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Das Ungleichgewicht

Als meine Hände nicht aufhörten.

„Nein, du musst mir meine Träume nicht erklären“, sage ich zu der Person, die wir einst Ruth nannten. Ich weiß selbst, was sie bedeuten. Eine Person, die ich lange nicht gesehen habe und immer schon unglaublich hübsch fand – für die ich also eine ästhetische Anziehung verspürte – hatte irgendein Foto gepostet oder ich musste aus einem anderen Grund an sie denken und deswegen träumte ich davon. Außerdem wird mein Körper nicht oft genug gedrückt, weswegen ich schon merkwürdig zucke, wenn jemand mich freundschaftlich auf die Schulter klopft. Ich bin fast schon wütend über die Suggestion, ich würde meine eigenen, wirren Träume nicht verstehen.

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Der Schneefall

Als es schneite.

Wir sitzen im Garten in einem Halbkreis, sofern drei Leute einen Halbkreis bilden können und lachen über den Hund. Ich mag es. Es fühlt sich erstaunlich großartig an, obwohl es so kalt ist. Es hat den halben Tag geschneit, dabei ist es Ende Februar und es war schon einmal viel zu warm. So merkwürdig, sich dann auf einmal doch irgendwie zumindest so halb über Schnee zu freuen, aber auch nur theoretisch und vielleicht. Am Ende bleiben dann doch nur zusammengepresste braune Brocken am Straßenrand, die bis zum Mai nicht schmelzen und wie Wunden wirken, die die Landschaft erst heilen muss.

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Die Hagelkörner

Als es schneite.

Ich habe den Schnee überlebt. Als ich ich Rolläden hochziehe, sehe ich, dass das schlimmste schon vorbei ist. Nur noch einige wenige Reste liegen auf den Dächern und auf den Autos, die langsam vorbeifahren, als sei dieser 30er Zone irgendeine wichtige Passage. Ich möchte immer winken und eine Handgeste macht, die sagt „Ich weiß, dass ihr hier eigentlich nicht fahren müsst und es nur tut, weil ihr irgendwie glaubt, es wäre schneller, was es aber sicher nicht ist, sonst müsstest ihr hier nicht durch eine 30er Zone fahren“, aber ich weiß nicht, ob ich genügend Finger hätte, um das mit einer einzigen Geste auszudrücken. Außerdem bin ich morgens meistens zu müde, um so etwas glaubhaft feinmechanisch auszuführen.

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Der Weichspüler

Als ich Gerüche roch.

schlammiges Feld, grüne Wiese, graue Wolken

Ich fühle mich einsam, obwohl ich auf einer intellektuellen Ebene weiß, dass ich es nicht bin. Es ist erst Dienstags, und die Luft fühlt sich trotzdem so an, als wäre bereits das Ende der Woche. Am nächsten Tag soll es schneien, und ich frage mich, ob ich es verkraften kann, wenn ich morgen durch eine schneebedeckte Landschaft fahren muss. Eigentlich dachte ich ja, der Frühling käme endlich, aber es ist lediglich die scheißverdammte Klimakrise, die uns das vorgaukelt. Ich hätte an der Bushaltestelle dennoch ein Foto von dem lustigen Graffiti machen können, für das es die letzten Wochen immer bereits zu dunkel war. Vielleicht gewinnen wir den Kampf doch.

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Der Schlammweg

Als ich durch den Wald ging.

Ich werde gefragt, wie mein Tag war, und ich kann ausnahmsweise einmal ein positives Fazit ziehen. Ich weiß nicht genau, wie das gekommen ist, aber ich fühle mich tatsächlich nicht so schlecht. Vermutlich liegt es einfach nur an der einzigen Konstante, die mein Leben ständig verschlechtert oder verbessert: dem Sonnenlicht, das mehr oder weniger wird. Eventuell lag es aber auch daran, dass ich mich tatsächlich produktiv fühlte. Und natürlich denke auch ich, dass mein Wert in Produktivität gemessen werden kann, denn auch ich bin ein Kind dieser kapitalistischen Gesellschaft.

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Die Anspannung

Als es in meiner Stirn zog.

Ständig reden alle von Stürmen, so dass ich den heutigen überhaupt erst wahrnehme, als er vor der Tür steht. Eine Tür irgendwo im Haus knallt von Zeit zu Zeit, aber ich bin zu müde, um herauszufinden, welche es ist. Ich bin viel zu früh aufgewacht, freue mich aber gleichzeitig auch darüber, weil ich noch zu tun habe.

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Die Kraniche

Als ich es über mir schnattern hörte.

Über mir fliegen Kraniche. Es ist majestätisch, ein großartiger, seltener Anblick. Ich muss daran denken, wie oft ich als Kind im November zu einem See gefahren bin, den diese Vögel als Ruheplatz auf ihrer Reise nach Süden benutzen. Es war stets kalt und wir schauten im Bus dahin immer den gleichen Film. Aber ich ich heute meinen Kopf in den Nacken lege, zögernd mein Handy zücke, fällt mir noch was anderes auf.

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Der Teer

Als der Boden zu weich war.

Es strengt mich an, obwohl es mich nicht anstrengen sollte. Eigentlich dachte ich, alle Last sei von mir gefallen und ich könnte fortan ein ruhiges Leben führen und mich nur noch über merkwürdige Ideen, welche Insekten wie viel Rettung brauchen, aufregen. Stattdessen aber gibt es keine Ruhe, keine Entschleunigung, kein einziger Tag, ohne dass etwas passiert.

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Der Passagier

Als Jonathan ein Kind rettete.

Die rasch untergehende Wintersonne färbte die Umgebung der Landstraße in festliche Farben. Wer den Blick von der Straße abwandte, konnte einen glühenden rosa Feuerball sehen, der sich langsam unter den Horizont schlich. Fast so, als wäre der Sonne der Winter ebenfalls zu viel und sie versuche, noch ein paar Minuten Tag mehr herauszuschlagen. Doch Jonathan konnte den Blick nicht von der Straße abwenden. Er musste noch einige Kilometer hinter sich bringen.

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