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Gebirge (IV)

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Der Weg wird immer steiler. Das wundert mich nicht, denn ich erklimme ja einen Berg, der sich ja zuspitzen muss, was gleichzeitig bedeutet, dass alle Wege steiler werden müssen, je mehr ich mich der Spitze nähere. Zumindest scheint mir das eine logische Annahme zu sein. Ich habe zwar einen Gürtel voller merkwürdige Instrumente mit, die mir beim Bergsteigen helfen sollen, aber leider befindet sich darunter kein Miniaturphysikbuch, in dem ich solche Annahmen nachschlagen könnte. So sehr ich dies auch betrauere, so groß ist auch mein Misstrauen, in solch einem Werk überhaupt eine Antwort auf meine Fragestellung zu finden. Aber es bleibt keine Zeit, über den Inhalt hypothetischer Physikbücher zu sinnieren, ich muss zum Gipfel und überprüfen, ob der Himmel aus blauem Glas ist. Weiterlesen

Gebirge (III)

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Ich notiere weiter in mein unsichtbares, geistiges Notizbuch: „Das ist mir alles ein Rätsel. Warum stehe ich in einem Gebirge, wo ich Berge doch gar nicht mag und die Berge mich auch nicht?“ Ich habe die Geschichte schon oft erzählt, wie ich einmal den Fuß auf nacktes Gestein setzte und es im nächsten Moment anfing tischtennisballgroße Hagelkörner zu hageln und der schöne Wochenendausflug letzten Endes nur ein lange Autobahnfahrt in einem großen Auto wurde.

Das war nicht immer so. Weiterlesen

Gebirge II

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Ich tippe mit meinen Fingern auf dem Schreibtisch, gebe einen Takt an. Fast so, als würde ich ein Lied beginnen wollen. Aber ich habe kein Taktgefühl und keine Ahnung, wie Takte angezählt werden. Es erfüllt seinen Zweck. Das Geräusch meiner Nägel, die schneller wachsen, seit ich aus Versehen mit dem Rauchen aufgehört habe, auf dem Holz, das mich länger kennt als beinahe jede_r von euch, macht mich so nervös, dass ich mich aufraffe und das Zelt verlasse. In dem Zelt sah alles aus wie in meinem Jugendzimmer, mit dem einzigen Unterschied, dass die Wände statt aus Holz und Glaswolle aus Zeltstoff sind. Weiterlesen

Gebirge I

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Ich stehe in einem unmöglichen Gebirge. Die Felsen sind grün, wie geschliffener Speckstein und haben viel zu perfekte Formen. Zumindest scheinbar, denn bei näherem Hinsehen offenbart sich, dass die Pyramide abgeflachte Spitzen oder der Quader eingedellte Kanten hat. Ich fühle mich sofort unwohl, denn ich erkenne an den kleinen Gipfeln am Horizont, dass ich mich sehr hoch oben befinden muss. Ich habe noch keinen Anfall von Höhenangst, aber da ist etwas in meinem Bauch, das sich nicht gut anfühlt. Ich betrachte die skurrilen Formen der Felsen, die am Rand des Weges stehen, wie Skulpturen einer nicht sehr gut besuchten Ausstellung. Weiterlesen

Ebbe.

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„Du musst ja nicht jeden Tag bloggen.“, denke ich mir und irgendwer in mir murmelt eine Entschuldigung. Es war ein langer Tag, es ist jetzt schon spät, ich kann morgen ja zwei Posts schreiben, ich habe viele Mails geschrieben.

Aber ich will jeden Tag bloggen. Ich hatte mich fast schon dafür entschieden, nichts mehr zu schreiben und liege wach und angezogen im Bett und scrolle an tumblr entlang, blicke die Schräge an, die Wand ist und versuche, nicht auf die Uhr zu schauen und mein Telefon so zu halten, dass es mir nicht zu schwer wird oder meine Handgelenke nicht einschlafen. Und das ist das schlimme daran, keine Katze zu sein: Sich nicht einrollen können, nicht tiefenentspannt dabei aussehen. Jede Position ist auf Dauer unbequem, denn nach wenigen Minuten entschließt sich irgendein Körperteil, „einzuschlafen“ oder taub zu werden oder sonstwie darauf aufmerksam zu machen, dass die Idee, die vor drei Minuten noch gut schien, sehr blöd war. Weiterlesen

