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Haruki Murakami – Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

die-pilgerjahre-des-farblosen-herrn-tazaki-079847314Tsukuru Tazaki ist (wie die meisten Protagonisten Murakamis) ein mittelalter alleinstehender Mann, der sich für nichts besonderes hält. Er baut Bahnhöfe und war vor seiner Studienzeit Mitglied einer fünfköpfigen Clique, deren Mitglieder bis auf ihn alle Nachnamen mit Farbbezeichnungen hatten. 16 Jahre vor Beginn des Romans verstoßen ihn die anderen, nun will er herausfinden warum und macht sich, angestoßen von seiner neuen Freundin, auf die Reise und die Suche nach der Wahrheit. Dazwischen gibt es Rückblenden in die Jugend Tazakis, in denen immer wieder das Stück Années de pèlerinage – I. Suisse – 8. Le mal du pays von Franz Liszt eine Rolle spielt. Weiterlesen

Genevieve Cogman – The Invisible Library

the-invisible-library-book-one-978144725623601Ein Fantasyroman, dessen Prämisse eine unsichtbare, im höchsten Maße magische Bibliothek ist, deren Bibliothekar_innen mehr oder weniger Geheimagent_innen mit Superkräften (und/oder magischen Talenten) sind. Die Bibliothek sammelt dabei „wichtige“ Bücher aus den verschiedensten Parallelwelten, die nicht nur unterschiedliche Versionen literarischer Werke beinhalten, sondern vor allem unterschiedlich von Magie, Chaos oder Technik beherrscht werden. Das klingt alles sehr abgefahren und der erste Band der Serie öffnet auch erst ein kleines Türchen in dieses (hoffentlich) großes Multiversum, das viel Potential hat. Warum das Debüt der Statistikerin absolut lesenswert ist. Weiterlesen

Bücher 2014

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Ich habe 2014 enorm viel gelesen, was sicherlich zu einem großen Teil dem eReader (ein PocketBook) zu verdanken ist. Die Möglichkeit, jedes Buch innerhalb von wenigen Minuten lesen zu können, ist großartig und sorgt bei mir dafür, dass viele Lesewünsche nicht erst auf die „das sollte ich mal lesen“-Liste landen, sondern dass ich sie tatsächlich lese. Außerdem ist es wirklich befreiend, auf Reisen nicht mehr viele Bücher mitschleppen und/oder sich die Seiten rationieren zu müssen. Ein interessanter Nebeneffekt: Ich lese nun auch Werke wie Fanfictions oder Rollenspielregelwerke, die ich am Monitor bisher immer zu mühsam fand. Und ärgere mich darüber, dass der Großteil meiner Unilektüre nur eingescannt oder in mehrspaltigen PDFs zur Verfügung steht und ich sie ausdrucken muss, wenn ich zum Lesen nicht vor dem PC, sondern in der Sonne vor dem selbstverwalteten Studicafé Tüwi (das habe ich einmal gemacht, im Oktober, als die Temperaturen das noch zuließen. Da habe ich tatsächlich den eReader benutzt) sitzen will.

Ich habe laut goodreads 8909 Seiten gelesen, der bisherige Rekord war 2012 mit 6605 Seiten. Da ich die vielen Fanfictions und wissenschaftlichen Papers nicht auf goodreads eingebe(n kann), ist die reale Zahl wohl noch höher, vielleicht waren es tatsächlich 10.000 Seiten. Meine goodreads-Challenge mit 20 Büchern habe ich so gerade geschafft, wobei ich mit meinem Leseverhalten insgesamt sehr zufrieden bin. Was habe ich denn so gelesen? Weiterlesen

Ann Leckie – Ancillary Justice

Leckie_AncillaryJustice_TP-692x1024Ann Leckie hat mit „Ancillary Justice“ mehere Sci-Fi Buchpreise gewonnen, unter anderem den Sci-Fi Buchpreis, den Hugo Award. Ich habe davon nichts mitbekommen, bis femgeeks darüber bloggte. Ich brauchte nach der „A Song of Fire and Ice“-Serie und ein paar Lovecraft-Kurzgeschichten (ich werde versuchen, darüber zu bloggen, um meinem Vorsatz vom Jänner treu zu bleiben), mit denen ich mich den Sommer über unterhalten habe, sowieso wieder Lesestoff. Bei kobo kostete das eBook 6,50 Euro. Das ist ein fairer Preis, auch wenn eins vor dem Lesen das DRM wegtun muss, weil das sonst ja nur in die Quere kommen würde. Schöne neue Welt des digitalen Lesens: Ich sehe irgendwo ein Buch, das ich haben will, kann es sofort kaufen und auf meinen eReader schubsen, ohne auf ein Paket warten oder mir ein schlechtes Gewissen über alle Menschen, die das Buch vor mir in der Hand hielten, machen zu müssen.

