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Kein Sternenhimmel

Als ich mich in meinen Gedanken um meinen Wäscheberg verlor

Nacht. Die Milchstraße und Sternehimmel, darunter die Silhouetten von Nadelbäumen

Ich würde gerne mal wieder unter dem Sternenhimmel schlafen. Das letzte Mal ist viel zu lange her, am Bodensee. Eventuell würde es genügen, mal wieder den Sternenhimmel zu sehen, denn wenn keine Wolken zu sehen sind, dann sorgt das nahegelegene Stahlwerk und die kumulierten Straßenbeleuchtungen sowieso dafür, dass die Sterne beinahe unsichtbar sind.

Statt mit den Sternen muss ich mich mit der bitteren Kälte herumschlagen und Wäsche waschen. Ich habe verlernt, jeden Woche eine Maschine zu machen und warte, bis Schnee auf dem Wäscheberg liegt und Extremsportler*innen ankündigen, die Erstbesteigung machen zu wollen. Wenn ich es schaffe, jeden Tag zu bloggen, könnte ich es vielleicht auch schaffen, jede Woche eine Wäsche zu machen und jede zweite mein Schlafzimmer zu staubsaugen?

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Ohne Fackel

Als ich mich weiter in die Tiefe vorwagte

Ein Tunnel, spärlich beleuchtet, der Boden ist mit Wasser bedeckt.

Es ist still. Nur das unheimlich lauwarme Wasser macht Geräusche, als ich durchwate. Sonst ist nichts zu hören. Zu erwarten wäre natürlich, dass ich eine große Fackel entzünde mit einem theatralischen Wusch, wie es auf Hollywoodfilmen bekannt ist und von dem wir nicht wissen, ob es überhaupt realistisch ist, vielleicht ist es nur irgendein Soundeffekt, der immer und immer wieder verwendet wird. Aber ich habe keine Fackel, woher soll ich eine Fackel nehmen? Wie jeder moderne Mensch benutze ich die Taschenlampenfunktion meines Smartphone, wenn ich Licht brauche. Vorbei ist die düstere Zeit, in der die Menschheit darauf angewiesen war, mit dem fahlen Licht des umgedreht gehaltenen Displays ihre Umgebung zu erleuchten.

Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, ich wüsste wieder nicht weiter. Natürlich weiß ich ganz genau, wohin dieser Schacht, dieser Abgrund, dieser Weg führt. Ich sehe Bilder von Schnee in Wien und denke sofort wieder daran, wie unglaublich grandios und gleichzeitig komplett normal es sich angefühlt hat, in der Straßenbahn ganz hinten im letzten Wagen zu sitzen und durch die verschneite Stadt zu fahren. Oder aus dem Lokal zu kommen und durch den Neuschnee zu fahren. Ich vermisse es, durch den Neuschnee in der Stadt zu laufen und mich zu fragen, ob ich nicht bessere Antworten hätte geben können.

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Im Schacht

Als ich das mit dem Befindlichkeitsbloggen wieder einmal versuchen wollte

grauer metalener Förderkorb in der grünen Landschaft

Manche Brunnen sind einfach nur Schächte, in die eins sich an einem Seil herablassen muss, bis das Wasser erreicht ist. Und dann hilft nur ein Sprung in das kalte Nass, um zu dem Grund zu kommen. Moderne Brunnen scheinen Fahrstühle zu haben, Förderkorb genannt, die zwar eine holprige, aber im Großen und Ganzen komfortable Fahrt in die Tiefe ermöglichen. Ich weiß nicht, wie lange es her ist, dass ich wirklich am Grund eines Brunnens gestanden bin.

War ich früher melancholisch, obwohl ich noch kaum etwas erlebt hatte, so bin ich heute nostalgisch, weil ich kaum etwas erlebt habe. Ich lache gerne über dieses Konzept der „Fear of missing out“, tatsächlich aber trifft sie mich jeden Tag. In Gesprächen über das Älterwerden fällt mir immer wieder auf, dass es gar nicht das Älterwerden an sich ist, dass ich damit eigentlich ganz gut zurechtkommen würde – es ist mehr der Fakt, dass immer jüngere Menschen nachkommen und nun jung und cool sind.

