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Der aufgeheizte Asphalt

Als ich einen bestimmten Song hörte.

Ich höre das Lied, das ich damals gehört habe, als ich zum ersten Mal aus G. nach Hause gefahren bin und mir bereits ausgemalt habe, dass das, was gerade erst begonnen hatte, irgendwann zu Ende sein würde. Der Bus war noch nicht aus der Stadt und ich bereits melancholisch über eine Zeit, die eben erst begonnen hatte. Das ganze Album hörte ich auf der Rückfahrt, euphorisiert. Es wurde über die Zeit zu dem Soundtrack dieses Jahres, zum Soundtrack dieser schlechten Beziehungen, von denen ich von Anfang an hätte wissen können – oder wusste ich es gar?

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Das Erwarten

Als es zu laut war.

Ich möchte fünf Minuten Ruhe genießen, aber ständig redet wer durch die Wand oder geht durch das Treppenhaus, das laut knarzt. Ich wünsche mir, ich wäre wieder in meinem alter Zimmer, das mit dem Balkon, aber dann merke ich, dass es dort nicht besser war, dass ich überhaupt noch nie irgendwo gewohnt habe, wo es wirklich ruhig war. Vor all diesen Dingen, die wir nun als Krise begreifen, wollte ich mir Kopfhörer mit Active Noise Canceling kaufen, und heute ist das ein Lebensgefühl.

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Der Betonhof

Als ich getröstet wurde.

Wir stehen also im Garten. Die Person, die wir einst Ruth nannten, unter dem Quittenbaum und ich in dem Betonhof, nahe dem Wasserbecken, in dem kein Wasser ist. Wir schauen uns an und ich ziehe verwirrt eine Augenbraue hoch. Verwirrt, weil mein Gegenüber tatsächlich ein warmes Lächeln zeigt und nicht ihr übliches spöttisches Grinsen, mit dem sie mich dazu bringen will, mehr von mir selbst gegenüber mir selbst preiszugeben, als mir liebe wäre. Nichts dergleichen heute. Alles, was überhaupt auf ihre extradimensionelle Existenz hindeutet, ist der saftige, duftende Pfirsich in ihrer Hand.

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Der Blütenstaub

Als ich besucht wurde.

Ich blinzele. Und als ich die Augen wieder komplett öffne, sind 51 Tage, eine Stunde, acht Minuten und 47 Sekunden vergangen. Ich stehe in keinem Wald mehr, falls ich je wirklich in einem Wald gestanden bin. Ich stehe in meinem Garten. Er gehört nicht nur mir, aber ich nenne ihn der Einfachheit halber so. Wir gehen mit Gärten, in denen wir uns aufhalten, in denen wir arbeiten, eine Art symbiotische Beziehung ein, egal wie groß oder klein unsere Aktivität ist. Bevor ich weiter über die metaphysischen Verbindungen zwischen Menschen und Gärten nachdenken kann, höre ich eine Stimme, die ich 51 Tage, eine Stunde, 14 Minuten und 29 Sekunden nicht gehört habe. In diesen Zeiten ist das eher ein Grund zur Besorgnis, weswegen ich mich erschrocken umblicke, noch bevor ich wahrnehme, was gesagt wurde.

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Die Unglaublichkeit der Wolken

Als ich den Horizont sah.

Wir machen einen Ausflug, wie vor fünf Wochen, als sich alles noch normal anfühlte. Es ist auch heute alles wie immer, nur dass das „immer“ ein anderes ist. Heute sind die Regale aufgefüllt, sogar Nudeln und Mehl gibt es so viel, dass ich es nicht wagen würde, eine Frage dazu zu stellen. Heute wirkt es merkwürdig, nur zwei Liter Hafermilch zu kaufen – ich kaufe natürlich einen dritten dazu. Vielleicht werde ich mich in einem Monat darüber wundern, wie wenig Hafermilch ich heute gekauft habe – wenn ich überhaupt noch Hafermilch kaufen werden kann.

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Das Eis und das Blau des Himmels

Als ich nachzählte.

Ich habe die Tage bisher nicht gezählt, weil ich nicht ganz wusste, wo ich anfangen sollte. Aber wenn ich richtig gezählt habe, sind es zwölf. Ich weiß immer noch nicht, wie ich es nennen soll, vielleicht bleibe ich bei meiner Schiff-Metapher. Mir ist die Richtung, in die das alles segelt, immer noch nicht klar. Es scheint, als gäbe es jeden Tag ein Tau zu reparieren, was gleich wieder die nächste Reparatur nach sich zu ziehen scheint. Ich durchblicke das alles nicht und versuche, mein bestes Selbst zu sein, so lange ich das kann.

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Keine Enklave

Als jemand über das Piano sang.

Ich kann mit dem Piano nichts anfangen, aber ich mag den Song darüber. Eigentlich habe ich persönlich ja gar nichts gegen das Piano, aber mein früheres Ich hatte da eine tiefe Verbindung mit einer Piano-Geschichte, die damals noch nicht so lange her war und deswegen war das Piano unsympathisch – obwohl es ja eigentlich gar nicht das Piano war.

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