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(Ach, hatte ich erwähnt, dass die Geek-Hütte nun endgültig geschlossen ist und ich meine letzten Tage hier in Marseille nun wifilos verbringe?)

Cité Universitaire de Luminy, Marseille, France

„Warwalking“ könnte man es nennen, analog zu „Wardriving“. Verzweifelt bist du über den Campus gelaufen und hast versucht, einen freien Hotspot zu finden. Schlussendlich bist du vor der Uni gelandet, für deren offenen Hotspot man nichtsdestotrotz einen Account braucht, den du nicht hast. Ansonsten hast du nur geschlossene Netze gefunden, von denen du dich fragst, woher sie kommen, immerhin haben die Zimmer keinen Telefonanschluss. Aber vielleicht lösen sich solche Probleme von ganz alleine, wenn man genung Geld auf den Tisch legt und einen gültigen Studentenausweis auf den Tisch legt.
Und da du heute abend beschlossen hast, dass es schon zu spät und zu mühseelig sei, sich noch in die Stadt zu begeben um irgendeine brauchbare Kneipe zu finden, wirst du diese Nacht lang das tun, was du am Besten kannst: „Drunk Writing“.
Das letzte Bier, irgendein merkwürdiger Desperados-Mix mit Limone, der zwar nicht schlecht schmeckt, aber (für Desperados) kaum Alkohol enthällt, steht im Gemeinsschaftskühlschrank. Ein riskantes Unterfangen, aber besser als warmes Bier.

Für den Durst ein Glas Pastis. Oder eine Teetasse Pastis, denn da man Gläser nur im Dreierpack kaufen konnte, hast du dir einfach eine gläserne Teetasse gekauft, die ihren Zweck ebenfalls erfüllt. Wenn man für kurze Zeit in deinen Verhältnissen wohnt, darf man nicht auf Luxus pochen. Für später steht eine Falsche Apfelwodka bereit, die du nur gekauft hast, weil sie im Sonderangebot war und ungefähr 15 Euro weniger als normal kostete. Ob das ein Grund ist, sich mehr als sonst die Hucke volllaufen zu lassen und seine wirren Gedanken in einen Computer zu hauen und später ins Internet zu jagen, sei dahingestellt. Vielleicht können wir uns im Laufe der Nacht ja noch weiter dieser Frage widmen.

Du schwitzt. Das wird nicht besser werden, auch wenn die Kühle der Nacht, die das Land beinahe schon in Besitz genommen hat, so langsam anfängt, ins Zimmer zu kommen. Im Zweifelsfall ein weiterer Spaziergang mit dem Laptop, diesmal mit Flasche und anderen Intentionen.

Süchtig nach dem Internet?
Das Internet ist nur die billigste und in manchen Fällen die einzigste Methode mit Menschen, die mir lieb und teuer sind, Kontakt zu haben, mit ihnen zu reden, Gedanken auszutauschen und letztendlich auch Texte reinzustellen und zu hoffen, dass jemand einen Kommentar drunter setzt. Ich bin mit euch in…
Vielleicht ist das eine „Sucht“ nach menschlichem Kontakt, nach Gedankenaustausch, nach Fragen und Antworten, die Gewissheit, dass immer jemand „da“ ist, der liest, was man schreibt/denkt/fühlt/schreibtdenkt/fühltschreibt. Fühlschreiber. Schreibdenker. Schreibfühler. Wie die Fühler eines menschlichen Insektes, das in seinem Chitinpanzer vor einer Schreibmaschine aus glänzendem Kupfer sitzt und seine Gefühle in sie reintippt, mit stoischer Ruhe, wie sie nur ein Insekt haben kann, das weiss, dass es geschützt und klein ist und deshalb keine grossen Schritte machen kann.
Das Gegenteil von mir, gehetzt von Gefühlen aus einem dunklen Schlund in mir, aus der Tiefe, getrieben vom Pendel das ich in Paris sah und dessen Anblick ich nie vergessen werde, zusammen mit dem Schreckensmoment der SMS, die mich in eben diesem Moment der Ehrfurcht und der Verbeugung vor dem Pendel, genau um 12 Uhr Mittag, erreicht, mit der Frage, ob ich nicht zufällig wegen dem Pendel im Paris sei.
(Ich hatte „Da endlich sah ich das Pendel…“ getwittert und meine Tweets waren zu dem Moment wegen meiner Kanadareise sofort auf meinem Blog angezeigt worden, so dass der grosse Zufall nur war, dass die richtige Person zum richtigen Moment mein Blog aufgerufen hat, aber so ein Schock muss erst einmal verarbeitet werden.)

