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Frittierfett

In der Wohnung über mir rückt einen eine Person einen Tisch oder ein anderes schweres Objekt. Das ergibt ein Geräusch, das entfernt nach Vibration klingt. Ich glaube kurz, es wäre mein Handy und schrecke zusammen. Weil ich immer zusammenschrecke. Laute Geräusche sind nicht gut für mich, und einzig die Angst, eine unglaublich wichtige Nachricht zu verpassen, führt dazu, dass ich dem Telefon überhaupt erlaube, zu vibrieren. Das soll es zwar auch nur in einigen wenigen Ausnahmefällen tun, aber manchmal häufen sich die Ausnahmefälle halt. Ich sitze nervös an meinem Schreibtisch und suhle mich in meiner Nervosität. Ich kann überhaupt an kaum was anderes denken, mein Körper fühlt sich an, als würde er sich auflösen, am Ende bin ich eine kribbelnde Masse Nervosität, ein Blob aus Ektoplasma.

In der Straßenbahn warf ich halblaut mit düsteren Prophezeiungen um mich. Sie haben sich alle erfüllt, oder zumindest glaube ich das. Das war eine andere Zeit, vor drei, vier Wochen (oder sind es mittlerweile Monate?), als noch Sommer war und der Herbst ein Gespenst, vor dem niemand Angst hat. Ich denke darüber nach, wie viele Zellen meines Körpers von damals wohl schon abgestorben sind, wie viele Hautschuppen ich seitdem verloren habe und wie viele Barthaare ich mir ausgerissen habe, weil sie in einem ungünstigen Winkel abgestanden sind. Ich wünsche mir, ich könnte in einen Spiegel schauen und den Menschen von damals sehen und mich selbst nicht wiedererkennen. Weiterlesen

Rollfeld

Foto des Züricher Flughafens, vor allem blauer Himmel mit Wolken, am unteren Rand sind Flughafengebäude zu sehen, wir sehen auch ein kleines am Horizont verschwindendes Flugzeug
Ein Flugzeug nach dem anderen erhebt sich und steigt mit einer unerträglichen Langsamkeit in den hellblauen Sommerhimmel, dem mit seinen wenigen Wolken der starke Ostwind, der unseren Abflug verzögert, nicht anzusehen ist. So langsam, wie die Flugzeuge abheben, habe ich beinahe Angst, sie könnten ohne Vorwarnung wieder herunterfallen, wie Steine, die plötzlich merken, dass sie keine diplomatische Immunität gegenüber den Gesetzen der Physik haben. Wir werden umsorgt mit Schokolade und Wasser, ich habe außerdem ein kleines Päckchen PEZ (Erdbeer) gefunden, das ich aus Langweile esse. Es ist nicht so schlimm, aber irgendwo in den Sitzreihen hinter mit hört jemand mit schlecht abgeschirmten Kopfhörern elektronische Musik, was mich leicht nervös macht.

Jedes startende Flugzeug dröhnt zuerst, wie Donner, dann drehe ich mich zum Fenster und schaue dem Aufstieg zu, bis sich die Maschine im Blau des Züricher Himmels verliert. Jedes Donnern heißt einen Platz weiter nach vorne in der Warteschlange für uns, jeder erstaunlich langsame Aufstieg bis zum Verschwinden am Horizont lässt die Zeit zum Take-Off dahinschmelzen. Hinter mir wird eine Physikaufgabe besprochen. Zum Glück geht es um Schmelzenthalpie und nicht um die Unmöglichkeit von Aerodynamik.

Ich könnte nochmal das Bordmagazin durchblättern, das ich schon beim Hinflug auf interessante Artikel prüfte. Ich könnte noch einmal das SIM-Kartenwechselspiel spielen, um die Credits auf meiner luxemburgischen SIM mit teurem Datenroaming aus der Schweiz zu verbraten. Jetzt aber bewegt sich das Flugzeug, die Physikaufgabe ist mittlerweile zu einer Geschichte über absichtlich vergessene Pralinen geworden, der Zuzuhören ich mich gezwungen fühle. Je länger ich auf das Papier starre, umso heller fühlt sich das Draußen an, obwohl sich mehr Wolken vor den Himmel schieben. Das Beton des Rollfeldes, die weißen Flugzeuge, alles scheint mir unerträglich hell.

