Der Betrug

Als ich über alle möglichen Wirklichkeiten nachdachte

Foto von Tramschienen in Luxemburg

Ich habe das Gefühl, der Raum müsste sich bald wieder verändern, ich und die Person, die ich einst Ruth nannte, wir, wenn ich es denn wagen kann, von einem „wir“ zu sprechen, müssten jeden Moment wieder woanders stehen. Zurück in der Betonkathedrale oder dem Maschinenraum oder was ich halt dafür hielt, zum Beispiel. Mir kommt das so lange vor, so fern, dabei kann es sich nur um Stunden handeln. (In Wirklichkeit sind es etwas mehr als zwei Wochen, aber wen interessiert schon die Wirklichkeit?)

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Saucenspritzer

Als ich mich selbst nicht mehr verstand

„Und was soll es dann bringen, unbelebte und unschuldige Objekte zu zerschlagen?“
„Du wolltest doch genau das gleiche tun. Du hattest doch auch einen Baseballschläger in der Hand! Du hattest doch genau den gleichen Plan?“
Meine letzte Anschuldigung klingt mehr nach einer Frage. Ich weiß nicht, ob ich wirklich Recht mit meiner Vermutung habe. Vielleicht wollte die Person, die ich einst Ruth nannte, auch einfach mich schlagen. Oder sich vor mir verteidigen. Es wäre ihr nicht einmal wirklich übelzunehmen.

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Weekend Reading (3)

Als ich zum dritten Mal ein paar Artikel (nicht meine eigenen) verlinkte

Eine gefaltete Zeitung

Diese Woche hatte ich Urlaub, was die Nebenerscheinung hat, dass ich nichts für die woxx geschrieben habe. Das Blog lief natürlich weiter, aber das wissen die Menschen, die diese Zeilen lesen, wahrscheinlich ohnehin schon. Ich habe wieder ein paar Links gesammelt, die ihr beim Frühstück, Brunch oder ohne Essensbeilage lesen könnt.

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Der Termin

Als Naika etwas über sich erfuhr, das sie noch nicht wusste.

„Einfach nur ‚Miau‘ ist jetzt nicht unbedingt die Botschaft, die ich mir von einer Person erwartet hätte, die mir eine Krähe schickt. Noch dazu eine sprechende.“, sagte Naika, immer noch grinsend. Sie hatte sich mittlerweile wieder aufgerichtet und nahm noch einen Schluck Kaffee. Sie spürte die Wirkung des Getränks noch nicht. Sie war überhaupt kein Mensch, bei dem sich Koffein besonders manifestierte, wie etwa bei anderen, die Herzrasen bekamen oder zumindest ein Kribbeln verspürten. Sie wurde halt irgendwann wach, was hoffentlich auch ohne die Zufuhr von Koffein passieren würde.

„Das war auch nur ein Test. Um zu sehen, ob du auch wirklich wach genug bist, um zuzuhören.“, sagte die Krähe. Ihre Stimme klang weicher, noch weniger krächzend. Vielleicht machte Kaffee Krähen tatsächlich nicht nur wacher, sondern auch weniger heiser? Naika wusste nicht genug über Krähen, um sich darüber tatsächlich ein Urteil machen zu können. Vor allem wusste sie nicht genug über sprechende Krähen. Und noch viel weniger über sprechende Krähen mit einem merkwürdigen Sinn für Humor.

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Kabelsalat im Kopf

Als ich versuchte, meine Gedanken zu Sortieren

Verteilerkästen, vor denen sehr viele Kabel auf dem Gehsteig liegen.