Anisgeschmack. Gibt es nicht diese klugen Ratschläge in Elternzeitschriften, doch keine Speisen mit Bier oder Wein für ihre Kinder zuzubreiten, damit diese sich nicht zu sehr an den Geschmack von Bier oder Wein gewöhnen? Und was ist dann mit Lakritze, die für Kinder sehr viel mehr erstebenswerter ist als eine Biersosse oder ein Risotto mit einer feinen Weissweinnote. Vor allem ist Pastis hochprozentig, schmeckt aber verdünnt relativ schwach bis gar nicht nach Alkohol, dafür aber sehr nach Anis bzw. Lakritze.
Für Kinder und trockene Alkoholiker gibt es hier in Marseille auch Anissirop, zB. den wunderbaren „PACIFIC“ von Ricard. Auf der Flasche ist unter dem Namen ein Segelschiff in voller Fahrt abgebildet und es sind die Worte „FORCE ANIS“ zu lesen. Ich finde das wunderbar, weil es so einen martialischen Charakter hat, der zugleich in der Segelschiffsymbolik wieder vollkommen friedlich gesehen werden kann. Als würde das Schiff nur deshalb so schnell fahren und immer guten Wind haben, weil sie Seeleute alle nur alkoholfreien Anissirup trinken und es damit schaffen, den Pazifik in einer Woche zu überqueren.

Vielleicht ein kleines Go-Spiel, dann das Bier und der Versuch, weiter etwas mit Ina zu machen?

Ich bin so schlecht in diesem Spiel, der Computer schlägt mich jedes Mal. Vielleicht liegt es daran, dass ich die Regeln nur zur Hälfe gelesen habe, weil ich mich beschäftigen wollte und nicht irgendwelche merkwürdigen philosophischen Begriffe lernen wollte. Oder weil eins der stärksen Go-Programme überhaupt selbst auf niedrigster Stufe noch ziemlich schwer zu schlagen ist.

(Das Bier. Es dürfte kalt sein)

(Es war nich da. Niemand kümmert sich um diesen Kühlschrank. Von überall her hörst du lachende Stimmen und Leute, die laute Musik spielen. Da ist es relativ deprimierend, nun alleine hier zu sitzen. Aber immerhin hast du ein kaltes Bier.)

Es ist Vollmond. Und immer noch, trotz vollständiger Dunkelheit und weit offenem Fenster, viel zu warm hier drinnen. Es gibt keine Alchemie des Öffnens und Schliessen die wirkt, wenn es quasi keine Isolation gibt. Ich frage mich, wie es hier wohl sein mag, wenn es einen relativ kalten Winter gibt. Und ob das Dach regenundurchlässig ist.

