_

Umweltwahlprogramme der luxemburgischen Parteien – DP

dp_logoDie Ideen der liberalen DP untersuche ich im dritten Teil meiner Serie über die umweltrelevanten Passagen der Wahlprogramme der luxemburgischen Parteien zur Wahl 2013. Das DP-Wahlprogramm ist sehr umfangreich und gut gegliedert. Allerdings wiederholen sich einige Passagen, was verwirrend ist, wenn eins das gesamte Wahlprogramm auf der Suche nach (direkt) umweltrelevanten Passagen durchgeht. Weiterlesen

Umweltwahlprogramme der luxemburgischen Parteien – LSAP

logo_lsapIn meiner Serie über die umweltrelevanten Teile der Wahlprogramme für die vorgezogenen Neuwahlen in Luxemburg am 20. Oktober 2013 behandele ich diesmal die Ideen der sozialdemokratischen LSAP, die 2009 mit 13 Mandaten den zweiten Platz erringen konnte und somit zur Juniorpartnerin der CSV wurde. Das Wahlprogramm ist ziemlich unübersichtlich gestaltet und hat keine größeren Gliederungen, was die Beurteilung schwerer macht. Weiterlesen

Umweltwahlprogramme der luxemburgischen Parteien – CSV

Logo CSV
In Luxemburg stehen Endes dieses Monats vorgezogene Neuwahlen an. Zu diesem Anlaß produzierte jede der neun wahlwerbenden Gruppen ein Wahlprogramm. Ich werde mir in den nächsten Tagen die Umweltaspekte aller Parteien und Gruppen anschauen. Den Anfang macht dabei die CSV, die christlich-soziale Volkspartei.
Die Reihenfolge der Artikel folgt dem Wahlergebnis der Wahl von 2009.

Das Wahlprogramm der CSV ist in acht Kapitel gegliedert, das umweltrelevante Kapitel ist E Lëtzebuerg mat Nohaltegkeet fir déi nächst Generatiounen (Ein Luxemburg mit Nachhaltigkeit für die nächsten Generationen) überschrieben. Interessanterweise sind die Titel des Wahlprogrammes auf Luxemburgisch, die Inhalte jedoch auf Deutsch. Weiterlesen

Nachhaltige Mobilität in Luxemburg?

Bike Dock in Copenhagen -  Some rights reserved by tomislavmedak

In der größten luxemburgische Tageszeitung, dem „Luxemburger Wort“ spricht sich Claude Feyereisen heute gegen das Fahrradleihsystem „vel‘oh“ in Luxemburg-Stadt aus und bezeichnet es als Nischenfüller. Natürlich geht es in Leitartikeln konservativer Zeitungen, die sich mit Projekten der liberal-grün-geführten Stadt beschäftigen nie nur um die Sache selbst, sondern auch um Parteipolitik. Ich bin nicht besonders überzeugt von den luxemburgischen Grünen, noch bin ich ein großer Fan der liberalen DP. Ich versuche in den folgenden Zeilen nur die „Sache an sich“ zu beurteilen und vielleicht ein paar Denkanstöße zur Mobilitätspolitik zu geben.
Weiterlesen

teenage mutant killer tomatoes

Als am 17. April, dem Tag der Landlosenbewegung, Versuchsflächen meiner Universität von dem Kollektiv SoliLa besetzt wurden, dauerte es nicht lange, bis die genetisch modifizierten Aprikosen (in Österreich besser bekannt als Marillen), die auf der Fläche stehen, sich im Kreuzfeuer der Kritik befanden. Gerüchten zu Folge ist die Besetzung auch vor allem aus Angst um die Marillen bzw. um das Saranhaus, in dem sie stehen, geräumt worden. Auch in Diskussionen um die Besetzung und ihre Folgen mit anderen Studierenden kommt das Thema grüne Gentechnik gleich wieder auf. Grund genug, sich mal damit auseinander zu setzen. Ich bin kein Spezialist auf dem Gebiet und versuche das Thema aus meiner Perspektive als UBRM-Student auseinander zu nehmen. Eventuelle Fehler bitte ich in den Kommentaren zu berichtigen.

Gentechnik
Es gibt verschiedene Kategorien von Gentechnik. Meistens werden rote, weiße und grüne Gentechnik unterschieden. Unter roter Gentechnik wird meistens die Anwendung in Medizin und Pharmazeutik, aber auch die Anwendung von Gentechnik bei Organismen mit rotem Blut verstanden. Weiße Gentechnik beschäftigt sich mit industriellen Prozessen, die grüne mit Pflanzen. Es soll in diesem Artikel nur um grüne Gentechnik gehen. Mit roter und weißer kenne ich mich noch weniger aus und erachte sie als weniger „gefährlich“, da sie meistens unter sehr kontrollierbaren Bedingungen abläuft.

Grüne Gentechnik in der Kritik
Viele Kritik, die an grüner Gentechnik geäußert wird, ist Kritik, die sich auf konventionelle bzw. industrielle Landwirtschaft bezieht. Bekannteste Beispiele für gentechnisch veränderte Pflanzen sind „RoundUp-Ready“ und „Bt“-Pflanzen. Round Up ist ein Pflanzenbekämpfungmittel das RoundUp-Ready-Pflanzen nichts anhaben kann, allen anderen jedoch schon. Bt steht eigentlich für Bacillus thuringiensis, ein Bakterium, das in der Schädlingsbekämpfung eingesetzt wird, unter anderem auch in der Fortwirtschaft, die eigentlich meistens versucht ohne Düngung oder Pflanzenschutzmittel auszukommen. Bt-Pflanzen sind so modifiziert, dass sie die Toxine des Bakteriums selbst produzieren können und somit gegen Schädlinge geschützt sind. Sofern die keine Resistenz dagegen aufbauen, was auch schon vorgekommen ist. Es gibt auch Sekundärschädlinge, die resistent gegen Bt-Toxine sind und sich aufgrund fehlender Konkurrenz ausbreiten, was dann erst recht wieder zum Einsatz von Pflanzenschutzmitteln führt.

