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Das Loslassen

Als ich meine Augen nicht öffnen wollte.

„Du konntest noch nie gut loslassen.“, sagt die Person, die wir einst Ruth nannten, als kenne sie mich schon so lange und so gut, um das bewerten zu können. Auf irgendeiner rationalen Ebene weiß ich, dass sie vermutlich recht hat, aber ich möchte mir das nicht eingestehen. Nicht nur, weil ich das mit dem Nichtloslassenkönnen problematisch finde, sondern weil ich mir nicht eingestehen will, dass sie mich so gut kennt. Ich möchte das nicht. Vor allem nicht, wenn es die Person ist, deren linke Hand gerade mit meiner rechten verschmilzt. Oder war es meine linke und ihre rechte? Selbst Richtungen ergeben gerade nur noch wenig Sinn.

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Die Nichtauflösung

Als ich die Hand hielt.

Ein blauer Himmel, von einem Schiff aus fotografiert. Am Rand des Bildes ist ein Zeppelin zu sehen.

Ich wusste eigentlich schon von Anfang, dass ich die Hand halten wollen würde. Es handelt sich um die linke Hand der Person, die wir einst Ruth nannten. Genau wie ich verschwindet sich langsam in dieser dichten Nebelzuckerwatte, von der ich das Gefühl habe, dass sie mich verschlucken wird. Bis vor wenigen Sekunden hielt ich das noch für eine gute Idee. Ich würde ins Nirwana eingehen, würde eine Grungeband gründen, würde irgendwann nichts mehr fühlen. Das wäre eine gute Entwicklung, weil das viele Fühlen so anstrengend ist und ich es kaum aushalte.

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Die Nichtswerdung

Als ich dachte, dass ich bald überhaupt nichts mehr spüren würde.

Die Nebelzuckerwatte berührt meine Fingerspitzen. Zuerst die des Mittelfingers, weil das mein größter Finger ist. Ich versuche, nicht darüber nachzudenken, was mir irgendwer über die Größe von Fingern erzählt hat und welcher eigentlich größer sein sollte, damit das schöner ist. Mir sind solche Dinge egal, seit ich mit 15 oder so mal ein Foto meiner behaarten Metzgerhände machte und sie einer Person schickte, die meinte, sie stehe auf schöne Hände. Ich kann nicht einfach so entscheiden, meine Finger zu mögen, aber ich kann mir zumindest weniger Gedanken darüber machen. Eine dieser Hände, noch nicht im Nebel versunken, hält immer noch instinktiv die Hand der Person, die wir einst Ruth nannten.

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Der Wirbel

Als meine Gedanken sich anfühlten wie eine auslaufende Badewanne.

Ich versuche, über die vergangenen Tage nachzudenken, aber es gelingt mir nicht. Es ist immer noch alles so tumultartig, so verworren, wirbelnd. Jemand hat den Stöpsel gezogen, das Wasser fließt ab, um sofort wieder von oben in mich zu strömen. Ich bräuchte gerade noch ein Wochenende nach dem Wochenende, aber mir steht so etwas nicht zu. Mir bleibt nur, halbwegs früh schlafen zu gehen und keinen allzu langen Text hier zu schreiben, bevor ich das tue.

Das Polieren

Als ich meine Pflicht tat.

Ich habe die Pflicht, für die Ewigkeit festzuhalten, dass dies die besten Abende sind. Ich möchte, dass für alle Zeiten gewusst ist, dass dies die Höhepunkte sind, die Blüte der Wüste, die viel zu selten zu sehen ist. Wenn ich es nicht aufschreibe, wie es mir in diesem Moment so golden scheint, werde ich mich je vollends daran erinnern?

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Das Schmusen

Als nichts so lief, wie ich es nicht wollte.

Ein Eimer Salat-Mayonnaise

Mir ist alles zu anstrengend, obwohl eigentlich alles glatt läuft. Der Bus kommt so, wie er soll, ich habe den richtigen Schlüssel dabei und mein Telefon, das sich in letzter Zeit immer von selbst ausschaltet, tut dies heute überhaupt nicht. Am Himmel ist sogar so etwas wie Sonne zu sehen. Ich könnte mich einfach freuen, aber stattdessen muss ich überall Probleme sehen.

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Die Fensterbrettleere

Als ich mehr dachte als las.

Eigentlich weiß ich ja, dass ich Ich-Erzähler*in und Autor*in nicht zu sehr vermischen sollte. Ich liege auf meinem Bett und lese und muss immer wieder an k.s Bett denken, auf dem ich einst lag, drei kleine Vögel sah und mir Hoffnung vorgaukelte. Und an das Zimmer, das mir immer so traurig vorkam, obwohl es ganz rational überhaupt keinen Grund dafür gab, traurig zu sein. Ich weiß nicht einmal, ob k. sich als sonderlich traurig wahrgenommen hat oder wenn, ob das dem Zimmer angesehen zu gewesen wäre.

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Der Jahrzehntanfang

Als ich lange schlief.

Ich schlafe lange, viel länger als sonst. Und überlege mir sogleich, dass das wohl etwas heißt, dass ich den Schlaf wohl wirklich gebraucht haben muss. In Wirklichkeit bedeutet es möglicherweise nur, dass ich gestern nicht so viel Wasser getrunken habe und deswegen nicht früher auf‘s Klo musste. Oder so etwas in der Art.

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Die unsichtbare Krone

Als ich Kuchen aß.

Ein Donnerstagabend, an dem ich mich nicht über Grammatik streiten muss, ist ein guter Donnerstagabend. Zumindest fühlt sich das so an. Die ganze Woche wollte ich unbedingt einen Dreikönigskuchen, und jetzt wo ich einen habe, fühlt es sich gar nicht mehr so toll an. Ich brauche die Pappkrone auch nicht, immerhin trage ich ständig meine eigene, unsichtbare, ewige Krone. Den Kuchen sollte ich dennoch aufessen, wenn die Welt nicht mehr so schwer wiegt.