Nach einer Runde von diesem merkwürdigen Mechwarriorspiel ist es kurz nach Mitternacht, Samstag morgens also. Und du hast diesen Wodka aufgemacht und herausgefunden, dass er trotz Apfelgeschmack immer noch Wodka ist und deshalb nicht wirklich pur getrunken werden kann (Es sei denn, in einem Schnapsglas, eins nach dem anderem, immer die Kehle hinterunter, als gäbe es keinen Mund.)
Wie es sich Traubenzuckerhersteller nur wünschen können, wirkt das Zeug sofort. Das Schöne: Es macht den Kopf für einen seltsamen Moment lang klar, wahrscheinlich sind das Glücks- oder Stresshormone, die die Leber oder den Magen oder sonstige Verdauungsdrüsen aktivieren sollen. Da die Botenstoffe wahrscheinlich im Gehirn gebildet werden, wird dieses mit aufgeweckt und so kann der Wodka (der übrigens aus den USA stammt, was ich merkwüdig finde) für kurze Zeit wach machen, ehe die einfschläferenden, lähmenden Wirkungen des Ethanols zu wirken anfangen. Man muss sich immer im klaren sein, dass Ethanol eine Droge ist und man sich bei Hochprozentigem auf eine Art Trip begibt. Wo hört „Rausch“ auf und wo beginnt die Grenzerfahrung?
Ich sehe mich selbst tanzen, inmitten einer Menschenmenge, anonym, nur Dekoration. Es gibt nur mich und die Musik.

(Kurz blitzt der Gedanke, hier doch eine Privatdisko zu veranstalten, auf, wird dann aber von einem letzten Funken Realismus getötet, der auf die fehlenden Lautsprecherboxen aufmerksam macht.)

„White Rabbit! White Rabbit!“ brüllt jemand in der Tiefe des Brunnes und dann beginnt das große LSD-Symphonieorchester zu spielen…

Was werden die Leute wieder denken, wenn du von deinen einsamen Trinkekzessen schreibst und quasi live berichtest, wie du deine Magenwände mit hochprozentigem Ethanol auflöst und es dir egal ist, weil, du lebst ja heute, jetzt, in dieser viel zu heissen Nacht in Marseille, und nicht dann, wenn deine Magenwände es dir heimzahlen.

Tanzmusik. Oder auf jeden Fall schnelle elektronische Musik zweifelhafter Qualität. Aber für die Stimmung genügt es. Was für eine Stimmung eigentlich? Und möchtest du nicht lieber eine ganz andere Stimmung haben, um im anderem Fenster an dem Text zu arbeiten, der dir viel mehr bedeutet als dieser potentielle Kündigungsgrund (Wie gut, dass du keinen Arbeitsgeber hast!)

Ein untrügliches Zeichen für kurzweiligen Wahnsinn: Man mischt irgendwelche unpassenden Getränke zusammen und schreibt dann darüber, ohne sich wirklich Gedanken zu machen. Der Teil meines Gehirns hinter meiner Stirn beginnt, unter dem Ethanol zu leiden. Es sind keine Kopfschmerzen, wahrscheinlich eher ein Anschwellen, versuchen, der Leber klar zu machen, dass viel zu viel von dem Gift im Blut ist, was sich vor allem auf die Orientierung und das Gleichgewicht auswirkt, im Moment. Wie gut, dass ich sitze.
Mein Mix Pastis-Wodka-Grenadine-Wasser hat eine gelb-orange Farbe und schmeckt teilweise gar nicht mal so übel, teilweise nur nach Alkohol. Hätte das Zeug zu einem Drink, vielleicht ist es auch einer. Obwohl Apfelgeschmack eher selten in Longdrinks ist, wieso auch immer. Wahrscheinlich zu banal, nicht exotisch genung, es muss schon der Geschmack von Sternfrucht oder Kiwis sein, um interessant und neu und aufregend zu sein.

Ich stelle mir vor, ich sei im Weltraum und drehe mich um meine eigene Achse.
Und schon habe ich das Gefühl der Drehung, obwohl ich fest auf meinem unbequemen Stuhl in meinem viel zu kleinen Zimmer im Studentenwohnheim in Luminy in Marseille sitze. Hoffe ich auf jeden Fall.

