebook und twitter habe ich nicht feststellen können, obwohl ich das Gefühl habe, dass Texte (bzw. die Links dorthin) grundsätzlich andere bubbles erreichen: Auf Facebook halt die österreichischen Studierenden, auf twitter die deutschsprachige linke Bubble. Ob Tweets retweetet werden, hängt dann viel mehr am Thema des Artikels als an einer Bindung an das Medium. Gefühlt ist es auf twitter weniger „schlimm“, Artikel öfters zu bewerben oder auch mal nach Hinweisen für einen Artikel zu fragen, während Facebook alles, was nicht innerhalb der ersten paar Stunden viele Likes bringt, untergehen lässt.

Social Media ist – wenn es gut gemacht werden soll – enorm aufwändig, vor allem wenn dann noch Community-Management dazu kommt. Mit ein Grund, warum wir beim progress nicht mehr Netzwerke bespielt haben. Ich bedauere ein wenig, dass wir nicht auch einen Instagram-Kanal mit Inhalt gefüllt haben, wobei die Story-Funktion (die in meinen Augen für Medien am sinnvollsten ist) ja auch noch nicht so lange existiert. Ich würde auch davon abraten, die Plattformen als reine Vermarktungskanäle zu sehen – die Grenzen verschwimmen immer mehr, gerade auch weil der Aufwand, beispielsweise einen Livestream einzurichten, z.B. mit Facebook enorm gesunken ist. Die Gefahr ist natürlich (wie so oft), dass die Netzwerke den eigenen Account abdrehen können (weil auf Fotos irgendwer zu viel Haut zeigt, weil die Seite massenhaft gemeldet wurde oder einfach „aus Versehen“) und damit dann auch die Berichterstattung verschwindet. Ich weiß aber nicht, was die Konsequenz daraus ist – es gibt wohl kein Medium mehr, das es sich leisten kann, nicht auf den großen sozialen Netzwerken (bzw. vor allem Facebook) präsent zu sein. Auch nicht das Internet, das ich Mitte der 2000er Jahre kennengelernt habe.

Das Klo der ÖH-Bundesvertretung. Zu sehen sit vor allem ein Wasserboiler, ein Spiegel in dem eine Hand mit Handy zu sehen ist, im Hintergrund zwei offene orange Klotüren

Es gibt kein Fazit. Dinge ausprobieren, Zeit investieren, versuchen lustig und auffällig zu sein. Und so sehr es auch schmerzt: Text als Bilder. Aber da hätte ich auch noch nicht wirklich damit gerechnet, mal einen Text aus einem Zug heraus zu bloggen und das nicht über ein Handy, sondern über das Zug-WLAN zu machen. Glaube ich zumindest.

Die Bebilderung ist natürlich superironisch.

Was ich beim progress gelernt habe (II): Redigieren

Im Juli 2013 lernte ich meine erste progress-Kollegin kennen. Wir hatten ein Treffen mit einem Vertreter der Druckerei – ein Thema, das die Redaktion eigentlich nicht sonderlich beschäftigen sollte, weil sich um solche administrative Dinge auf der ÖH-Bundesvertretung andere Menschen kümmern (sollten) – und gingen danach noch auf einen Kaffee, um uns mal beschnuppern zu können. Anna kannte die Abläufe im progress, weil sie schon seit einiger Zeit Lektorin für‘s progress gewesen war. In unserem Gespräch fiel das Wort „Redigieren“ und ich musste erst Mal nachfragen, was das denn überhaupt genau heißt.

