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Was nicht gesagt werden kann

Als ich einen Text über einen Text schrieb, den ich nicht schreiben konnte

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal einen Text abgebrochen habe, aber heute ist es wieder passiert, weil ich keine Worte finde, die passend wären. Alles was mir einfällt ist die simple Beschreibung der Tatsachen. Oder die Art und Weise, wie ich die Tatsachen sehe und heute wahrnehme, durch die Brille der Melancholie, des Vermissens und der Gewissheit, dass die Dinge nicht wieder so sein werden, wie sie einst waren. Und wieder stehe ich am Herd und koche Erinnerungen in Einmachgläser. Ich mache Konserven für schlechte Zeiten und ahne, dass die schlechten Zeiten eventuell schon heute sind.

Auch diese Annahme muss falsch sein, aber noch vermessener wäre es, zu behaupten, es habe immer nur gute Zeiten gegeben, als wäre ich nicht in der Lage, Menschen zu verletzten oder verletzt zu werden. Immer wenn ich das Gefühl habe, etwas zu verlieren …
Aber das ist Quatsch. Ich habe nichts verloren, nicht in diesem Fall, niemals. Nicht, weil die Dinge anders geworden sind. Ich muss mich selbst vor mir selbst beschützen, wenn ich so etwas denke, denn es stimmt einfach nicht.

Und dann denke ich an all diese Menschen, denen ich nicht oft genug schreibe, dass ich sie mag und sie umarmen möchte. Noch ein Satz weiter und ich muss weinen.

Tausend Inseln

Als ich mich mal wieder an „Poesie“ versuchte.

Satellitenaufnahme des Aaland-Archipels, Finnland.

Ich erinnere mich an den Tag, der damit begann, dass beim Versuch, die Sojamilch in den Kühlschrank besonders cool zurückzustellen
eine Flasche veganes Thousand Islands-Dressing
was für ein poetischer Name, dem das Dressing nicht gerecht wurde
Zu Boden fiel
Aus dem Kühlschrank sprang
Zu meiner völligen Zerknirschtheit
Denn es war eine Glasflasche, die in tausend Stücke zersprang
Und das Thousand Island Dressing in tausend kleine Spritzer am Küchenboden verteilte
Ich erinnere mich genau an das Knirschen der Scherben auf dem Fliesenboden, der eine undefinierbare Farbe irgendwo zwischen grau, ocker, beige und anderen Farbtönen hatte.

Auch ich möchte zu tausend Inseln fahren, obwohl ich gar nicht weiß, was ich dort soll.

Foto: NASA/METI/AIST/Japan Space Systems, and U.S./Japan ASTER Science Team.

Nur die Wirklichkeit

Als ich in Weltuntergangsstimmung war.

Wieder das Bild der Teetasse, aber diesmal mit noch mehr Glitches und Bildfehlern, so dass sie kaum noch zu erkennen ist.

Meine Gedanken rasen. Ich versuche, eine gute Replik auf jene Worte zu finden, die die Person, die ich einst Ruth nannte, mir eben entgegengeschleudert hat. Ihre Stimme war ruhig, beinahe sanft, aber jede Silbe fühlte sich an wie ein Tennisball, der mit voller Wucht geschlagen den falschen Weg findet und mir im Gesicht landete.

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Antworten und Fragen

Als der Tee bitter wurde.

Teetasse, mit Bildfeldern, die einzelnen Farbschichten sind verschoben, so dass ein spannender Effekt entsteht.

„Das klingt viel zu einfach. Es muss doch komplizierter sein!“
Meine Stimme klingt erregter, als ich möchte dass sie klingt.

Ich war immer schon schlecht darin, meine Gefühle zu verstecken, mir ist immer alles ins Gesicht geschrieben. Was ironisch ist, denn im Alter von zehn Jahren hatte ich eine mysteriöse Krankheit, ausgelöst durch einen Zeckenbiss (oder auch nicht), die mit einer partiellen Gesichtslähmung einherging. Was dazu führte, dass ich in der Folgezeit große Probleme damit hatte, meine Mimik zu kontrollieren. Die logische Konsequenz davon sollte eigentlich ein resting irgendetwas face sein, nicht ein genaues Abbild all meiner Gefühlsregungen. Und dazu habe ich noch das Gefühl, überhaupt nicht richtig auf Dinge reagieren zu können. Vielleicht hätte ich doch Schauspieler werden sollen.

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Die Überrumpelung

Als die Person, die ich einst Ruth nannte, mir Tee anbot.