Es zieht mich nach draussen, was vorerst mit einem Besuch am Fenster kompensiert werden muss. Ich bin definitiv zu betrunken, um den Weg nach draussen zu finden, ohne jemanden anzuschreien oder zu beleidigen.
Besser wieder hinsetzen. Der Alkohol hat dich von jedem Gefühl von Schwindel befreit, so dass du nicht nur bereit bist, senkrecht in die Tiefe zu schauen und dich wahrscheinlich auch trauen würdest, aus dem Fenster zu springen, nur um zu sehen, wie tief es wirklich ist und welche Auswirkungen ein Sprung aus 15 Metern Höhe auf den menschlichen Körper haben. Kann man das irgendwo im Internet simulieren?
Fast verdrängt dass es hier kein WLAN gibt. Oder? Schnell mal nachschauen.

Nichts. Auf jeden Fall nichts brauchbares. Wer auch immer meine Hoffnung mit diesen verfickten Computer-to-Computer-Netzwerken füttert, gehört ordentlich geschlagen. Oder so.

So schnell lassen sich 10.000 Wörter schreiben. Man braucht nur einen willenlosen Schreiberling mit zwei flinken Händen und genung Alkohol, um ihm die Worte zu entlocken. Dabei ist jedoch zu beachten, dass die motorische Fähigkeit, die Hände über die Tastatur gleiten zu lassen, nicht zu leiden darf. Wobei das bei den meisten Schreiberlingen eh im Schlaf geht und sie selbst mit merkwürdigen französischen AZERTY-Tastaturen klar kommen und auch mit kleinen und winzigen Laptoptastaturen kein Problem haben, so lange sie oft genuch durch Klabbern und Klicken Feedback über ihr Schaffen bekommen.

Die Musik („Busted in Bulgaria“ von einem gewissen Jim Guittard) inspiriert nicht. Im Gegenteil, sie ermüdet den feinen Geist, der voller Weingeist ist.
Was anderes, inspierendes lässt sich aber auch nicht wirklich finden. Vielleicht sollte sich der müde Körper schlafen legen, um dehydiert und voller Ideen zu erwachen. Nicht wirklich die Idee dieser Nacht, aber es ist immerhin schon fast ein Uhr und das Ethanol beginnt zu wirken. Anderseits könnte man etwas kochen…

Podcast: Angscht a Schrecken am botaneschen Gaart vu Marseille

Spaziergänge durch einen botanischen Garten sollen nach dem Essen verdauensförderend und gesund sein. Aber wenn man dabei chinesische Propagandaprojekte und gigantische Insekten begegnet, kann sich einem der Magen schon mal umdrehen…

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Podcast: Angscht a Schrecken op enger Insel virun Marseille

Wenn man auf eine Insel eingeladen wird, muss man die Einladung annehmen. Denn so schnell und günstig kommt man normalerweise nicht vom europäischen Festland weg, und wenn es nur 20 Minuten sind. Aber wie so oft entwickelte sich eine anfangs lustige Bootfahrt mit der Zeit zu einem wahren Horrortrip…

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Studentenleben (public beta)

Ich liebe ja Blogs von Studenten über ihr Studentenleben. Also nicht, dass ich nur darüber lesen will, aber wenn man mit einer so typischen Studentenbloggerin wie Comme „aufgewachsen“ ist, kann man wahrscheinlich gar nicht anders, als das, was da in Studentenwohnheimen, WGs und Hörsällen abläuft, klasse, lustig und erstebens- oder zumindests lesenwert zu finden.
Und ich selbst möchte ja auch irgendwann mal ein richtiger Student sein, auch wenn ich noch immer nicht so Recht daran glaube, dass das je passieren wird. Nicht, weil ich mir das nicht zutraue, sonder eher, weil ich im Gefühl habe, dass mich ein tonnenschwerer Laster beim unachtsamen Überqueren einer Strasse erwischen wird. Es ist schon viel zu lange gut gegangen, als ob ich immer so viel Glück haben könnte.

