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Rote Zeichen

Ich taumele durch die kalte Stadt. Aus einem Mietshaus über einem Elektrowarengeschäft, wo sie vor allem Lampen verkaufen, schaut mir eine dicke Frau an, die davor mit ihrer Fliegenklatsche herum gewedelt hatte. Aus welchem Grund auch immer.
Wenn ich zurückblicke, sehe ich leichten Schneefall, obwohl es so kalt nicht einmal war.
Alles in allem war es doch schön.
Rote Zeichen im Kalender.
Todeslinien, Grenzen, wie im Krieg. Unübertretbar. Gewaltige, alles auffressende Monster aus roten Buchstaben, die das Ende von allem bedeuten.
Und dennoch nur ein Stück Papier.
Ein weißer Morgenhorizont über einer fahlen Graslandschaft, auf der der Schatten eines Zeppelins zu sehen ist.
„Alles ist noch so weit“, stöhne ich und weiß nicht einmal, was ich genau damit meine. Die Motoren sind nur leise und dumpf zu hören, kaum wahrnehmbar.

Zeppelin cc by rockstarassi

Der Nebel verschluckt alles, ohne gefräßig zu sein.
Die Kapuze ein wenig tiefer ins Gesicht
„Dies wird ein Krieg“, dachte ich, aber bis jetzt hat sich noch niemand so benommen.
Im Kopf versuche ich einige der roten Zeichen auszuwischen, taktiere, spiele Schach gegen mich selbst.
Führt das alles zu irgendetwas?
Kubakrise. Examen. Semester. Immer und immer und immer und immer und immer und immer wieder.
Der Kapitän hat eine Halbglatze, aber keinen typischen Schnurrbart, wie wir ihn uns alle für unsere Großväter gewünscht haben.
Ich bräuchte eine Schreibmaschine in meinem Kopf um dies alles richtig ausdrücken zu können.
Man sollte ein Buch schreiben und die Seiten per Laserstrahl in den Himmel brennen.
Nicht einmal Nebellichter würden jetzt noch etwas ausrichten.
Vielleicht wächst uns ja bald ein Horn?
Die 23 kleineren Dieselmotoren der Vernunft schweigen heute, denn auch sie sind Gewerkschaftsmitglieder.
STREIK! STREIK! ANARCHIE! KOMMUNISMUS! SPRENGT ALLES, AUCH DIE SCHWEINE!
Es gilt, alle Verhältnisse umzustürzen, in denen der Mensch …
Marx hasste Trier, und wir fahren zum Einkaufen dorthin.
In Polen hingen die Sterne besonders tief.

Langsam schaufeln sich die Rotoren des Zeppelins durch den dicken Nebel.
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Rheinufer

Rheinufer, denke ich. Immer nur Rheinufer.
Ein Schiff mit bunten Girlanden zieht vorbei.
Du bist Ostern nicht Baden gegangen, hast dich nicht rheingewaschen und bereust das immer noch.
Rheinufer.
Dir fällt nichts ein, du blickst in den leeren, grauen Himmel und auch von da fällt nichts, kein Regen, kein Meister, keine Inspiration.
Rheinufer.

Rheinufer (cc by phototram)

Diese Stadt hat dir schon einmal nicht gut getan, dich in den Wahnsinn getrieben.
„Du Ratte!“. Irgendwo spricht jemand mit einem Telefon.
Ein schneeweißer Dom, Bahnhofskapelle, mit dem Dreck nur von Friedenstauben.
M., L., S. und B. verschwinden in einem U-Bahnschacht. Wie Rohrpost verlieren wir uns. zwischen zwei Rheinufern.
In meinem Kopf nur Ufer und U-bahn, nur Stadt und Plan, alles kreist sich um die Engel des Elfenbeinturms.
Als gäbe es keine andere Zeit. Es bleibt doch immer noch ein Ticket, eine Wegbeschreibung, ein Kölsch, ein Gedanke, ein anderes Mal, eine Decke, ein T-Shirt, ein Stift, ein Block, eine Lampe, sonst nichts.
Der Kreist schließt sich. Am Rheinufer?
Das ist nicht wahr.
Die Straße, die alle Romantik besiegt, führt nach Luxemburg.
Wie gut, dass ich die Bahn nehme.

(Photo cc by phototram)

(Meeres)rauschen.

