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Der Fakeurlaub

Als ich mich zurücksehnte.

Ich vermisse die zwei Tage, die ich Urlaub nannte, in dieser Wohnung, die nicht deine war, am Rande des Parks. Ich möchte den Schlafsack wieder ausrollen, sobald ich daran denke, obwohl ich ganz genau weiß, was mich dort zu diesen Tagen erwartet. Ich vermisse die Stimmung, ich vermisse das Gefühl, alle Zeit der Welt füreinander zu haben. In einem unbekannten Bett einschlafen. In einem anderen schlafengehen. Ich kann diese zwei Tage, wenn es überhaupt so lange war, immer noch romantisieren. Ich erinnere mich noch an die Pizza, die wir bestellten, an das Rauchen, an das T-Shirt, das ich bei dort vergaß und in dem du ein Foto machtest.

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Die Wintersonne

Als der Schlafsack eingerollt blieb.

Als ich die Rollläden hochziehe, erkenne ich nicht ganz, ob alles zugeschneit ist oder ob es nur heller ist, weil die Sonne scheint. Die Sonne scheint, und trotzdem ist es so unglaublich kalt, dass ich mich ständig blinzelnd zu unserem Zentralgestirn wenden muss, um es überhaupt auszuhalten. Ich mache einen Spaziergang über eine Autobrücke, als wäre das ein Hobby. Der Wind ist kalt, ich sehe nichts durch meine beschlagene Brille und außerdem habe ich Hunger.

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Die Büchse

Als ich den Schlafsack aufrollte.

Ich öffne Pandoras Büchse. Es befindet sich ein dicker Winterschlafsack daran, den man in den Bergen braucht oder bei Temperaturen nahe des Gefrierpunktes oder halt auf einem Festival. Er wurde oft benutzt, das spürt man irgendwie. Ich rolle ihn aus, so wie ich ihn schon zehntausendmal im Geiste auseinander- und wieder zusammengerollt habe. Dieses Mal liegt er wirklich vor mir, ich kann ihn tatsächlich anfassen und spüre, wie er sich anfühlt, wenn ich ihn ausrolle. Viel weicher als erwartet, viel zu weich, erstickend flauschig.

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Der Geländewagen

Als die Straße so still war.

Ich weiß nicht, warum mir so heiß ist, obwohl es das eigentlich überhaupt nicht ist. Ich falte meine Shorts zusammen und lege sie gemeinsam mit der Hoffnung auf einen Sommer in den Schrank. Dann drehe ich die Heizung runter und lasse etwas Winterkälte in mein Zimmer, um aus diesem Gefühl rauszukommen. Die Straße riecht nach Hausbrand, trotz der Ausgangssperre schleicht sich ein Auto einsam durch sie durch. Es dauert einige Minuten, bis das nächste zu hören ist. Ich könnte mich an die Stille gewöhnen.

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Die Gedankenwurst

Als ich aus dem Wasser stieg.

Ich stehe in der Sonne und rauche und rede am Telefon. Ich versuche, meine Gedankenwurst so zu formen, dass sie am anderen Ende der Leitung Sinn ergeben kann. Möglich, dass mir das gelingt, möglich, dass wir wie zwei parallele Geraden in der Unendlichkeit einander nie berühren können, sondern immer nur aus der Ferne betrachten. Am Ende kennen wir überhaupt keine Menschen, nicht einmal uns selbst. Es ist kalt, es wird immer kälter. Trotzdem trage ich nur ein T-Shirt. In der Sonne ist es beinahe noch aushaltbar, auch wenn die vielen Haare auf meinen Armen anfangen, sich in die Höhe zu stellen, in dem vergeblichen Versuch, so ein Polster aus warmer Luft zwischen meiner Haut und der unbarmherzigen Außenwelt aufzubauen. Sie sind viele, aber nicht genug.

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Der Kompostkübel (2)

Als ich das Elsternlied hörte.

Ich gehe mit dem Kompostkübel zum Kompost. Ich habe meine Kapuze auf dem Kopf, eine glühende Zigarette im Mund und schalte das Elsternlied ein. Ich komme mir sehr mystisch dabei vor, obwohl ich für Außenstehende mit der Jogginghose, dem Totoro-Pulli und den ausgetretenen Schuhen gar nicht so aussehe, wie ich mich gerade fühle. Ein festgehaltener Ton schwebt in der Luft, während über den Vogel gesungen wird, den ich ebenso bewundere. Irgendwo über dem Komposthaufen fliegt er vielleicht, neugierig. Der Gedanke, nicht von einem unsichtbaren Auge, sondern von einem Vogel in der Nacht beobachtet zu werden: Beruhigend.

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Der Kompostkübel

Als ich ein Kunstwerk erschuff.

Im Innenhof liegt der Kompostkübel auf dem nassen Betonboden. Sein Deckel, vor einigen Monaten durch ständige Beanspruchung von seinem eigentlichen Scharnier losgerissen, liegt einige Zentimeter neben ihm. Das durchsichtige Plastik, an einer Stelle schon etwas eingerissen, lässt den Inhalt erahnen. Obwohl geleert, kleben am Boden und an den Rändern noch Rest von dem, was eigentlich auf dem Komposthaufen liegen sollte; Karottenschale, nicht identifizierbare Gemüsereste und Kaffee. Immer bleibt Kaffee zurück, denn Menschen wollen wach bleiben. Es regnet, mal schwächer und mal stärker. Stünde der Kompostkübel aufrecht, er würde gereinigt werden. Er liegt aber auf der Seite, unachtsam abgestellt und umgefallen, nur für eine kurze Zeit des Übergangs.

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Die Scherben

Als ich Porzellan zerschlug.

Ich stehe in der Küche und bin wütend. So wütend, ich muss Porzellan nehmen und es auf den Boden schmeißen und dabei laut schreien (Im Hintergrund spielt „Sweet Dreams“ der Eurythmics). Zuerst das, was zum Abtrocknen auf dem Gestell steht. Dann reiße ich den Schrank auf, nicht ohne zuerst sehr undramatisch lang an dem Schlüssel gefummelt zu haben, der die Glastür versperrt. Jedes einzelne Teil werfe ich auf den Boden und schreie dabei, dass es mir im Hals schmerzt. Ich bin so rasend, ich denke nicht einmal mehr an die Ökobilanz meiner Zerstörungswut. Es interessiert mich nicht, dass all das Porzellan so energieintensiv hergestellt wurde. Ich will das Geräusch hören, wie es auseinanderbricht, wie die Gläser in zehntausend kleine Stücke zerbersten.

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Der wasserdichte Bluetoothspeaker

Als ich duschte.

Ich dusche, so wie Menschen es tun, wenn sie Körperhygiene betreiben wollen. Dabei höre ich einen Podcast über meinen wasserdichten Bluetoothspeaker, was genauso absurd ist wie es klingt. Irgendwann driften meine Gedanken ab. Sie wandern in ein Gebiet, in dem ich lange nicht war, vor allem nicht unter der Dusche. Ich merke es nicht einmal, bis es passiert und ich wieder ein Zwiegespräch führe.

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