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Cory Doctorow – For the Win

Cory Doctow For the Win BuchcoverCory Doctorow, Blogger (boingboing) und Autor, schreibt ein Buch über die Gameingszene aus der Sicht deren, die die Drecksarbeit in Spielen verrichten: Goldfarmer_innen, Mechanical Turks, usw. Die wollen sich nicht länger von ihren Bossen auf der Nase herumtanzen lassen und gründen eine Gewerkschaft, statt für Hungerlöhne zu arbeiten. Was in Indien als kleiner Streik in einem Internetcafé beginnt, wächst zu einem globalen Phänomen mit Online- und Offline-Arbeiter_innen aus China, Indonesien, den USA, … an.

Dementsprechend vielzählig und vielfältig sind Doctorows Charaktere. Nacheinander lässt er sie in Kapiteln ihre Sicht präsentieren und langsam entfaltet sich das große Bild, das sich von den Goldfarmern im Slum in Mumbai bis zum Gaminghaupquartier von Coca Cola spannt. Der erzählerische Trick, jedes Kapitel mit einem kleinen Cliffhanger zu beenden, motiviert ungemein zum Weiterlesen. Die Sprachverwirrung zwischen Mandarin, Englisch und diversen anderen Sprachen wird beschrieben, allerdings werden den Leser_innen die allermeisten Begriffe übersetzt.

Doctorow erklärt Gewerkschaften, grundlegende Ökonomie, Streiks und Hedgefonds mit und für Videospieler_innen und träumt den großen Traum einer vereinten globalen Arbeiter_innenschaft. Ich würde das Buch im Unterricht lesen, wäre ich Lehrer und gäbe es interdisziplinären Unterricht. Spannendes „Jugendbuch“, das sich leicht lesen lässt und nicht (nur) weiße amerikanische Teenager zu Helden macht. Das sehr offene Ende lässt auf eine Fortsetzung hoffen.

Das Buch steht, wie alle anderen Bücher von Doctorow, unter einer creative commons-Lizenz und ist auf der offiziellen Webseite in einer Myriade an Formaten erhältlich. Cover: Tor Books.

Christiane Rösinger – Liebe wird oft überbewertet

Vorsatz für 2014: mehr bloggen, mehr rezensieren, mehr dokumentieren, was ich über Bücher, Filme, Musik, Serien denke. Damit wird dann auch die Radiosendung zum Ende des Jahres einfacherer, aber das Leben sicher auch besser. Dies sei ein Anfang

BuchcoverChristiane Rösinger, bekannt geworden durch ihre ehemalige Band „Lassie Singers„, schreibt ein „Sachbuch“ über die Liebe und die romantische (heterosexuelle) Zweierbeziehung (RZB).

Humorvolle tagebuchähnliche Passagen wechseln sich mit Sach-Kapiteln, in denen Rösinger Studienergebnisse und Forschungsstand zu diversen Aspekten der Liebe/RZB locker zusammenfasst. Das liest sich alles sehr flüssig und schnell, allerdings fehlen mir Betrachtungen jenseits der Hetero-Liebe. Zum Schluss kommt kurz mal Polyamorie als Gegenkonzept zur RZB vor, Homo- und Bisexualität werden jedoch kaum bis gar nicht erwähnt. Die „Tagebucheinträge“ alleine wären als Roman eventuell sogar reizvoller gewesen.

Als nicht unglaublich ernste Urlaubs/Reiselektüre, die auch noch gut unterhält, ist „Liebe wird oft überbewertet“ zu empfehlen, für eine theoretischere Beschäftigung mit dem Thema ist ein Gang in eine gut sortierte (queer)feministische Buchhandlung oder Bibliothek aber unumgänglich. Erste Linktipps in diese Richtung von mir sind die Textsammlung liebe.arranca.de und dieser Post von bäumchen und Esme (Passendes Musikvideo nach dem Klick). Weiterlesen

Hermann Hesse – Narziß und Goldmund

Narziß ist ein sehr junger Lehrer in einem Kloster, Goldmund sein Schüler, die beiden werden Freunde. Narziß verkündet Goldmund irgendwann, dass aus ihm nie ein Mönch wird, weil er halt nicht der Typ dafür ist. (Hesse verpackt das in sehr viel verschwurbeltere Worte, von denen ich nicht weiß, ob sie eine positive „Menschen sind unterschiedlich und haben unterschiedliche Talente“- oder eher eine esoterische „Schicksal!“-Botschaft beinhalten. Goldmund fickt sich daraufhin durch die Weltgeschichte und wird nebenbei Künstler, wenn er nicht gerade Menschen umbringt oder sich selbst bedauert. Weiterlesen