Dies ist der elfte Teil einer Geschichte um ein Mädchen mit dem Namen Ina, ihren Exfreund und ihre Freundin.
1. Teil: Hoffnung. 2. Teil: Entmut. 3. Teil: Überwindung. 4. Teil: Türschwelle 5. Teil: Ina. 6. Teil: Vergessen. 7. Teil: Mullbinde.
8. Teil: Entscheidungsfindung 9. Teil: Dachboden. 10. Teil: Cercidiphyllum japonicum

Die plötzliche Wärme der Küche stach in seinen Fingerspitzen.
Ina hatte ihm irgendwann mal erzählt, dass ihr Mutter ein spezielles Wort dafür gewusst hatte, aber er konnte sich nicht mehr daran erinnern. Vielleicht war es auch nur ein Ausdruck gewesen, der nur in ihrer Familie entstanden war.

Zoës Gesicht war leicht gerötet und sie grinste Ina und ihn an. Leise, aber mit einem deutlichen Lächeln in der Stimme verkündete sie:
„Ich habe es gefunden. Wollen wir es lesen?“

Das war es jetzt. Der Moment der Wahrheit, sozusagen. Er wusste, dass das Gedicht wahrscheinlich nicht zu den Besten gehörte, die er je geschrieben hatte. Aber war es nur romantisch verklärter Kitsch oder hing mehr daran?
Vor allem aber beschäftigte ihn die Frage, wie das Gedicht wohl auf ihn wirken würde. Und wie auf Ina.
Vielleicht war es ein Fehler gewesen, nach dem Gedicht zu fragen. Aber vielleicht war es auch ein Fehler gewesen, überhaupt zu Ina zu fahren. Aber es war nun einmal so passiert und jetzt konnte er nichts mehr daran ändern.

Zoë schlug den Ordner auf dem Küchentisch auf.
Trotz ihrer offensichtlichen Vorsicht wirbelte eine beachtliche Menge Staub auf. Wie eine Art Nebel versperrte er einen Moment lang die Sicht auf das Papier und kitzelte unangenehm in seiner Nase.

Er beugte sich über den Küchentisch und spürte wie Ina und Zoë das gleiche taten. Es war ihm irgendwie peinlich, zu dritt über dieses Blatt gebeugt zu stehen, aber seine Neugier, sein Durst nach Erinnerungen war stärker. Und so las er:

Sanfter Sommerwind wispert einsame Botschaften der Sterne
in die Ohren engumschlugener Körper, stöhnend und nassgeschwitzt
Sprache nur aus Bassnoten lässt Trommelfelle vibrieren
gemeinsamer Takt verbindet über Körpergrenzen
das, was zusammengehört in dunkler Nacht

an der Küste, Grenze zur Unendlichkeit des Ozeans
an der Küste, Ziel der mystischen Reise
an der Küste, voll der Liebe und des Schweisses
an der Küste, Anfang, nicht Ende der Reise
an der Küste, wo nur Sand ein Bett bildet
an der Küste, Ursprung der gemeinsamen Gedanken

Körper nur aus Zungen und Fingern und Löchern
Alles hier ist Liebe und Zärtlichkeit und Sex und Extase
Alles hier ist Inpiration und Idee
Alles hier ist Schwermut und Euphorie und Melancholie und Sinnlichkeit
Alles hier vibriert im Lied der Sterne

Kein Brunnen, in den man hinabsteigen muss
alles liegt offen, alles Geheimnisse gelüftet
kein Fluss, der die Geschlechter trennt
alle Teile fügen sich nahtlos zusammen
kein Käfig, die Vögel zu bewahren
alle Geister fliegen hoch unter diesem Himmel

Dieser Moment gehört den Verbundenen
auf ewig festgehalten auf Papier und im Geiste
Geheimniss für alle Uneingeweihten
verschlossen im Herzen des vereinten Körpers

Alles zerfliesst in Sinneseindrücken
Geist und Körper zu oranger Masse
lieblicher Stoff der Extase
erstarrt zum Denkmal für diesen Moment

Eine Zeit lang sagte niemand was und er hatte das Gefühl, als würden beide Mädchen seinen Blicken ausweichen.

„Also es ist ja schon ein wenig kitschig, wenn man das so als Außenstehende liest.“, meinte Zoë und schaute fragend in die Runde.
Ina lächelte. Sie hatte ein Knie angewinkelt und strich mit ihrem Kinn darüber, während das andere ausgestreckt unter dem Küchentisch lag.
„Ich mag verschiedene Zeilen. Klar ist es romantisch und verklärt, aber ist das nicht auch normal in der Situation? Ich finde, man sollte das Recht haben, auch manchmal kitschig sein zu dürfen!“

Ina erinnerte sich jetzt wieder ganz genau.
Sie sah die kleine Bucht vor ihrem inneren Auge. Jene Bucht, in der sie das Gedicht zusammen geschrieben hatten.

small bay cc by Will Palmer

Sie waren den ganzen Tag unterwegs gewesen und hatten gegen Abend, als es eigentlich schon fast zu spät gewesen war, um noch irgendwo stehen zu bleiben, das Auto an einer einsamen Bucht geparkt.
Keine Menschenseele war an diesem Ort gewesen, was Ina wie ein Wunder erschienen war und die ohnehin schon mystische Aura der Bucht noch verstärkt hatte.