Vielleicht möchte ich zum Ziel haben, mit 40 Jahren so herumzulaufen, dass mich alle für einen Zauberer halten. Allerdings habe ich nicht wirklich viel Vertrauen in mein Stilgefühl, und ich weiß nicht, ob ein knappes Jahrzehnt dafür ausreichen, eins aufzubauen. Vielleicht möchte ich wieder mehr Mangas lesen. Leider ist das ein teures Hobby, aber im Gegensatz zu meiner „wir hatten ja nichts“-Jugend habe ich das Gefühl, dass es mir heute zumindest ohne Probleme möglich wäre, an die Bücher heranzukommen. Wobei ich da vielleicht auch Dinge schlimmer erinnere, als sie tatsächlich waren.

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Der Innenhof

Als ich über Innenhöfe nachdachte

Innenhof mit einer Birke und einer Lärche, im Hintergrund ein graues Haus, darüber der strahlende Himmel, weiß und blau.

Ich habe keinen eigenen Innenhof mehr, deswegen gibt es nur noch diesen einen, den ich manchmal besuche, der irgendwie auch „meiner“ ist, so irgendwie halt. Es gäbe auch noch das traurige Ding auf der Arbeit, aber da schaue ich nur rein, wenn die Tauben besonders laut sind. Und ich glaube, das ist mehr ein „Lichthof“ als ein Innenhof, auch wenn manchmal jemand da steht und sich auf Deutsch am Telefon unterhält und dabei immer klingt, als wäre er ein professioneller Anzugträger und würde sich Drogen bestellen.

Ich erinnere mich daran, wie mir einmal etwas vom Balkon gefallen ist, das wertvoll genug war, damit ich runter in den Innenhof, den ich eigentlich nie betrat, wanderte und es aufhob. Ich weiß nicht mehr, was es war – vielleicht ein Kleidungsstück, vielleicht auch nur eine Gabel? Ich war auf jeden Fall verwundert darüber, wie wenig hoch mein Balkon wirkte und wie verwildert alles von unten aussah, wie eine grüne Oase. Vom Balkon war diese Aussicht viel weniger hübsch, alles wirkte geordnet, gemäht und zurechtgemacht. Eine Lektion über Perspektive – und darüber, möglichst nichts vom Balkon fallen zu lassen, das wertvoll ist.

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Der Marmeladenfleck

Als Naika die Botschaft nicht hören wollte

Foto einer Krähe vor weißem Hintergrund.

Naika nahm noch einen Schluck und antwortete nicht sofort. Sie war definitiv noch nicht wach genug, um mit der Krähe über den idealen Mahlgrad ihres Kaffees zu diskutieren. Vor allem verwendete sie eine billige, elektrische Mühle, die sie für 10 Euro online bestellt hatte. Sie war sich nicht sicher, ob es möglich war, den Mahlgrad damit großartig zu beeinflussen. Vor allem lenkte das alles davon ab, dass die Krähe höchstwahrscheinlich nicht zufällig da war.

Sie kreuzte die Arme auf dem Küchentisch, der ausnahmsweise einmal frei von Krümeln war. Mit ein wenig Glück würden sich danach auch keine Marmelade- oder Magarineflecken auf den Ärmeln ihres Kapuzenpullovers finden. Dann legte sie ihren Kopf in die Arme und seufzte laut, theatralisch. Sie machte so etwas vor allem für sich selbst, sie hätte diese Geste definitiv auch ohne Publikum vorgeführt. Sie mochte es, ihr Gefühlsleben in der Art zu verdeutlichen, sich selbst darin zu bestätigen, wie sie fühlte.

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Die Kakaonote

Als Naika der Krähe Kaffee servierte.

Eine Krähe auf einem Holzlattenzaun

„Wie trinkst du deinen Kaffee denn?“, fragte Naika.
Die Krähe legte ihren Kopf schief, und es wirkte so, als wäre sie sehr beleidigt.
„Ach, das war jetzt nicht unbedingt so offensichtlich.“, antwortete Naika dem schweigenden Vogel, „Auch wenn du das natürlich ganz anders siehst.“
Sie kraulte der Krähe wieder den Kopf, woraufhin diese genüsslich die Augen schloss. Naika rechnete damit, dass sie jeden Moment damit anfangen würde, zu schnurren, auch wenn das wirklich sehr merkwürdig gewesen wäre, für einen Vogel.