Diese Arten der genetisch modifizierten Pflanzenorganismen (GMO) gleichen einige Nachteile von riesigen Monokulturen aus bzw. lassen diese noch stärker zu. Es kann also auf zwei Ebenen Kritik geübt werden: Einerseits an riesigen Monokulturen, andererseits an dem Einsatz von GMOs selbst. Die zwei Ebenen werden aber oft vermischt, was ich persönlich nicht gut finde. Auch eine Person, die völlig davon überzeugt ist, dass GMOs der Weg sind, das Welthungerproblem zu lösen, könnte berechtige Kritik an Roundup-Ready- und Bt-Pflanzen üben.

Den Welthunger stillen?
Ein Studienkollege hat mich mal mit der Antwort, dass Golden Rice auch nur eine technische Lösung für ein sozioökonomisches Probleme sei, ziemlich entwaffnet. Ich finde das Argument immer noch stichhaltig. Die wichtigen Fragen sind meiner Meinung nach eher: „Wer besitzt Land, Bildung und Saatgut, um sich zu ernähren?“ Absurditäten wie billige Importe von Nahrungsmitteln aus westlichen Ländern in Entwicklungsländer verschlimmern die Situation zusätzlich.
Hier bleibt aber die Frage, ob es nicht unter bestimmten Umständen – stimmt eins der grundsätzlichen Verwendung von GMOs denn zu – sinnvoll sein könnte, „Wunderpflanzen“ wie Golden Rice einzusetzen. Dazu müsste aber erst obige Frage gelöst werden – sollte dann noch immer Mangel herrschen, kann über (gen)technische Lösungen nachgedacht werden.

Risiko
Ich versuche es mal mit einem möglicherweise schiefem Beispiel: Als FCKWs erfunden wurden, hat sich niemand gedacht: „Ha! Jetzt erfinden wir mal eine Stoffgruppe, die die Ozonschicht zerstört!“ und bösartig dabei gelacht. FCKWs galten als relativ ungiftige, nicht-reaktive Alternative zu Ammoniak, Chloromethan und Schwefeldioxid, die davor als Kühlflüssigkeit eingesetzt wurden. Was FCKWs mit der Ozonschicht anstellen würden hat dabei niemand bedacht. Und das könnte auch mit GMOs passieren: Wechselwirkungen, von denen wir heute nichts ahnen. Das ist ein sehr unspezifisches Risiko. Unfälle passieren und komplexe System sind kaum vorhersehbar. Für mich ist das das beste Argument, vorsichtig zu sein. Vorsichtig sein heißt in diesem Fall: Erst einmal in Glashäusern bleiben. Bei grundsätzlich gefährlicheren Anwendungen wie z.B. die Produktion von Medikamenten durch GM-Pflanzen vielleicht für immer.

Zucht
Viele Ziele, die durch Gentechnik erreicht werden könnten, können auch durch „einfache“ Zucht erreicht werden. Datenbanken mit Informationen über die Genetik verschiedener Sorten können dabei sehr hilfreich sein, so dass moderne Analysetechnik mit der „alten“ Tradition der Züchtung gut zusammenarbeiten kann. Es gibt Soja-Sorten, die keine Allergien auslösen. Diese können mit Sorten gekreuzt werden, die sich z.B. besonders zur Herstellung von Sojamilch eigenen, so dass Sojamilch produziert werden könnte, die von Allergiker_innen bedenkenlos getrunken werden könnte, ohne dass die Pflanzen selbst gentechnisch verändert würden. Das schlägt die Brücke zum Thema Samenbanken und genetische Ressourcen, das ich ebenfalls mal abhandeln will. Ein Einblick kann diese Linkliste von Johann Vollmann zu seiner Vorlesung „Management genetischer Ressourcen“ bieten. Die Wikipedia nennt das Präzisionszucht.

Patente und Saatgut
Patente auf Organismen oder ihr Genom sind sehr zweifelhaft, da sich die Frage stellt, ob es beim Einsatz unter nicht kontrollierbaren Bedingungen überhaupt möglich ist, eine nicht lizenzierte Ausbreitung zu stoppen. Noch kritischer für Landwirt_innen wird es jedoch, wenn das Saatgut wie bei Hybridsorten jedes Jahr neu gekauft werden muss. Diese Einschränkung gibt es nicht nur bei GMOs, sondern auch in konventionellen Zuchtlinien. Allerdings halte ich die Entwicklung bei GMOs noch einmal für heftiger, da Landwirt_innen völlig auf die Produkte eines Herstellungsbetriebes angewiesen sind: Saatgut und dazu passendes Pflanzenschutzmittel. Wenn ein Teil der Ernte ausbleibt, werden finanzielle Schwierigkeiten durch die fehlende Möglichkeit, das selbst geerntete Saatgut wieder anzupflanzen, noch vergrößert. Es gibt sogar die Technologie Pflanzen so zu verändern, dass es in der zweiten Generation notwendig ist, eine Chemikalie zur Aktivierung der „Spezialeigenschaften“ anzuwenden. (Bezeichnung: Traitor oder T-GURT) Auch die Möglichkeit, dass die zweite Generation steril ist, ist technisch machbar, wird jedoch bisher noch nicht eingesetzt. (Bezeichnung: „Genetic use restriction technology„) „Opensource Crops“ könnten diese Nachteile eindämmen.