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Ein Tier auf meiner Brust, so garstig und schwer

Als ich meine Gedanken über Alpträume unsortiert ließ

Ein Bett im Dunkeln, es sind weiße Laken sichtbar.

Aus Alpträumen aufwachen ist neu. Überhaupt sind Alpträume neu. Nach dem Schreckmoment realisiere ich, dass ich nur geträumt habe und liege fortan sicherlich eine Stunde wach, weil ich mich nicht entscheiden kann, ob ich kurz an die frische Luft will oder ob mich das nur noch wacher macht. Es stellt sich heraus: Darüber – und über sämtliche Dinge, die im Laufe des Tages für ein wenig Stress sorgen können – nachzudenken sorgt nicht dafür, dass ich schnell wieder einschlafen könnte. Letztes Jahr hatte ich das erste Mal Schlafparalyse.

Ich hatte das Gefühl, ein gewaltiges Tier säße auf mir, ich konnte mich nicht bewegen und wusste nicht, ob ich träume, wach bin oder was passiert. Auch danach war ich mir nicht sicher, ob das Erlebnis nur ein Traum oder etwas … anderes gewesen war. Äußerst nachvollziehbar, dass Menschen vor Wikipedia auf dem Smartphone an so etwas wie Dämonen oder Geister glaubten.

Wenige Monate später lese ich alte Blogeinträge nach und stoße auf die literarische Verwertung einer Schlafparalyse-Erfahrung. Womit sich das oben beschriebene Erlebnis im Nachhinein als mindestens das zweite dieser Art herausstellt.

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Der Vorsatz

Als ich mich selbst überzeugte, es doch zu probieren.

Alte Schwarzweiß-Fotografie eines Zeppelins.

Ich erwische mich in letzter Zeit immer wieder dabei, alte Blogeinträge zu lesen. Und heute, beim Lesen der Twittertimeline, dann der Einfall: Ich könnte mir ja dieses Jahr vornehmen, jeden Tag zu bloggen. Wir alle wissen, wie das mit Neujahrsvorsätzen so ist und jeden Tag zu bloggen wäre ein Unterfangen, das eigentlich zum Scheitern verurteilt ist, denn ich habe das in der 18-jährigen Geschichte dieses Blogs noch nie gemacht. Außerdem arbeite ich jetzt in einem Beruf, der vor allem darin besteht, jeden Tag zu bloggen. Ich halte mich oft davon ab, zu bloggen, weil ich in der Zeit ja auch an einem Artikel für die woxx (seit Oktober 2017 meine Arbeitgeberin und der Grund, weswegen ich zurück nach Luxemburg gezogen bin) arbeiten könnte.

Vermutlich bringt es jedoch nichts, sich mit einem schlechten Gewissen von der kreativen Selbstentfaltung zurückzuhalten. Immerhin kann ich im Blog schreiben wie ich will, habe keinerlei Zeichenbegrenzungen. Oder um es mit meinen eigenen Worten zu sagen:

Je mehr ich in und mit Medien arbeite, bei denen es (natürlich) Einschränkungen gibt, schätze ich die grenzenlose publizistische Freiheit, die so ein Blog bietet, umso mehr. Beschließe ich morgen, einen Kochchannel auf Youtube aufzumachen, wäre das ebenso wäre das ebenso kein Problem wie ein ganzes Jahr lang nur Haikus zu veröffentlichen. Großartig!

14 Jahre bloggen: mein halbes Leben.

Ich habe nicht vor, einen Kochchannel auf Youtube aufzumachen, noch will ich hier jeden Tag Haikus veröffentlichen. Je mehr ich die Texte vom August 2015 – jenen Monat, in dem ich tatsächlich jeden Tag gebloggt habe – noch einmal gelesen habe, umso mehr schätze ich, was damals unter einem gewissen Druck passiert ist. Die Texte waren untereinander verwoben – nicht nur, die später zu meinem interactive fiction-Spiel „Ausgedachte Träume“ geworden sind, sondern auch die anderen, die eher Stimmungen einfingen. Selbst, wenn dieses Experiment kläglich scheitert, könnten immer noch ein paar Texte entstehen, deren Lektüre sich lohnt. Ich beklage täglich, zumindest innerlich, dass Plattformen wie Facebook, Twitter, Tumblr, usw. in Wirklichkeit ein walled garden sind, aus dem Inhalte kaum rauskönnen und aus denen sie vor allem jeden Moment wieder verschwinden könnten. Das Blog bleibt im Zweifelsfalls für immer.

