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Der Nichtvorsatz

Als ich mir nichts vornahm.

„Und, hast du dir etwas für das neue Lebensjahr vorgenommen?“, fragt mich die Person, die wir einst Ruth nannten. Ich liege immer noch mit meinem Kopf in ihrem Schoß, sie streichelt immer noch über mein Gesicht, wir sind immer noch nicht verschmolzen, obwohl ich das bereits längere Zeit vorausgesagt habe. Meine Augen sind geschlossen. So muss ich nicht sehen, in welchem Raum wir uns befinden, welches Obst die Person wieder isst oder welche physikalischen Gesetze diesmal nicht so funktionieren, wie sie sollen.

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Die arbiträre Zeitspanne

Als ich die Welt für einen kleinen Moment in Ordnung fand.

Mein Kopf liegt immer noch im Schoß der Person, die wir einst Ruth nannten. Ich weiß nicht, was das heißt, was es ausdrücken soll, wieso sie mir über das Gesicht streichelt, langsam, beruhigend. Ich muss an meinen Bart denken. Den Teil, den ich wachsen lassen will und der Teil, der seit über eine Woche wächst, weil ich ihn nicht rasiert habe. Was ich aber fest vorhatte.

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Der Zwischenraum

Als ich zwischenlandete.

Wir stehen in diesem viel zu kleinen Raum zwischen Abfertigung und Flugsteig am Gate, im Niemandsland Flughafen, an dem alles so glatt ging, dass ich mich für meine Nervosität verfluche. Es ist eng, wir umarmen uns. Ich habe die Zugfahrt nicht so genossen, wie ich sollte. Ich habe der Stadt nicht ausreichend Aufwiedersehen gesagt, da fliege ich schon auf die nächste zu, die wieder nur ein Zwischenraum sein wird.

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Das Packen

Als ich bald wegfuhr.

Ich hasse packen. Ich hätte fast geschrieben, dass ich reisen nicht mag, aber das stimmt nicht. Ich mag nur nicht, wenn sie zu lange dauern und ich hasse es, mich darauf vorzubereiten. Mein Körper spannt sich an, in meinem Hinterkopf macht sich bereits Panik breit, etwas vergessen zu haben, obwohl ich noch nicht einmal losgefahren bin. Und wenn ich mit anderen darüber rede, bin ich immer so unglaublich cool, weil was tut eins beim Packen schon anderes, als Tage abzuzählen und dann Kleidungsstücke und diese dann in einen Rucksack zu stopfen?

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Die Ausreden

Als ich mich selbst entschuldige.

Ich bin so erschöpft, ich spüre, wie die Müdigkeit mich einige Zentimeter nach unten zieht und ich kleiner werde. Bald kann ich dem allem für einige Tage entfliehen. Vielleicht habe ich dann auch wieder mehr Zeit, um über mein eigenes Leben nachzudenken und nicht immer jene Antworten wiederzukauen, die ich ohnehin schon erarbeitet habe.

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Der Tisch

Als mein Zynismus mich überholte.

Wir sitzen in einem Restaurant und essen und reden, aber eigentlich sitzen wir in einem kalten, gefühlslosen Universum, dem es komplett egal ist, was wir tun und fühlen. Ich kann nicht damit umgehen, wenn andere Menschen das sagen, ich kann so etwas nur selbst sagen. Es ist ein wenig wie mit Betrunkensein: Wenn du nicht mehr ausmachen kannst, wer die am meisten betrunkene Person im Raum ist, bist du es vermutlich selbst. Wenn ich nicht die zynischste Person im Raum bin, habe ich ein Problem.

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Der Taumel

Als ich den Drehwurm hatte.

Manchmal dreht sich alles im Kreis. Ich weiß nicht, ob ich mich drehe und mir einfach schlecht ist, weil das Organ in meinem Innenohr, das für mein Gleichgewicht verantwortlich ist, das nicht aushält, oder ob sich alles um mich dreht. Der Himmel, die Erde, die Sterne, alle Galaxien. Ich möchte nicht der Star einer merkwürdigen Soap sein, ich kann nicht das Zentrum des Universums sein, auch wenn es sich immer wieder so anfühlt.

Photo: CC-BY European Southern Observatory

Der letzte Sommertag

Als ich fürchtete, dass es nun wirklich so weit war

Im Radio sagen sie, dass heute der letzte Sommertag sei. Dann spielen sie Bright Eyes – First Day of my Life und meine low key-Traurigkeit fühlt sich realer an als die Kaffeetasse, an der ich mich festhalte, obwohl ich am Tisch sitze und sie drauf steht. Gestern haben wir noch darüber diskutiert, ob dieser Meldung wirklich Glauben zu schenken ist, da sie seit Wochen gefühlt ständig kommt, aber heute, an diesem Abend, glaube ich fest, dass sie stimmt, dass sie stimmen muss.

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Der Schoß

Als ich (wieder einmal? Schon wieder? Noch immer?) müde war.

„Du weißt das doch eigentlich.“
Die Stimme klingt tadelnd. Als hätte ich mich über eine Regel hinweggesetzt. Dabei stimmt das nicht, ich habe mich lediglich nicht so sehr ausgeruht, wie ich es hätte können. Aber es ist nicht so, als ob ich mich überanstrengt hätte – es hat nur merkwürdig an meinen Kräften gezerrt, ohne dass ich es bemerkt habe.

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