Aber das Praktikum in Marseille ist ja schon ein gutes Training für das Studentenleben, sollte ich es je haben. Ich wohne bekanntermassen auf dem Campus „Luminy“, in einem von 6 wunderschönen Studentenwohnheimen. Es gibt auch ein paar nett aussehende Gebäude mit Studios, die im Vergleich zu meinem Kabuff wahrscheinlich wie Paläste aussehen.
Gemeinsames Bad und gemeinsame Küche klingt eigentlich gar nicht so schlimm. Ich hatte mir so fünf bis sieben andere Personen vorgestellt, mit denen ich ein normal aussehendes Bad und eine normal aussehende Küche teilen würde. So wie man sich das halt so vorstellt, als naiver Pratikant.
In Wahrheit teile ich mir die Küche und das Bad mit ca. 20 Personen. Und die Räume sehen nicht aus wie man sich solche Räume normalerweise vorstellt, sondern eher wie ein einem.. na ja, Studentenwohnheim. Eklig.

Das Bad besteht aus drei Klokabinen mit Schüsseln ohne Brille, ohne Klopapier und es wundert mich, dass Bürsten vorhanden sind und die Spülung funktioniert. Am ersten Tag war eins der drei Klos vollgekotzt. Zum Glück bin ich am zweiten Tag auf ein anderes Stockwerk (höher!) umgezogen, dh. ich muss nie auf ein Klo setzen, von dem ich weiss, dass es mal mit eingetrockneter Kotze beschmiert war. Was wahrscheinlich jedoch bei jedem der Klos der Fall ist, aber was man nicht weiss, verursacht keine Verdauungstörungen.

Die Küche besitzt ganze zwei Herdsockel. Keine Herdplatten, wie jede normale Küche, sondern ca. 20 cm hohe Herdsockel. Ich habe sowas noch nie gesehen, weiss nicht, wieso das so ist und will es auch nicht wissen. Die Küche sieht öfters ähnlich aus wie das beschriebene Klo des ersten Tages, nur, dass die Nahrungsmittel noch keinem Verdauungsorgan hinzugefügt wurden. Obwohl man das manchmal gar nicht so genau sagen kann.
Meistens ist die Arbeitsfläche total versaut, es liegen kleine Tintenfischarme herum, abgefallenes Paniermehl von Fischstäbchen oder der eingetrocknete Schaum übergelaufener Milch bilden eine nette Kruste, die nicht nur für das allgemeine Kochvegnügen sorgen, sondern auch noch ein herrliches Biotop für Wesen bilden, über die ich mir lieber keine Gedanken machen.
Es gibt zwei Spülbecken. Mindestens eins davon ist ständig verstopft, in dem anderen befindet sich die Kruste von angebranntem Essen (oder verbranntem Rotkohl – so genau wollte ich es noch nicht untersuchen). Heute haben zwei junge Männer, die eine Sprache sprachen, die ich nicht verstand, aber für etwas in die Richtung „arabisch/türkisch“ halte, einen Fisch ausgenommen. Und sich dabei lauthals darüber gestritten, wie man das richtig macht.
Ich wollte nicht fragen, ob die Fischstäbchenüberreste, die seit zwei Tagen auf der Arbeitsfläche liegen, von ihnen stammen.

Ich stach meine unschuldigen und immer noch halbrohen Kartoffeln testweise mit meinem Taschenmesser und verschwand wieder in mein Zimmer. Hatte ich erwähnt, dass auf der guten Kochplatte derzeit etwas brodelte, das offensichtlich niemand gehörte? Das passiert auch öfters. Leute kochen etwas und lassen es so lange stehen, bis es vollständig karbonisiert ist. Wahrscheinlich zu Testzwecken. Ich will auch gar nicht wissen, wie viel Crack in der Küche schon gekocht wurde.

Als ich wieder kam war ein Waschbecken überschwemmt und die Innereien des Fisch taten das, was sie sein ganzes Leben lang getan hatten, nur jetzt halt ohne seine Hülle: Sie schwammen. Nur dies mal im Waschbecken.
Das ganze hat den Vorteil, dass ich kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn ich ein paar Reiskerne, die mir beim Wasserabschütten ins Waschbecken fallen, dort drin lasse. Die Brühe dort drin ist sicher das Experiment für die Abschlussarbeit von irgendwem, genau wie der Fischkopf letztens auf der Aussentreppe…

Über die merkwürdige Lärmbelastung erzähle ich dann ein anderes Mal. Entgegen all dem, was ich jetzt erzählt habe, bin ich übrigens ziemlich glücklich hier. Es fühlt sich ein klein wenig an wie Urlaub. Mit dem Unterschied, dass ich manchmal auch arbeiten muss. Und sonnig ist es.

