_

Zerbrechlich

Als ich kein Ende fand.

„Und wieder bin ich versucht, noch ein Ende dranzuhängen, noch eine dramatischere Wendung als die vorige einzubauen. Wieder fällt mir nur dies ein: eine Atombombe zu zünden.“

Die Person, die ich einst Ruth nannte, grinst wieder. Die Erschrockenheit ist dennoch nicht auf ihrem Gesicht gewichen. Ich halte das, angesichts der gestaltswandlerischen Fähigkeiten, die diese Person besitzt – ich bin mir sicher über das, was ich gesehen habe – für bemerkenswert. Sie könnte sich das selbstgefälligste aller möglichen Gesichter geben, aber sie bleibt beim Abbild roher Emotion.

Weiterlesen

Am Grund

Als ich eine Einsicht hatte.

Ölgemälde. Ein stark vergrößerter Ausschnitt ist zu sehen, auf dem der Eingang einer Höhle zu erkennen ist.

„Aber dieser Brunnen ist überhaupt kein Brunnen!“
Die Stimme der Person, die ich einst Ruth nannte, klingt ungewohnt. Wüsste ich es nicht besser, würde ich ihr Panik unterstellen.
„Und wenn das hier nicht der Maschinenraum des Großen Seelenzeppelins ist? Warum sollte ich mir einbilden, in die Tiefe zu fahren, durch Wasser zu waten, um schlussendlich irgendwo zu landen, mit ich mehr als vertraut bin? Ich hätte diesen Ort doch gleich erkennen müssen!“
Meine Stimme hingegen zittert nicht mehr. Ich fühle mich sicher. Als wüsste ich, was ich tue.

Fun fact: Ich weiß so gut wie nie, was ich tue. Also, natürlich weiß ich in den meisten Fällen so halbwegs, was ich tun muss, um so zu wirken, als wüsste ich ungefähr, was ich tue. Ich glaube auch, dass es den allermeisten Leuten so geht. „Fake it till you make it“ halt. Das ist vermutlich die größte Erkenntnis des Erwachsenwerdens: Niemand weiß, wie die Dinge eigentlich gehen, alle tun nur so als ob und in Wirklichkeit ist alles nur Theater. Ein Grund, weshalb ich mich so weit wie möglich aus dem motorisierten Individualverkehr heraus halte.

Weiterlesen

Die Klarheit

Als ich von einem wundervollen Getränk kosten wollte.

Ölgemälde. Abgeschnitten, ohne Kopf, sind zwei Figuren in antiker Kleidung zu erkennen. Sie stehen vor einer Küste, das Meer ist bewegt.

„Ich bin hier, damit du dich mit dir selbst auseinandersetzt. Das war immer schon der Grund, weshalb ich existierte.“
Ich schlucke. So fest, dass es schmerzt. Das ist eine erstaunlich deutliche und klare Antwort von der Person, die ich früher Ruth nannte. Normalerweise waren alle ihre Aussagen lediglich nebulöse Andeutungen, die kaum zu deuten waren. Und nun stehe ich hier, im Maschinenraum, im Brunnen – wo auch immer das hier wirklich sein mag – und erhalte Klarheit.

Das ist es, was ich mir wünsche, oder? Klarheit. Als könnte die in eine Flasche abgefüllt werden, wie hochprozentiger Schnaps, den ich dann Stamperl für Stamperl trinke und immer berauschter werde von der Gewissheit. Dabei ist die Analyse von dem, was damals passiert ist, ganz einfach. Denke ich immer wieder. Und analysiere mich selbst, frage mich, was ich hätte anders machen können. Und dann komme ich wieder drauf, dass doch nicht alles an mir lag – zumindest will ich das immer noch glauben. Es gibt einen Grund, warum ich manchmal mitten in der Nacht, in den unbekannten Stunden, in denen nie die Sonne scheint und die Dämmerung noch zu weit weg ist, aufwache und mich zurück in diesen Sommer wünsche.

Weiterlesen

Nur ein Wort.

Als ich die Person, die ich einst Ruth nannte, wiedertraf.

Gemälde. Im Hintergrund sind Berge und ein, zwei kleine weiße Häuser zu sehen. Im Vordergrund stehen zwei Gestalten in der Kleidung antiker Soldat*innen

„Du bist nicht …?“
Meine Stimme ist nur halb so laut, wie ich mir es gewünscht hätte. Sie zittert, sofern das bei dem kurzen Satz überhaupt möglich ist. Ich weiß nicht einmal, ob sie weit genug trägt, um von der unbekannten Person – von der ich sicher war, wer es war – überhaupt gehört zu werden. Aber macht das jetzt noch einen Unterschied? Ich weiß weder, wo ich bin, noch mit wem ich rede. Und schon gar nicht, warum. Dies ist kein Höhepunkt, dies ist der Tiefpunkt der ganzen Geschichte.

