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Foto von grauen Wolken über einem matschigen braunen Feld. Das Foto ist durch eine Fensterscheibe fotografiert, auf dem Regentropfen zu sehen sind Photo by SplitShire

Ich sehe mir dein Facebookprofil nochmal an, weil da rechts oben, wo immer steht, was alle gerade tun (und das nach fünf Minuten immer stehen bleibt, weil alle gerade viel zu viel tun), was von dir stand und ich sah, dass du ein anderes Profilfoto hast und das muss ich mir natürlich anschauen. Dabei schmecke ich wieder diesen leicht metallischen Geschmack von damals im Mund, als ich überzeugt war, dass sich dieses Gefühl nur mit einer Krankheit vergleichen ließe: Was für eine arrogante und überheblich-junge Überzeugung.
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Das Zentrum des Universums

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Der Zug, in dem ich sitze, atmet leise ein und aus. Kaum hörbar sein elektrisches Stöhnen, das unnatürlicher nicht sein könnte und dennoch so vertraut ist.
Es ist kaum zu glauben, wie gut Menschen einem tun können. Noch immer euphorisiert von diesem strahlenden Sommerende, das irgendwo im krächzenden Gebälk zwischen nicht identifizierbaren Bildern in staubigen Rahmen stattfand.

Und da stehst du. In Paris, auf der Défense. Du erwartest gerade zu, dass Alarmsirenen ertönen und die Hochhäuser langsam im Boden versinken. Hier wird dir das Ausmaß deines Sieges erst bewusst. Unwiderruflich ist er, endgültig. Die Kräfte des Guten und Richtigen gegen Alt und Böse. Bisher die höchste Hochwassermarke. Niemand kann dir das nehmen. Hochgefühl. Die Freiheit, das Volk zum Sieg führend. Apotheose, zeitweilige. Jemand sollte deine Heldentaten als Fresko an die Decke einer großen Halle malen!
Alle roten Zeichen sind weggewischt.

Und da stehst du. In dem Tesserakt, diesem Hyperkubus der vierten Dimension. Und du weißt: Dies ist das Zentrum des Universums. Da hoch oben, an der Decke der Grande Arche ist der wahrhaftige Aufhängepunkt für das Pendel.
Die Erkenntnis ist so großartig, dass sie dir erst vier Wochen später bewusst wird. Für einen kurzen Moment atmest du Strings, die drohend glühen und dunkle, graue Asche überall hinsauen.

Es muss doch einen Weg hier raus geben. Zu viel Verwirrung hier. Der kahlköpfige, vietnamesische Weltraumnazi hinter der Theke dieser Waikikibar inmitten von Amsterdam sah uns grinsend an. Er wusste ganz genau, was los war.
Auf der Straßenkarte nur ein einziger Name. Selbst für dieses grinsende Scheusal habe ich im Nachhinein noch Verständnis, gar Mitgefühl. Diese Wanderung war nötig. Sie war die Reise zum Zentrum des Universums, an dem ich eine Woche zuvor gewesen war. Zeit ist nicht stringent, nicht linear. Schon gar nicht in Schwingungsnähe vierdimensionaler Hyperkuben.

Eine weitere Reise. Im Auge des Sturms. Ciao Bella.
Diese Stadt liebt mich. Mir wird bewusst: Es war nicht ich, der Sehnsucht hatte, wie einst nach dem Meer, nach der Sonne, nach Kalkfelsen und Rosmarin, sondern sie, die Stadt, die mich vermisste und mich zu ihr gerufen hatte. Ich sehe: das schönste Mädchen der Welt, Bier aus schenkend.
Dann. Eine Umarmung. Sie. A². Ich fühle nur Verlegenheit, Freude. Ich möchte ihr erzählen von meinen Reisen, aber dazu bleibt keine Zeit.

Wie immer vervollständigt sich die Geschichte erst später.
Wo bleibt der Herbst?