Conclusio
Und jetzt? GMOs zurück in die Schublade?
Ich habe bei meinem Artikel über Umweltschutz auf Gestaltungsfreiheit der Kulturlandschaft plädiert. Das gilt grundsätzlich auch hier: Ich sehe keine direkten Schwierigkeiten, mit GMOs herumzuexperimentieren und diese Technologien weiterzuentwickeln. Beim „Freiluftanbau“ wäre ich viel vorsichtiger. Wobei Europäer_innen nicht vergessen dürfen, dass der Anbau von GMOs in vielen Teilen der Welt mittlerweile der Regelfall ist, so sind in den USA und in Argentinien über 16% aller angebauten Pflanzen GMOS. Wenn GMOs dafür eingesetzt werden, industrielle Landwirtschaft noch größer zu machen, ist das in meinen Augen der falsche Weg, weil es weg von hoher Biodiversität zu (vermeintlichen) „Unisize“-Pflanzen führt. (Es gibt nicht umsonst z.B. in der Forstwirtschaft den Begriff „Provinienz“, mit dem die geografische Herkunft innerhalb einer Art bezeichnet wird – eine Population passt sich immer auch ihrem Standort an, bei Kulturpflanzen ist dieser Effekt durch menschliche Auslese noch größer.) Ich halte es auch für gefährlich, auf großen Flächen und in vielen Teilen der Welt genetisch sehr ähnliche oder gar idente Pflanzen anzubauen, da eventuelle Krankheiten sich so sehr schnell verbreiten können und verheerende Folgen haben könnten. Ich würde mir eine besser informierte Diskussion über Risiken und wirklichen Nutzen wünschen. Ein weiterer Faktor, der momentan wohl dazu beiträgt, dass GMOs gerade eher die Produktpalette von Pflanzenschutzherstellern erweitern, ist die universitäre Abhängigkeit von sogenannten „Drittmitteln“, also Auftragsforschung. Mit ein bisschen mehr unabhängiger Finanzierung kämen vielleicht mehr spannende Dinge wie Humaninsulin produzierende Bakterien raus.

Ich bin mir meiner eigenen Position immer noch unsicher, was nicht zuletzt daran liegt, dass es in der Debatte um GMOs in der Landwirtschaft keine gemäßigten Positionen zu geben scheint. Es ärgert mich auch, dass meine Universität, die auf dem einen Standort das „Vienna Insititute of Biotechnology“ aufbaut und am anderen Bio-Landwirtschaft lehrt, ohne dass es zu einem ernsthaften Dialog kommen würde. (Ausnahme: Es gab eine Diskussionsveranstaltung bei dem ein Gegner und ein Befürworter von grüner Gentechnik sich gegenseitig schlimme Dinge vorwarfen.)

Zum Weiterlesen empfehle ich diesen Artikel von Nature, der neben einer Übersicht über momentane Einsatz- und Forschungsgebiete von GMOs das ganze Thema noch einmal zusammenfasst und mögliche Potentiale und Risiken aufzeigt.

photo cc by Dwight Sipler. Übrigens keine GMO-Tomaten, sondern nur ein kleiner Einblick in die Sortenvielfalt von Tomaten.

Natur schützen?

Nationalpark Hohe Tauern, public domainNationalpark Hohe Tauern, public domain

Ich habe versprochen, mehr zu bloggen. Bisher ist es noch nicht wirklich dazu gekommen. Und ehe ich über die fast zwölftägige Interrailreise im Februar berichte, möchte ich dazu noch Fotos haben, und dazu muss der analoge Film voll werden, und ich mag es nicht, Fotos zu verschwenden. Das sind zumindest in meinem Kopf gute Entschuldigen dafür, nicht mit etwas anzufangen, das Arbeit bedeutet.
Ich habe auch versprochen, mehr über Umweltthemen zu bloggen. Immerhin studiere ich was mit Umwelt und bilde mir deshalb ein, meine „fachliche“ Meinung in die Welt posaunen zu müssen.

Und wenn ich über Umwelt- oder Naturschutz rede, dann sollten wir doch mal ganz klassisch mit einer Begriffsbestimmung anfangen. Wovon reden wir denn da alle eigentlich ständig?

Umweltschutz. Oder Naturschutz. Scheint austauschbar zu sein. Was will denn da geschützt werden?

Was ist Umwelt?
Umwelt erklärt sich ziemlich von selbst: die Welt um uns herum. Es braucht aber für die Umwelt immer ein Subjekt, um das die Umwelt herum ist. Das kann die Menschheit oder ein ganz bestimmtes Tier sein. Der Begriff ist ziemlich schwammig und wurde von mehren Wissenschaften mit eigener Bedeutung aufgeladen. Genaugenomen wäre die Stadt für viele Menschen ihre Umwelt. Asphalt, Häuser und Autos sind aber nicht unbedingt das, war wir schützen wollen, wenn wir von Umweltschutz reden.

Was ist Natur?
Natur stammt aus dem Lateinischen Wort natura, von nasci „entstehen, geboren werden“ und wird meistens als „alles, was nicht von Menschen gemacht wurde“ bezeichnet. Zumindest in West- und Mitteleuropa gibt es kaum noch Gebiete, die frei von menschlichem Einfluss wären. Das allermeiste, was wir um uns herum sehen, ist Kulturlandschaft. Natürlich entsteht nicht jeder Baum, weil er von Menschen gepflanzt wird. Wenn Natur im Gegensatz zur Kultur steht, dann gibt es nur noch sehr wenige Natur. Ich werde jetzt ab jetzt in diesem Artikel „Kultur“ immer als Begriff des Menschengemachten, nicht-Natürlichen verwenden. Kultur stammt ja aus dem lateinischen cultura „Bearbeitung, Pflege, Ackerbau“.
Wir können aber auch noch ein anderes Fass aufmachen und Wildnis zu dem sagen, was ich bis jetzt Natur genannt habe. Die Unterteilung zwischen Natur und Kultur(landschaft) bleibt zwar schwammig, aber wir können eine Reihung machen:
WildnisNaturKultur
UrwaldWaldStadt

Elakala WaterfallsElakala Waterfalls cc by Forest Wander

Mit dem Wald habe ich es mir jetzt sehr leicht getan, denn Urwälder sind das klassische Beispiel für Wildnis. (Die an ihren Grenzen allerdings auch nicht vom Menschen unbeeinflusst ist. Und dass sie heute noch Wildnis ist und das wohl auch bleibt, ist ja auch eine Einflussnahme.) Vielleicht hätte ich statt „Stadt“ auch „Plantage“ als eine klar zu erkennende Kulturlandschaft setzen können, die nur durch menschliche Aktivität so besteht, während der Wald, obwohl je nach Nutzungsform mehr oder weniger stark beeinflusst, mehr oder weniger so bleibt, auch wenn es keine menschlichen Aktivitäten mehr gibt. Wobei er ja dann nach x Zeit wieder als „Urwald“ begriffen würde. (Die Plantage übrigens auch.)