Wenn aus dem nahe gelegenen Wald Einhörner galoppiert wären, so hätte das Ina bei diesem nicht gestört, im Gegenteil, es wäre ihr völlig logisch und stimmig vorgekommen, sie hatte es sich schon fast erwartet.
Ein niedriger Rasen, der nach Kräutern geduftet hatte war über gegangen in einen schmalen Strand aus weißlichem Sand, an der das tiefblaue Meer gebrandet hatte. Scharfe, grauweiße Felsen, mit rotbraunen Flechten bewachsen, hatten die Bucht, die nur etwa 100 Meter breit gewesen war, abgetrennt. Hinter der Grasfläche, die wohl manchmal als Liegewiese benutzt worden war, hatte ein junger Birkenwald gestanden, durch den sie gefahren waren.

Die Sonne hatte schon ziemlich tief am Himmel gestanden, aber trotzdem hatten sie der Versuchung, in dieser Bucht auszusteigen, nicht widerstehen können.

Sie wusste nicht mehr, wer von ihnen Beiden das Wort „Nacktbaden“ zuerst gesagt hatte, dieses Konzept, das irgendetwas Verbotenes, Verruchtes hatte. Natürlich hatten sie Beide Badesachen dabei gehabt, aber das war egal gewesen, nachdem diese Idee ausgesprochen gewesen war, durch die Wortwerdung beinahe schon verstofflicht.

Und so waren sie nackt in das doch schon ziemlich kalte Wasser gestiegen – und das Eine hatte zum Anderem geführt.
Merkwürdig wie hell und klar die Erinnerungen an diese eine Nacht wieder waren, wie dieses Gedicht dies alles zurückgebracht hatte. Ina war, als könnte sie sich an jedes Detail erinnern, an den Sex, an die schier endlosen Streicheleinheiten, an die Decke, in der sie beide ihre nackten Körper eingewickelt und dann gedichtet hatten, an das Gespräch, das erst ein Ende gefunden hatte, als sie eingeschlafen war.

Sie fragte sich, ob es ihm genauso ging, ob er die gleichen Bilder vor seinem geistigen Auge hatte und vor allem wie sie sich für ihn anfühlten.

Sie selbst sah die Sache zwiespältig: Einerseits hatte er ihr weh getan – und sie ihm wahrscheinlich auch, und sie wollte nicht unbedingt viel an diese Zeit denken, auch wegen Zoë nicht. Anderseits waren die Bilder in ihrem Kopf schön, fühlten sich gut an und jagten ihr einen wohligen Schauer über den Rücken.

Sie brauchte einen Moment, um ihren Blick zu fixieren, sie hatte in die weiße Leere außerhalb des Küchenfensters gestarrt, ohne Fokus.
Zoë sah ihr direkt in die Augen, hob dabei eine Braue, als sie bemerkte, dass Ina den Mund öffnete, sich leiste räusperte und dann mit trockener Kehle in den Raum warf:
„Ich sehe diese Nacht wieder genau vor mir, obwohl ich das eigentlich vergessen hatte. Vielleicht ist das eins der schönsten Dinge, die Poesie mit uns anstellt: Sie zaubert uns Bilder in den Kopf und wenn wir selbst geschrieben haben, sind es sogar Erinnerungen, so klar wie nur selten.“

„Ich sehe sie auch“, meinte er mit belegter Stimme, „und ich weiß nicht, welches Gefühl überwiegt. Vielleicht ist es tatsächlich der Schmerz.“

Ina bemerkte wie seine Hand leicht zitterte.

(Picture cc by Will Palmer)

Der letzte Mensch auf Erden

Ich fühlte mich gestern Abend so, als wäre ich der letzte Mensch auf Erden. Mir wurden traurige Dinge erzählt, ausserdem war ich wütend über mich selbst dass ich zwei kredikartengroße Karten im Dunkeln und betrunken miteinander verwechselt hatte und ich so eine Bankkarte anstatt meiner Buskarte hatte. Dann war der Tausch Buskarte gegen Bankkarte geplatzt, weil ich mein Handy nicht ständig mit mir rumtrug.
Und da saß ich, in meinen Ohren nur die 8bit-Lagerfeuermusik von pornophonique und auf dem Bildschirm nur Schreckensmeldungen. Es hätte mich eigentlich nicht gewundert, wenn sich ein Pop-Up mit dem Bild einer Großstadt, die gerade von den Space Invaders angegriffen wird, geöffnet hätte. Ich fühlte mich einsam und wusste noch nicht einmal wirklich wieso.