Wieso also nicht es wagen? Ich habe August 2015 geschafft. Ich habe im November 2016 einen Roman geschrieben. Mein Beruf ist es, Texte zu schreiben, teilweise unter großem Zeitdruck. Ich weiß, dass ich jeden Tag, an dem ich nichts blogge, im Nachhinein bereue. Und wenn ich mich selbst immer mal wieder frage, ob ich noch eine eigene Stimme habe, nachdem ich so viele journalistische Texte geschrieben habe – gibt es einen besseren Ort, um die eigene Stimme zu festigen, auszuprobieren, zu dekonstruieren und wieder zusammenzusetzen als hier, in meinem virtuellen Zuhause, in der Behaglichkeit des großen Seelenzeppelins, das stets hoch über dem stürmischen Atlantik fährt und mir immer Heim und Schutzraum war? Es sprechen mehr Gründe dafür als dagegen. Scheitern kann ich später immer noch.

Ich will gar keinen großartigen Rückblick auf 2018 machen (zumindest nicht heute), aber vielleicht ein paar Notizen für jene, die hier noch mitlesen, aber mich nicht auf anderen sozialen Netzwerken verfolgen. Wie oben bereits geschrieben arbeite ich seit über einem Jahr bei der „linksalternativen“ (so nennen sie uns in der Presserevue im öffentlich-rechtlichen Radio) Wochenzeitung woxx, all meine Artikel finden sich unter diesem Link. Wenn ihr in Luxemburg lebt, kann ich euch ein Abo nur wärmstens empfehlen, ansonsten dürft ihr online gerne gratis mitlesen und vielleicht mal was in den Klingelbeutel werfen.

Ein anderes Herzensprojekt, das im Dezember 2018 gestartet ist, ist ein neuer Podcast namens „irgendwas mit meta“, den ich gemeinsam mit Katja mache. Wir reden einmal die Woche über Popkultur, bereden eine Folge BoJack Horseman und rezensieren einen Käse. Das klingt vielleicht etwas random, ist es auch, macht aber Spaß beim Zuhören. Ihr könnt uns auf soundcloud, spotify, Apple Podcasts oder halt auch irgendwasmit.pizza folgen. Wer dem Podcast helfen will, tut dies auf allen Plattformen und schreibt bestenfalls auch noch Rezensionen oder vergibt Sternchen und so.

Was mir 2018 auf langen Reisen geholfen hat, war Podcasts zu hören. Mein Lieblingspodcast war Big Gay Nerds. Wenn ihr auch nur im entferntesten etwas mit LGBTIQA, Pen and Paper-Rollenspielen oder Podcasts anfangen könnt: Hört mal rein! Sehr liebe Menschen, die ein sehr cooles Format aufgezogen haben und mich auf so mancher langen Reise unterhalten haben. Viel Zeit habe ich auch mit den Youtube-Formaten Shield of Tomorrow („Actual Play“ eines Star Trek-RPGs) und Shadowrun: Corporate SINs (ähnlich, nur mit Shadowrun) verbracht.

Jahreswechsel sind arbiträr und bedeuten eigentlich sehr wenig, aber das sollte uns nicht daran hindern, diese Tage selbst mit Sinn zu erfüllen. In diesem Sinn wünsche ich euch allen ein schönes neues Jahr und alle Kraft, eure Ziele (und die können durchaus auch sein, bis zum nächsten Tag zu überleben) zu erreichen.

Die perfekte Welle

Ich steige aus dem Zug. Mein Podcast ist vorbei, und da es sich nicht lohnt, auf dem Weg vom Bahnhof ins Büro noch einen neuen Podcast herauszusuchen, höre ich Musik. Das Lied beginnt langsam, die Melodie wird immer schneller, die ganze Stimmung schwillt an, bis die Künstlerin schlussendlich mit sich selbst im Kanon singt. Aber eigentlich ist das nicht wichtig. Wichtig ist, was für ein Moment die Musik ermöglicht.