Calanques

Calanaques sind Mittelmeerfjorde. Wegen der erhöhten Brandgefahr darf man sie bei windigem (=angenehmen) Wetter nicht betreten. Deshalb kann ich heute nicht das arbeiten, was eigentlich vorgesehen war, aber so schlimm find ich das eigentlich gar nicht, muss ich sagen. Hier noch ein paar Fotos:
calanques

calanques

Und so sieht es aus, wenn ich aus dem Fenster von meinem Kabuff Zimmer schaue (falls ich die Rollläden dann mal hochziehe, was wegen der Hitze nicht so oft passiert.)
Aussicht
(Alle Fotos sind mit einer relativ schrottigen Kompaktdigitalkamera gemacht worden, aber seis drum.)

Quelle horreur

Was für ein Horror, grob übersetzt, meinte gestern eine Frau im Supermarkt, als zwei Mädchen Hand in Hand an ihr vorbeigingen. Ich war mir erst nicht sicher, ob die Person mit dem Kurzhaarschnitt weiblich sei, aber als ich näher war, sah ich dann, dass es sich offensichtlich um ein lesbisches Päarchen handelte. Ich fühlte mich merkwürdig, weil ich die erschreckende Aussage der Frau mitbekommen hatte und gleichzeitig irgendetwas in meinem Gehirn so geschaltet ist, dass ich Lesben erstmal „süß“ finde. Also eine komische Mischung von grundlosem Anhimmeln und einer Solidarität, die ich nicht kommunizieren konnte (oder nicht wusste, wie.)

Und dann stell ich mir Fragen. Nicht nur über mein eigenes Verhalten, sondern auch darüber, wie solche Äusserungen zustande kommen. Wieso wird Homosexualität als etwas “schlimmes”oder ekliges empfunden? Und wieso finde ich das bei Mädels „süß“ und bin zumindest der Meinung, dass es sich hierbei um eine Art Verbundenheit, vielleicht ausgelöst durch relativ intime persönliche Erfahrungen mit Lesben/Bi-Mädchen und nicht um ein Pornoklischeedenken handelt?

Die Beiden sahen auf jeden Fall glücklich aus, und im Nachhinein freut mich das vielleicht am meisten.
Das alles sind Fragen, die mich beschäftigen, hier in Marseille, wenn ich nicht gerade durch Landschaften wie diese hier stolpere:

Calanches de Marseille et Cassis

Ina Marseille Sessions – Session 1

Ich habe das hier gestern in/außerhalb einem Strassencafé geschrieben, und wie der Titel verrät, hat das hier etwas mit meinem Ina-Epos zu tun. Es ist ein Entwurf, aber ich mag nicht nur „Es ist sooo heiß“-Postings schreiben und gerade dieses Stück kann auch für sich stehen. Aber es ist nicht meine Schreibe und ich weiß nicht, ob ich es gut finde. Ich bin da wirklich ohne Meinung. Ich hatte zwei süße Mädchen gegenüber sitzen und habe mich mehr auf das Lippenpiercing der Einen konzentriert als wirklich auf das Gedicht zu achten. Aber es ist eine Richtung. Und weil Schreiben auch immer mit Verbessern zu tun hat, bitte ich heute mal ausdrücklich um Feedback. Harte Bandagen. Wegen mir auch Rechtschrebfehler, wenn euch sonst nichts einfällt. Und ja, es ist von zwei Verliebten geschrieben, also darf es schmalzig sein. Und ja, Ginsberg hallt immer noch in meinem Kopf nach.