Es ist schon lange kein Flugzeug mehr gestartet. Jemand hat sich beschwert, die schlecht abgeschirmte elektronische Musik ist abgeschaltet. Über die Flugzeuglautsprecher spielen sie wieder Frank Sinatra (oder sowas), der übers Fliegen singt, beschwingt und fröhlich.
Mir fallen die Augen zu, aber ich glaube nicht an Schlaf. Bald wird ein weiteres Flugzeug sich erheben und mit einer unerträglichen Langsamkeit immer weiter in den hellblauen Sommerhimmel aufsteigen, um schlussendlich am Horizont zu verschwinden. (30/8/2016, Flughafen Zürich)

1 Zweikilopackung gefrorener Shrimps

shrimps1

Im Kühlschrank liegt seit drei Tagen eine Zweikilopackung gefrorener Shrimps. Es ist Anfang Juli und die Schrimps sind seit zwei Tagen nicht mehr gefroren. Die Schrimps gehören nicht mir, ich esse kein Fleisch oder Fisch. Nein, die Zweikilopackung ehemals gefrorener Shrimps gehören meinem lustigen Mitbewohner Klaus. Ich muss das immer so sagen, damit die Menschen wissen, wen ich meine: „Mein lustiger Mitbewohner Klaus“, als wäre Klaus so eine Zirkusattraktion, die nur unter diesem Namen bekannt ist. Das ist er nicht, aber trotzdem blicken mich die Menschen immer sehr verwirrt an, wenn ich von meinem lustigen Mitbewohner Klaus einfach nur als „Klaus“ rede.

Ich habe noch einen dritten Mitbewohner, aber der heißt nicht Klaus, ist auch nicht sonderlich lustig und verbringt die meiste Zeit bei seinem Freund, in der er seit vier Monaten unsterblich verliebt ist. Alle paar Wochen verbringen die beiden eine Nacht in unserer Wohnung und schleppen zu diesem Anlass zwei neue Zahnbürsten ins Bad. Ich habe mal versucht, unsere gigantische Zahnbürstensammlung zu zählen, aber nach 20 habe ich einfach aufgegeben.

Auf jeden Fall macht sich der Geruch, den die ehemals gefrorenen Shrimps verströmen, so langsam bemerkbar. Das ist unangenehm, denn bis gestern war es so, dass der Geruch innerhalb des Kühlschranks blieb, wenn ich diesen geschlossen hielt. Ich schreibe meinem lustigen Mitbewohner Klaus eine Nachricht, die hoffentlich bald auf seinem Handy erscheint: „Klaus, du Arsch. Deine fucking Shrimps verfaulen im Kühlschrank. Komm her und räum den Scheiß weg!“. Ich mache noch ein paar emojis, damit mein lustiger Mitbewohner Klaus nicht denkt, ich wäre ernsthaft wütend auf ihn. Das bin ich zwar, aber er soll das nicht wissen. Weiterlesen

Fußmatte

Fußmatte mit Zeitung vor einer Wohnungstür, die leicht geöffnet ist. Links davon steht ein Regenschirm

Du hast deine Zigaretten mitgenommen. Das ist gut so, denn ich hätte sonst wieder mit dem Rauchen angefangen, drei Stunden alleine in deinem Zimmer. Ich meine, was sollte ich auch anderes tun, außer „Arbeiten“ und warten und vielleicht noch einen Kaffee trinken?

Ich denke zurück an letzten Freitag. In meinem Kopf sieht alles aus wie in einem Film, der wie ein Musikvideo geschnitten ist. Ich kann mich an jeden Moment erinnern. Erschrecken, weil jemand mich anspringt, von hinten oder von der Seite und ich dann in ein Gesicht blicke, das ich schon zehntausend Mal gesehen habe. Diesmal ist es anders. Weiterlesen

über der Arktis.

Zeppelin vor dunklen Wolken
Ich fühle mich, als hätte ich eine offene Wunde, durch die Gefühle in mein Innerstes eindringen können.
Meine rechte Hand kribbelt, das hat sie schon ewig nicht mehr getan, sicher zehn Jahre sind das her. Ich bin seit all diesen Jahren nicht schlauer geworden und weiß nicht, was das heißt oder heißen soll. Immer, wenn ich Leuten davon erzähle, fragen sie mich Dinge, die danach klingen, als wüsste ich nicht, wie sich „eingeschlafene“ Gliedmaßen anfühlen. Auf dem Klo in der Arbeit habe ich den Drang, einen Vorschlaghammer zu nehmen und durch die Wand zu brechen, immer weiter, immer weiter, durch alle Gebäude durch, bis es nicht mehr weitergeht. Auch nicht viel absurder als die anderen Dinge, die so in meinem Kopf herumschwirren.

