Die Nacht

Als es die Nacht war.

Es ist diese eine Nacht im Jahr, die nur für mich mit Bedeutung aufgeladen ist. Ein weiteres Rund um unser Zentralgestirn herum ist beinahe beendet. Ich möchte dramatische Musik aufdrehen und über und über mit Symbolen bemalt in den Garten treten, eine Fackel in der Hand und ein mystisches Ritual durchführen. Krähen und Elstern sammeln sich im Garten und nicken mir wissend zu. Die Nacht, sie gehört mir, ich ertrage ihre Schwere ohne zu leiden.

In Wirklichkeit werde ich nur in den Garten gehen und rauchen und bedeutungsschwanger in den Himmel schauen und Schwärze sehen und warten, bis sie zurückstarrt. Früher habe ich oft Dinge an diesem Tag gesehen, die wie ein Zeichen wirkten. Einmal bin ich morgens zur Schule und ein Regenbogen war zu sehen, als ob die meteorologischen Bedingungen sich um mich kümmern würden.

Vielleicht wird die Person, die wir einst Ruth nannten, auftauchen. Unvermittelt, ohne ein Geräusch zu machen, vor mir stehen und grinsend mit dem Kopf nicken, woraufhin ich sprachlos bin und auch einfach nur nicke. Ich ziehe meine Kapuze tiefer ins Gesicht und falle der Person, die wir einst Ruth nannten, um den Hals. Wir drücken uns so fest wie es Menschen sonst nur in Filmen tun.

Es ist diese eine Nacht im Jahr, über dem schwarzen Rauch der Fackel kreist einsam eine Elster.

Das All-you-can-eat-Buffet

Als ich einen Stich versetzt bekam.

Ungeahnt kommt ein Gefühl auf. Ich habe etwas gelesen, das mich erinnert hat, obwohl ich gar nicht weiß, ob ich mich nicht vielleicht irre, ob es überhaupt eine Bedeutung hat. Ein fieser, grüner giftiger Stich zwischen meine weichen Rippen. Ich versuche nicht an die Stadt und den Balkon und die Oktoberverzweiflung zu denken, sondern an luxemburgische Landstraßen. Nie werde ich verstehen, wie weit der Himmel über den Kuhweiden sein kann, wie gigantisch der Horizont über dem Asphalt zwischen den Dörfern.

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Der Wahlabend

Als ich gen Osten schaute.

Ich schaue Wahlergebnisse, als würden sie mich betreffen. Bestechend finde ich die Berichterstattung, die so nett halbprofessionell von beinahe leerer Parteizentrale zur nächsten beinahe leerer Parteizentrale hin- und herwechselt und Leute befragt, die noch so halb im Wahlkampfmodus sind oder halt noch nichts zu sagen haben, weil die Ergebnisse noch nicht da sind. Ich liebe es, weil der Pathos sich mit der pandemiebedingten Leere überhaupt nicht verträgt.

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weekend reading 79

Als ich müde Links postete.

Heute war ein sehr schläfriger Tag für mich, trotzdem habe ich natürlich Links zusammengestellt. Zum Glück sammele ich unter der Woche recht fleißig, so das es nicht mehr allzu viel Arbeit ist. Ich habe diese Woche über das wachsende Plastikproblem der EU geschrieben, und nochmal über Äpfel, Birnen und Bananen. Außerdem hat mich die Debatte über 5G im luxemburgischen Parlament ziemlich aufgeregt.

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Das Wasserstoffperoxid

Als ich blond wurde.

Ich stehe im Bade und bleiche mir die Haare. Wie immer habe ich das Gefühl, zu wenig Wasserstoffperoxid genommen zu haben. Ich wickele meinen Kopf in Klarsichtfolie und scherze, das sei um mich gegen 5G-Strahlen zu schützen. So witzig ist das eigentlich nicht. Die nächsten drei Monate werde ich mich im Spiegel nicht wiedererkennen. Zum Glück schaue ich nicht so oft da rein, habe ich noch nie getan.

Ich möchte der Veränderung keine Bedeutung zuschreiben. Ich habe meine Haare gebleicht, eigentlich wollte ich sie färben, aber dann hat mir das Blond doch so gefallen, dass ich es lassen will, zumindest für ein paar Tage oder Wochen. Etwas, was ich ohnehin schon sehr lange vor hatte, und wie so vieles habe ich es vor mich hin geschoben. Ich freue mich schon darauf, wie es leicht rausgewachsen aussehen wird. Sicher einen ganzen halben Tag lang gut.

Es sind die kleinen Dinge, mit denen ich stets eine neue Zeitrechnung beginne.

Der Mogeltee

Als ich nicht das richtige Getränk fand.

Ich sitze viel zu lange an dem Text, obwohl ich noch mindestens drei andere Texte vorhatte. Wie jede Woche, denke ich mir, als ich in einer Zigarettenpause auf den Regen starre. Es kommt mir auch vor, als regne es seit Monaten nur noch. Das stimmt alles nicht. Es ist nicht jede Woche so, und vor zwei Wochen hat es auch noch nicht geregnet. Es ist schon wieder alles anders, es ist schon wieder alles merkwürdig. Ich will mir einen Tee machen und obwohl dieses Haus über gefühlte vierundvierzig Teesorten verfügt, ist nicht das dabei, nach dem ich mich sehne.

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Die Kopfstadt

Als ich doch nicht umgezogen war.

Fast ist mir, als lebe ich in einer anderen Realität. In einer, in der ich noch immer in dieser Stadt wohne und täglich zum Supermarkt laufe, um drei Kleinigkeiten zu kaufen. Das Gefühl kommt einfach so, weil ein paar Dinge in meinem Kopf sich vermischen und ich dann wieder vermisse. Vor allem meinen Balkon, auf dem es mir jetzt schon wieder zu kalt wäre. Vielleicht hätte ich endlich gelernt, mir eine dicke Decke anzuschaffen, unter der ich sitzen könnte, eventuell gäbe es sogar eine bessere Sitzgelegenheit als diesen Sitzsack.

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Die Repräsentation des weißen Blatts

Als ich Suppe kochte.

Ich starre auf das weiße Blatt. Auf die Repräsentation des weißen Blatts am Bildschirm, der so voller Metaphern und Symbole ist, dass es mir ein Rätsel ist, wie lange wir das noch verstehen werden. Eine Stunde lang starre ich auf die Repräsentation des weißen Blatts. Auf das Licht, das der Monitor ausstrahlt. Es wird von dem Computer irgendwie berechnet, und fällt durch jeweils ein Loch in meinen Augen auf meine Netzhaut. Je mehr ich über diese banalen Prozesse nachdenke, die unbemerkt ablaufen, aber dennoch funktionieren müssen, umso merkwürdiger finde ich das Leben.

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Die Unzukunft

Als ich Musik auflegte.

Auf der Autobahn fühle ich mich wie ein schlechter DJ. Ich habe meine Gute Laune-Playlist eingeworfen, aber meine Laune ist gar nicht so gut. Ich bin auch nicht schlecht gelaunt, ich bin vor allem müde, obwohl ich extra noch einen Kaffee getrunken habe.

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