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Das Wasserstoffperoxid

Als ich blond wurde.

Ich stehe im Bade und bleiche mir die Haare. Wie immer habe ich das Gefühl, zu wenig Wasserstoffperoxid genommen zu haben. Ich wickele meinen Kopf in Klarsichtfolie und scherze, das sei um mich gegen 5G-Strahlen zu schützen. So witzig ist das eigentlich nicht. Die nächsten drei Monate werde ich mich im Spiegel nicht wiedererkennen. Zum Glück schaue ich nicht so oft da rein, habe ich noch nie getan.

Ich möchte der Veränderung keine Bedeutung zuschreiben. Ich habe meine Haare gebleicht, eigentlich wollte ich sie färben, aber dann hat mir das Blond doch so gefallen, dass ich es lassen will, zumindest für ein paar Tage oder Wochen. Etwas, was ich ohnehin schon sehr lange vor hatte, und wie so vieles habe ich es vor mich hin geschoben. Ich freue mich schon darauf, wie es leicht rausgewachsen aussehen wird. Sicher einen ganzen halben Tag lang gut.

Es sind die kleinen Dinge, mit denen ich stets eine neue Zeitrechnung beginne.

Der Mogeltee

Als ich nicht das richtige Getränk fand.

Ich sitze viel zu lange an dem Text, obwohl ich noch mindestens drei andere Texte vorhatte. Wie jede Woche, denke ich mir, als ich in einer Zigarettenpause auf den Regen starre. Es kommt mir auch vor, als regne es seit Monaten nur noch. Das stimmt alles nicht. Es ist nicht jede Woche so, und vor zwei Wochen hat es auch noch nicht geregnet. Es ist schon wieder alles anders, es ist schon wieder alles merkwürdig. Ich will mir einen Tee machen und obwohl dieses Haus über gefühlte vierundvierzig Teesorten verfügt, ist nicht das dabei, nach dem ich mich sehne.

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Die Kopfstadt

Als ich doch nicht umgezogen war.

Fast ist mir, als lebe ich in einer anderen Realität. In einer, in der ich noch immer in dieser Stadt wohne und täglich zum Supermarkt laufe, um drei Kleinigkeiten zu kaufen. Das Gefühl kommt einfach so, weil ein paar Dinge in meinem Kopf sich vermischen und ich dann wieder vermisse. Vor allem meinen Balkon, auf dem es mir jetzt schon wieder zu kalt wäre. Vielleicht hätte ich endlich gelernt, mir eine dicke Decke anzuschaffen, unter der ich sitzen könnte, eventuell gäbe es sogar eine bessere Sitzgelegenheit als diesen Sitzsack.

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Die Repräsentation des weißen Blatts

Als ich Suppe kochte.

Ich starre auf das weiße Blatt. Auf die Repräsentation des weißen Blatts am Bildschirm, der so voller Metaphern und Symbole ist, dass es mir ein Rätsel ist, wie lange wir das noch verstehen werden. Eine Stunde lang starre ich auf die Repräsentation des weißen Blatts. Auf das Licht, das der Monitor ausstrahlt. Es wird von dem Computer irgendwie berechnet, und fällt durch jeweils ein Loch in meinen Augen auf meine Netzhaut. Je mehr ich über diese banalen Prozesse nachdenke, die unbemerkt ablaufen, aber dennoch funktionieren müssen, umso merkwürdiger finde ich das Leben.

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Die Unzukunft

Als ich Musik auflegte.

Auf der Autobahn fühle ich mich wie ein schlechter DJ. Ich habe meine Gute Laune-Playlist eingeworfen, aber meine Laune ist gar nicht so gut. Ich bin auch nicht schlecht gelaunt, ich bin vor allem müde, obwohl ich extra noch einen Kaffee getrunken habe.

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Die Dekoration

Als ich alte Postkarten las.

Ich räume mein Zimmer auf, und weil das noch nicht anstrengend genug war, fange ich auch an, die Mappe von den Dingen, die in einem früheren Leben an meiner Wand hingen, zu durchstöbern. Ich finde Fotos, die ich selbst gemacht und entwickelt habe und die alle auf ihre eigene Art und Weise schrecklich aussehen. Die Sache mit dem Fixierer hätte ich wohl ernster nehmen sollen, die mit den Motiven sowieso. Außerdem liegen da jede Menge Postkarten, auf vielen erkenne ich den Absender nur so halb wieder.

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Der letzte Regen

Als ich mich auf ein Neues wunderte.

Es regnet den ganzen Tag, aber ich bekomme es nur wirklich dann mit, wenn es so heftig ist, dass die Tropfen laut gegen die Fensterscheibe prasseln. So konzentriert war ich. (Tosendes Gelächter.) Am Ende des Tages lege ich einen Mantel ab, der mir schwer geworden ist.

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Die Pilgerreise

Als ich keinen Rat wußte.

Ich bin etwas ratlos. Nicht nur in Bezug auf Dinge, die ich bewerten sollte, sondern im Hinblick auf die Welt, vielleicht auch bezüglich meiner Stellung in ihr. Die Art von Ratlosigkeit, die eigentlich von einer zweijährigen Wanderschaft kuriert werden sollte. Oder zumindest mit einer Pilgerreise auf einen Berg, auf dem ein paar Steine übereinander stehen. Dort würde ich dann irgendetwas rituell verbrennen und Antworten bekommen. Leider durchleben wir eine Pandemie, weswegen solche Unternehmungen eher nicht zu empfehlen sind, außerdem war da noch ein anderer Grund, irgendetwas mit „21. Jahrhundert“ oder so.

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Sechsundachtzig unvollendete Projekte

Als ich in eine Hütte wollte.

Ich erinnere mich auf einmal daran, dass erst Dienstag ist. Mich erwischt das, als wache ich aus einem Traum auf. In Wahrheit ist nicht schon die ganze Woche vergangen, in Wahrheit waren die letzten Tage nur knappe vierundzwanzig Stunden und in Wahrheit war ich nur auf drei bis vier Dinge gleichzeitig konzentriert und habe sechsundachtzig unvollendete Projekte im Kopf, von denen eins eigentlich heute fertig werden sollte. Es wird nicht.

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