Alles, was mich den ganzen Morgen und sowieso jeden Tag beschäftigt hatte – die schlechte Nachricht, die mich im Halbschlaf erreichte, der mit jedem Schritt konkreter werdende Stress auf der Arbeit, die Flut von E-Mails, die mich auch heute wieder erreichen wird, die wahrhaft erdrückende Weltlage voll mit unsagbarer Politik, die nur zum Ziel zu haben scheint, Leid zur vergrößern, die zehntausend zwischenmenschlichen Dinge, die wie kleine Stacheln im Alltag sind – wird ausgeblendet, als zöge jemand den Fader langsam nach unten.

Alle Menschen, die mir begegnen, scheinen mir wunderschön. Ich zünde mir eine Zigarette an und genieße das unbestimmbare Wetter. Die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit, die Sonneneinstrahlung, der Wind und tausend andere Faktoren harmonieren gerade so, dass die Meteorologie auf angenehme Art und Weise nicht zu spüren ist. Vielleicht ist dies nun der letzte richtige Sommertag, bevor der Herbst uns endgültig einfängt und den Weg in die halbjährige Dunkelheit freimacht. Der Gedanke belastet mich nicht.

Für einen kurzen Moment herrscht Stille in meinem Kopf, obwohl das Lied immer lauter wird. Als mir bewusst wird, welches Glück mir gerade widerfahren ist, fällt mir auf, dass ich nicht weiß, woher das kommt und wie ich es jemals replizieren soll. Es bleibt nur, den Moment mit Salzwasser zu übergießen, die Mischung in ein Schraubglas zu füllen und wenigstens die schale Erinnerung zu behalten.

Was ich beim progress gelernt habe (III): social media

Ich stehe am Klo der ÖH-Bundesvertretung, es ist der letzte Tag des letztens Produktionswochenendes. Trotz der Erschöpfung finde ich, dass ich irgendwie gut aussehe. Oder habe das Gefühl, dass ich mich in diesem Zustand der müden Melancholie dokumentieren will. Ich mache also Fotos. Vielleicht kann ich ja eins der Selfies später auf Instagram stellen.

Joël steht auf einem Klo und macht ein Selfie, skeptischer Blick

Die letzten beiden Jahre beim progress war ich eigentlich in der Online-Redaktion. Ich hatte nach zwei Jahren Printmagazin nicht mehr so wirklich Lust auf den Produktionsstress, der vor allem mit der Aufopferung nicht weniger Wochenenden einherging. Das hat im Endeffekt nicht so hingehauen, wie ich es mir vorgestellt habe, was aber vor allem an der „Personalpolitik“ der ÖH lag (darauf komme ich in meinem vierten und letzten Beitrag über meine Zeit beim progress nochmal zu sprechen). Auf jeden Fall: Ich war auch für die Vermarktung auf social media verantwortlich. Social media heißt beim progress vor allem: Facebook und Twitter. Gerne würde ich behaupten, ich könnte hier Weisheiten teilen, aber ich habe das Gefühl, immer noch genauso ratlos zu sein wie am Anfang.

Wahrscheinlich war das vor allem jugendliche Selbstüberschätzung, aber irgendwann Mitte der 2000er hatte ich das Gefühl, „das Internet“ verstanden zu haben und zu wissen, wie diese Dinge funktionieren. Es folgte die Welle des „Mainstreams“ ins Internet (und vor allem nach Facebook) und dann waren die Dinge auf einmal ganz anders, Clickbait und „lustige“ Sprüche (als jpgs! Text als Bild!) regierten. Gegen letzteres wehrte ich mich sehr lange, weil das ein No-Go ist. Hatte ich damalsTM so gelernt. Mit Facebook (der Plattform) kannst du halt nicht diskutieren, auch wenn die Argumente (z.B. Barrierefreiheit) noch so gut wären.