Unrund. So heißt das hier. Von allen Formen ist mir der Tesserakt die liebste Form, aber leider hat Hollywood das Ding nur kurz nach mir entdeckt und somit kann ich es nicht mehr benutzen oder auch nur darüber reden, ohne wie jemand zu wirken, der seine lustigen „wissenschaftlichen“ Anekdoten aus Filmen hat. Auf jeden Fall: Wäre ich eine Form, ich wäre höchstwahrscheinlich eher nicht rund, was wiederum gut zur Gesamtwetterlage meiner Gefühle passt. Letzte Nacht waren alle Gedanken sehr klar, da war das Kribbeln in der Nacht am stärksten spürbar, als hätte ein Blitz in meine Hand geschlagen und ich würde meine Nervenstränge bis in den Oberarm brennen spüren, mit der Gewissheit, dass das eine körperliche Reaktion auf IRGENDETWAS ist, aber ich natürlich nicht weiß, was. Nicht nur, dass ich zwischenmenschliche Beziehungen nicht so hinkrieg; ich schaffe es noch nicht einmal, mit mir selbst so zu kommunizieren, dass die Botschaft ankommt. Nachts, wenn ich zu müde zum Schreiben bin, weiß ich immer ganz genau, was ich schreiben würde, wie ich Sätze und Silben aneinanderreihen würde, um einen großartigen Text zu schaffen, der noch in fünf Jahren glänzt. Weiterlesen

Keine Antworten.

snowing vienna photo by whiteout_box
„Und, wie geht‘s dir damit?“, werde ich gefragt und muss mit einem leeren Blick antworten.
Ich weiß nicht, wie es mir damit geht. Vor allem, weil „damit“ ein Wirrwarr von ungefähr 10.000 verschiedenen Dingen sind, die ineinander verwoben und miteinander verstrickt sind. Ich kann sie nicht entwirren, nicht nach dieser Woche, die definitiv zu anstrengend für meinen Geschmack war. Ich war seit Jahren nicht mehr verliebt, aber da fragt mich niemand, wie es mir damit geht. Die Antwort wäre übrigens genau die gleiche: „Ich weiß es nicht.“

Nichtsdestotrotz denke ich darüber nach. Über beide Fragen.
Ich sitze drinnen, draußen fängt es an zu schneien und ich habe Zeit zum Nachdenken. Das ist schön, das mag ich am Winter, wenn ich drinnen sitzen kann und es draußen schneit und aber noch nicht dunkel ist. Oder den Weg vom Café zur Straßenbahn, da darf es auch ruhig etwas schneien. Der Schnee lenkt ab, der Schnee fragt nicht, wie es mir damit geht, dass ich mich schon ewig nicht mehr verliebt habe (Oh, habe ich das nicht gerade dem Rest der Welt vorgeworfen?). Allerdings wird er auch wieder zur Hälfte schmelzen und sich zur anderen Hälfte mit Hundekot, Reifenabrieb und den festeren Teilen von Autoabgasen zu einer grauen Masse verwandeln, die unsere Städte bis Mitte April nicht verlassen wird. Weiterlesen

Schlagloch

schlagloch

Früher habe ich Texte über mein kompliziertes Gefühlsleben geschrieben, heute habe ich kein kompliziertes Gefühlsleben mehr. Tag as: Lieber nicht daran denken. Das ist komfortabel, aber es funktioniert natürlich nur so lange, bis es irgendwann nicht mehr funktioniert. Ich könnte über meine Wut und meinen Frust in diversen Projekten schreiben, aber ich weiß nicht, ob das wirklich Wut und Frust ist. Oder nur der Cynar (Artischockenlikör, wie gut ist das eigentlich?) in meinem Magen. Oder ich könnte über alles das schreiben, was heraus kommt, wenn ich tief in mich rein schaue. Angst vor der Zukunft, dem Tod, Einsamkeit, Zweisamkeit, von allen Menschen lächerlich gehalten zu werden. Heute schreibe ich also Texte über die Texte, die schreiben könnte, wenn ich denn wollen würde. Oder wollen könnte.

Ich starre in einen Abgrund, der überhaupt keiner ist. Es ist mehr ein Schlagloch. Weiterlesen

choose your own dream!

chooseyourowndream

Seit ben in diesem Artikel (darüber, was ein Buch ist) interactive Fiction erwähnte, kribbelte es mir in den Fingern, endlich was mit Twine zu machen. Ich weiß schon seit mindestens fast einem Jahr, dass Twine existiert, denn ich habe ein Buch zum Thema „mit einfachen Mitteln selbst Spiele entwickeln“ gelesen, um einen Artikel (bzw. einen Absatz) darüber zu schreiben.

