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Internationaler Kampftag der Arbeiter*innenklasse

Als ich am 1. Mai Home-Office machen musste.

Ein sehr blauer Himmel mit vielen Wolken

Eine Musikkapelle, die morgens in meinen traumlosen Schlaf einmarschiert
Der Kaffee, den ich viel zu schnell trinke
Der Käsetoast, den ich zum Frühstück esse
Das Aufraffen, für das ich einen Spezialkran benötige
Der Zettelberg, in dem ich Notizen verstreut habe
Die Tastatur, die sich vertrauter anfühlt als noch vor einem halben Jahr
Forest, das dafür sorgt, dass ich auch tatsächlich arbeite
Der Feierabend, in dem ich mich in die Sonne setze
Die Sonne, die viel zu schnell hinter dem Horizont verschwindet
Der Abend, an dem ich allen Möglichkeiten hinterhertrauere

Der Halbtag

Als ich einen lazy Sunday all day hatte.

Ein Halbtag, verbracht in der Dämmerung des eigenen Geistes. Etwas Donner und strömender Regen würden mich beruhigen, aber mir bleibt lediglich die Decke, die ich mir über den Kopf ziehen kann, um noch weniger von diesem Draußen mitzubekommen. Sobald die Dämmerung auch dort zu bemerken ist, fühle ich mich besser, lebendiger und gleichzeitig reue ich, den Tag nicht ausführlicher ausgefüllt zu haben. Wie ein Formular mit zu vielen Feldern, von dem eins zurückschreckt, weil es zu kompliziert wirkt.

„So ist alles im Leben!“, will ich in ein Megaphon schreien. Aber nicht alles im Leben ist so wie diese halbgare Metapher, die ich mir ausdenke, während mein Auge immer wieder zu dem Rand des Bildschirms wandert, in dem die Zeit viel zu schnell vergeht. Dabei möchte ich mich in dem Dämmerzustand einnisten, die Decke noch fester über meinen Kopf ziehen und so tun, als würde mich das alles nicht betreffen: Der Lauf der Sonne, das Vergehen der Zeit und meine Unfähigkeit, etwas dagegen zu tun.

Das Robotergedicht

Als ich mich sprachlos fühlte und den Roboter dichten ließ.

ein Flock tAUBEN, die Kerne aufpicken. Daneben eine Krähe, die das gleiche tut.

Ich fühle mich (wieder) sprachlos und schaufele mehr Moussaka in mich hinein, das mit vielleicht besser gelungen wäre, hätte ich nicht ganz so viel Fett benutzt. Aber irgendetwas sagt mir, dass genau dieses Fett stets das Geheimnis dieses Rezeptes ist. Statt meine Gedanken über Fett weiterzuverfolgen, lasse ich die Textvorschlag-Funktion meines Telefons ein Gedicht für mich schreiben.

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Sitting (3)

Als Estragon ungewohnt still war.

Eine Filter-Kaffeemaschine

„Vielen Dank. Das bedeutet mir mehr, als du dir vorstellen kannst.“
Nochmals dieser förmliche Tonfall, den Estragon nicht einmal in professionellen Gesprächen zu Tage brachte. Ich schaute ihm in die Augen, erblickte wieder den Hundeblick. Ich strengte mein Gesicht zu einem Lächeln an, nickte ihm zu und wandte mich wieder zu meinem Computerbildschirm. Eigentlich hätte ich noch mindestens zehn Fragen stellen sollen, aber ich hatte das Gefühl, dass das Estragon nicht unbedingt gefallen würde. Und nachdem es ihn offenbar schon einigen Mut gekostet hatte, mich überhaupt zu fragen, wollte ich ihn nicht noch weiter verschrecken.

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Sitting (2)

Als Estragon Pizza versprach.

Ein buntes LSD-Löschblatt

„Und es muss wirklich diesen Freitag sein?“, fragte ich etwas verdutzt. Nicht die erste Wahl gewesen zu sein, verletzte mich ein wenig. Und die Idee, dass sich Estragon unbedingt diesen Freitag auf eine psychedelische Reise begeben musste, verwirrte mich. Wenn eins einen vollen Tag zum Runterkommen haben will, ist der Freitag ideal, vor allem bei längerwirkenden Substanzen. Das war natürlich einleuchtend, aber warum Estragon seinen Trip nicht einfach auf ein Wochenende verschob, an dem seine Freund*innen Zeit hatten, wollte nicht in meinen Kopf. Andererseits hatte er vielleicht schon Pläne für die nächsten Wochenenden und wollte seinen Trip nicht noch weiter verschieben? Wer war ich, um ihm das zu verwehren?

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Die Fackel

Als ich ein Konzept halbwegs durchzog.

Ein Streichholz in der Dunkelheit

Ich möchte eine Fackel entzünden und durch die Dunkelheit laufen, alleine. Das Licht, das ich bringe, wird niemanden wärmen, es wird niemanden erleuchten, es wird höchstens Menschen verblenden. Ich hingegen wärme mich an der Unverständnis, die mir entgegengebracht wird, denn ich trage eine Fackel durch die Nacht, obwohl in der Stadt eine funktionierende und funktionale Straßenbeleuchtung existiert. Das ist mein Lebensgefühl, das ich nicht anders beschreiben kann.

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Der McMoment

Als ich mich – wie alles – wiederholte.

Ein Glas Wasser, in dem Chiasamen schweben.

Ich will nicht jeden Tag nur eine Variation des gleichen Textes schreiben. Aber leider scheint mein Leben gerade eins dieser single-issue-lifes zu werden, von denen ich immer höre, dass niemand sie lebt. Am Morgen habe ich versucht, den McMoment des letzten Mittwochs – er wirkt schon wieder so unvorstellbar weit weg – nachzustellen, aber es ist mir nicht gelungen. Mein Kopf war nicht in der Musik, der Regen nicht anwesend, und auch der Nebel, der gewissenhaft am Horizont hing, konnte die Stimmung nicht retten.

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Das Biegen und das Brechen

Als ich über Herzensbruch nachdachte.

Fertiggerichte in Dosen in einem österreichischen Supermarkt.

Immer, wenn ich dachte, jemand hätte mein tiny heart gebrochen, war es stets eine Lüge. Mein Herz ist intakt, alles was gebrochen wurde ist dieses merkwürdige, unkontrollierbare Nervenbündel in meinem Bauch, das als zweites Gehirn funktioniert. Außerdem habe ich vor kurzem gelernt, dass eine meiner Gehirnhälften nicht sprechen kann und deswegen eventuell ein Doppelleben führt, von dem ich bisher nichts wusste und das ich auch nicht verhindern kann, selbst wenn ich es wollte.

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Das Urlaubsgefühl

Als ich Popmusik hören musste, um mich abzulenken.

Blick auf eine Autobahn, einen Parkplatz und eine Baustelle von einem Turm herab. Am Horizont und am Himmel sind viele weiße Wolken zu sehen.

Ich finde mich selbst sehr lächerlich. Dann versuche ich, mich mit Popmusik abzulenken von dem Draußen und dem Drinnen, das mich schon etwas quält. Ich weiß nicht einmal, wie ich meinen Zustand wirklich beschreiben würde. Die bleierne Müdigkeit ist größtenteils verschwunden, das Kribbeln in den Händen ist immer noch da. Ich wage es nicht, meine Vermutung auszusprechen, sie darf nicht genannt werden.

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