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Das Menschenkostüm

Als ich die Haare aus dem Abfluss anstarren musste.

„Aber was, wenn ich das wirklich suche, obwohl es sich nicht gut anfühlt?“, frage ich, leicht verzweifelt. Meine Stimme zittert, ich kann den Gedanken nicht einmal wirklich aussprechen. „Wie diese merkwürdige Faszination für Haare im Abfluss. Es fühlt sich nicht gut an, es ist eklig, aber trotzdem muss ich immer weiter ziehen und sehen, was da alles herauskommt, an einem Bündel von aufgeweichten Haaren und Seifenresten, die zu einem Klumpen geworden sind, der alles blockiert.“

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Das Piksen

Als ich traurige Musik hörte.

Noch einmal das Lied hören, das ich nicht selbst entdeckt habe und in dem jemand über eine Traurigkeit hört, die nie meine war – eine Lücke in meinem Lebenslauf, die ich niemals schließen werde können. Noch einmal traurig sein, ohne weinen zu können, ehe ich endlich mit der Sache anfange, die ich schon den ganzen Tag tun will. Noch einmal den Schmerz spüren, der nicht meiner ist, mit dem ich mich aber so sehr identifiziere, dass es mir beinahe weh tut. Ich wünschte, all das in mir drin wäre auszudrücken wie ein gigantischer Pickel. Der Eiter spritzte gegen den Spiegel, ich ekelte mich vor mir selbst, würde mich danach aber besser fühlen.

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Die Nichtmehrunumarmtheit (II)

Als sich meine Nackenhaare aufstellten.

Es hat aufgehört zu regnen, allerdings ist es kalt geworden. Die Sonne ist längst untergegangen, auch wenn der Horizont das nicht glauben lassen mag. Das Hintergrundrauschen der Autos ist lauter als sonst, ein Bus ächzt sich den Hügel hoch, bis nichts mehr von ihm zu hören ist. Für ein paar Sekunden ist es still. Ich frage mich, ob sich diese Umarmung je nicht gut anfühlen wird.

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Das Zetern

Als der Himmel so grell grau war.

Ich bin grundlos traurig. Und suche mir einen Grund, in meinem Abgrund. Das Grau des Himmels wirkt nach einem schönen Tag so unglaublich grell, dass es mich fast blendet. Im Garten zetern die Meisen, ich bin der Feind, der vor dem Grün kniet, um es zu fotografieren.

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Die Nichtmehrunumarmtheit

Als ich umarmt wurde.

Ein Käfer krabbelt kupferfarben und das Licht brechend im Betonhof umher, verirrt sich kurz unter meiner Sandale, bis ich sie hochhebe und er erneut die Freiheit genießen kann. Ungeachtet dessen steht mir immer noch die Person, die wir einst Ruth nannten, gegenüber. Mit ausbreiteten Armen, die nicht so einladend aussehen, wie sie sich anfühlen sollten.

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Die Unumarmtheit

Als ich im Regen nachgab.

Ich stehe im Betonhof, ungeschützt, unter keinem Dach, obwohl es in Strömen regnet. Ich schaue auf den Quittenbaum, unter dem ich einst einen Pfirsich aß. Er ist in voller Blüte, der Regen macht ihm nichts aus. Ich sehne mich nach dieser einen Schulter, an der ich mich ausweinen könnte – oder einfach danach, einmal nicht vor Rührung zu weinen.

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Der Fakeurlaub

Als ich mich zurücksehnte.

Ich vermisse die zwei Tage, die ich Urlaub nannte, in dieser Wohnung, die nicht deine war, am Rande des Parks. Ich möchte den Schlafsack wieder ausrollen, sobald ich daran denke, obwohl ich ganz genau weiß, was mich dort zu diesen Tagen erwartet. Ich vermisse die Stimmung, ich vermisse das Gefühl, alle Zeit der Welt füreinander zu haben. In einem unbekannten Bett einschlafen. In einem anderen schlafengehen. Ich kann diese zwei Tage, wenn es überhaupt so lange war, immer noch romantisieren. Ich erinnere mich noch an die Pizza, die wir bestellten, an das Rauchen, an das T-Shirt, das ich bei dort vergaß und in dem du ein Foto machtest.

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Die Wintersonne

Als der Schlafsack eingerollt blieb.

Als ich die Rollläden hochziehe, erkenne ich nicht ganz, ob alles zugeschneit ist oder ob es nur heller ist, weil die Sonne scheint. Die Sonne scheint, und trotzdem ist es so unglaublich kalt, dass ich mich ständig blinzelnd zu unserem Zentralgestirn wenden muss, um es überhaupt auszuhalten. Ich mache einen Spaziergang über eine Autobrücke, als wäre das ein Hobby. Der Wind ist kalt, ich sehe nichts durch meine beschlagene Brille und außerdem habe ich Hunger.

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Die Büchse

Als ich den Schlafsack aufrollte.

Ich öffne Pandoras Büchse. Es befindet sich ein dicker Winterschlafsack daran, den man in den Bergen braucht oder bei Temperaturen nahe des Gefrierpunktes oder halt auf einem Festival. Er wurde oft benutzt, das spürt man irgendwie. Ich rolle ihn aus, so wie ich ihn schon zehntausendmal im Geiste auseinander- und wieder zusammengerollt habe. Dieses Mal liegt er wirklich vor mir, ich kann ihn tatsächlich anfassen und spüre, wie er sich anfühlt, wenn ich ihn ausrolle. Viel weicher als erwartet, viel zu weich, erstickend flauschig.

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