Ancillary Justice spielt irgendwann in einer sehr fernen Zukunft. Die Menschheit hat viele Systeme kolonisiert, an die Erde kann sich keine_r mehr erinnern. Das Radch-Imperium hat tausende Jahre damit verbracht, andere Planeten zu annektieren, um diesen die „Zivilisation“ zu bringen. Die Protagonistin ist für einige dieser Annektionen mitverantwortlich, sie ist nämlich ein Schlachtschiff der Radch. Oder besser gesagt: die AI eines Schlachtschiffes, die neben ihrem Raumschiff-Körper auch noch viele Ancillaries, mit kybernetischen Implantaten aufgerüstete menschlische Körper steuert, die teilweise die Besatzung des Schiffes stellen. Der Roman ist aus ihrer Perspektive geschrieben, was sie gleichzeitig zu einer nahezu allwissenden Erzählerin und meheren „einzelnen“ Figuren macht. (Kleinere Spoiler nach dem Klick.) Weiterlesen

they say to be for sure

dye dye my darlingÜber die 1990er MTV-Animationsserie Daria habe ich hier schon geschrieben und die Serie in höchsten Tönen gelobt. Gerade sehe ich mir die Serie mal wieder an, weil Sommer für mich immer auch Melancholie bedeutet und Nostalgie nach einer Jugend in den 90ern, die ich nie hatte. Gestern kam ich dann zu der letzten Episode der vierten Staffel (Dye! Dye! My Darling). Ich will nicht zu viel spoilern, aber: Daria und ihre beste Freundin haben einen schlimmen Konflikt, der auch am Ende der Folge (und der Staffel) nicht aufgelöst wird.

Das sind die Momente, in denen ich mich wirklich über die Gnade der späten Geburt freue. Die Fans mussten 2000 nämlich fast einen Monat warten, bis sie im Sommerspecial Is It Fall Yet? eine Auflösung der Situation präsentiert bekamen. Ich kann einfach weiter schauen und weiß, wie es ausgeht, dennoch nahm mich die Szene wieder einmal sehr mit, gerade weil der Schluss passend musikalisch unterlegt ist. Die meisten Folgen der DVD-Version sind mit billiger Stock-Musik unterlegt und im Outro ist eine Reprise des Intros zu hören. Bei Dye! Dye! My Darling hat eins sich für einen unbekannten Song entschieden, der ein kleines Mysterium darstellte, da nirgendwo der Name oder die Lyrics zu finden sind. Ich war schon dabei, die ersten Zeilen für diesen Eintrag zu schreiben, da fiel mit ein, dass es ja Dinge wie Shazam gibt und probierte kurz aus, ob es den Titel kennen würde. Weiterlesen

Die Geschichte mit der Tracht

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Gestern geisterte auf twitter das Stichwort „Dirndl“ durch die Timeline. Ich habe die Aufregung nicht gleich verstanden, aber soviel ist nachzulesen: die deutsche Verkehrsstaatssekretärin Dorothee Bär (CSU) trug im Parlament ein Dirndl, was grüne Politiker_innen zu Kommentaren zur Tracht verleitete (Nachzulesen hier oder hier). Von Österreich heraus betrachtet ist das eine ziemlich lustige Geschichte, denn hier stört sich keine_r an Trachten im Nationalrat. Es sei denn, sie werden von türkischstämmigen Grünen-Politikerinnen getragen. Ich musste an eine Geschichte denken, die ich damals nicht erzählt habe, obwohl sie mit einigem Leidensdruck verbunden war. Ich habe mich nämlich auch einmal zur Tracht geäußert und gefühlt alle Konservativen meiner Uni verärgert … Weiterlesen

In Treatment

intreatmentVor ein paar Jahren versuchte ich schon einmal, In Treatment zu schauen und nach zwei Episoden wieder aufgegeben, weil ich damals dachte, ich hätte genug Menschen in meinem Leben, die mir von ihren Problemen erzählen und müsste mir nicht auch noch eine Serie anschauen, in der kaum etwas anderes passiert. Nach einem Gespräch über Serien in der progress-Chef_innenredaktion war ich wieder anderer Meinung und versuchte es nochmal.