„Einen Text für die Veröffentlichung bearbeiten“ ist die gängige Wörterbuch-Definition des Verbs. Natürlich hatte ich das auch für das ÖH_Magazin schon gemacht, es aber eher als „lektorieren“ bezeichnet. Nach vier Jahren bin ich sehr davon überzeugt, dass es sich hier um zwei sehr unterschiedliche Arbeitsschritte handelt und sie auch in Redaktionen getrennt behandelt werden sollten. Redigieren hieß beim progress in vielen Fällen zuerst besorgt nachfragen, wann der Text denn kommen würde. Manchmal auf mehreren Kanälen, selten in der Angst, dass der_die Autor_in in einer Gletscherspalte verschollen sei und sich nie wieder melden würde. Andere – vor allem solche, die regelmäßig für Tageszeitungen schrieben – entschuldigten sich vorab per Mail, dass der Text nicht zu Mittag da sei, sondern erst am Abend. Wir planten immer zwei bei drei Wochen Zeit zwischen Text-Deadline und Druck ein, so dass genug Zeit zum Redigieren und Lektorieren war. Das ist natürlich ein ziemlicher Luxus, den wir uns vor allem deswegen leisten konnten und mussten, weil wir ehrenamtlich arbeiten und die meisten unserer Autor_innen (noch) keine professionellen Journalist_innen waren, sondern in der Mehrzahl Studierende oder Berufsanfänger_innen. Wobei ich hier auch nochmal erwähnen möchte, dass das progress nicht nur Texte von Studierenden aus Österreich abdruckte, sondern immer versucht hat, einen möglichst diversen Autor_innenpool zu haben und Studierenden auch mal mit nicht-akademischen Perspektiven zu konfrontieren. Weiterlesen

Was ich beim progress gelernt habe (I): Redaktion


Ein Sonntagabend, Mitte Juni. Ich sitze mit drei anderen Menschen auf einem Dach im vierten Wiener Gemeindebezirk, mit Blick auf das ORF-Funkhaus und Karlskirche. Wir trinken Gin Tonic und rauchen, während die Sonne sich langsam dem Horizont entgegen bewegt. Es ist das Ende des Produktionswochenendes an dem wir unsere letzte gemeinsame Ausgabe des progress‘ fertiggestellt haben. Wir wissen nicht, ob es nicht vielleicht sogar die letzte Printausgabe überhaupt ist. Für die meisten von uns ist ziemlich klar, dass wir nicht weitermachen werden (dürfen). Ich bin anfangs überhaupt nicht melancholisch, sondern nur erschöpft von dem Wochenende, an denen wir Fahnen korrigiert und die letzten Details geklärt haben. Es gibt immer noch ein Beistrich (Komma), das zu viel oder zu wenig ist, ein Lead, der noch knackiger sein könnte und ein Fotocredit, der irgendwo fehlt. Außerdem müssen Editorial, Inhaltsverzeichnis, Anreißertexte und ähnliches Kleinzeug geschrieben werden (am Besten am Freitag, damit sie am Samstag und Sonntag schon auf den Fahnen lektoriert werden können). Der Sonnenuntergang am Dach ist wunderschön, wir staunen alle. Ich sage trotzdem so etwas wie: „Ich mag nicht, dass die Sonne untergeht, denn das ist dieser Tag vorbei, und dann ist das mit dem progress und uns vorbei.“ Weiterlesen

Frittierfett

In der Wohnung über mir rückt einen eine Person einen Tisch oder ein anderes schweres Objekt. Das ergibt ein Geräusch, das entfernt nach Vibration klingt. Ich glaube kurz, es wäre mein Handy und schrecke zusammen. Weil ich immer zusammenschrecke. Laute Geräusche sind nicht gut für mich, und einzig die Angst, eine unglaublich wichtige Nachricht zu verpassen, führt dazu, dass ich dem Telefon überhaupt erlaube, zu vibrieren. Das soll es zwar auch nur in einigen wenigen Ausnahmefällen tun, aber manchmal häufen sich die Ausnahmefälle halt. Ich sitze nervös an meinem Schreibtisch und suhle mich in meiner Nervosität. Ich kann überhaupt an kaum was anderes denken, mein Körper fühlt sich an, als würde er sich auflösen, am Ende bin ich eine kribbelnde Masse Nervosität, ein Blob aus Ektoplasma.