Und irgendwann bin ich dann doch eingeschlafen und träumte wie wild.
Ich wachte (im Traum, aber das war einer der Träume, die einem nach den Aufwachen so plausibel erscheinen, weil all das andere Zeugs, das man geträumt hat, noch viel unplausibler war) irgendwo auf einem Fußboden auf. Der befand sich nach meinem Gefühl in meinem alten Kinderschlafzimmer, sah aber nicht so aus. Ich redete verwirrt mit Radiobekannten, die offensichtlich mein Erwachen beobachtet hatten und meinten, ich solle mal auf die Uhr schauen. Es war 16 Uhr. Im Traum fand ich es sehr plausibel, dass ich halt nur bis 16 Uhr (Samstags, also noch VOR meinem Einschlafen) auf diesem Fußboden geschlafen hatte. Wir gingen dann Essen und aßen unmengen von irgendwetwas, an das ich mich nicht erinnern, das im Nachhinein aber gut und gerne polnische Pfannkuchen und auch in einer polnischen Kantine gewesen sein kann.

In einem anderem Traum oder in einer anderen Szene befanden wir uns dann auf einem gigantischen Jahrmarkt, einer Kirmes, die sich gefühlsmäßig aber merkwürdigerweise auf dem Marktplatz von E. (also dort, wo hier immer die Kirmes stattfindet) befand. Dort sollten wir von einem Arzt untersucht werden, was nötig war, bevor wir irgendeine Reise antreten konnten. (Kontextmäßig vermute ich mal irgendeinen weiteren Radioaustausch) A. war als erste dran, und der Arzt, der (was mir wiederum sehr logisch nicht unlogisch vorkam) hinter einem im sich im Aufbau befindendem Essenverkaufsstand befand und A. irgendein Untersuchungsinstrument zeigte. Es sah aus wie ein Otoskop, nur ungleich dicker und mit einer blauen Scheibe an der Spitze. A. schreckte zurück und meinte, ich sollte doch als Erster gehen. Ich fragte mich, welche Körperöffnung dieses Instrument begutachten sollte, vor allem, wenn es auch an mir angewendet werden sollte. [Oh FSM, jetzt kommen die Freudiander wieder und interpretieren das alles!]

Irgendwann war es dann an mir, aber ich musste furchtbar aufs Klo. Ich fragte den Arzt, ob ich noch kurz aufs Klo könnte, ehe ich mich der Untersuchung unterziehen müsste. Und da fing mein Unterbewusstsein an, zu mashupen und legte einen Traum rein, den ich schon einma geträumt hatte. Ich sah ein Schild mit dem Klosymbol und eine Art Tunnel. Und obwohl beides unmittelbar miteinander verknüpft war, musste ich erst eine ziemlich lange Treppe hochgehen und durch einen Tunnel rennen (das seltsamerweise ein wenig nach Sci-Fi-Dekoration aussah) bevor ich dann merkte, dass ich dort schon einmal gewesen war und damals schon nicht das Klo dort gefunden hatte. Ein Déja-Vue im Traum. Ich denke, ich habe das schon mal geträumt und errinnerte mich im Traum daran, als ob meine Traumwelt in sich stimmig wäre. (Was ich bei näherem Nachdenken SEHR scary finde und mir Schauer über den Rücken jagt. [Und ich frage mich, wie Frühmenschen mit Träumen umgegangen sind – mit so einer Erfahrung muss der Erste, der sie macht (und irgendwann muss es ja einen „Ersten“ gegeben haben) erstmal umgehen)
Wir, ich hatte eine Gruppe von gesichtlosen „Bekannten“ hinter mir, machten kehrt, kamen aber nicht am Eingang raus sondern irgendwo hinter dem Rummelplatz, was irgendwo zwischen Schrottplätzen und Schrebergärten war. Es gab wohl Termindruck, denn ich stachelte einen meiner Begleiter zur Eile an und schickte die Anderen auf einen anderen, längeren Weg.

Der Arzt war nicht mehr hinter dem jetzt fertig aufgebauten Essensstand. Einer der Mitarbeiter sagte mir, er sei jetzt in seinem Haus und zeigte mir die Richtung. Das Haus des Arztes stellte sich als weiße Kuppel heraus. Er erwartete uns bereits. Anstatt einer Untersuchung warf er nur seinen DVDplayer und Projektor an und meinte, er würde sich eine Folge von Star Trek: Voyager mit uns ansehen. Stattdessen lief aber eine merkwürdige Timeline, die aussah wie irgendein flashinterface, das ich kenne, aber nicht genau benennen kann. Der Doktor meinte noch, es gäbe ja nicht viele Star Trek Fans und ich meinte dann es gäbe „hier“ aber einige. Wobei das „hier“ sowas wie „an Bord“/“in dieser Gemeinschaft“ bedeute.