Bücher 2012

buecher2011
Anfang 2012 habe ich mir vorgenommen, 25 Bücher zu lesen. Ich habe das tatsächlich geschafft, was mich dann doh ein bisschen erstaunt hat, denn Ende Dezember sah es eher schlecht aus und ich dachte kurz daran, ein Jugendbuch oder ein Comic auszupacken, um die Reading Challenge auf goodreads dann doch noch zu schaffen. Es war nicht nötig, denn das letzte Buch 2012 habe ich geradezu verschlungen, um die klischeehafteste Umschreibung für „Lesen“ zu benutzen, die mir einfällt. Drei Comics sind unter den Büchern, aber ich finde, dass die auch zählen. Für 2013 habe ich mir 27 Bücher vorgenommen; das Wachstumscredo unserer Gesellschaft ist vielleicht das gefährlichste Prinzip, nach dem eine Gesellschaft funktionieren kann, aber gerade was Bücher angeht will ich mir Ziele setzen und nach mehr streben.

Es folgt eine Auflistung und Besprechung der Bücher, die ich 2012 gelesen habe: Weiterlesen

F. Scott Fitzgerald – The Great Gatsby

The Greatest  Some rights reserved by Brendon Burton

Ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde. Ich wusste natürlich, dass der Roman berühmt und ein „Great American Novel“ ist, aber mehr auch nicht. Meine Kopie habe ich mir eigentlich von A. ausgeliehen, sie las es für die Schule, ich schaute bei einem Besuch rein und war nach den ersten paar Sätzen vom Stil begeistert. So sehr, dass ich fünf bis sechs Jahre wartete, um es ein weiteres Mal aufzuschlagen. Ich wollte mir auf ein Seminar zwei Bücher mitnehmen, weil lange Zugfahrten die beste Möglichkeit sind, viel zu lesen, vergaß dann aber das bereits angefangene Buch und „musste“ gleich mit Gatsby anfangen. Ich bin auf Seminaren abends meistens so müde, dass ich nicht mehr viel lesen kann, kam also langsam voran, genoss aber jedes Wort. Interessanterweise las ich im Durchschnitt elf Seiten am Tag.

Der Stil ist wunderbar. Ich mag es, wie Fitzgerald Beschreibungen aufbaut, die ganz nüchtern beginnen und immer poetischer werden. Ich persönlich habe Parallelen zwischen Fitzgerald und Kerouac gesehen, was mich überrascht hat.

Die Handlung ist ein bisschen party-lastig, aber OK, das muss sie wohl sein. Ich habe bei US-amerikanischer Literatur sehr oft das Gefühl, dass das ein ganz anderes Amerika ist, das da beschrieben wird. Das mag daran liegen, dass ich so gut wie keine Filme vor 1960 kenne, sehr wohl aber einige Literatur. Ich mochte The Great Gatsby. In meinem Kopf wirkte er oft wie „Bruce Wayne ohne Batman“, obwohl seine Geschichte eine völlig andere ist. Und gerade erfuhr ich, dass das Buch mal wieder verfilmt wird und Leonardo DiCaprio Jay Gatsby spielen wird. Ich bin gespannt.

photo: The Greatest, some rights reserved by Brendon Burton

Jonathan Safran Foer – Extrem laut und unglaublich nah

Der neunjährige Oskar Shell hat seinen Vater an 9/11 verloren und sucht seitdem nach dem Sinn des Lebens. Das klingt platter, als es ist, denn Oskar sucht in Wirklichkeit nach einem Schlüsselloch, in das ein Schlüssel passt, der seinem Vater gehörte, und die Sinnsuche geschieht nur so nebenbei. Um es vorweg zu nehmen: Es gibt nicht sonderlich viel Handlung, dafür wird ausgiebig in Briefen und Tagebucheinträgen die verwirrende Familiengeschichte der Shells auseinandergenommen.

Cover von "Extrem laut und unglaublich nah" - Schwarze Silhouette einer Hand.

