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Das Äquinoktium (verspätet)

Als der Sommer zu Ende war.

„Das war er also, der letzte Tag des Sommers.“, sage ich und schaue in den Regen. Es hat angefangen. Das Datum ist sehr passend, ab jetzt kriecht die Dunkelheit nicht mehr langsam heran. Ich sehe mein Gegenüber, die Person die wir einst Ruth nannten, nicht an, während ich spreche. Was vor allem daran liegt, dass wir nebeneinander sitzen und in diesen Regen starren, der so ungewohnt wirkt.

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Der Obelisk

Als ich mich schälte.

Ich wache gestresst auf, denn heute wird ein stressiger Tag. In Wahrheit wird es noch schlimmer, aber das erfahre ich erst später, als ich ihn durchlebe. Es ist halt dieser eine Tag in der Woche, an dem immer dieser Druck da ist, der dann am Abend wie eine dünne Zwiebelschale von mir abfällt. Zumindest glaube ich das, denn irgendwie bin ich immer noch angespannt, als wäre da ein Häutchen, das nicht abgehen will, ein Fitzelchen an einer schlecht erreichbaren Stelle.

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Der Musikgeschmack

Als ich die Splitter aufsammelte.

Der Tag ist so vollgepackt, dass ich den ganzen Abend lang das Gefühl habe, ich hätte irgendetwas wichtiges vergessen. Es nagt an mir, und ich gehe immer wieder die Liste mit Dingen durch, die ich für heute auf dem Programm hatte. Das Ergebnis ist immer das gleiche: Ein merkwürdiges Gefühl. Zusätzlich räume ich etwas auf, und mein Gehirn entspannt sich sogleich, was ich wiederum nicht verstehe.

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Das Einatmen

Als ich den Nebelhörnern zuhörte.

Ich höre diese Nebelhörner (von denen ich hier erfahren habe), die im Jahr meiner Geburt aufgenommen wurde und fühle mich merkwürdig verbunden mit einer Aufnahme von einem Ort, mit dem ich nichts zu tun habe, aus einer Zeit, die ich nicht einmal miterlebt habe. Die magische Vorstellung, dass sich jemand für seine Frau in die nebelige Nacht stellt und die Nebelhörner aufnimmt, gefällt mir, ich finde sie beinahe magisch.

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Das Schweben

Als ich Orakel war.

Ich habe das Gefühl, über den Dingen zu schweben. Ich weiß nicht, wo das herkommt, vielleicht fällt auch einfach Spannung von mir, weil die Woche sich dem Ende neigt und deswegen werde ich etwas leichter und schwebe ein paar Zentimeter über dem Boden. Wir üben schon einmal das neue Normal, fällt mir zufällig kurz vor Mitternacht auf. Nicht die, von der alle reden, sondern die eigene, die, die erst spruchreif werden muss.

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Das Melancholie-Perpetuum Mobile

Als ich eine Realisierung hatte.

Alle paar Wochen sitze ich herum, starre vom Betonboden des Innenhofes auf den Himmel, entweder blau, wolkenverhangen oder sternenklar und ich muss darüber nachdenken, was digitale Kommunikation mit mir macht, wie so viele Ebenen geschaffen werden von Zwiegesprächen, Gruppenchats, Social-Media-Profilen, die sich je nach Plattform so anders anfühlen. Meine Gedanken rasen, ich schaffe es natürlich nicht, sie mir einzuprägen und kann sie auch nicht mehr einzeln aufdröseln. Ich sollte ein Manifest schreiben, oder etwas in der Art.

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Der Rand

Als ich vom Anisgeschmack träumte.

Ich setze mir eine Deadline und dahinter eine extrinsische Motivation, sie auch einzuhalten. Das funktioniert merkwürdigerweise sehr gut. Bei Anisgeschmack muss ich immer an Marseille denken, an den Gesang der Zikaden, der den ganzen Tag nicht abklang. Es ist vergleichsweise ruhig im Garten, im Schatten der Laube, unter dem Wellblech. Das ist meine Perspektive für den Sommer, mein Ausblick, falls ich nicht noch einen besseren finde.

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Die Wasserausstellung

Als ich ein Aquarium besuchte.

Im Traum bin ich in einem Aquarium, aber jedes Becken ist leer. Nicht einmal Wasserpflanzen sind zu sehen, sondern nur Wasser. Manchmal steigen ein paar Luftblasen zur nicht sichtbaren Oberfläche, meistens ist einfach nur ein nasses Blau zu sehen. Ich bleibe dennoch vor jedem Schild stehen, lese es genau, obwohl immer nur „Kaltes, nasses Wasser“ auf der Beschreibung steht, und betrachte das Wasser ausgiebig. Außer mir ist niemand in dem Aquarium, aber vielleicht liegt das auch daran, dass gerade Corona-Maßnahmen sind.

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Die Ruine

Als ich von einem Fuchs träumte

Ich laufe durch den Wald, diesmal im Traum. Und mit „laufen“ meine ich natürlich gehen, weil ich mir das wohl irgendwo abgeschaut habe und jetzt nicht mehr sprachlich zwischen diesen beiden Fortbewegungsarten unterscheiden kann. Ich gehe also zügig durch den Wald, die Lichtstimmung ist wundervoll, das goldene Abendlicht schimmert durch die Blätter und alles hat diese Farbe, die ich nicht beschreiben kann, in der ich jedoch am Liebsten baden würde. Es fühlt sich an wie die Stelle, an der ich bei der letzten Wanderung zwei schwarze Hunde getroffen habe, die mich furchtbar erschreckt haben.

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Der Duschkanal

Als ich meine Kleidung vergaß.

Ich dusche – im Traum – lange und heiß, wie ich es sonst nur am Wochenende tue. Als ich mich abtrockne, bemerke ich, dass ich keine neue Kleidung mitgenommen habe. Ich könnte mit dem Handtuch um meinen Körper geschlungen ein Stockwerk zu meinem Schlafzimmer gehen, aber mir wäre es unendlich peinlich, wenn mich jemand dabei sehen würde. Aus dem Regal, das in dem engen Badezimmer steht, ziehe ich einen weißen Ganzkörperanzug, wie ihn Menschen auf Demos tragen. Oder zum Ausmalen ihrer neuen Wohnungen. Vorsichtig verschließe ich den Reißverschluss und passe dabei auf, meine Genitalien nicht einzuquetschen.

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