In der Straßenbahn warf ich halblaut mit düsteren Prophezeiungen um mich. Sie haben sich alle erfüllt, oder zumindest glaube ich das. Das war eine andere Zeit, vor drei, vier Wochen (oder sind es mittlerweile Monate?), als noch Sommer war und der Herbst ein Gespenst, vor dem niemand Angst hat. Ich denke darüber nach, wie viele Zellen meines Körpers von damals wohl schon abgestorben sind, wie viele Hautschuppen ich seitdem verloren habe und wie viele Barthaare ich mir ausgerissen habe, weil sie in einem ungünstigen Winkel abgestanden sind. Ich wünsche mir, ich könnte in einen Spiegel schauen und den Menschen von damals sehen und mich selbst nicht wiedererkennen. Weiterlesen

15 Jahre Bloggen

vierzehnjahrebloggen

Dieses Blog existiert nun schon 15 Jahre lang. Letztes Jahr habe ich an dieser Stelle vom vergangenen Sommer geschwärmt, weil ich ihn damit verbracht habe, jeden Tag etwas ins Blog einzutragen. Und die Idee, jeden Tag zu bloggen, finde ich immer noch sehr gut. Ich merke, dass je mehr ich gegen Geld Auftragstexte schreibe, umso weniger bekomme ich es hin, zu bloggen. Interessanterweise war das zu meiner Schulzeit nicht so, aber wahrscheinlich bedeutet das einfach nur, dass Schüler_innen eigentlich gar nicht so viel schreiben müssen, wie sie vielleicht glauben. Es kann natürlich auch sein, dass ich alt geworden bin und nichts mehr aushalte, weder lange Partynächte noch wilde Schreiborgien.

Ich könnte jetzt an dieser Stelle auch über den vergangenen Sommer schwärmen, denn er war – bis auf ungefähr einen Monat relativ am Anfang – so ziemlich der beste, den ich je hatte. Das lag aber vor allem an den Menschen, mit denen ich ihn verbrachte und nicht so sehr daran, dass ich sonderlich viel gebloggt hätte. Ich habe diesen Sommer noch überhaupt nicht dokumentiert, was ich schon wieder unglaublich bedauere, denn jetzt sind alle Eindrücke natürlich schon vom herannahenden Winter getrübt. Es ist halt so viel passiert und es passiert ständig etwas. Aber eigentlich geht es ja um die Frage, was macht das mit mir und dem Blog, dass es das Blog jetzt schon 15 Jahre lang gibt? Immer noch fällt mir nichts ein, das ich – wenn auch nicht immer sehr gut – schon so lange mache. Weiterlesen

Rollfeld

Foto des Züricher Flughafens, vor allem blauer Himmel mit Wolken, am unteren Rand sind Flughafengebäude zu sehen, wir sehen auch ein kleines am Horizont verschwindendes Flugzeug
Ein Flugzeug nach dem anderen erhebt sich und steigt mit einer unerträglichen Langsamkeit in den hellblauen Sommerhimmel, dem mit seinen wenigen Wolken der starke Ostwind, der unseren Abflug verzögert, nicht anzusehen ist. So langsam, wie die Flugzeuge abheben, habe ich beinahe Angst, sie könnten ohne Vorwarnung wieder herunterfallen, wie Steine, die plötzlich merken, dass sie keine diplomatische Immunität gegenüber den Gesetzen der Physik haben. Wir werden umsorgt mit Schokolade und Wasser, ich habe außerdem ein kleines Päckchen PEZ (Erdbeer) gefunden, das ich aus Langweile esse. Es ist nicht so schlimm, aber irgendwo in den Sitzreihen hinter mit hört jemand mit schlecht abgeschirmten Kopfhörern elektronische Musik, was mich leicht nervös macht.

Jedes startende Flugzeug dröhnt zuerst, wie Donner, dann drehe ich mich zum Fenster und schaue dem Aufstieg zu, bis sich die Maschine im Blau des Züricher Himmels verliert. Jedes Donnern heißt einen Platz weiter nach vorne in der Warteschlange für uns, jeder erstaunlich langsame Aufstieg bis zum Verschwinden am Horizont lässt die Zeit zum Take-Off dahinschmelzen. Hinter mir wird eine Physikaufgabe besprochen. Zum Glück geht es um Schmelzenthalpie und nicht um die Unmöglichkeit von Aerodynamik.