Pulloversegel

pulloversegel
Als ich das Haus verlasse, einmal mehr beinahe zu spät, habe ich meinen Pullover mit dem Totoromuster in der Hand und will ihn im Gehen in meine Umhängetasche stopfen. Der Wind, in diesem Teil der Welt ein seltener, aber meist gern gesehener Gast, bläst den Hügel, auf dem ich wohne, hoch und bläht den Pullover auf wie ein Segel. Ich versuche gegen den unerwarteten Widerstand anzugehen. Es muss aussehen wie in einem Comic, lustig und ein bisschen dramatisch zugleich, wie ich von meinem eigenen Lieblingspullover aufgehalten werde. Den Zug werde ich wahrscheinlich verpassen, wenn der Wind nicht nachlässt. Weiterlesen

Möwen.

möwen

Diese komischen Momente, in denen alles schlecht und sinnlos wirkt und du denkst, du müsstest die Leute vor dir warnen und ihnen sagen, sie sollen dich besser nicht fragen, wie es dir geht, weil jede Antwort nur eine schreckliche sein kann, aber dann musstest du eigentlich nur aufs Klo. Zumindest ist nach dem Wasserlassen alles wieder vergessen. Ich weiß nicht, woher das kommt, wieso sich diese Momente manchmal kommen. Ich sehe auf den Kalender und wundere mich über meine Planung. Dann fallen mir Dinge ein, die nichts damit zu tun haben, Aussagen und Geschichten, die fast zehn Jahre vorbei sind, alle Protagonist_innen sind mittlerweile verheiratet, verpartnert und/oder haben Kinder, was die Geschichten doch in ein gewisses anderes Licht rückt. Ich weiß nicht mehr, welche Szenen Gerüchte, welche erzählte Tatsachen und welche meine eigenen Träume waren. Weiterlesen

an unexpected package

package
Ich träume so gut wie nie oder erinnere mich nie an meine Träume, deswegen denke ich mir selbst welche aus …

Ich öffne die Tür eines Hauses am Rande des Waldes, das nicht mir gehört, das ich aber wohl bewohne. Vor der Tür liegt der Wald, dicht und grün und voller Unterholz. Außerdem liegt vor der Tür noch etwas, nämlich ein Paket. Es ist kein modernes mit amazon.com-Aufdruck und praktischer Lasche zum Aufreißen: Es ist altmodisch verschnürt und mit braunem Papier eingewickelt. Als Adresse steht nur mein Name drauf, in einer Schrift, die ich nicht lesen kann. Ich weiß aber, dass es mein Name ist. Anscheinend bin ich so bekannt, dass die Post mir die Pakete auch in den eigentlich undurchdringbaren Wald aus Dunkelgrün und Fichten bringt, wenn nur mein Name in einer komplett unleserlichen Schrift drauf steht. Das ist die einzige Erklärung, die ich akzeptiere und deswegen beginne ich noch auf der Türschwelle, die Schnur vom Paket loszuwickelen. Nach ungefähr einhundert Umdrehungen habe ich eine neue Spule Paketband, braun und fasrig und nach Staub riechend, wie aus der Schublade eines nicht genutzten Büros, in der Hand. Weiterlesen

rumoxidieren

rumoxidieren
„Pass auf, er hat heute wohl nicht viel anderes gemacht als hier rumhängen, also wird er etwas über uns schreiben!“, sagt wer über mich und ich überlege kurz, ob das wohl stimmt. Oder ob ich aus Trotz etwas ganz anderes schreiben sollte, vielleicht darüber, wie genial ich „Steven Universe“ finde oder wie gut die Musik von Kamsai Washington. Stattdessen nippe ich an meinem Cola-Bier und sage nichts oder etwas beschwichtigendes, denn ich kann meine großen Gedanken kaum noch aussprechen, die Worte sind immer unbeholfen, wenn sie erst einmal aus meinem Mund herauskommen. Weiterlesen

Mg2+

mg2plus
Ich träume so gut wie nie oder erinnere mich nie an meine Träume, deswegen denke ich mir selbst welche aus …

Gleich nach dem Einschlafen gleite ich aus dem Bett. Oder vielmehr: durch das Bett. Ich sehe mich selbst darin, wie in einem glitzernden Spiegel aus bewegtem Leintuch, das entfernt nach Wasseroberfläche aussieht. Obwohl ich eigentlich in dem Zimmer unter meinem Fußboden (oder zumindest unter meinem Bett) schweben sollte, befinde ich mich im dunkelblauen Nachthimmel. Es ist noch nicht sehr spät, aber einige spitze Sterne sind schon aufgegangen. Der Mond ist aus irgendeinem Grund dreieckig und keine Sichel oder ein Rund. Ich kann darüber nicht staunen, immerhin wurde dem Mond in letzter Zeit wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Weiterlesen