Joël steht auf einem Klo und macht ein Selfie, nicht ganz so skeptischer Blick

Das progress ist nicht die Neon oder die Vice und will (und kann) das auch nicht sein. Auch wenn die stilistische und inhaltliche Bandbreite enorm groß war, die Clickbait-Artikel über Sex und Drogen gab es eher nicht. Wir (oder meistens: ich) begnügten uns also damit, knackige Teaser zu schreiben und mit unseren Inhalten zu punkten. Spannenderweise war es oft der Bildungsbereich, der viele Shares/Likes erhielt, obwohl die Autor_innen sich für das Ressort eher zierten. Irgendwie auch logisch, dass das Zielpublikum eines Studierendenmagazins sich für Hochschulthemen interessiert – besonders dann, wenn es „Aufreger“ wie „Warum haben Arbeitsaufwand und ECTS eigentlich selten was miteinander zu tun?“ geht. Die Drogen-Wochen, bei denen wir uns mit vielfältigen Aspekten des Themas, vor allem angesichts der zunehmenden Repression gegen (meist schwarze) Dealer_innen an der Wiener U6 auseinandergesetzt haben, liefen hingegen nur so mittel. Vielleicht zieht das Thema nur dann, wenn auch die Redakteur_innen dies tun.

À propos Redakteur_innen: Selfies der Redaktion am Dach des Büros liefen meistens ziemlich gut – das kann aber auch einfach der Effekt sein, dass mit getaggten Menschen halt einfach der ganze Freundes- und Familienkreis das Bild in der Timeline hat und auch die nicht-progress-lesende Oma das Foto liked (Disclaimer: Eine meiner Omas hat Facebook, ich hab aber jetzt nicht nachgesehen, ob sie das Foto geliked hat). Also doch mehr Selbstdarstellung? Ich bin der Überzeugung, dass ein guter Text auch dann überzeugen kann, wenn der_die Autor_in nicht im Rampenlicht steht oder gar ein Pseudonym ist – und ich denke, dass es wichtig ist, die Möglichkeit zum anonymen/pseudonymen Veröffentlichen zu geben, gerade bei Themen wie Antifaschismus. Anderseits haben viele freie Journalist_innen gar keine andere Wahl, als sich (und zu einem gewissen Teil auch ihre Texte) selbst zu vermarkten – wer sich eine treue Fanbasis aufgebaut hat, kann neben vielen Likes für Selfies auf Instagram vielleicht sogar darauf hoffen, dass die eigenen Texte gelesen werden.

Der Artikel, der wohl die meisten Klicks und Shares hatte, war – und ich liebe diesen Fakt von ganzem Herzen – eine Kinderbuchrezension. Die hatte den Titel „Zwei mal ‚Wo kommen Kinder her?‘, ohne heteronormative Kackscheiße“ und widmete sich zwei Kinderbüchern, die auf queere Eltern eingehen. Eigentlich – bis auf den etwas provokanten Titel – eine unspektakuläre Sache. Zumindest so lange, bis die FPÖ-nahe rechtsextreme Webseite „unzensuriert.at“ drauf kam und einen Artikel über die Rezension schrieb und damit natürlich einen rechten Mob auf unsere Seite brachte. So einen Shitstorm lässt sich weder steuern, noch wirklich heraufbeschwören – dass es eine derartige Provokation sein könnte, ein Kinderbuch zu rezensieren, in dem ein Vater schwanger wird (Männer mit Uterus sind jetzt nicht sooo die Seltenheit), hätte ich mir auf jeden Fall nicht gedacht. Einen Teil des Shitstorms haben wir hier dokumentiert.

Joël steht auf einem Klo und macht ein Selfie, eher freundlicher Blick

Es gibt auch die Möglichkeit, Facebook Geld in den Rachen zu werfen und Posts hervorheben zu lassen. Das haben wir nicht sonderlich oft gemacht und lief stets in Zusammenarbeit mit dem Öffentlichkeitsreferat der ÖH-Bundesvertretung. Wir haben die Artikel meistens ziemlich genau ausgewählt und haben wohl auch deswegen (für unsere Verhältnisse) hohe View-Zahlen erreicht.