Ich könnte nochmal das Bordmagazin durchblättern, das ich schon beim Hinflug auf interessante Artikel prüfte. Ich könnte noch einmal das SIM-Kartenwechselspiel spielen, um die Credits auf meiner luxemburgischen SIM mit teurem Datenroaming aus der Schweiz zu verbraten. Jetzt aber bewegt sich das Flugzeug, die Physikaufgabe ist mittlerweile zu einer Geschichte über absichtlich vergessene Pralinen geworden, der Zuzuhören ich mich gezwungen fühle. Je länger ich auf das Papier starre, umso heller fühlt sich das Draußen an, obwohl sich mehr Wolken vor den Himmel schieben. Das Beton des Rollfeldes, die weißen Flugzeuge, alles scheint mir unerträglich hell.

Es ist schon lange kein Flugzeug mehr gestartet. Jemand hat sich beschwert, die schlecht abgeschirmte elektronische Musik ist abgeschaltet. Über die Flugzeuglautsprecher spielen sie wieder Frank Sinatra (oder sowas), der übers Fliegen singt, beschwingt und fröhlich.
Mir fallen die Augen zu, aber ich glaube nicht an Schlaf. Bald wird ein weiteres Flugzeug sich erheben und mit einer unerträglichen Langsamkeit immer weiter in den hellblauen Sommerhimmel aufsteigen, um schlussendlich am Horizont zu verschwinden. (30/8/2016, Flughafen Zürich)

Neverboy

neverboyGestern war ich das erste Mal in einem Comicbuchladen. Vielleicht stimmt das nicht ganz, aber gestern bin ich zum ersten Mal mit dem Gedanken „Heute will ich mir ein Comic kaufen“ in einen entsprechenden Laden gegangen. Und zwar zu dem neusten Wiener Comicbuchladen, Bunbury‘s in der Lindengasse. Der Laden ist recht klein und hat noch nicht soo unglaublich viel Auswahl. Was allerdings dort steht, ist ein spannender Mix aus deutschen, englischen und japanischen Heften, der sowohl die großen Verläge als auch unbekanntere Publisher abdeckt. Die Beratung war auch sehr freundlich und hat treffsicher etwas aus dem Regal gezogen, das ich schon kannte (die sehr empfehlenswerten Rat Queens, zu denen ich irgendwann vielleicht auch noch was schreibe) und mochte. Ich werde da wohl öfters hin.

Neverboy ist ein ehemaliger imaginärer Freund, der irgendwie den Sprung in die reale Welt geschafft hat. Er kann nur dort bleiben, wenn er sich ständig Drogen einflößt. Dadurch hält er sein scheinbar normales Leben inklusive Frau und Kind aufrecht. Auf dem Fersen ist aber nicht nur die Realität, die ihn sehr farbenfroh überrollt, wenn ihm die Drogen ausgehen, sondern auch noch Agent_innen des Fantasieministeriums, das die Beziehungen zwischen realer und fiktiver Welt regelt. Das ganze Setting verspricht einen wunderbaren psychedelischen Trip an den Grenzen dessen, was unsere Welt zusammenhält. Als Gegenstück zu Neverboy, der um jeden Preis in der realen Welt verbleiben will (auch wenn das mit der Familie auf einmal nicht mehr so klappt) dient der glücklose Künstler Julian Drag, der die Welt des Fiktiven für seine Kunst regelrecht melken will.