Und immer wieder: Wieso noch Drogen nehmen? Wieso noch Alkohol trinken? Wieso noch vor die Tür gehen?
Achja, um diese Träume zu vergessen…

And all that could have been

Du sitzt im Zug (mal wieder!) und denkst, dass du wieder etwas schreiben möchtest. Anderseits überwiegt das Gefühl, sich nicht mit der momentanen Situation beschäftigen zu wollen.

Dein Spiegelbild im Fenster wirkt fremd, eine andere Person, die du merkwürdigerweise auch bist. Eigentlich hattest du ein Hörspiel hören wollen, um nicht denken zu müssen und von einer menschlichen Stimme getröstet zu werden. Und dann: iPod auf shuffle, Entdeckungsreise durch die Musikgeschichte.

Bedeutet ein Frisurenwechsel irgendetwas? Vielleicht repräsentiert ein kahler Kopf auch die Leere in dir, unbewusst, unterbewusst, gewusst?
Wobei »leer« vielleicht auch nicht das richtige Wort ist.

Es ist einfach das Gefühl, das da etwas fehlt, die Sophia, die Muse, ein mythologischer Nordpol, zu dem du dich drehen kannst, während du deine atheistischen Gebete sprichst.
Als ob das erstrebenswert wäre. In Wahrheit sind doch da ganz andere Dinge, die sich viel mehr gewünscht werden. Oder? Eigentlich weißt du das selbst nicht so genau. Alles sind lose Enden und Puzzlestücke und Scherben und Blut und Gedärme.

Ich möchte mein Universum wieder aufbauen und lustige, einfache Sci-Fi schreiben, aber ich kann das nicht, weil weil weil…
(Notiz an mich selbst: Zar enthaupten. Vielleicht auch Mond und Sterne.)

Das foucaultsche Pendel im Conservatoire des Arts et Metiers in Paris

Du hast das Pendel gesehen und bist davor zurück geschreckt. Alles, was bleibt, sind grobkörnige Fotos und die Gewissheit, dort gewesen zu sein, es gesehen und gespürt zu haben.

Vielleicht ist das auch der Grund. Nachdem du die allerheiligste Reliquie deiner Mythologie gesehen hast, bleibt da nichts mehr. Es sei denn, du könntest die Welt im Innern eines gigantischen Kampfroboters retten.

Das Gefühl der Ungewissheit ist der Gewissheit des Ungefühlten gewichen. Einsame Autofahrten durch dunkle Wälder, wütend-traurige Gespräche über Sinn und Zweck und Schmerz und Narben und die Dinge, die hätten sein können.

Immer, immer wieder dieses Bild der Wegkreuzung irgendwo am Waldesrand in M., die stellvertretend dafür steht, dass man immer nur einen Weg gehen kann und dir Geschichten, die hätten sein können, Bände in unsichtbaren Universitäten füllen und jedes Mal ein Paralleluniversum bevölkern.

Alle Bibliotheken sind voll mit Büchern, die du nie lesen können wirst, voll mit Geschichten, die dein Herz nie berühren, deine Inspiration nie nähren werden.
Und dennoch möchtest du nur noch welche schreibe, um ein weiteres Regal zu füllen.

Lichter funkeln in der Dunkelheit. Tote Sterne oder weit entfernte Städte? Vielleicht letzten Endes das Gleiche: Orte, die du nie besuchen wirst.

Und dennoch geht die aussichtslose Reise zum Fixpunkt des Lebens weiter.

[0808042250]

Funkstille

Montage waren schon immer die Tage, an denen ich am späten Nachmittag durch die Stadt geirrt bin und nicht wusste, was genau ich tun sollte. Zu früh, um heimzugehen oder sich zu besaufen, zu spät, um sich irgendwelche Nachmittagsaktivitäten auszudenken. Der Höhepunkt der Woche war vorbei und es blieb eine merkwürdige Leere, von der ich nicht wusste, wie sie ausfüllen.

Und auch heute, da der Regen uns wieder einmal verschlingt und seine giftige Säure auf die wenigen noch verbleibenden Wälder (Was für ein Blödsinn! In Luxemburg gibt es schon fast zu viel, zu alten Wald) schüttet, spüre ich eine Leere in mir. Gestern Lustlosigkeit, heute Leere. Alle Krüge sind gebrochen. Das Funkgerät an Bord des Zeppelins bleibt, bis auf die Meldung, es gebe nichts zu sagen, stumm. Ich schwebe einsam und alleine über der Nordsee. Luftpirat.