Bei Goodreads habe ich vier Sterne vergeben. Wenn es ging, würde ich wohl 3,5 Sterne vergeben. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass ich ein klein wenig Opfer meiner hohen Erwartungen wurde. Ich mochte das Buch, aber die besonders gestalteten Seiten fand ich meistens eher störend als hilfreich oder „besonders“. Oskar Shell hat mich an eine Bekannte erinnert, was merkwürdig war. Ich weiß nicht so richtig, was ich mit der ganzen Geschichte anfangen soll und wie „amerikanisch“ sie durch die Verknüpfung mit 9/11 wurde und ob mich das störte. Allerdings konzentriert sich Foer auf die menschlichen Tragödien und schreibt eigentlich fast so etwas wie ein sehr geschicktes und schlaues Kinderbuch. Wobei das auch einfach daran liegen kann, dass sein Protagonist ein sehr schlaues Kind ist. Ich weiß nicht, ob Foer bewusst eine Parallele von 9/11 zu der Bombardierung Dresdens zieht, es könnte zumindest so gelesen werden. Allerdings bleibt der Fokus auf menschlichem Leid.

Die Tagebucheinträge, die Briefe, Oskars Erzählung, die Bilder, die rot markierten Wörter, all das schreit „Postmodern“ und wirkt doch ein bisschen unbeholfen. Vielleicht ist es für mich einfach nicht mehr neu, vielleicht war ich doch zu verwirrt. Es ist sicherlich kein schlechtes Buch, ich habe es sehr gerne gelesen, obwohl das Wiedereintauchen bei der Thematik immer etwas Überwindung kostete. Ein bisschen gestört hat mich die Übersetzung: Nur ein kleines Detail, aber „veganisch“ heißt einfach „vegan“. Vielleicht hätte ich das Buch doch auf Englisch lesen sollen, immerhin kann ich Englisch.

Fazit: Lesen und nicht zu viel erwarten, vielleicht doch positiv überrascht werden.
Extrem laut und unglaublich nah erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.
Das Copyright des Covers liegt beim Verlag.

Umberto Eco – Der Friedhof in Prag

Ich mag Umberto Eco. Ich weiß, dass es relativ viele gibt, die ihn nicht mögen, aber ich habe einen nicht unbeträchtlichen Teil meiner Jugend damit verbracht „Das foucaultsche Pendel“ auseinanderzunehmen und immer wieder zu lesen. Ich denke auch, dass gerade dieses Buch Einfluss auf meine Art und Weise zu schreiben hatte. Außerdem habe ich durch das Pendel gelernt mit Verschwörungstheorien und ihren Verbreiter_innen umzugehen. Ecos letzter Roman, „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“ gefiel mir nicht so gut, wahrscheinlich weil mir die Zeit von Ecos Kindheit viel zu fremd ist.

Der Friedhof in Prag ist dem Pendel ziemlich ähnlich: Es geht mal wieder um Geheimgesellschaften, die Jesuiten und Paris. Eco erzählt ziemlich spannend, wie Antisemitismus mit den „Protokollen der Weisen von Zion“ geschürt wurde. Sein Protagonist beschreibt daneben über ein Zusammentreffen mit Freud und beschreibt die französische Küche des 19. Jahrhunderts. Trotzdem glitt die Geschichte in meinen Augen nicht in ein „Oh, das kennen wir ja alles aus dem Pendel“ ab, sondern nimmt sich für einen speziellen und wichtigen Teil sehr viel mehr Zeit und Raum.

Ein Problem mit Ecos Romanen ist weiterhin, dass er sie selbst viel witziger findet als der Rest der Menschheit, der weder über sein historisches Wissen, noch über seinen literaturtheoretischen Zugang verfügt. Ich weiß nicht, ob das mein Lesegefühl stört. Wahrscheinlich wären Ecos Bücher mit Fußnoten (oder Wikipedialinks) „verständlicher“, aber im Endeffekt geht es um Fiktion, Unterhaltung und mit ein bisschen Glück vermittelt er auch noch Moral. Andererseits: Ein Autor, der seine Leser_innen fördert und ihnen nicht das Gefühl gibt, alles zu wissen.

Ich habe „Der Friedhof in Prag“ gerne gelesen, die ausführlichen Essensbeschreibungen habe ich amüsiert bis angeekelt gelesen. Nicht großartig inspirierend oder bewegend, aber spannend.

Der Friedhof in Prag beim Verlag

Das Copyright für das abgebildete Cover liegt beim Hanser Verlag

Johann Wolfgang von Goethe – Die Leiden des jungen Werther

Mein erster Goethe. Ich bin einerseits froh, das Buch nicht als von unerwiderter Liebe gebeutelter Teenager zu lesen, andererseits wäre es vielleicht gerade in so einer Situation an der Zeit gewesen, Sturm und Drang aus erster Hand zu erlesen. Vielleicht sollte ich nochmal lesen, was ich damals, in „ähnlichen“ Situationen wie Werther, so gedacht und geschrieben habe.

