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Der Kompostkübel (2)

Als ich das Elsternlied hörte.

Ich gehe mit dem Kompostkübel zum Kompost. Ich habe meine Kapuze auf dem Kopf, eine glühende Zigarette im Mund und schalte das Elsternlied ein. Ich komme mir sehr mystisch dabei vor, obwohl ich für Außenstehende mit der Jogginghose, dem Totoro-Pulli und den ausgetretenen Schuhen gar nicht so aussehe, wie ich mich gerade fühle. Ein festgehaltener Ton schwebt in der Luft, während über den Vogel gesungen wird, den ich ebenso bewundere. Irgendwo über dem Komposthaufen fliegt er vielleicht, neugierig. Der Gedanke, nicht von einem unsichtbaren Auge, sondern von einem Vogel in der Nacht beobachtet zu werden: Beruhigend.

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Der Kompostkübel

Als ich ein Kunstwerk erschuff.

Im Innenhof liegt der Kompostkübel auf dem nassen Betonboden. Sein Deckel, vor einigen Monaten durch ständige Beanspruchung von seinem eigentlichen Scharnier losgerissen, liegt einige Zentimeter neben ihm. Das durchsichtige Plastik, an einer Stelle schon etwas eingerissen, lässt den Inhalt erahnen. Obwohl geleert, kleben am Boden und an den Rändern noch Rest von dem, was eigentlich auf dem Komposthaufen liegen sollte; Karottenschale, nicht identifizierbare Gemüsereste und Kaffee. Immer bleibt Kaffee zurück, denn Menschen wollen wach bleiben. Es regnet, mal schwächer und mal stärker. Stünde der Kompostkübel aufrecht, er würde gereinigt werden. Er liegt aber auf der Seite, unachtsam abgestellt und umgefallen, nur für eine kurze Zeit des Übergangs.

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Die Scherben

Als ich Porzellan zerschlug.

Ich stehe in der Küche und bin wütend. So wütend, ich muss Porzellan nehmen und es auf den Boden schmeißen und dabei laut schreien (Im Hintergrund spielt „Sweet Dreams“ der Eurythmics). Zuerst das, was zum Abtrocknen auf dem Gestell steht. Dann reiße ich den Schrank auf, nicht ohne zuerst sehr undramatisch lang an dem Schlüssel gefummelt zu haben, der die Glastür versperrt. Jedes einzelne Teil werfe ich auf den Boden und schreie dabei, dass es mir im Hals schmerzt. Ich bin so rasend, ich denke nicht einmal mehr an die Ökobilanz meiner Zerstörungswut. Es interessiert mich nicht, dass all das Porzellan so energieintensiv hergestellt wurde. Ich will das Geräusch hören, wie es auseinanderbricht, wie die Gläser in zehntausend kleine Stücke zerbersten.

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Der wasserdichte Bluetoothspeaker

Als ich duschte.

Ich dusche, so wie Menschen es tun, wenn sie Körperhygiene betreiben wollen. Dabei höre ich einen Podcast über meinen wasserdichten Bluetoothspeaker, was genauso absurd ist wie es klingt. Irgendwann driften meine Gedanken ab. Sie wandern in ein Gebiet, in dem ich lange nicht war, vor allem nicht unter der Dusche. Ich merke es nicht einmal, bis es passiert und ich wieder ein Zwiegespräch führe.

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Die Nacht

Als es die Nacht war.

Es ist diese eine Nacht im Jahr, die nur für mich mit Bedeutung aufgeladen ist. Ein weiteres Rund um unser Zentralgestirn herum ist beinahe beendet. Ich möchte dramatische Musik aufdrehen und über und über mit Symbolen bemalt in den Garten treten, eine Fackel in der Hand und ein mystisches Ritual durchführen. Krähen und Elstern sammeln sich im Garten und nicken mir wissend zu. Die Nacht, sie gehört mir, ich ertrage ihre Schwere ohne zu leiden.

In Wirklichkeit werde ich nur in den Garten gehen und rauchen und bedeutungsschwanger in den Himmel schauen und Schwärze sehen und warten, bis sie zurückstarrt. Früher habe ich oft Dinge an diesem Tag gesehen, die wie ein Zeichen wirkten. Einmal bin ich morgens zur Schule und ein Regenbogen war zu sehen, als ob die meteorologischen Bedingungen sich um mich kümmern würden.

Vielleicht wird die Person, die wir einst Ruth nannten, auftauchen. Unvermittelt, ohne ein Geräusch zu machen, vor mir stehen und grinsend mit dem Kopf nicken, woraufhin ich sprachlos bin und auch einfach nur nicke. Ich ziehe meine Kapuze tiefer ins Gesicht und falle der Person, die wir einst Ruth nannten, um den Hals. Wir drücken uns so fest wie es Menschen sonst nur in Filmen tun.

Es ist diese eine Nacht im Jahr, über dem schwarzen Rauch der Fackel kreist einsam eine Elster.

Das All-you-can-eat-Buffet

Als ich einen Stich versetzt bekam.

Ungeahnt kommt ein Gefühl auf. Ich habe etwas gelesen, das mich erinnert hat, obwohl ich gar nicht weiß, ob ich mich nicht vielleicht irre, ob es überhaupt eine Bedeutung hat. Ein fieser, grüner giftiger Stich zwischen meine weichen Rippen. Ich versuche nicht an die Stadt und den Balkon und die Oktoberverzweiflung zu denken, sondern an luxemburgische Landstraßen. Nie werde ich verstehen, wie weit der Himmel über den Kuhweiden sein kann, wie gigantisch der Horizont über dem Asphalt zwischen den Dörfern.

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Das Äquinoktium (verspätet)

Als der Sommer zu Ende war.

„Das war er also, der letzte Tag des Sommers.“, sage ich und schaue in den Regen. Es hat angefangen. Das Datum ist sehr passend, ab jetzt kriecht die Dunkelheit nicht mehr langsam heran. Ich sehe mein Gegenüber, die Person die wir einst Ruth nannten, nicht an, während ich spreche. Was vor allem daran liegt, dass wir nebeneinander sitzen und in diesen Regen starren, der so ungewohnt wirkt.

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Der Obelisk

Als ich mich schälte.

Ich wache gestresst auf, denn heute wird ein stressiger Tag. In Wahrheit wird es noch schlimmer, aber das erfahre ich erst später, als ich ihn durchlebe. Es ist halt dieser eine Tag in der Woche, an dem immer dieser Druck da ist, der dann am Abend wie eine dünne Zwiebelschale von mir abfällt. Zumindest glaube ich das, denn irgendwie bin ich immer noch angespannt, als wäre da ein Häutchen, das nicht abgehen will, ein Fitzelchen an einer schlecht erreichbaren Stelle.

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