Ich bin ohne Ziel. Ã…land, Island, Kanada?
Ich lese freudige Nachrichten über und aus vergangenen, glücklicheren Tagen. Sie sind wertlos. Zerstört in nur einer Nacht. Und alles, was bleibt, sind Einmachgläser, die du nicht anfassen willst.
Ein Stapel Papiere fliegt aus dem Fenster, segelt langsam Richtung Meer. Es war notwendig, damit es nicht zu sehr schmerzt. Ein stechender, pochender Schmerz in der Stirn. Du siehst auf die Instrumente im Cockpit, Armaturenbrett deluxe, drückst ein paar Schalter, regelst einige Werte. Beschäftigung, damit es keine Auseinandersetzung gibt. Das gute als Rauf und Runter-Spiel. Dadaismus der Seele. Mindfuck. Du siehst jede Minute auf die Uhr, deren Zeiger zu schleichen scheint. Worauf wartest du eigentlich?

Auf nichts.
Darauf, dass die Leere sich wieder füllt.
»Aye, Aye, Captain! « und ne Buddel voll Rum.
Alles ist illuminiert und dennoch sehe ich rein gar nichts. Und sprich nur ein Wort und meine Seele stürzt sich in einen tiefen Abgrund. Selbstzitat.
Bin ich denn krank? War das eine Seuche? Ist das ein Verbrechen gewesen?

Vom Kurs abgekommen. Oder auch nicht. In der Ferne leuchten die Lichter von London.

[0804282015]

Ein dicker Strich aus schwarzer Kreide

Ich stehe überall und nirgendwo.
Ich bin ein Autor des Webs, der neuen Generation, immer online, immer erreichbar, nie da.
Ich habe mich verloren in den unendlichen Weiten des Internets, habe gesurft, gebrowst, habe in den großen Flammenkriegen gekämpft, in der Piratenbucht gerastet.
Ich habe mehr nackte Frauen gesehen als Casanova und habe dennoch nie eine von ihnen berührt.
Ich bin aufgewachsen mit dem Versprechen von vernetzen Kühlschränken, der ewigen Jugend und genetisch manipuliertem Gemüse, verlor meine Jugend in den dunklen Höhlen des IRCs und in Diskussionsforen, die mir wie erstrebenswerte Elfenbeintürme der eloquenten Diskussionskunst erschienen.
Ich bin umgeben von Technologie, spreche in mein mobiles Telefon, sende unsichtbare Botschaften durch den Äther, rede mit dem Mikrofon, fahre von A nach B mit Biozügen, höre Musik mit tragbaren Festplatten, haue Texte in Sekundenschnelle in die Tastatur, die fast zu langsam ist, um meinen Gedanken zu folgen.

Und dennoch sind meine Gedanken und Bilder zu tiefst organisch. Ein dicker Strich aus schwarzer Kreide ziert meine Stirn, darunter steht in kleinen Lettern »open here«.
Das getan, quellen Nervenstränge aus dem unter Druck stehenden Schädel. Wie organische Kabel verknoten sie sich um die Hände, fesseln den Körper, während die entsetzten Augen weit geöffnet zusehen, wie man sich selbst verschlingt. Das letzte, was sie sehen, sind die dicken Enden der Nervenstränge, die sich fühlerartig in die Augenhöhlen bohren, um sich mit dem Gehirn zu verbinden.

Man fällt kopfüber in flüssiges Silizium und wird zum Cyborg, Widerstand ist zwecklos. Unter den Achselhöhlen wachsen USB-Anschlüsse, Aus der Leber wird eine Festplatte. Ein Elektromotor ersetzt das Herz, zum endlichen Dynamo verpflichtet. Einzig das Gehirn wird nicht ersetzt, sondern mit Prozessoren durchwuchert. Geschlechtsteile werden durch Kabel bzw. Anschlüsse ersetzt. DNA wird künftig nur noch binär ausgetauscht. Human 2.0.

Ich schreie laut »Nein!« und renne mit laufender Kettensäge auf die Straße, um diesen Wahnsinn zu stoppen. Niemand hört mich, aber es ist auch niemand da, denn alle sind dabei, ihre cybernetischen Träume zu träumen, während ich als einziger in das Auge der Kamera und der Pyramide geblickt habe und weiß, dass tote Menschen von der Decke hängen. Hier fängt es an kryptisch zu werden. Als wären deine eigenen Gedanken in einer unleserlichen Schrift verfasst.
Die Kettensäge verstummt.