Vielleicht könnte ich Natur dadurch von „Kultur“ abgrenzen, indem ich behaupte, dass Kultur immer menschliche Aktivität braucht, um so zu bleiben, wie sie ist. Nur: das ist eine blöde Definition, wenn es um Naturschutz geht. Manche Biotope bleiben ohne menschliche Aktivität nicht so, wie wir das wollen. Trockenrasen zum Beispiel brauchen oft eine gewisse Art und Weise der Pflege. Zum Beispiel eine extensive Beweidung durch gewisse Schafrassen. Wildnis ist das auf keinen Fall, Natur – nach der von mir aufgestellten Definition – auch nicht so wirklich, auch nicht, als Kultur würden die meisten Menschen es wohl auch nicht bezeichnen. So eine Beweidung wird oft als Umwelt- oder Naturschutzmaßnahme gefördert. Kompliziert.

Ich könnte auch versuchen, das Problem von der anderen Seite aufzurollen: Je nach dem, wie anthropozentrisch an den Umwelt (oder auch Natur)-Begriff herangegangen wird, werden Menschen als Teil der Natur gesehen (Stichwort Deep Ecology). Was dann wieder die Frage aufwirft, warum es überhaupt so etwas wie Kultur gibt. Und ob z.B. ein Biberdamm nicht auch so etwas wie ein Kulturbau ist. Der Biber verändert seine „natürliche Umwelt“, um einen Vorteil für sich zu gewinnen, was wir durchaus als Kultur ansehen könnten.
Es gilt also: Auch wenn wir uns als Teil der Natur sehen können, so ist unser Naturbegriff meistens ein Abgrenzungsbegriff. Kultur war erst einmal ein Schutz gegen die Wildnis, bevor wir die Wildnis zähmten, zerstörten und irgendwann drauf kamen, dass wir sie vielleicht dann doch schützen sollten.

Bei meinem Biberbeispiel habe ich die Zusammenlegung beider Begriffe schon verwendet: natürliche Umwelt. Ist das für mich schon der Türkenschanzpark oder erst der Wienerwald? Ironischerweise bin ich ja selbst „Technicien de l´environnement naturel“.

Wir können festhalten: Sowohl der Natur- als auch der Umweltbegriff sind schwammig. Oder zumindest an den Rändern ausgefranst: Zwar ist meistens klar, was wir mit Natur oder Umwelt meinen, aber klar definiert sind die Begriffe nicht. Und was schützen wir dann?

Die Frage lässt sich bessere für einzelne Schutzprojekte (oder Vorhaben) klären und hat oft mit dem „Warum“ zu tun.

Biber schwimmt durch einen SeeBiber schwimmt durch einen See im Quebec cc by Declic

Warum Naturschutz?
Es gibt einige Beweggründe, Natur zu schützen. Ich werde im Folgenden versuchen, einige aufzuzählen, will aber vorausschicken, dass es oft auch diffuse Mischungen sind, die nicht unbedingt zu trennen sind. Und natürlich gibt es auch Menschen oder Organisationen, die den einen Beweggrund angeben, aber einen andere Motivation als treibende Kraft haben.

Romantik
Eine romantische Naturvorstellung geht oft von einer „unberührten, wilden“ Natur aus, die als Wildniss zu schützen ist. Die Schönheit der Natur reicht als Bewegunggrund zum Schutz. Menschen werden nicht als Teil der Natur gesehen, sondern als hauptsächlich zerstörende Kraft. So eine Motivation führt oft zu einer konservativistischen Haltung. Da die Natur möglichst rein und unberührt bleiben soll, muss sie vor jedem menschlichen Zugriff geschützt werden. Glaskugeln gibt es in ausreichender Größe zum Glück nicht, deshalb steht um Gebiete, die mit so einer Haltung geschützt werden, oft ein Maschendrahtzaun. Ich bin mir selbst nicht sicher, wie sehr diese Form der Schutzgebiete tatsächlich „unberührten“ Gebieten wie Regen(ur)wälder oder die Antarktis nicht doch zu Gute kommen. In der Praxis kann es sogar dazu kommen, dass der oben schon erwähnte Trockenrasen verbuscht und die Pflanzen, die eigentlich geschützt werden sollten, nach einigen Jahren oder Jahrzehnten gar nicht mehr vorkommen. Nicht trotz, sondern gerade wegen dem Zaun drum. Das hat aber dann auch damit zu tun, dass ein Trockenrasen in dem Fall eben eine selten gewordene Kulturlandschaftsform ist, die wegen ihrer Schönheit als schützenswert gilt.
Es stellt sich auch die Frage, wessen Schönheitsbegriff angewendet wird, wer diese Gebiete betreten kann und darf, zB. für Erholungszwecke oder für Jagd und Fischerei.