Anfang Juli spielte ich ein paar Tage mit Twine herum, ohne aber über drei Passagen hinauszukommen, weil ich mich zu sehr auf die technischen Details und Möglichkeiten fixierte. Da es verschiedene Twine-Versionen und verschiedene Storyformate gibt, die alle eine unterschiedliche Syntax brauchen (die ich jedoch in den feineren Details in keiner Version ganz verstehe), lässt sich damit viel Zeit verbringen. Im August ist mir dann die Idee gekommen, dass ich mein aktuelles Lieblingsgenre der ausgedachten Träume ja mal in Twine schmeißen könnte, um zu sehen was dabei herauskommt.

Hier klicken um ausgedachte Träume zu spielen/lesen/testen/wasauchimmer.

„ausgedachte Träume“ ist ein literarisches Experiment, im besten Fall sowohl Textadventure als auch Literatur, im schlechtesten Fall ein weirdes choose your own adventure-Ding. Ein Wort zu Warnung: Dies ist eine sehr frühe Version, weshalb noch nichts poliert ist, es keine Spezialeffekte und sehr wenig Bilder gibt. Für einen ersten Durchgang reicht es aber sicherlich.

Ich freue mich sehr über Feedback! Das ist mein allererstes Projekt dieser Art, daher kann es sein, dass irgendwo der Wurm drin steckt oder Dinge nicht so funktionieren wie sie sollen.

photo cc by Jason Trbovich

Sommerhimmel

sommerhimmel

„Aber heute ist Samstag, heute mag ich nicht bloggen. Heute mag ich im Park liegen und nach Sonnencreme riechen“, sage ich.
„Du kannst ja was auf deinem Telefon schreiben!“, kommt sogleich eine hilfreiche Antwort.
Ich lege mich wieder hin, starre in den Himmel und tue so, als hätte ich den Ratschlag nicht gehört.
In der Ferne weht irgendwo der Wind. Es ist nicht ruhig, aber noch ist es ruhig genug, so dass ich die singenden Kinder und den schlechten Nu-Metal der coolen oberkörperfreien trinkspielenden Leute neben uns ignorieren kann.

Ich rieche nach Sonnencreme, heute ist Samstag und ich mag keine langen Text schreiben.

Aérogareportdrome V

Ich träume so gut wie nie oder erinnere mich nie an meine Träume, deswegen denke ich mir selbst welche aus …

aerogareportdrome5

„Wir möchten die Passagiere von [u̢̖̮̗̮̪͂᷈̀̇ͫ̕̕͟͝n̞̣̫᷿͚̩̯̋̀᷅᷾̕͜͜͝v̡͎̯̖̥͎͙̎̀͐́᷾̆ͭ͟͠ͅe᷊̭͈᷅͆̇ͣ̈̀ͫ͊͒᷆͘͝r̥̞᷉ͭ͋͏̨̘͙̹͇̀ͭ͟ͅs̸̭̺̹̃͆᷁᷈ͤ̀̀̅̈́͠͝ţ̲̼̦̣̘᷂̓᷄̀͊ͮ̃̒̄͑᷀̋̕ä̺̺̥̭̘̯᷀͌ͮ͐̀ͧ᷇̍̍n̷̴̡̩̺̘͖᷀͆̀͗͘̚͜ͅd̳ͦ͏̵̠̱̹͕̭̅̀͑͌ͩ̈l̴̬̻͖̪̻̳̲̰̈̈̀͋͋᷉͆͟͝͠i͔̰͓᷊̯͍ͩͧ́̀ͩ̆̅͗ͣc̵̢̪᷊̯͉̓ͯ̀ͫͨ᷆̅᷅͡h̡̜̼᷂᷿̄͆ͪͥ̀̇̉᷉̏᷾̔̚] informieren, dass wir nun bei Gate F542 mit dem Boarding beginnen. Bitte halte sie ihre Tickets bereit“, tönt es aus Lautsprechern. Es ist genau die gleiche Stimme, die schon unzählige andere Passagiere zu unzähligen anderen Flügen aufgerufen hat. Die Aufforderung folgt auf weiteren Sprachen, von denen ich einige nicht verstehe, aber ich muss sie mir dennoch anhören, denn die Realität hat noch keinen Mehrkanalton. Weiterlesen