Weiterlesen

die besten Nächte.

diebestennaechte

„Ich weiß gar nicht mehr, was mein Stil überhaupt ist!“
„Wusstest du das je?“, fragt sie mich, treffend wie immer. Ich mag ihr keinen Namen mehr geben, denn sobald ich ihr einen Namen gebe, wird ein Mensch mit eben jenem Vornamen in meinem Leben auftauchen und die Leute werden mich fragen, ob ich über sie schreibe und ich müsste dann wie eine Sphinx lächeln, aber stattdessen werden ich rot und sage Dinge wie „Nein, sie ist nur eine Figur, um die Leser_innen zu verwirren, die gar nicht wirklich existiert, aber gewisse Aspekte von gewissen Menschen zu manchen Zeiten repräsentiert, spiegelt oder hologrammiert.“ (Natürlich sage ich nicht „hologrammiert, ein so gutes Verb würde mir beim Sprechen niemals einfallen)

Früher hieß sie Ruth. Es muss auch keine „sie“ sein, das ist im Grunde völlig egal, in welcher Form ich sie imaginiere. Ihre Frage versetzt mir einen kleinen Stich zwischen die zweite und dritte rechte Rippe von unten. Wie mit einer sehr spitzen und sehr dünnen Nadel gesetzt schmerzt mich ihre Aussage kurz und ungeahnt tief. Weiterlesen

Kälteeinbruch

„Ich habe unglaubliche Lust auf Kamillentee.“, sagt sie.
Zum Glück versteckt sich in meinem Schrank eine Tüte mit getrockneten Bio-Kamillenblüten, die einen wirklich wunderbaren Tee ergeben. Ich setze Wasser auf, putze meine Brille, während der schäbige Wasserkocher vor sich hin brodelt.

Kamillentee

„Eigentlich wäre es schön“, meine ich, „wirklich Wasser aufzusetzen. In einer Teekanne, die auf den Herd kommt und lustig pfeift, wenn das Wasser fertig ist.“
Sie nickt, sagt nichts. Leider ist das energetisch wohl ziemlich ineffizient. Ich bin nicht der Meinung, dass alles immer möglichst effizient sein sollte, aber Energie sparen ist mir wichtig.

Die Katastrophe, in die wir uns und unseren Planeten stürzen, mag nicht so plötzlich kommen wie beispielsweise ein Atomkrieg, und wahrscheinlich ist genau das ihr Problem – sehenden Auges laufen wir in den Abgrund, weil er gar nicht so tief aussieht – aber verheerend wird sie trotzdem sein. Vielleicht hätte sie sogar das Potential, den eben genannten atomaren Konflikt auszulösen. Ich erzähle ihr das. Nein, ich halte eher eine Rede. Meine eigenen Worte regen mich auf, während dem Sprechen stellen sich mir die Nackenhaare auf, mein Rücken eine einzige Gänsehaut. Zu viel Pathos in meiner Stimme.
Sie hat Gänsehaut auf den Armen und schaut mich schockiert an. Vielleicht ist das einer dieser Momente, die das Leben verändern. Vielleicht ändert sich ihre Sicht auf alles im Leben, weil ich so gefangen von meinen eigenen Worten war, als ich meinen Monolog gehalten habe.
Der atomare Winter, die Gänsehaut: Ironie des Schicksals.

Nachdem sie am Tee genippt hat, öffnet sie den Mund, als ob sie was sagen wollte, schließt ihn wieder.
Dann, endlich: „Ich fühle mich manchmal unglaublich einsam.“
Ihre Stimme ist eiskalt.
Ich frage sie, ob sie darüber reden will.
„Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem es sich nicht mehr lohnt, darüber zu reden, weil es nichts mehr zu reden gibt.“
Ob es ihr helfe, wenn ich sie umarmte. Ich bin so. Ich stelle solche Fragen genau so dumm und gerade heraus, weil ich Angst habe, etwas Falsches zu tun. Magie des Augenblicks: esoterischer Humbug.
„Irgendwann bringt auch jede noch so freundschaftlich gemeinte Umarmung nichts mehr, weil sie nur den Schmerz aus einem heraus presst. Diese Momente kommen und gehen. Sie tun weh, aber sie sind nicht dauerhaft. Die Frage ist nur, wann diese Momente keine Löcher mehr sind, aus denen ich raus krabbeln kann, sondern ein Abgrund.“
Wieder ein Monolog, diesmal von ihr. Mich fröstelt es überall.