Riesige Unterschiede zwischen Facebook und twitter habe ich nicht feststellen können, obwohl ich das Gefühl habe, dass Texte (bzw. die Links dorthin) grundsätzlich andere bubbles erreichen: Auf Facebook halt die österreichischen Studierenden, auf twitter die deutschsprachige linke Bubble. Ob Tweets retweetet werden, hängt dann viel mehr am Thema des Artikels als an einer Bindung an das Medium. Gefühlt ist es auf twitter weniger „schlimm“, Artikel öfters zu bewerben oder auch mal nach Hinweisen für einen Artikel zu fragen, während Facebook alles, was nicht innerhalb der ersten paar Stunden viele Likes bringt, untergehen lässt.

Social Media ist – wenn es gut gemacht werden soll – enorm aufwändig, vor allem wenn dann noch Community-Management dazu kommt. Mit ein Grund, warum wir beim progress nicht mehr Netzwerke bespielt haben. Ich bedauere ein wenig, dass wir nicht auch einen Instagram-Kanal mit Inhalt gefüllt haben, wobei die Story-Funktion (die in meinen Augen für Medien am sinnvollsten ist) ja auch noch nicht so lange existiert. Ich würde auch davon abraten, die Plattformen als reine Vermarktungskanäle zu sehen – die Grenzen verschwimmen immer mehr, gerade auch weil der Aufwand, beispielsweise einen Livestream einzurichten, z.B. mit Facebook enorm gesunken ist. Die Gefahr ist natürlich (wie so oft), dass die Netzwerke den eigenen Account abdrehen können (weil auf Fotos irgendwer zu viel Haut zeigt, weil die Seite massenhaft gemeldet wurde oder einfach „aus Versehen“) und damit dann auch die Berichterstattung verschwindet. Ich weiß aber nicht, was die Konsequenz daraus ist – es gibt wohl kein Medium mehr, das es sich leisten kann, nicht auf den großen sozialen Netzwerken (bzw. vor allem Facebook) präsent zu sein. Auch nicht das Internet, das ich Mitte der 2000er Jahre kennengelernt habe.

Das Klo der ÖH-Bundesvertretung. Zu sehen sit vor allem ein Wasserboiler, ein Spiegel in dem eine Hand mit Handy zu sehen ist, im Hintergrund zwei offene orange Klotüren

Es gibt kein Fazit. Dinge ausprobieren, Zeit investieren, versuchen lustig und auffällig zu sein. Und so sehr es auch schmerzt: Text als Bilder. Aber da hätte ich auch noch nicht wirklich damit gerechnet, mal einen Text aus einem Zug heraus zu bloggen und das nicht über ein Handy, sondern über das Zug-WLAN zu machen. Glaube ich zumindest.

Die Bebilderung ist natürlich superironisch.

Was ich beim progress gelernt habe (II): Redigieren

Im Juli 2013 lernte ich meine erste progress-Kollegin kennen. Wir hatten ein Treffen mit einem Vertreter der Druckerei – ein Thema, das die Redaktion eigentlich nicht sonderlich beschäftigen sollte, weil sich um solche administrative Dinge auf der ÖH-Bundesvertretung andere Menschen kümmern (sollten) – und gingen danach noch auf einen Kaffee, um uns mal beschnuppern zu können. Anna kannte die Abläufe im progress, weil sie schon seit einiger Zeit Lektorin für‘s progress gewesen war. In unserem Gespräch fiel das Wort „Redigieren“ und ich musste erst Mal nachfragen, was das denn überhaupt genau heißt.

„Einen Text für die Veröffentlichung bearbeiten“ ist die gängige Wörterbuch-Definition des Verbs. Natürlich hatte ich das auch für das ÖH_Magazin schon gemacht, es aber eher als „lektorieren“ bezeichnet. Nach vier Jahren bin ich sehr davon überzeugt, dass es sich hier um zwei sehr unterschiedliche Arbeitsschritte handelt und sie auch in Redaktionen getrennt behandelt werden sollten. Redigieren hieß beim progress in vielen Fällen zuerst besorgt nachfragen, wann der Text denn kommen würde. Manchmal auf mehreren Kanälen, selten in der Angst, dass der_die Autor_in in einer Gletscherspalte verschollen sei und sich nie wieder melden würde. Andere – vor allem solche, die regelmäßig für Tageszeitungen schrieben – entschuldigten sich vorab per Mail, dass der Text nicht zu Mittag da sei, sondern erst am Abend. Wir planten immer zwei bei drei Wochen Zeit zwischen Text-Deadline und Druck ein, so dass genug Zeit zum Redigieren und Lektorieren war. Das ist natürlich ein ziemlicher Luxus, den wir uns vor allem deswegen leisten konnten und mussten, weil wir ehrenamtlich arbeiten und die meisten unserer Autor_innen (noch) keine professionellen Journalist_innen waren, sondern in der Mehrzahl Studierende oder Berufsanfänger_innen. Wobei ich hier auch nochmal erwähnen möchte, dass das progress nicht nur Texte von Studierenden aus Österreich abdruckte, sondern immer versucht hat, einen möglichst diversen Autor_innenpool zu haben und Studierenden auch mal mit nicht-akademischen Perspektiven zu konfrontieren. Weiterlesen