[Session #1 – 0806221904 Marseille, irgendwo in der Nähe des alten Hafens]

Sanfter Sommerwind wispert einsame Botschaften der Sterne
in die Ohren engumschlugener Körper, stöhnend und nassgeschwitzt
Sprache nur aus Bassnoten lässt Trommelfelle vibrieren
gemeinsamer Takt verbindet über Körpergrenzen
das, was zusammengehört in dunkler Nacht

an der Küste, Grenze zur Unendlichkeit des Ozeans
an der Küste, Ziel der mystischen Reise
an der Küste, voll der Liebe und des Schweisses
an der Küste, Anfang, nicht Ende der Reise
an der Küste, wo nur Sand ein Bett bildet
an der Küste, Ursprung der gemeinsamen Gedanken

Körper nur aus Zungen und Fingern und Löchern
Alles hier ist Liebe und Zärtlichkeit und Sex und Extase
Alles hier ist Inpiration und Idee
Alles hier ist Schwermut und Euphorie und Melancholie und Sinnlichkeit
Alles hier vibriert im Lied der Sterne

Kein Brunnen, in den man hinabsteigen muss
alles liegt offen, alles Geheimnisse gelüftet
kein Fluss, der die Geschlechter trennt
alle Teile fügen sich nahtlos zusammen
kein Käfig, die Vögel zu bewahren
alle Geister fliegen hoch unter diesem Himmel

Dieser Moment gehört den Verbundenen
auf ewig festgehalten auf Papier und im Geiste
Geheimniss für alle Uneingeweihten
verschlossen im Herzen des vereinten Körpers

Alles zerfliesst in Sinneseindrücken
Geist und Körper zu oranger Masse
lieblicher Stoff der Extase
erstarrt zum Denkmal für diesen Moment

Verlassen

[0806011709]
Ich verlasse diese Stadt und fühle mich nicht gut dabei. Nach längeren Reisen überwiegt meistens dann doch die Freude, mal wieder nach Hause zu können. Aber heute ist das das erste Mal überhaupt nicht so. Da in T. sind Freunde, ehemalige Affairen, »liebe Menschen «, mit denen man sich verbunden fühlt und es schmerzt, nach so kurzer Zeit wieder zu gehen und zu wissen, dass ein Teil von einem dort bleiben wird.
Vielleicht ist es auch einfach, weil kein Zuhause mehr da ist, weil ich andauernd auf Reisen bin.
[Ich schreibe lieber auf meinen Knien als auf dem Tisch, irgendwie.]

Mein Magen rebelliert. Aber wogegen eigentlich? Das Essen war gut, ich habe genügend und abwechlungsreich getrunken und habe auch nicht an suspekten Dingen rumgeleckt.
Psychosomatisch, möglicherweise.
Ich möchte jetzt eigentlich noch weiter mit meinen Freunden aus T. auf der Terrasse sitzen, Limo oder Kaffee schlürfen und über alles mögliche diskutieren.
Irgendwann mal wiederkommen. Am liebsten im Sommer, am liebsten sofort, am liebsten überhaupt nicht wegfahren.

Und dann sagst du deiner rebellierenden Verdauung und deinem kribbelnden Körper, dass du die Erinnerung bewahren musst, die Luft, die du geatmet hast, die Bilder, die du gesehen hast, die Musik und die Worte, die du gehört hast, jede Berührung und Umarmung, die du gefühlt hast musst du in deinen Zellen und deiner DNA abspeichern, damit du sie nie vergisst.

Und das ist das Schöne. Die Fähigkeit, Erinnerungen zu bewahren wie mystische Einmachgläser. Die Inspiration, die über sämtliche Nervenbahnen kriecht und neue Verbindungen schafft und dass neues entsteht.
Fast wie die Vögel, wie Seemöwen.