Mitgefühl
Naturschutz aus Mitgefühl kann, muss den Menschen aber nicht in den Naturbegriff einbeziehen. Die Motivation zum Naturschutz ist ähnlich wie sie oft beim Vegetarismus oder Veganismus geäußert wird: Leiden soll vermeidet werden. Welche Handlungsperspektiven das für Naturschutz gibt, finde ich persönlich schwierig zu bewerten, da sich durch menschliche Aktionen immer Leiden an anderen Lebewesen ergibt und manchmal eine Hierarchie erstellt wird, auf der süße oder intelligente Tiere oft ganz oben sind. Mit Steinen hat niemand Mitgefühl, die sind aber auch Teil unserer Umwelt und können sogenannte „Naturdenkmale“ bilden. Naturschutzorganisationen nutzen Mitgefühl und die erwähnten süßen Tiere oft aus, um ihre Ziel zu erreichen: der WWF hat sogar eins als Logo. Symboltiere haben durchaus einen Sinn, aber es geht halt auch nicht immer um Fischotter, Wale oder sonstige flauschige Gesellen. Außerdem können andere Gebiete oder Arten, die durchaus auch als „schützenswert“ gelten, aber keinen Flausch-Bonus haben, in Vergessenheit geraten oder weniger Geld bekommen. Mitgefühl kann also durchaus ein zweischneidiges Schwert sein.

SchleiereuleSchleiereule © (CC BY-SA 3.0) by Luc Viatour

Ressourcen
Die Natur als Lager von Ressourcen zu sehen, die es zu möglichst effizient zu nützen gilt, ist ein sehr technischer Ansatz. Die Forstwirtschaft ist ja besonders stolz darauf, den Begriff Nachhaltigkeit, der in letzter Zeit so unglaublich oft benutzt wird, erfunden zu haben. Der Ansatz, dass nachwachsende Rohstoffe auch noch für kommende Generationen vorhanden sein sollen, ereicht spätestens an dem Punkt, an dem die Spekulationen über die Bedürfnisse und Beschaffenheit der kommenden Generationen, enorme Schwierigkeiten. Was nicht heißt, dass der Versuch nicht lobenswert ist. Ich will jedoch Zweifel anmelden, ob es immer möglich sein wird, oder ob die Verfügbarkeit für spätere Generationen die einzige Zielfunktion in einer solchen Rechnung sein sollte. Denn jede Ressource ist endlich und auch nachwachsende Ressourcen können nicht ins Unendliche wachsen.
Der Ressourcenansatz ist natürlich meistens sehr anthropozentrisch und kann zu einfach wirkenden technischen (oder marktorientierte monetäre) Lösungen für sehr komplexe Probleme führen. Wer Artenvielfalt als Ressource erhalten will, kann auch zum dem Schluss kommen, dass es reicht, Erbmaterial von den entsprechenden Arten zu sammeln und zu erhalten, vergisst aber vielleicht dass genetische Vielfalt ebenso wichtig sein kann. Außerdem ist es ziemlich unmöglich abzusehen, was einmal als Ressource wichtig sein könnte. Hierarchiebildungen sind aber schon deshalb problematisch, weil einzelne Arten oder Gebiete niemals getrennt von übergeordneten Ökosystemebenen betrachtet werden können.

Überleben
Momentan gibt es in den internationalen Verhandlungen zu einem neuen Klimaabkommen à la Kyoto das Hauptziel, die Klimaerwärmung nicht 2°C im Weltjahresmittel überschreiten zu lassen, da die Folgen davon möglicherweise katastrophal wären und positive Feedbacks auslösen könnten, die die Erwärmung (und ihre Probleme) noch verstärken würden. Das ist ein typisches Beispiel für die Überlebensmotivation. Hier geht es im Diskurs wohl eher um „Umweltschutz“ oder „Klimaschutz“, grundsätzlich lässt sich das aber auch auf „Natur“ runterbrechen. Auch hier gilt das, was ich bei den Ressourcen zu technischen und monetären Lösungen gesagt habe.
Interessanterweise ist die „Überleben“-Motivation für Naturschutz relativ neu, eine ganz lange Zeit während der westlichen Kulturgeschichte galt die Natur als feindlich. hic sunt dracones usw. Was ja durchaus in manchen Bereichen die Quelle des heutigen Problems und wohl auch mit-Auslöser des „Menschen sind schlecht für die Natur“-Gedankens im romantischen Naturschutzgedanken sind. (Ich würde dem christlichen Konzept der Erbsünde auch Mitschuld an solchen Gedanken geben, aber ich bin kein Psychologe.)
Auch hier gilt wieder: Um wessen Überleben geht es? Die Frage bezieht sich einerseits auf die Menschen, gleichermaßen aber auch für alle anderen Lebewesen. Sehr oft ist mit „die Welt retten“ ja eher „die Menschheit im globalen Norden“ gemeint. Den Planeten oder auch „nur“ alles Leben völlig zu zerstören ist auch sehr schwer, es geht meistens um das Überleben der Menschheit.

Lactarius indigoLactarius indigo cc by Dan Molter

Intakte Ökosysteme
Der Wunsch nach intakten Ökosystemen scheint auf den Erkenntnissen der Ökologie zu fußen und wirkt dementsprechend wissenschaftlich. Wie die Schutzhandlungen hier aussehen, hängt ganz davon ab, wie intakte Ökosysteme verstanden werden. Es gibt (ganz grob) zwei unterschiedliche Theorien, die oft an einem Flugzeug-Beispiel erklärt werden. Das Flugzeug hat eine_n Pilot_in, wenn diese_r stirbt, dann ist das Flugzeug dem Untergang geweiht und stürzt ab. Hier wird davon ausgegangen, dass es in Ökosystem besonders wichtige Arten gibt, ohne die es nicht funktionieren kann. Die andere Idee geht von einem Zusammenspiel aus, in dem die einzelnen Arten als Nieten, die das Flugzeug zusammenhalten, verstanden werden. Löst sich eine Niete, so passiert erst einmal nichts, die Sicherheit ist dennoch gefährdet, es können sich mehr Nieten lösen und das Flugzeug fällt auseinander. (Das Bild hinkt eventuell ein bisschen, ich kenne mich nicht sonderlich gut mit Flugzeugen aus.)
Wahrscheinlich liegt die „Wahrheit“ für viele Ökosysteme irgendwo dazwischen und ist wesentlich komplexer. Ökosysteme sind immer komplex (oder eher „chaotisch“), was den Versuch, sie als mechanische oder kybernetische Maschine zu betrachten, abwegig macht. Was ist überhaupt ein intaktes Ökosystem? Wer bestimmt das und wie lässt sich das feststellen? Manchmal spielen Faktoren eine Rolle, die wir gar nicht kennen, bevor sie nicht mehr vorhanden sind und das System zusammenbricht (oder eher: sich verändert). Ein interessanter Aspekt, wie komplex die Materie ist, bietet auch die SLOSS-Debatte.