Die Postmoderne straft mich beim „ersten Eindruck“ mal wieder: In der Schule haben wir „Die neuen Leiden des jungen W.“ gelesen, das natürlich nicht an den guten alten Johann Wolfgang von herankommen kann und zumindest in meiner Erinnerung auch eher ein Klamaukstück war. Ich finde, da könnten Lehrer_innen durchaus mehr Rücksicht nehmen und eventuelle erste Leseerlebnisse nicht zerstören.

Es ist gut, dass es Reclamhefte gibt, die in die Jackentasche passen. So habe ich den Werther vor allem in der Straßenbahn und im Park gelesen. Ich bin auf jeden Fall begeistert davon, was und wie viel ich bisher versäumt habe. Ein bisschen verwundert haben mich die Reaktionen von Menschen, denen ich erzählt habe, dass ich den Werther gerade lese: „Bei dem schönen Wetter?“ oder „Ist dir das nicht zu depressiv?“ waren die häufigsten Fragen. Und dabei ist doch gerade der erste Teil sehr lebensbejahend.

Bild von Daniel Chodowiecki, gemeinfrei.

Wolfgang Herrndorf – Tschick

In Österreich und besonders in Wien heißt „Tschick“ Zigarette. Das hat mich anfangs ein klein wenig verwirrt, aber was für Büchercover und die Bewertung des Inhaltes gilt, gilt wahrscheinlich genau so für die Titel und regionale Sprachverwirrung. Tschick, einer der beiden Protagonisten, die einen Lada klauen und damit durch Ostdeutschland fahren, raucht aber ein paar Mal in dem Roman. Könnte also sein, dass sein Spitzname auch ein netter Seitenhieb darauf ist. Diese Interpretation lässt sich zumindest fabelhaft da rein lesen.

Zwei Vierzehnjährige fahren mit einem Lada durch Ostdeutschland. Maik erzählt wie ein Vierzehnjähriger. Oder wie Vierzehnjährige aus Berlin in meiner Vorstellung reden könnten. Der Roman erfüllt die Erwartung, denn Vierzehnjährige schreiben keine Romane, und wenn sie es tun, dann in einer anderen Sprache als Herrndorf. Gut gefallen haben mir auch die Seitenhiebe auf die mediale Welt von Personen, die 2010 Vierzehn waren: Die Frage, ob Steppenwolf nun ein Buch oder eine Band ist kommt genauso vor wie Wikipedia, Facebook und Rihanna.

Maik ist zwar verliebt, aber das spielt nicht die Hauptrolle in dem Buch. Ich weiß nicht, ob das in „Jugendbüchern“ immer so ist, aber in meiner Erinnerung ging es immer entweder um Drogen oder um Liebe. Oder um beides. Maik und Tschick ziehen nicht einmal an einem Joint, werden aber von einer merkwürdigen Familie irgendwo in Brandenburg zum Essen eingeladen und denken über außerirdische Rieseninsekten nach.

Ein Jugendbuch, das ich – jetzt, nachträglich – gerne mit Vierzehn oder Fünfzehn gelesen hätte. Und heute auch allen Erwachsenen nur ausdrücklich ans Herz legen kann.

Tschick bei rowohlt (mit Leseprobe)
Wolfgang Herrndorfer hat ein Blog.
Das Buchcover unterliegt dem Copyright des Verlages.

Bücher 2011

2010 ärgerte ich mich über meine schlechte Listenführung, 2011 fing ich an, meine Bücher ordentlich aufzuschreiben und bei goodreads einzutragen. Dort gibt es auch jedes Jahr eine reading challenge, ich habe gleich mal großkotzig 40 Bücher eingetragen. Natürlich habe ich keine 40 geschafft, sondern, auf goodreads immerhin 23. Da stehen auch ein paar Mangas und Comics, mit denen ich im September noch hoffte, die Challenge haarscharf gewinnen zu können. Aber: 2010 habe ich knappe 1600 Buchseiten gelesen, 2011 waren es 7080. „Buchseite“ ist nicht der genaueste Maßstab, aber es freut mich, dass dieser Vorsatz, mehr zu lesen, Früchte getragen hat. Ich genieße das wohlige Gefühl, im Bett zu liegen und zu lesen, mich viel ruhiger in eine Geschichte einfinden zu können als z.B. bei einer Fernsehserie. Erstaunlich, dass ich das Gefühl nicht viel mehr vermisst habe!

Es folgt die Besprechung der fünfzehn zu Ende gelesenen Büchern von 2011.

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