Ich stehe auf einem Hochhaus, und I. ist bei mir. Sie brüllt mich an, während ich mich immer weiter der totbringenden Kante nähere. Ich habe ein wenig Höhenangst, wobei es sich vor allem um die Angst handelt, dass ich meine Brille verliere. Nichts wäre schlimmerer, als halbblind durch die Gegend zu torkeln und sich zu dem nächsten Optiker durchfragen zu müssen (außer vielleicht ein Genickbruch!). Alle Zähne der Kette sind stumpf, der Vergaser verstopft, der Kolben rostig.
Auf mich ist eine Pistole gerichtet, obwohl ich nicht sehe, vorher sie kommt.
Unten auf der Straße marschiert eine Armee von cybernetisch aufgerüsteten Menschen, während ein Verrückter aus einer Telefonzelle, in die ein altmodischer Sportwagen gekracht ist, fällt und sein Partner mit einem flammenbewehrten Gehstock auf die Veränderten einschlägt.
Diese Dinge sind nichts für mich, denn ich muss meinen eigenen Kampf ausfechten, bei dem ich zusehens die Waffen verliere. Alle Krüge brechen, aus ihnen fließt eine zähflüssige, rote Masse, die nach Sperma riecht und wie Blut aussieht. Kleine Insekten steigen an die Oberfläche, breiten ihre Flügel zum trocknen aus und schwärmen aus.

100 Meter unter dir: Kampflärm und Medikamentenmissbrauch.
Alles Gesagte mutiert zu grässlichen, fleischfressenden Dinosauriern, die in ihrer eigenen, heiseren Sprache rappen und sich gegenseitig verletzen. Ein Urmonster nach dem anderem wird aus den Dingen, die einst heilig waren.
Nicht einmal mehr das ewige Feuer brennt, wo ihr einst saßt und über Rasur gesprochen habt.

Es gibt keinen Grund mehr, zu kämpfen. Es gibt überhaupt keinen Grund für das Ganze. Man hätte diese Worte nie sprechen dürfen, nicht einmal denken. Du stehst auf dem Rand. Eine kleine Mauer, 5 cm höher als das Dach. Hinter dir der Abgrund, aus dem noch immer merkwürdig futuristischer Lärm zu hören ist.

Du stellst eine letzte, verzweifelte Frage.
In der Zeit zwischen deiner letzten Silbe und ihrer Antwort schwingt das Pendel in Paris einmal in und her. Du kannst es hören, vor einem innerem Auge sehen, die Luftbewegung spüren, du fühlst es in jeder Zelle deines Körpers. Vom Chor der Abteikirche von Saint-Martin-des-Champs im Conservatoire des Arts et Métiers in Paris bis zu dir, auf diesem gottverlassenen Dach hoch oben über der Stadt voller Tod und Mikrochips dringt die Botschaft der völligen Klarheit. Du erkennst, wirst erleuchtet, atmest mit einem Male alles ein, was zu wissen gilt. Dein Gehirn kristallisiert für einen Moment zu einem vollkommenen Diamanten, und für diese kurze Sekunde ist für dich alles so schrecklich und furchtbar durchsichtig, dass du ihre Antwort nicht einmal mal abzuwarten bräuchtest.

Das einzige, was jetzt noch bleibt,
Nachdem sie den Mund geschlossen hat, springst du.

Ein Zeppelin fängt dich auf. Du fühlst dich wie Luke S., die Szene sieht in deinem Kopf so aus, als hättest du auch gerade deine Hand verloren. Dabei warst du kaum fünf Minuten bewusstlos.
Das Pendel wird schwächer. Der Kurs ist nach Island gesetzt.

Badezimmer

Das Badezimmer ist viel zu hell jetzt. Früher waren die Fliesen rosa und das warme, aber schwache Licht über dem Spiegel ließ einem das eigene Spiegelbild wie ein Polaroidfoto erscheinen, wie weich gezeichnet.
Es ist warm, als du herein kommst, einen großen Krug Tee in der Hand, obwohl du sie erst vor wenigen Minuten eingeschaltet hast. Du fragst dich kurz, wieso das Badezimmer so schnell heiß wird, während die Heizung in deinem Zimmer nur blubbert, das Zimmer aber ewig kalt bleibt.

Die Gedanken wirbeln wild durcheinander. Unerfülltes Sexualleben prallt gegen wiedergefundene Gedichte. Du liegst im Bett und wünschst dir, sie würde neben dir liegen, obwohl dort überhaupt kein Platz ist. Merkwürdige Flugblätter über vermisste Hunde. All deine Wünsche bedeuten nichts, denn du wünschst sie nicht wirklich. »Es ist einfach nur langweilig.«, meint sie und du weißt nicht, was du sagen sollst. Dazwischen die Flucht vor den eigenen Eltern, wie aus einem dieser Drogenbücher, die man in der Schule lesen musste. Unwirklich, ihre Stimme am Telefon. Du wolltest vorlesen. Die Sterne verschwinden im Regen, der alles verschluckt. Jetzt ist der Winter schon wieder fast vorbei. Sie spielt mit dem Gedanken, dir Texte zu zeigen. Das ist fast so gut wie Sex. Mit Zwanzig hat niemand mehr Illusionen. Du weißt noch, dass du geträumt hast, aber die einzige Erinnerung ist eine karamellfarbene Pampe, die wie aus einem Fleischwolf gepresst durch deinen Kopf zieht. Ein verwischtes Bild, auf in Großbuchstaben mit eben dieser Pampe »SEX« geschrieben steht. Alles unklar. Vielleicht ging es auch nur um Geld. Der Frühling, der Sommer, er wirkt bedrohlich. Unfälle auf den Vogelfelsen irgendwo am Mittelmeer. Wie lange kannst du dir das alles noch anhören?