Und jetzt?
„Is eh ois Wurscht?“ mag sich da die eine oder der andere fragen. Die Gründe, Natur (oder Umwelt) zu schützen, sind eher diffus, gründen auf Bauchgefühl oder sind ziemlich schwierig zu bestimmen. Das färbt auf die Handlungsmöglichkeiten ab. Von der Glasglocke bis zum touristischen Ausflugsziel ist so ziemlich jede Abstufung drin. Ich finde es wichtig, die konkreten die Gründe für Naturschutzprojekte jeweils zu hinterfragen, denn es wäre mir lieber, wenn die Debatte anders geführt werden würde. Nämlich mit weniger flauschigen Tieren und vielleicht etwas mehr Ethik. Vor allem aber ist mir das Bewusstsein, dass es fast ausschließlich Kulturlandschaft ist, was wir da schützen wollen. „Natürlichkeit“ muss gar nicht gegen Gestaltungsfreiheit ausgespielt werden. „Naturnah“ scheint das Schlagwort zu sein, in Verbindung mit Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Bewirtschaftung, Herstellung, Joghurt. Im nächsten Satz folgt meistens „Nachhaltigkeit“.

Der Diskurs um Naturschutz sollte sachlicher und mit der menschlichen Gestaltungsfreiheit im Hinterkopf geführt werden. Wir haben die Landschaft gestaltet und sind fähig, das weiterhin zu tun. Wir sollten uns nur klar werden, wie sie aussehen soll. Insgesamt, nicht nur in ein paar Schutzgebieten. (Wobei Schutzgebiete durchaus eine wichtige Rolle spielen können, Korridore aber mindestens genauso wichtig sind, wenn es zB. um eine großflächige Erhaltung einer Art geht.) Dabei sollten wir auch die Natur in menschlichen Lebensräumen, z.B. in Städten bedenken. Eine der wichtigsten Lektionen meines Studiums war für mich bisher, dass es für Umweltprobleme keine Einheitslösungen gibt.

Back scattering crepuscular raysBack-scattering crepuscular rays cc by Dr. Andrew T. Young

Zwischenrufe

Ich darf mal kurz auf einige Dinge aufmerksam machen:

Es gibt ein interessantes neues literarisches Blog einer jungen Luxemburgerin: weit weg, das mir sehr gut gefällt. Die luxemburgische Blogosphäre ist zwar in den letzten Jahren und Monaten durchaus stark gewachsen, blogbuerg zählt fast 400 existierende und 160 aktive Blogs, aber die Vernetztheit hat nicht unbedingt zugenommen und es scheint mir, als stünden vor allem neue Blogs oft ziemlich alleine da. Zum Glück bin ich nicht der einzige, der sich darum kümmert.
Und wenn wir schon beim Thema „aktiv“ sind: Gedibbers ist nach fast einem Jahr wieder da. In zehn Minuten werden wir eine neue Episode aufnehmen, so dass es was zu hören gibt. Zumindest für Menschen, die Luxemburgisch können.

Des weiteren:
Die taz hat eine Lobrede auf das Radio geschrieben, was mich sehr freut.

Write Out Loud wurde von Thorben auf pianocktail kritisiert bzw. gelobt. Ich weiß nicht, ob das unmittelbar miteinander zu tun hat, aber die erste Auflage nähert sich dem Ende zu. Also zugreifen, wenn ihr euch für wirklich exzellente (und meine) junge luxemburgische Literatur interessiert! Wie bereits erwähnt, können Menschen, die in Wien leben, sich gerne bei mir melden, dann spart ihr euch das Porto!

Die Zeit hat einen interessanten Artikel über erneuerbare Energien und das dafür benötigte Stromnetz. Schade allerdings, dass der wichtigste Faktor, nämlich das Stromsparen und Senken des Energieverbrauchs, gar nicht angesprochen wird. Auch die „Batterie Europas“ (ich nehme an, Österreich wäre tendenziell auch eine solche?) sollte nicht als Wunderlösung gesehen werden, denn Pumpspeicherkraftwerke sind große Eingriffe in die Natur. Vielleicht sollte ich mal einen Artikel über erneuerbare Energien, Klimawandel und den ganzen Rest schreiben und dieses diffuse Gefühl, dass wir uns sehenden Auges in eine Katastrophe stürzen, nicht nur literarisch verwursten.

photo: A papier-mache cow on Mrs Mellor’s car, 1944Australian War Memorial‘s collection

Jagd

DieJulia hat mich mit ihrem kulinarischen Schüttelreim zur Jagdsaison daran erinnert, dass ich schon etwas länger plane, etwas über das Thema Jagd zu schreiben.
Ich möchte anmerken, dass ich mir aufgrund meiner Ausbildung einbilde, relativ viel Ahnung von den Thema zu haben und keiner extremer Ideologie nachzueifern. Ich werde auch vor allem auf die Situation in Luxemburg eingehen, da es die ist, die ich am besten kenne.

Aber das ist ja eigentlich schon das große Problem: Jeder, der eine Meinung zur Jagd hat, bildet sich ein, furchtbar viel Ahnung zu haben. Was dann oft nicht so sehr der Fall ist.