Die Probleme im Großen und im Kleinen ähneln sich.

photo CC BY 2.0 derya

Lazy on a wednesday afternoon

Woher kommt eigentlich das Bedürfnis, englische Titel benutzen zu müssen? Eigentlich bist du gar nicht faul. Du musst diese Tasse Kaffee trinken. Und für den Rest bist du einfach nur verrückt, glaube ich.
Das Wetter ist alles andere als Sommerwetter. Es ist grau, regnerisch und relativ kalt. Eine Welt ohne Jahreszeiten. Nie wieder den Geruch von Sommergewittern, weil es einfach keinen Sommer mehr gibt. Das wird der große Verlust unserer Generation. Einfach, weil es keine Jahreszeiten mehr gibt. Zeit ist relativ, über Geschmack lässt sich streiten, aber ich will nicht in einer immerfeuchten, immergrauen, deprimierenden Welt leben.
Sie verändern das Wetter! Sie bauen riesige Antennen, um Wolken zu erschaffen, dicker als Wolldecken!
Was für ein Blödsinn. Als ob Autos nicht genügen würden…
2208071538

Synästhesie deluxe oder: treasures look like common stuff

„Wie wär es, den Scheiss erstmal zu trinken?“
„Is kein Scheiss.“
„Ich weiß.“, sagte ich und lächelte.
„Jetzt bist du wütend auf dich selbst, weil du das gesagt hast.“
„Du hast Recht.“

Es war schwer, das zuzugeben, sofort danach. Wobei das auch wieder nicht stimmte. Es war schwieriger zuzugeben, dass sie meine Charade voll und ganz durchschaut hatte.
Zum Glück war auf ihrem Gesicht eins der netteren Lächeln zu sehen.
Auch wenn mir der Stand des Gespräches nicht umbedingt gefiel, so mochte ich doch die Atmosphäre, in der wir uns befanden.

Es war mittlerweile dunkel geworden, und der Mond schien durch das große, vorhanglose Fenster in die Küche. Wir waren beide zu faul gewesen, aufzustehen, um das Licht anzumachen – und mir jedenfalls gefiel das Zwielicht, in dem wir saßen, und ihr schien es auch nichts auszumachen, soweit ich das beurteilen konnte.

Sie nahm einen Schluck des Rums und warf einen zweideutigen Blick auf mein noch gefährlich volles Glas.
„Küss nicht zu viele Engel…“ Weiterlesen

“Oh mein Gott, wir sterben!!” brüllte er, während er das Radio mit einer Axt in kleine Stücke zerteilte und Tee über die Trümmer goss II

„Die globale Erwärumg schlägt jetzt also zu. Und wir können nichts dagegen tun, dass ein Großteil der weiblichen Bevölkerung nun allem Anschein nach so viel Haut wie nur irgend möglich zeigen muss – is das wirklich so angenehm oder fühlt man sich in gewissen Kleidungstücken nicht *zu* nackt?“

Anne nahm einen großen Schluck des eisgekühlten Orangensaftes, den ich ihr serviert hatte und wie ich ebenfalls einen trank, bevor sie antwortete:
„Ich hab dir ja erzählt, was für Ängste ich manchmal habe.“
Ich lächelte und drehte mein Gesicht in die Richtung des Ventilators, der in der drückenden Hitze meines Dachbodenzimmers die einzige Kühlung darstellte.

Die Musik, die mir wie farbige, grünliche Dunstschleier in der schweren und dicken Luft des Sommerabends, der unter dem Dachboden einfach nicht abkühlen wollte, schien, war uns beiden bekannt und passte zu der Hitze.

Ich nippte ebenfalls an dem großen Orangensaft, der herrlich kalt war und mich sehr erfrischte. Trotzdem spürte ich, dass ich komplett durchgeschwitzt war und nichts dagegen tun konnte. Ich saß gegen meinen Kleiderschrank gelehnt, die Beine weit von mit gestreckt, phlegmatisch. Anne saß mir gegenüber, auch auf dem Boden, allerdings gegen mein Bett gelehnt. Sie hatte den Kopf in den Nacken gelegt und beobachtete das rege Treiben der Schwalben über unseren Köpfen.

Der Ventilator schnitt kaum merklich durch die Musik, jedes Mal, wenn er sich Kühle spendend zu mir drehte.

Ich erzählte Anne von meinem Tag. Dass die luxemburgische Bahn das erste Mal in meiner Bahnfahrerkarriere Verspätung hatte, und auch gleich noch so heftig, dass ich ne halbe Stunde Verspätung hatte und die Frau, die ich interviewte, auch noch so lange warten musste.
Nach der Sendung, die meiner Einschätzung nach gut geworden war, hatte ich mir ein Eis gekauft.

Eis erschien fast wie ein Luxusobjekt im Anbetracht der Hitze unter dem Dachboden. Glücklicherweise wehte ein wenig laue Abendluft hinein.

Anne fragte mich, wo ich das Eis gekauft hatte, und ich erklärte ihr die Stelle. Ich erzählte ihr auch von den merkwürdigen Gedanken, die ich bei dem Mädchen im Zug hatte, das ich eigentlich nicht kannte. Ich saß nur mal mit Ohrstöpseln in den Ohren neben ihr in der Bibliothek.

Meine Gesprächspartnerin lächelte und nahm einen großen Schluck Orangensaft.

Ich mochte diese ruhige, von der Hitze beherschte Stimmung.