Der Spiegel wirkt wie ein scharfes Messer, das die unbarmherzige, haarige Realität hervorzeigt. Vielleicht sehen alle anderen durch deine Kleider hindurch, erkennen das Monster, das sich darunter verbirgt, und das ist der wahre Grund. Das wäre nett, immerhin kannst du wenig dafür und bist dennoch Schuld. Das warme Badewasser lässt dich alles vergessen. Ein Krug voller Tee und ein Buch mit melancholischen Kurzgeschichten.
Dies ist der Himmel. Für kurze Zeit.

Zugunglück

[0802192011] Schwarze Materie verschlingt mich. Was für ein Alptraum.
Der Zug, in dem du sitzt, bleibt auf dem Abstellgleis stehen und bewegt sich nicht mehr.
Mit einem Male fällt dir auf, wie unrasiert du bist. Aber so lange es nicht kratzt, ist alles in Ordnung. Oder es stört dich dann auf jeden Fall nicht.
Netwon schlägt mit all seinen Gesetzen gleichzeitig auf dich ein, was dir das Bewusstsein einimpft, dass Physik ein schwieriger Begleiter für Texte ist. Immer und immer wieder Fahrten durch das Dunkle. Als bestünde das Leben nur aus einem schwarzen Rohr, durch das du ständig hindurch fährst, hin und zurück, hin und zurück, immer wieder. Der Nachtzug als Ersatz für die U-Bahn. Urbanes Leben in der Einöde.
Nachrichten fliegen ratternd durch den Äther, knistern in den Ampliflikatoren und Transistoren unterwegs, während du nur Sender/Empfänger bist. Kommunikation ist niemals selbst reisen. Still beneidest du die elektromagnetischen Wellen für ihre Reisefreiheit.

Getriebe

Dies ist die beste aller Zeiten – dies ist die schlechteste aller Zeiten.
Es regnet ohne Unterlass. Es wird nie wieder aufhören. Sommer und Winter werden Erinnerungen sein, zu Legenden werden und einzig das Sterben und Wiederauferstehen der Pflanzen wird uns daran erinnern, dass es sie einmal gegeben hat.
Eine Welt ohne Jahreszeiten. Die Wirklichkeit verschwindet unter einem Schleier aus ewig währendem Regen, gefüllt mit den Gerüchen nasser Haare und Hunde. Alles wird unwirklich.

Plötzlich stehst du am Flughafen, hast irgendeine wichtige Lieferung abgegeben, und redest noch ein wenig mit den Leuten dort. Ein Flugzeug dröhnt über dich hinweg. Reisende, Flüchtlinge, irgendwohin, egal wo, Hauptsache weg. Fast wünschst du, das Flugzeug explodiere, um die Hoffnungslosigkeit der Flucht zu metaphersieren.
Du kannst nichts tun als hier zu stehen und kleine, wohl dosierte Päckchen ins Paradies zu schicken. Ob es etwas bringt?
Manchmal kommen Postkarten zurück.
Irgendwo im Dunkeln verschwindet eine Telefonzelle.

Du gehst zurück durch den Regen, und wünschst dir, der Hund wäre da, damit du wenigstens einen Gefährten hättest. So bleiben bloß deine Gedanken, groß und erschreckend. Zahnräder greifen ineinander, d1/d2 = n2/n1, krächzend, ächzend, beginnt die Falle dich zu verschlucken. Der Bürgersteig versinkt mechanisch im Boden, du weißt vor Schreck nicht, was zu tun ist. Das letzte, was du siehst, ist die Explosion eines abgeschossenen Satelliten, voll mit giftigem Treibstoff.

Es begrüßt dich der Bombenleger im Atombunker. Nachdem er seine grotesken Sätze gesagt hat, verschwindet er in der Kanalisation, wo er mit drei Schildkröten in einer Peace&Love-WG wohnt.
Alles schmilzt um dich herum. Ein grünlicher Schleim entsteht und verkrustet zu bizarren Formen. Dein Unterbewusstsein hält dich gefangen. Selbsterkenntnis brennt in deinen Augen.
Dies ist die Hölle.