„Neverboy“ ist aber keine „Fear and Loathing in Las Vegas“-mäßige Tour de Force durch das gesamte Arsenal psychedelischer Drogen, sondern verwebt auf eine geschickte Art und Weise imaginäre Freund_innen, Inspiration und schlichte Kinderfantasien miteinander zu einer Story, die mich enorm gefesselt hat. Die Zeichnungen inklusive Farbgebung haben mir sehr gut gefallen und übertragen die generelle Stimmung sehr gut. Natürlich stellt sich bei so viel Drogenkonsum und Fantasie ständig die Frage, was denn jetzt real ist und was „nur“ Einbildung. Weiterlesen

1 Zweikilopackung gefrorener Shrimps

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Im Kühlschrank liegt seit drei Tagen eine Zweikilopackung gefrorener Shrimps. Es ist Anfang Juli und die Schrimps sind seit zwei Tagen nicht mehr gefroren. Die Schrimps gehören nicht mir, ich esse kein Fleisch oder Fisch. Nein, die Zweikilopackung ehemals gefrorener Shrimps gehören meinem lustigen Mitbewohner Klaus. Ich muss das immer so sagen, damit die Menschen wissen, wen ich meine: „Mein lustiger Mitbewohner Klaus“, als wäre Klaus so eine Zirkusattraktion, die nur unter diesem Namen bekannt ist. Das ist er nicht, aber trotzdem blicken mich die Menschen immer sehr verwirrt an, wenn ich von meinem lustigen Mitbewohner Klaus einfach nur als „Klaus“ rede.

Ich habe noch einen dritten Mitbewohner, aber der heißt nicht Klaus, ist auch nicht sonderlich lustig und verbringt die meiste Zeit bei seinem Freund, in der er seit vier Monaten unsterblich verliebt ist. Alle paar Wochen verbringen die beiden eine Nacht in unserer Wohnung und schleppen zu diesem Anlass zwei neue Zahnbürsten ins Bad. Ich habe mal versucht, unsere gigantische Zahnbürstensammlung zu zählen, aber nach 20 habe ich einfach aufgegeben.

Auf jeden Fall macht sich der Geruch, den die ehemals gefrorenen Shrimps verströmen, so langsam bemerkbar. Das ist unangenehm, denn bis gestern war es so, dass der Geruch innerhalb des Kühlschranks blieb, wenn ich diesen geschlossen hielt. Ich schreibe meinem lustigen Mitbewohner Klaus eine Nachricht, die hoffentlich bald auf seinem Handy erscheint: „Klaus, du Arsch. Deine fucking Shrimps verfaulen im Kühlschrank. Komm her und räum den Scheiß weg!“. Ich mache noch ein paar emojis, damit mein lustiger Mitbewohner Klaus nicht denkt, ich wäre ernsthaft wütend auf ihn. Das bin ich zwar, aber er soll das nicht wissen. Weiterlesen

Liebster Award

Der Dominik hat mich für den „Liebster Award“ nominiert. Das ist jetzt auch schon wieder fast einen Monat her, aber ich war leider etwas beschäftigt damit, zwischen Wien und Graz herumzupendeln, mittlerweile drei verschiedene Kleinstjobs zu jonglieren und nebenbei auch noch etwas zu studieren. Und diese Entschuldigung ständig aufzusagen, wenn mich wer gefragt hat. Eigentlich ein Stöckchen, das jedoch bei jeder neuen Iteration neue Fragen ausspuckt. Spannendes Konzept, ich bin gespannt, ob es funktioniert.

lieberaward

Hier also die elf Fragen, die Dominik sich ausgedacht hat: Weiterlesen

Fußmatte

Fußmatte mit Zeitung vor einer Wohnungstür, die leicht geöffnet ist. Links davon steht ein Regenschirm

Du hast deine Zigaretten mitgenommen. Das ist gut so, denn ich hätte sonst wieder mit dem Rauchen angefangen, drei Stunden alleine in deinem Zimmer. Ich meine, was sollte ich auch anderes tun, außer „Arbeiten“ und warten und vielleicht noch einen Kaffee trinken?

Ich denke zurück an letzten Freitag. In meinem Kopf sieht alles aus wie in einem Film, der wie ein Musikvideo geschnitten ist. Ich kann mich an jeden Moment erinnern. Erschrecken, weil jemand mich anspringt, von hinten oder von der Seite und ich dann in ein Gesicht blicke, das ich schon zehntausend Mal gesehen habe. Diesmal ist es anders. Weiterlesen