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Sitting (4)

Als Estragon mir die Tür öffnete.

Ein Briefkasten mit vielen Klingeln

(Teil 1, Teil 2, Teil 3.)

Ich brauchte eine Zeit lang, bevor ich realisierte, dass ich Estragons Nachnamen nicht auf den vielen Klingeln seines Wohngebäudes fand. Ich überprüfte die Messengernachricht, in der er mir seine Adresse geschickt hatte. Ein prüfender Blick auf das Nummernschild verriet mir, dass ich vor dem richtigen Haus stand. Eigentlich hätte Estragon mich auch gleich von der Arbeit aus mitnehmen können, aber er war etwas früher aufgebrochen. Sein müdes Gesicht hatte gegrinst und er gesagt, er müsse noch etwas erledigen.

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Die endgültige Gewissheit

Als ich Quatsch redete.

Wir reden Quatsch, so wie angetrunkene Menschen es tun. Eigentlich rede nur ich Quatsch, und außerdem entschuldige ich mich gleich danach, weil ich nicht den Eindruck erwecken will, ein Mensch zu sein, der Quatsch redet. Niemand fühlt sich beleidigt, nur das Bier, das zu viel war.

Später sitze ich im Bus und betrachte die Wolken, die sich rosa verfärbt haben und überlege, was das über die Luftverschmutzung aussagt. Ich versuche, nicht zu viel darüber nachzudenken, was ich täglich so einatme und wie wenig mein Körper darauf vorbereitet ist, solche Dinge aufzunehmen. Immerhin ist meine Hirn fähig, aus den Lichtwellen, die auf meine Netzhaut prallen, etwas zusammenzustückeln, das ich (oder es?) als ästhetisch empfinde. Im Bus riecht es, als ob jemand ein gebratenes Hähnchen transportieren würde.

Ich möchte Innehalten und Zweifeln, aber dafür habe ich keine Zeit, keine Ruhe, keine Kraft. Es muss weitergehen, the show must go on, das schulde ich meinem Publikum, der großen Unbekannten. Die Wolken haben die gleiche Farbe wie die Metallstruktur, die den Graben, in den sie die Autobahn gebaut haben, absichert.

Letzten Endes gibt es keine Wahrheit, keine Gewissheit, keine Objektivität. Wenn ich auf meinen Handy diesen Text tippe, berühre ich es nicht wirklich, wenn ihr diesen Text liest, halluziniert ihr nur. Der Geschmack der Wassermelone dort, wo das Fruchtfleisch weiß und nahe der Schale ist, ist die einzige Konstante im Universum.

Die Unfallgefahr

Als ich mich als Verkehrshindernis wahrnahm.

Den ganzen Tag beklage ich mich, dass ich so müde bin, um am Abend dann doch wieder viel zu lange wach zu bleiben. Als könnte ich mich nicht dazu durchringen, tatsächlich einmal ausgeschlafen zu sein, als müsste ich mich selbst für meine augenringelnde Existenz bestrafen.

Meine Haare sind wieder grellbunt und auf der Straße starren mich alle an. Nicht die Fußgänger*innen, die eher versuchen, ihre Blicke noch zu verstecken, aber die Menschen in den Autos. Ein wenig habe ich Angst, demnächst einen Verkehrsunfall zu verursachen, weil irgendwer zu lange auf meine Haare gestarrt hat. Dabei wasche ich sie jeden Tag extra gründlich, damit sie etwas schneller einen Pastellton annehmen, der vielleicht nicht mehr so stark auffällt.

Zum zweiten Mal innerhalb zwei Tage hat der Bus, den ich nach Hause nehmen will, Verspätung und ich stehe an einer Bushaltestelle in gefühlten Nirgendwo und muss warten, während die Beinaheschonabendsonne auf mich niederbrennt und ich meine Kappe aufsetzen muss, um nicht allzusehr geblendet zu werden. Ich beneide alle Menschen, die sich einfach so eine Sonnenbrille kaufen und aufsetzen können. Sie wissen gar nicht, wie gut es ihnen damit geht. Aber immerhin verursache ich so keine Unfälle.

Die Fallhöhe

Als ich das Fenster offen hatte.

Es ist der erste kühlere Abend seit einer gefühlten Ewigkeit und ich versuche, die Hitze aus meinem Zimmer zu vertreiben. Ich denke an das Schwitzen der letzten Tage, an das Schwitzen des letzten Tages, an meine tiefe Zufriedenheit nach der Dusche, mit nassen Haaren auf dem von der Sonne aufgewärmten Stuhl sitzend. Glück, flüchtig, nicht fassbar, nicht einmal wirklich spürbar, bis es wieder verschwindet.

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Die Fragen an den untergegangenen Mond

Als ich mir Fragen stellte.

Werde ich je noch ein einziges Mal tief und fest schlafen?
Werde ich je nicht eifersüchtig sein auf die halbe Welt?
Werde ich je einen anderen Nachthimmel sehen?
Werde ich je einen Text schreiben, mit dem ich zufrieden bin?
Werde ich je jede Faser und jedes Haar an mir akzeptieren können?
Werde ich je eine Biene streicheln?
Werde ich je an alles denken?
Werde ich je dieses Buch lesen, das mir einmal geliehen und einmal geschenkt wurde?
Werde ich mich je nicht mehr an P. erinnern?
Werde ich je die Sache mit dem T-Shirt vergessen?
Werde ich je ohne Kribbeln in den Händen sein?
Werde ich je wirklich glücklich sein?

Die Einströmung

Als es nur für ein paar Sätze reichte.

Es wird kühler, zumindest glaube ich daran, dass durch das geöffnete Fenster tatsächlich Luft einströmt. Andererseits bin ich nach einem einzigen Satz schon wieder so erschöpft, dass ich mich gleich hinlegen will. Es ist nichts mit mir anzufangen, und ich bedauere das selbst am allermeisten. Trotzdem möchte ich, dass immer Sommer ist, dass ich im hohen Gras liegen und die klaren Sterne über mir sehen kann, während der Wind leise an der Welt verzweifelt.

Der Fehlbalkon

Als es zu warm war.

Ich würde gerne über etwas anderes als die Hitzewelle schreiben. Ich halte es aber so schon kaum auf, also will ich mich wenigstens darüber beschweren. Während ich mich gleichzeitig nach Körperkontakt sehne. Vielleicht schwitze ich noch nicht genug, weil würde ich gerne gemeinsam schwitzen, weil verspreche ich mir Kühlung. Ich würde die Tür zum Balkon öffnen und die kalte Nachtluft reinlassen, wenn es auch nur eins dieser Elemente hier gäbe.

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Die Stoppelfelder

Als ich die Heuballen beobachtete.

Das Land sieht so friedlich aus, mit den frisch gemähten Wiesen, auf denen die Heuballen sitzen, als wären sie übergroße Mühlenspielsteine, mit denen niemand etwas anfangen kann. Es trügt, so wie so vieles einen Anschein erweckt, der nicht stimmt. Ich sehe zum Beispiel viel extrovertierter aus, als ich es vermutlich bin, höre mich weniger oder mehr intellektueller an, als ich Gedanken in Worte fassen kann.

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Das Bröckeln

Als ich nicht in den Abgrund starrte.

Jeden Tag bröckelt ein Stück Grundvertrauen in alle Menschen um mich herum weg, ich halte mich beinahe nur noch an mir selbst fest. Dabei steht auch ich am Abgrund, der beständig errodiert. Ich kann nicht runterschauen, denn ich habe etwas Höhenangst, die sich vor allem darin manifestiert, dass meine Brille mir von der Nase fallen könnte (und ich ihr hinterher).

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