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an unexpected package

package
Ich träume so gut wie nie oder erinnere mich nie an meine Träume, deswegen denke ich mir selbst welche aus …

Ich öffne die Tür eines Hauses am Rande des Waldes, das nicht mir gehört, das ich aber wohl bewohne. Vor der Tür liegt der Wald, dicht und grün und voller Unterholz. Außerdem liegt vor der Tür noch etwas, nämlich ein Paket. Es ist kein modernes mit amazon.com-Aufdruck und praktischer Lasche zum Aufreißen: Es ist altmodisch verschnürt und mit braunem Papier eingewickelt. Als Adresse steht nur mein Name drauf, in einer Schrift, die ich nicht lesen kann. Ich weiß aber, dass es mein Name ist. Anscheinend bin ich so bekannt, dass die Post mir die Pakete auch in den eigentlich undurchdringbaren Wald aus Dunkelgrün und Fichten bringt, wenn nur mein Name in einer komplett unleserlichen Schrift drauf steht. Das ist die einzige Erklärung, die ich akzeptiere und deswegen beginne ich noch auf der Türschwelle, die Schnur vom Paket loszuwickelen. Nach ungefähr einhundert Umdrehungen habe ich eine neue Spule Paketband, braun und fasrig und nach Staub riechend, wie aus der Schublade eines nicht genutzten Büros, in der Hand. Weiterlesen

rumoxidieren

rumoxidieren
„Pass auf, er hat heute wohl nicht viel anderes gemacht als hier rumhängen, also wird er etwas über uns schreiben!“, sagt wer über mich und ich überlege kurz, ob das wohl stimmt. Oder ob ich aus Trotz etwas ganz anderes schreiben sollte, vielleicht darüber, wie genial ich „Steven Universe“ finde oder wie gut die Musik von Kamsai Washington. Stattdessen nippe ich an meinem Cola-Bier und sage nichts oder etwas beschwichtigendes, denn ich kann meine großen Gedanken kaum noch aussprechen, die Worte sind immer unbeholfen, wenn sie erst einmal aus meinem Mund herauskommen. Weiterlesen

Mg2+

mg2plus
Ich träume so gut wie nie oder erinnere mich nie an meine Träume, deswegen denke ich mir selbst welche aus …

Gleich nach dem Einschlafen gleite ich aus dem Bett. Oder vielmehr: durch das Bett. Ich sehe mich selbst darin, wie in einem glitzernden Spiegel aus bewegtem Leintuch, das entfernt nach Wasseroberfläche aussieht. Obwohl ich eigentlich in dem Zimmer unter meinem Fußboden (oder zumindest unter meinem Bett) schweben sollte, befinde ich mich im dunkelblauen Nachthimmel. Es ist noch nicht sehr spät, aber einige spitze Sterne sind schon aufgegangen. Der Mond ist aus irgendeinem Grund dreieckig und keine Sichel oder ein Rund. Ich kann darüber nicht staunen, immerhin wurde dem Mond in letzter Zeit wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Weiterlesen

beaucoup de mousse

Ich träume so gut wie nie oder erinnere mich nie an meine Träume, deswegen denke ich mir selbst welche aus …
Ich fahre mit der Eisenbahn durch eine flache Graslandschaft, ein Meer aus Halmen. Ich sehe den Zug von oben. Imposante Außenaufnahme, die heranzoomt und mich durch das etwas fleckige Fenster zeigt, wie ich im Zug durch die Graslandschaft fahre. Ich sitze in einem dieser altmodischen Sechserabteile. Es ist, abgesehen von mir, leer. Ich suche eine_n Gesprächspartner_in und finde sie in einer alten Dame, die zwei Abteile weiter sitzt und strickt. Sie strickt einen unglaublich langen Schal, der ihr Sechserabteil schon zur Hälfte ausfüllt. Ich kann nicht erkennen, welche Farben der Schal hat – auch nicht, wie viel Wolle die Frau dabei hat.

meadow photoPhoto by Bill Ward‘s Brickpile

Ich versuche sie zu fragen, hoffe, dass sie mir die Farbe ihres Schals beschreiben kann, denn ich kann es immer noch nicht herausfinden und werde langsam etwas unruhig, weil ich befürchte, plötzlich farbenblind geworden zu sein. „Darf ich dann noch Fahrradfahren?“, frage ich, ohne eine Antwort zu erwarten. Weiterlesen

Vorgelesen: Vernissage postmoderne

Ich nahm vor ungefähr zwei Wochen an einer Poetry Slam-Show teil. Ich kann eigentlich gar nicht richtig slammen und hatte dementsprechend ein bisschen Bammel, gemeinsam mit Menschen wie Mieze Medusa und Yasmo auf einer Bühne zu stehen. Meine Texte sind dann aber gut angekommen, ganz besonders Vernissage postmoderne. Und da nicht alle Menschen, die meine Texte lesen, nach Wien in das viel zu kleine Tüwi kommen konnten, habe ich den Text mal aufgenommen:

Die Aufnahme auf Soundcloud.

Vernissage postmoderne

Es gibt grundlos Sekt und Chips. Ich muss mich auf einer Vernissage befinden! Da hier keine Kunst steht, muss ich das Kunstwerk sein. Wahrscheinlich besteht „das Kunstwerk“ in einer Performance, in der ich verzweifelt nach Kunst und Anspielungen suche. Die Anführungszeichen schweben frei im Raum, aber niemand fragt, wie das möglich ist, es ist schließlich Kunst und nicht der Marktstand eines italienischen Quantenphysikers, dem niemand glauben will.
Wüst beschimpfe ich das Publikum: „Sie sind doch der aus diesem Film da! Was machen sie hier, Sie Meta-Dings? Sie da, sind aus einem Kubrick-Film? IST DAS HIER EIN TROPE?“ In einem kurzen Moment der Stille schnäuzt jemand die Nase, er sieht verdächtig aus wie Sigmund Freud. „Ist das alles eine Anspielung an Neon Genesis Evangelion?“
Bei jedem meiner Sätze flackert über mir in rosa Leuchtschrift das Wort „postmodern!“ auf, damit das auch ja alle verstehen. Niemand versteht meine Fragen, nur manchmal kichert jemand oder ein komplett unironisches Grinsen ist in einem Gesicht zu sehen, das daraufhin errötet und seine Entgleisung sofort korrigiert und wieder ironisch grinst, denn alles ist ironisch, sogar mein Schnurrbart, den ich in meinem Vollbart verstecke.

Museum für moderne kUNST CC BY  Ben Scicluna

Ich trinke den Sekt und esse die Chips. Außer mir traut sich niemand, denn dies ist ja Kunst und deswegen müssen mir alle zusehen, denn würden sie teilnehmen an der Performance wären es nur Menschen in einem weißen Raum, die Sekt trinken und Chips essen. Ich versuche die vierte Wand zu durchbrechen, aber natürlich sind alle gebrieft. Sie dürfen nicht reagieren. Sogar die Person im Pikachukostüm bleibt ruhig, als ich sie an ihren gelben Plüschschultern packe und schüttele.

Verzweifelt versuche ich aufzuwachen, aber das hier ist alles echt. Und das meine ich nicht einmal ironisch.

photo cc-by Ben Scicluna