Ist Jagd notwendig?
Um es kurz zu machen: Ja, Jagd ist notwendig. Es gab immer schon Tiere, die Jagd auf das heute gejagte Wild gemacht haben. Diese Super-Prädatoren wie der Wolf und der Luchs sind größtenteils verschwunden und werden auch so schnell nicht zurück kommen. Die Populationen von Rehwild und Schwarzwild (Wildschweinen) sind in den letzten Jahren enorm gestiegen. Es ist quasi unmöglich, Rehe und Wildschweine im Wald zu zählen und auf brauchbare Zahlen zu kommen. (Auf der dänischen Halbinsel Kalø wurden unter größten Anstrengungen 70 Rehe gezählt, als man einen Totalabschuss durchführte, zählte man 213 Tiere.) Die hier genannten Populationsanstiege berufen sich also auf die einzigen Zahlen, die zur Verfügung stehen: die Zahl der abgeschossenen Tiere.

Die Wildschweine haben sehr viel bessere Lebenskonditionen, seit intensiver Maisanbau betrieben wird. Was wiederum zu sehr viel Wildschaden führt. Schädigen die Wildschweine in den Wäldern selbst kaum Bäume (höchstens einzelne Stämme, an denen sie sich nach einem Schlammbad abreiben, was aber wirtschaftlich absolut verträglich ist), so sind die Schäden in der Landwirtschaft relativ groß.
Wildschweine haben keine „eingebaute“ Populationskontrolle wie beispielsweise Füchse, bei denen bei hoher Populationsdichte nur ein Α-Weibchen Junge gebärt, dh. aus einer kleinen Rotte Wildschweine kann sehr schnell eine sehr große werden, welche natürlich auch sehr viel mehr Futter braucht. Wildschweine haben unter den momentanen günstigen Bedingungen eine Vermehrungsrate von 150 bis 200% pro Jahr. In den letzten Jahren kommt verstärkt das Problem der vielen aufeinander folgenden Mastjahre hinzu, dh. die Wildschweine leben quasi im Schlaraffenland – und vermehren sich dementsprechend.
Weitere mögliche Ursachen der Populationsexplosion der Wildschweine sind die starke Fütterung durch Jäger, die gezielte Hege der Bachen (man schießt keine weiblichen Tiere, um mehr Nachwuchs zu erhalten), milde Winter und der naturnahe Waldbau – welcher natürlich auch für mehr Nahrung sorgt.

Die Population des Rehwildes ist seit den 60er Jahren steigend. Wurden 1960 noch etwas über Tausend erlegte Rehe gezählt, so waren es um 2000 über 7000. Beim Reh ist allerdings zu bedenken, dass der Populationszuwachs wesentlich geringer ist als beim Schwarzwild, da eine Rehgeiß meistens zwei Kitze auf die Welt setzt. Eine Überpopulation, die weniger Nahrung bietet, bedingt auch, dass weniger Kitze durchkommen.
Rehe verursachen eine ganze Reihe von Schäden, vor allem im Wald. Man unterscheidet zwischen Fegeschäden und Verbissschäden. Fegeschäden werden von Böcken verursacht, die die anfänglich vorhandene Haut über ihren Geweihen an Bäumen abfegen, was wirtschaftlich wenig von Bedeutung ist. Die Verbissschäden sind jedoch schwerwiegender und werden mit steigender Rehpopulation schlimmer.

Da Rehe sogenannte Konzentratselektierer (Artikel vom Hirsch verlinkt, da sich hier der Begriff erklärt wird – Rehe und Hirsche haben aber sehr wenig gemein!) sind, d.h. energiereiches Futter benötigen, fressen sie vor allem die energiereichen Knospen von jungen Bäumen (da kommen Rehe besser dran!). Entfernt man den Terminaltrieb (die Knospe, die später einmal der Stamm wird), kommt es zur Bildung von Bonsaibäumchen.
Bei wenigen Rehen stellt das noch kein großes Problem dar, in der waldbaulichen Planung rechnet man immer mit Verlust und pflanzt deshalb mehr – wenn es Naturverjüngung gibt ist das Problem bei einzelnen Pflanzen nicht sonderlich schwerwiegend. Fehlt jedoch nun andere Äsung (Nahrung) und ist die Rehdichte hoch, kann der Schaden von den einzelnen Pflanzen schnell auf den kompletten Ausfall einzelner Baumarten (Eiche und Kirsche werden bevorzugt) bis hin zu einer Situation, in der nicht einmal mehr Naturverjüngung ohne Schutzmaßnahmen mehr möglich ist, reichen. Rehe können sogar verschiedene Pflanzen lokal ausrotten, z.B. die Türkenbundlilie.
Anzumerken vielleicht noch, dass der Vebissdruck auf eine Pflanzung (Kulturfläche) in einem äsungsarmen Gebiet (also ein Gebiet, in dem es sehr wenig andere Pflanzen gibt, an denen sich Rehe bedienen können) trotz geringer Rehdichte sehr hoch sein kann. Waldbaulich kann man Rehen begegnen, indem man artenreiche Mischwälder und gut strukturierte Waldränder gestaltet und fördert – was natürlich Arbeit bedeutet!

Übrigens ist die Winterfütterung von Rehen ziemlich Unsinn, da Rehe im Winter normalerweise ihren Magen so umstellen, dass sie mit sehr wenig Nahrung zurechtkommen (die Entwicklung der Föten steht ebenfalls still). Füttert man sie, so stellt sich der Magen nicht um und man muss bis ins späte Frühjahr weiter füttern, da die Rehe sonst eingehen.

Was ist denn mit den Prädatoren?
Der einzige Super-Prädator, der in Luxemburg vorkommt, ist der Uhu. Und das auch nicht gerade in atemberaubenden Zahlen. Vor allem ist ein Ein-Meter-Vogel auch nicht unbedingt das Tier, das unsere riesigen Reh- und Wildschweinpopulationen dezimiert.