Unterwegs

[0805261822]Kryptische Symbole auf dem Tellerrand der Seele.
Ich bin nur noch unterwegs. Home is where your luggage is.
Und immer kommt Geld von irgendwoher, du verlierst die Perspektive. Stählerne Metawürmer verschlingen dich, verdauen dich in ihren rasenden Innereien zwischen Bordbistro und Dynamo. Transkontinentale Flüge, und du musst dir nur im Eilverfahren einen Pass ausstellen lassen.
Du verlierst die Perspektiv, fühlst dich irgendwie nicht mehr daheim, denn du bist ein Nomade.

Aber war das nicht dein Wunsch?

Die Perspektive zu verlieren über der kalten Nordsee, wo die feine Linie zwischen Horizont und Meer, zwischen Genie und Wahnsinn, zwischen Pepsi und Cola, zwischen Leben und Tod nicht zu erkennen ist?

War es nicht dein Wunsch, ein einsamer Wanderer zu sein, über dem Meer, ewig auf der Suche nach deiner Insel? Ich bin der Nemo der Lüfte! Call me Captain, Baby! Sub umbra alarum tuarum!

Du hast die Perspektive verloren und niemand ist da, dem du es erzählen könntest. Vielleicht hast du nicht nur die Perspektive verloren, sondern auch andere Dinge, Menschen, Gefühle.

An der Bahnsteigkante sitzt ein Jazz-Yogi und meditiert.
Auf den Leitungen sitzen Raben und trauern alten Zeiten nach.
Am Fahrkartenschalter verkauft ein Insektenwesen Zeit auf Raten
Pinkfarbene Mobiltelefone verbinden Kontinente auf der Metaebene.
Abstrakte Denkmuster fließen aus meinen Ohren.

Ich erwache in dem Plastiktraum.
Hier ist alles unsinnig, selbst meine Brustwarzen.
Die Sonne scheint und der Traum beginnt zu schmelzen. Entschuldigen Sie, Herr Schaffner, aber meine Fahrkarte ist geschmolzen!
Plastikturbinen heulen auf, während Ken und Barbie eine wilde Knuschterei beginnen. Er hält ihren Kopf und reißt ihn von ihrem angeschmolzenen Hals. Ihr letzter Plastikschrei erstickt und es spritzt Plastikblut und -gedärme aus ihrem Halsstummel. Der ganze schöne Teppich ist ruiniert. Ein unwissender Greis setzt sich mit seinen Plastikhintern auf den beschmierten Sitz. Er ist inkontinent und so schmilzt er auf dem Sonnenplatz zu einer breiigen Masse aus Blut und Urin.

Meine Augen öffnen sich ein weiteres Mal. Ich stehe in einem dichten, dunkeln Nadelwald. Es ist absolut still. Paranoia kommt auf. Alle unterdrückten Kindheitstraumata vom bösen Wolf und kannibalischen Frauen stemmen meine Schädeldecke auf und schöpfen meine grauen Zellen mit Metaleimern aus meinem Kopf. Ich taumele blind und taub durch diesen Alptraum, um schlussendlich einzuschlafen, während ich mich langsam verpuppe.
Ich verwandele mich in einen ewigen Tausendfüssler, der von unten Frauen auf die Brüste stiert, die er nicht versteht, weil er ihre Sprache nicht spricht, und überhaupt &#x96 die meisten von ihnen mögen keine Männer!

Wärst du doch nur eine Schnecke geworden, die sind Zwitter und haben homo- und heterosexuellen Sex zugleich, sozusagen.
Dir fallen die Beine ab. Der Waldboden löst sich, krümmelt unter deinen Füßen, die du nicht mehr hast. Mädchen fassen sich gegenseitig ohne Scham an die Brüste und gewinnen offenbar Befriedigung davon, eine Zigarette nur zu halten.
Meine Hornhaut hat sich gelöst, ich sitze gesichtslose in großen Sälen und sage nicht.

Eine lose Sommerbrise.
Alles wird gut, sagt die Frau im Fernsehen.
Es ist warm. Ich bin ein Mensch. Sauerstoff füllt meine Lungen.
Hello, World!