Sie holte zwei Tassen aus ihrem Schrank, einen großen Becher für sich und eine kleine Espressotasse für die Krähe. Sie füllte ihren Becher zu grob einem Drittel mit Hafermilch, ließ zwei Würfel Zucker in die Tasse fallen, die sogleich anfingen, sich mit der Hafermilch vollzusaugen. Den Kaffee goss sie zuerst in die Espressotasse, dann in ihre eigene, um ihren Gast nicht noch weiter zu verprellen.

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Die Wurzel der Wut

Als ich meine eigene Metapher entschlüsselte.

Sonnenaufgang am Bodensee. Links ist ein wenig Ufer zu sehen, sonst nur See und Himmel, beide rosa gefärbt. Am Horizont sind Seeufer und Berge zu sehen.

„Wieso schweben da zwei Baseballschläger in der Mitte des Raumes?“, fragt die Person, die ich einst Ruth nannte. In einem Tonfall, der mir unmissverständlich klar macht, dass es vor allem darum geht, sich mit der Art der Frage über mich lustig zu machen.

„Ich weiß es auch nicht. Ich weiß nicht einmal, warum du einen Baseballschläger dabei hast. Du bist ja nicht die Person, die wütend ist. Das sollte doch ich sein.“

Mein Gegenüber grinst, das Grinsen friert auf ihrem Gesicht, dann entspannt sie ihre Mimik und blickt mich wieder mit dem gleichen ernsten Blick an, den sie spätestens seit wir im Porzellanladen sind, aufgesetzt hat.
„Oh, ich sollte nicht wütend sein? Ich sollte nicht auf Porzellan eindreschen wollen, bis nur noch Staub übrig ist? Als hätte ich nicht gute Gründe, um genau so wütend so zu sein!“
Der Tonfall ist aber nicht wütend. Die Person, die ich einst Ruth nannte, spricht in einer ruhigen, salbungsvollen Stimme, die mich umso mehr trifft. Natürlich hätte auch sie allen Grund, wütend zu sein, so wie …

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Die Schwerelosigkeit

Als Alles Kopf stand.

Schneelandschaft mit Bäumen und Häusern, verschwommen weil aus dem Zug heraus fotografiert.

Der Raum dreht sich. Der Porzellanladen, wie ich ihn für mich genannt habe, in Ermangelung eines besseren Namens, steht auf dem Kopf. Ich falle nicht. Die Person, die ich einst Ruth nannte, fällt nicht. Die Vasen und anderen zerbrechlichen Gefäße fallen nicht. Nicht einmal die Flüssigkeit, die in manchen von ihnen steckt, tropft heraus. Aber ich spüre, dass der Raum sich einmal um 180 Grad gedreht hat, mein Vestibularapparat sendet das Signal an mein Hirn, dass wir uns auf dem Kopf befinden. Und ein wenig habe ich das Gefühl, dass mir das Blut aus den Füßen in den Kopf fließt, wo es sich unangenehm ansammelt.

Mein Baseballschläger schwebt schwerelos in der Mitte des Raumes. Ich muss ihn losgelassen haben, als ich dachte, ich würde fallen, als sich alles drehte. Ob die Person, die ich einst Ruth nannte, ihren noch hat, sehe ich nicht.

„Was war das?“
„Ich weiß es nicht.“
Die Person betont das „Ich“ in einer Art und Weise, die mir absolut unmissverständlich klar macht, dass ich es eigentlich wissen müsste, denn, so die Unterstellung, immerhin spielte sich das hier ja alles in meiner Vorstellung ab. Ich aber bin mir sicher, dass dies zumindest so etwas ähnliches wie die Realität ist und mein Gegenüber deswegen auch ein klein wenig Verantwortung dafür trägt, zu wissen, was zum Teufel hier eigentlich passiert.

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