Eine filigrante Tasse mit orangem Muster und  Tee in der gleichen Farbe.

„Möchtest du Tee?“
Die Person, die ich einst Ruth nannte, sitzt auf einem sterilen Designermöbel. Sitzen ist das falsche Wort. „Lümmeln“ wäre vermutlich angebrachter. Diese Betrachtung hält mich davon ab, mich zu wundern. Der Porzellanladen, er ist verschwunden. Oder vielmehr: Wir sind aus dem Porzellanladen verschwunden. Alles steht wieder gerade herum, die Schwerkraft beträgt exakt 9,807 m/s² und alles wirkt ruhig, vertraut, nicht bedrohlich. Vor dem Designermöbel steht ein ähnlich abstraktes Beistelltischchen, auf dem eine Kanne Tee und zwei Tassen stehen. Das Getränk hat eine einladende, rötliche Farbe. Wie ein Sonnenuntergang nach einem anstrengenden Tag Nichtstun am Strand.

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Bin ich in einer Parallelwelt gelandet?

Ein praktischer Ratgeber des Kollektivs frei- und unfreiwilliger Weltenreisender (KFUW)

Foto von Nahverkehrsinfrastruktur und Strommasten mit sehr vielen Bildfehlern/Glitches.

Wirkt alles ein wenig merkwürdig?
Lacht niemand über ihre Witze?
Verstehen Sie nicht, worüber alle reden?
Ist ihre Kleidung über Nacht aus der Mode gekommen?
Kommt Ihnen das Fernsehprogramm enorm seltsam vor in letzter Zeit?
Haben Sie Gliedmaßen zu viel?

Wenn Sie eine, mehrere oder keine dieser Fragen mit „Ja“ oder „Jein“ beantworten können, bestehen große Chancen, dass Sie in einer Parallelwelt gelandet sind! Dies ist kein Grund zur Beruhigung. Viele Menschen landen versehentlich in Parallelwelten (oft auch „andere Dimension“ genannt), ohne es gleich zu merken – Sie müssen sich dafür nicht schämen. Oft sind die Unterschiede nicht sehr groß.

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Zehn Tage

Als Naika erfuhr, welchen Geburtstag sie bald feiern würde.

Eine Tasse Kaffee auf einem dunklen Holztisch

„An welchen meiner Geburtstage soll ich bitte nicht gedacht haben? Ich habe nur einen einzigen, ich kenne das Datum und weiß wann es ist. Mein Geburtstag ist noch weit weg.“, eröffnete Naika der Krähe und fühlte sich auf einmal viel selbstbewusster. Vielleicht war der Vogel zu der falschen Person gekommen, oder vielleicht hatte sich die Person, die sich geschickt hatte, einfach geirrt und Naika war gar nicht die Empfängerin einer schlechten Nachricht. Vielleicht konnte sie bald in Ruhe einen zweiten Kaffee trinken und würde nicht weiter über all das nachdenken müssen.

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Die Zufallsbegegnung

Als die Entfernungen größer wurden.

Ich mache einen Schritt. Und noch einen. Langsam, mit Bedacht, vorsichtig, um nicht versehentlich auf eins der zerbrechlichen Gefäße zu treten, die ich vor wenigen Minuten noch zertrümmern wollte. Ich gehe auf die Person zu, die ich einst Ruth nannte. Genauer: Auf ihr wortwörtlich strahlendes Antlitz, zu den gleißenden Augen, die mich anziehen, obwohl sie mich verblenden. Ich weiß nicht einmal mehr, ob ich die Person noch als Person erkenne oder ob sie für mich nur noch das Licht ist, in das es mich – nunmehr vollständig Motte – zieht.

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Was du willst.

Als ich viele banale Dinge tat.

Immer noch starren die Person, die ich einst Ruth nannte und ich uns an. Ich sehe ihr Gesicht mittlerweile wieder, aber es ist viel zu hell, strahlend, als hätte sie keine Löcher als Pupillen, sondern kleine Neutronensterne, die mich verblenden. Ich bin wieder nicht im Stande, von ihnen abzusehen. Ich fühle, wie mein Körper auf einmal merkt, dass ich auf der Decke stehe, oder der Boden sich gedreht hat – irgendetwas ist mit den Himmelsrichtungen und der Schwerkraft nicht ganz in Ordnung. Mein Magen es hat jetzt auch gemerkt, und er fühlt sich flau an. Oder ist flau geworden. Was ist das für ein Adjektiv, was soll ich damit tun?

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