Was ich beim progress gelernt habe (I): Redaktion


Ein Sonntagabend, Mitte Juni. Ich sitze mit drei anderen Menschen auf einem Dach im vierten Wiener Gemeindebezirk, mit Blick auf das ORF-Funkhaus und Karlskirche. Wir trinken Gin Tonic und rauchen, während die Sonne sich langsam dem Horizont entgegen bewegt. Es ist das Ende des Produktionswochenendes an dem wir unsere letzte gemeinsame Ausgabe des progress‘ fertiggestellt haben. Wir wissen nicht, ob es nicht vielleicht sogar die letzte Printausgabe überhaupt ist. Für die meisten von uns ist ziemlich klar, dass wir nicht weitermachen werden (dürfen). Ich bin anfangs überhaupt nicht melancholisch, sondern nur erschöpft von dem Wochenende, an denen wir Fahnen korrigiert und die letzten Details geklärt haben. Es gibt immer noch ein Beistrich (Komma), das zu viel oder zu wenig ist, ein Lead, der noch knackiger sein könnte und ein Fotocredit, der irgendwo fehlt. Außerdem müssen Editorial, Inhaltsverzeichnis, Anreißertexte und ähnliches Kleinzeug geschrieben werden (am Besten am Freitag, damit sie am Samstag und Sonntag schon auf den Fahnen lektoriert werden können). Der Sonnenuntergang am Dach ist wunderschön, wir staunen alle. Ich sage trotzdem so etwas wie: „Ich mag nicht, dass die Sonne untergeht, denn das ist dieser Tag vorbei, und dann ist das mit dem progress und uns vorbei.“ Weiterlesen

Frittierfett

In der Wohnung über mir rückt einen eine Person einen Tisch oder ein anderes schweres Objekt. Das ergibt ein Geräusch, das entfernt nach Vibration klingt. Ich glaube kurz, es wäre mein Handy und schrecke zusammen. Weil ich immer zusammenschrecke. Laute Geräusche sind nicht gut für mich, und einzig die Angst, eine unglaublich wichtige Nachricht zu verpassen, führt dazu, dass ich dem Telefon überhaupt erlaube, zu vibrieren. Das soll es zwar auch nur in einigen wenigen Ausnahmefällen tun, aber manchmal häufen sich die Ausnahmefälle halt. Ich sitze nervös an meinem Schreibtisch und suhle mich in meiner Nervosität. Ich kann überhaupt an kaum was anderes denken, mein Körper fühlt sich an, als würde er sich auflösen, am Ende bin ich eine kribbelnde Masse Nervosität, ein Blob aus Ektoplasma.

In der Straßenbahn warf ich halblaut mit düsteren Prophezeiungen um mich. Sie haben sich alle erfüllt, oder zumindest glaube ich das. Das war eine andere Zeit, vor drei, vier Wochen (oder sind es mittlerweile Monate?), als noch Sommer war und der Herbst ein Gespenst, vor dem niemand Angst hat. Ich denke darüber nach, wie viele Zellen meines Körpers von damals wohl schon abgestorben sind, wie viele Hautschuppen ich seitdem verloren habe und wie viele Barthaare ich mir ausgerissen habe, weil sie in einem ungünstigen Winkel abgestanden sind. Ich wünsche mir, ich könnte in einen Spiegel schauen und den Menschen von damals sehen und mich selbst nicht wiedererkennen. Weiterlesen