Die Serie zeigt an jedem Wochentag die Sitzung von Therapeuten Paul Weston und jeweils eine_n andere_n Patient_in, bzw. Freitags seine Supervisionsstunde mit seiner Mentorin Gina. Das Format, in meinen Augen ein Weg, um die Zuschauer_innen an das Medium TV und seine fixen Ausstrahlungszeiten zu binden, stammt nicht aus den USA, sondern aus Israel. 2005 bis 2008 liefen zwei Staffeln von BeTipul, das in über zwölf Ländern lokal adaptiert wurde. Das etwas komplizierte Sendekonzept erklärt die deutschsprachige Wikipedia ganz gut. Weiterlesen

Welcome to Night Vale

Logo Welcome to Night Vale.Ich habe es schon einmal in einer meiner Linkspam-Posts erwähnt: Welcome to Night Vale ist einer der besten Podcasts, die ich kenne. Eine fiktive Community Radio-Sendung des etwas … merkwürdigen Wüstenstädtchen Night Vale, in dem Lovecraft‘sche Alpträume auf mysteriöse und leicht bedrohliche Geheimdienste, Geheimpolizei(en), kapuzenbemantelte Wesen und die GLOW CLOUD treffen ist ja einfach auch ein hübsches Motiv. Dieses wird treffend, fast feinfühlig umgesetzt. Durch den Charakter der Radiosendung mit ihren verschiedenen Rubriken können auch kleinere Ideen leicht erzählt werden, ohne eine Story ganz aus den Augen zu lassen. Weiterlesen

Cory Doctorow – For the Win

Cory Doctow For the Win BuchcoverCory Doctorow, Blogger (boingboing) und Autor, schreibt ein Buch über die Gameingszene aus der Sicht deren, die die Drecksarbeit in Spielen verrichten: Goldfarmer_innen, Mechanical Turks, usw. Die wollen sich nicht länger von ihren Bossen auf der Nase herumtanzen lassen und gründen eine Gewerkschaft, statt für Hungerlöhne zu arbeiten. Was in Indien als kleiner Streik in einem Internetcafé beginnt, wächst zu einem globalen Phänomen mit Online- und Offline-Arbeiter_innen aus China, Indonesien, den USA, … an.

Dementsprechend vielzählig und vielfältig sind Doctorows Charaktere. Nacheinander lässt er sie in Kapiteln ihre Sicht präsentieren und langsam entfaltet sich das große Bild, das sich von den Goldfarmern im Slum in Mumbai bis zum Gaminghaupquartier von Coca Cola spannt. Der erzählerische Trick, jedes Kapitel mit einem kleinen Cliffhanger zu beenden, motiviert ungemein zum Weiterlesen. Die Sprachverwirrung zwischen Mandarin, Englisch und diversen anderen Sprachen wird beschrieben, allerdings werden den Leser_innen die allermeisten Begriffe übersetzt.

Doctorow erklärt Gewerkschaften, grundlegende Ökonomie, Streiks und Hedgefonds mit und für Videospieler_innen und träumt den großen Traum einer vereinten globalen Arbeiter_innenschaft. Ich würde das Buch im Unterricht lesen, wäre ich Lehrer und gäbe es interdisziplinären Unterricht. Spannendes „Jugendbuch“, das sich leicht lesen lässt und nicht (nur) weiße amerikanische Teenager zu Helden macht. Das sehr offene Ende lässt auf eine Fortsetzung hoffen.

Das Buch steht, wie alle anderen Bücher von Doctorow, unter einer creative commons-Lizenz und ist auf der offiziellen Webseite in einer Myriade an Formaten erhältlich. Cover: Tor Books.

Christiane Rösinger – Liebe wird oft überbewertet

Vorsatz für 2014: mehr bloggen, mehr rezensieren, mehr dokumentieren, was ich über Bücher, Filme, Musik, Serien denke. Damit wird dann auch die Radiosendung zum Ende des Jahres einfacherer, aber das Leben sicher auch besser. Dies sei ein Anfang

BuchcoverChristiane Rösinger, bekannt geworden durch ihre ehemalige Band „Lassie Singers„, schreibt ein „Sachbuch“ über die Liebe und die romantische (heterosexuelle) Zweierbeziehung (RZB).

Humorvolle tagebuchähnliche Passagen wechseln sich mit Sach-Kapiteln, in denen Rösinger Studienergebnisse und Forschungsstand zu diversen Aspekten der Liebe/RZB locker zusammenfasst. Das liest sich alles sehr flüssig und schnell, allerdings fehlen mir Betrachtungen jenseits der Hetero-Liebe. Zum Schluss kommt kurz mal Polyamorie als Gegenkonzept zur RZB vor, Homo- und Bisexualität werden jedoch kaum bis gar nicht erwähnt. Die „Tagebucheinträge“ alleine wären als Roman eventuell sogar reizvoller gewesen.

Als nicht unglaublich ernste Urlaubs/Reiselektüre, die auch noch gut unterhält, ist „Liebe wird oft überbewertet“ zu empfehlen, für eine theoretischere Beschäftigung mit dem Thema ist ein Gang in eine gut sortierte (queer)feministische Buchhandlung oder Bibliothek aber unumgänglich. Erste Linktipps in diese Richtung von mir sind die Textsammlung liebe.arranca.de und dieser Post von bäumchen und Esme (Passendes Musikvideo nach dem Klick). Weiterlesen