Der Luchs wird oft als möglicher Superprädator in Luxemburg zitiert. Nun, auch wenn Luchse nicht, wie das oft angenommen wird, riesige Wälder brauchen und sich nur auf 500 Meter vom Waldrand entfernen (ein telemetrisch beobachteter Luchs ist zwei mal durch Zürich gelaufen), so brauchen Luchse dennoch ein ziemlich großes Territorium. Man könnte sich durchaus einige Tiere in den Ardennen, dem Ösling und der Eifel vorstellen. Gerüchten zufolge gibt es auch schon einige wenige Luchse in Belgien. Allerdings wäre der Luchs eher ein Gast in Luxemburg, der alle paar Wochen oder Monate mal ein Reh erlegt und sonst wenig zur Verkleinerung der Populationen beitragen würde. Fazit: Schön wärs, aber der Nutzen ist eher klein.

Der Wolf ist das nächste Kandidat auf der Prädatorenliste – und meiner Meinung nach der vielversprechenste. Definitiv auf dem Weg der weiteren Ausbreitung wird der Wolf wohl von alleine in den nächsten 50 Jahren irgendwann in Luxemburg ankommen. Dafür wäre er allerdings ziemlich effektiv, vor allem was die Rehpopulationen angeht. Schafherden können durch Hunde gut geschützt werden. Wildschweinrotten können größer werden, dh. mehr Schweine in einer Gruppe, wenn eine ständige Nahrungsquelle vorhanden ist (Maisfeld oder Futterstelle im Wald). Wölfe haben auch den Vorteil, dass sie, anders wie der Luchs, dessen Jagderfolg vom Überraschungseffekt abhängig ist, vor allem junge, kranke oder schwache Tiere angreifen.
Noch gibt es die Wölfe aber nicht – und es scheint mir zumindest auch nicht so, als gäbe es politischen Willen, welche auszusetzen.

Was kann man an der Jagd kritisieren?
Mein Problem mit Jagdgegnern/Jagdkritikern ist, dass sie oft ziemlich dämliche Argumente haben. Man kann einfach nicht mit „Die armen Bambis“ und die angeblich brutalen Jagdhunde argumentieren. Auf jeden Fall dann nicht, wenn man sich ebenfalls für den Luchs oder den Wolf stark macht. Ich vermute jetzt einfach mal, dass ein Tod durch die Kugel, wenn sie denn sauber trifft (mit flüchtenden Tieren hat man selten die Chance für einen zweiten Schuss), „humaner“ ist als von einer Meute Wölfe kilometerweit gehetzt zu werden und dann totgebissen zu werden. Überhaupt frage ich mich, ob die Tiere den Schuss hören, denn die Kugel ist ja schneller als der Schall.

Fütterung von Wildtieren ist kontraproduktiv und gehört verboten, was im neuen Jagdgesetz ebenfalls der Fall sein wird. Wie es sich mit der Äsung (zum Anlocken) verhält, mag ich nicht genau sagen. Es kommt dort wahrscheinlich auch auf die Menge an.

Fuchsjagd bringt nicht sehr viel, sie ist oft sogar kontraproduktiv
. Aber es gibt auch außer „die armen Tiere“ nicht wirklich viel Argumente dagegen. Man sollte sich als Jäger halt nur bewusst sein, dass es wegen Fuchsbandwurm auch noch gefährlich ist und man deshalb wohl sehr wenig davon hat, einen Fuchs zu schießen. Aber das ist ein Punkt, den man sicherlich kritisieren kann: Trophäenjagd anstatt Wildregulierung.
Auch das System in Luxemburg das, einen ja menschenrechtsverachtend dazu zwingt, als Grundstückbesitzer Mitglied in einem Jagdsyndikat zu werden, dh. in dem Club, der dafür sorgt, dass man Geld für die Jagdpacht und den Wildschaden bekommt, kann man sicherlich kritisieren. Es dürfte wohl auch kein Geheimnis sein, dass die Jägerzunft in Luxemburg oft aus der Oberschicht besteht, was zumindest bei mir einen merkwürdigen Beigeschmack erzeugt.

Ich kann nicht einschätzen, wie die Situation in Luxemburg momentan ist. Es gibt sicherlich einige schwarze Schafe unter den Jägern – vielleicht auch mehr, als man glauben mag, vielleicht aber auch weniger. Vielleicht kommt mit einer neuer Generation Jäger auch ein Wechsel der Methoden und vor allem des „Spirits“, mit dem die Jagd betrieben wird.

Falls ich jetzt irgendwo einen Fehler begangen habe – was bei der komplexen Materie sicherlich leicht der Fall ist, so bitte ich, mich darauf hinzuweisen. Und auf eine Diskussion freue ich mich schon!

Abwässer

Es gibt ja mittlerweile die Teilung von Schmutzwasser und Regenwasser in der Kanalisation. Weil Regenwasser eher selten einer Klärung bedarf und man somit teilweise sehr viel Wasser verschmutzt (indem man sie mit häuslichen oder industriellen Abwässern vermischt), um es dann wieder zu klären.
Also ist die Teilung von Regen- und Abwasser schon mal gar keine so schlecht Idee. Nur, was ich mich halt frage, ist folgendes: Sollte man nicht drei verschiedene Transportrohre/Beseitigungsmaßnahmen einführen, wobei Regen- und Abwässer wie Bade-, Spül-, Wasch- und ähnlich kontaminierte wasser wie gehabt getrennt geklärt würden und man die menschlichen Abfälle, Kot und Urin also in eine Art Biogasanlage befördern würde, wo man entweder Energie (Heizwärme, evtl. Fernwärme) oder Gas zum Kochen (so ein System wird in Entwicklungshilfeprojekten eingesetzt!) gewinnen könnte. Es hätte zum Vorteil, dass man weniger Wasser kontaminieren und klären müsste und ausserdem sofort und relativ lokal Energie produzieren könnte.

Oder ist das jetzt eine Scheißidee?