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Die Kribbellosigkeit

Als es nicht kribbelte.

Meine Hände kribbeln nicht. Ich kann mich nicht erinnern, wann das verschwunden ist, vermutlich irgendwann mit dieser ganzen Isolation, die so isoliert gar nicht ist. Es ist nicht zurückgekommen, auf jeden Fall nicht so heftig wie in den Wochen davor. Diese Zugfahrt, während der ich es nicht aushielt, platzen oder zumindest schreien wollte, sie wirkt immer mehr wie ein Traum und nicht wie die Realität. Aber Zugfahrten, in Zügen voll mit Menschen wirken dieser Tage ohnehin wie ein Traum.

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Der Stillstand

Als ich nicht weiterkam.

Das Aufstehen fühlt sich noch schlechter an als die letzten Tage, und mir kommt vor, als läge es nicht nur an dem selbstverschuldeten Mangel an Schlaf, sondern auch an diesem Mini-Jetlag, den ich für die nächsten dreiundzwanzig Wochen mit mir herumschleppen werde. Möglicherweise stimmt das auch nicht, und ich bin ganz alleine selbst Schuld, aber ich gebe gerne anderen die Schuld, in dem Fall dieser vermaledeiten Zeitumstellung. Es ist der Beginn der dritten Woche, und langsam wünsche ich mir wieder, an einer Bushaltestelle zu stehen und mich zu ärgern, dass der Bus nicht kommt.

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Die Mondsichel

Als ich für fünf Minuten alleine war.

Ich genieße den Tag auf irgendeine Art und Weise tatsächlich. Vielleicht, weil ich mich trotz der Menschen um mich herum teilweise alleine fühle, als wäre das in diesen Zeiten ein gutes, erstrebenswertes Gefühl. Es bleibt wieder zu lange hell, weil wir diese Sache mit der Zeitumstellung immer noch nicht geregelt haben. Ich hasse es, mein Körper ist für solche Strapazen nicht ausgelegt. Immerhin wird mir dieser Tage ein späteres Aufstehen leichter verziehen als noch vor einem Jahrzehnt.

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Der Brei

Als die Normalität einkehrte.

Es fühlt sich sehr normal an. Ich weiß nicht, ob das eine gute Sache ist, oder was genau ich davon halten soll. Als vor zwei Wochen die Schulen geschlossen wurden, stellte ich mir zwei Wochen lustiges Homeoffice vor. Jetzt sind die zwei Wochen so gut wie vorbei und es ist immer noch nicht wirklich absehbar, wann das Ende erreicht sein wird. Der Tag ist gut, beinahe ereignislos. Ich erledige die Arbeit, die ich erledigen wollte, kann früh genug Feierabend machen und setze mich in die Sonne, wo wir Musik hören.

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Der Vorfrühling draußen

Als ich eine Wanderung machte.

Zuerst suchen wir – nicht erfolgreich – am Friedhofes nach Bärlauch. Wo der Hang hinter dem Friedhof, auf dem es welchen gibt, genau sein soll, wie uns gesagt wurde, erschließt sich uns nicht ganz. Die Atmosphäre ist merkwürdig, weil vor dem leeren Friedhof jede Menge Autos stehen, aber die parken vermutlich ständig da. Im Dorf sind ein paar Menschen vor der Tür, meistens mit Hunden oder zum Rauchen. Alle halten Abstand und grüßen sehr freundlich. Während außer uns vor allem Familien oder Paare unterwegs sind, hätte ich fast das Bedürfnis, uns allen ein Schild mit „Es ist okay, wir wohnen zusammen“ umzuhängen.

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Das Zwitschern

Als ich die Vögel hörte.

Ich stehe morgens im Garten, mit meinem Morgenkaffee und meiner Morgenzigarette, und die Welt wirkt fast so, als wäre sie in Ordnung. Es sind Vögel zu hören, so viele. Mir kommt vor, das wäre sonst anders, aber sonst stehe ich um diese Zeit auch eher selten im Garten, sondern sitze in einem Zug oder Bus und höre keine Vögel, sondern Podcasts. Wenn ich die Augen schließe, werden meine Zukunftsvisionen noch dunkler als sie es ohnehin schon waren.

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Das Knospen

Als sich der Frühling bemerkbar machte.

Ich stehe im Garten und telefoniere und bemerke dabei kaum, wie wunderbar das Licht ist. Es wird Frühling, so tatsächlich und wirklich. Die ersten Blätter und Blüten kommen heraus, die Sonne bleibt am Himmel und ich kann den Abend tatsächlich erleben. Fast möchte ich hier stehen bleiben und zusehen, wie sie langsam untergeht, fast sind alle die Dinge, die sich hinter diesen Bildschirmen abspielen, kaum noch der Rede wert.

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Die Tube

Als ich unter dem Bäumchen saß und es gut fand.

Kein Türknallen. Keine Wut. Die Sonne scheint. Ich sitze draußen und trinke Kaffee. Dann sitze ich draußen und trinke was anderes. Die Sonne scheint nicht mehr, dafür spielt Musik. Das fühlt sich gut an, wenn auch ungewohnt. So wie alles. Eins würde denken, ein beständiges Leben in Krisen würde dazu führen, dass eins Krisen nur mehr als Hintergrundrauschen wahrnimmt, aber dies ist kein Hintergrundrauschen.

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