Foto aus Wikicommons (cc)

Wolkendecke

Ich liege auf meinem Bett, starre in den grauen Himmel und träume mit offenen Augen von einem traumlosen Schlaf.
Ich bin müde, so müde. Schon die ganze Woche. Als habe mir irgendetwas allen Lebensmut geraubt. Heute gab es einen kurzen Gonzomoment, während dem ich mich besser gefühlt habe, Lust auf psychoaktive Drogen und eine uralte Schreibmaschine gehabt hätte und sicherlich einen verrückten Text produziert habe.
A² wirkt immer noch wie eine starke Droge, ein Seelenopiat. Irgendeine Drüse in meinem Gehirn oder zwischen meinen Gedärmen hat sich in eine hochempfindliche Antenne entwickelt, mit denen ich, wenn sie sich, und das tut sie noch immer viel zu oft, vegetativ-selbstständig aktiviert, ihre Signale auffange, jedes Auf- und Ab ihrer Brust, jeder Herzschlag, und ich habe nicht die Kraft, mich gegen die Bilder zu wehren, die in meinem Kopf wuchern wie Geschwüre. Ich habe einen Tumor in meinem Kopf. Zumindest einen metaphorischen.. Manchmal, im Halbschlaf, habe ich die gleichen Wahnwunschvorstellungen wie vor jenem verhängnissvollen Donnerstag, der „eigentlich ein toller Tag“ war und dennoch alles auf den Kopf stellte, was davor war. Ich wünsche mir dann nichts mehr als wieder in dieser Hütte zu sein, im hohen Norden, wo A² mir einen psychoaktiven Tee serviert hat.

Allein im Zeppelin. Klaustrophobie macht sich in den weiten Sälen breit.
Der Himmel ist überall grau. Und du bist den Menschen noch zu weit entfernt, um unter die Wolkendecke zu tauchen. Du musst warten. Ausharren. Das letzte Mal, als du versucht hast, zu landen, war der Himmel voller Blendlichter, auf dass du das Leuchtfeuer deiner Freunde nicht erkennen konntest. Leise zischte ein einzelner Feuerwerkskörper an der Gondel vorbei, ohne Schaden anzurichten. Sogleich hast du alle Hebel in Bewegung gesetzt, die das Luftschiff höher fliegen haben lassen.
Ja, das ist Flucht, aber hast du je etwas anderes getan als flüchten?
Hier oben ist es still und einsam. Keine Vögel. Keine Menschen. Keine Sorgen.
Nur ein Mann und sein Luftschiff.

Langsam wird es dunkler. Meine Augen sind immer noch nach oben gerichtet, zu dem Dachfenster, der Wolkendecke, dem Himmel, der keiner ist, dem unsichtbaren privaten Zeppelin, dem tausendantennigen Funkturm, der da irgendwo in D. oder manchmal auch in N. wandelt und seine schrecklichen Signale aussendet, die zu empfangen nur ich in der Lage bin. Ja, Dunkelheit, lege dich auf mich, hülle mich ein und bedecke mit mit dem Regen.
Das Wetter in diesen Tagen ist so ziemlich das einzige, was mich am Leben hällt, denn graue Wolken sind zumindest nicht für ihr Lachen bekannt. Vielleicht sollte ich mich in ein Dampfbad setzen und versuchen, alles Bedrückende aus mir heraus zu schwitzen und die dickflüssige, bräunlich glänzende Masse, die sich dann an meinen Körperhaaren sammeln würde, in ein Flakon tropfen lassen, um sie auf dem Gasherd stundenlang köcheln zu lassen, bis sie eingedickt ist und als psychoaktive Droge für schlechte Trips und Selbstmörder verkauft werden kann.

Wir haben uns im Traum verpasst.

Leinen los

Der Tumor in deinem Kopf ist geplatzt. Und hat dir, als letzte Amtshandlung quasi, geraten, doch zu schreiben.
„Fick dich!“ möchte jemand in dir schreien, aber das erledigt ja jetzt ein Anderer. Und eigentlich möchtest du sowas überhaupt nicht sagen. Deshalb sagst du so etwas auch nicht.

Das Zeppelin hebt zu einem Nachtflug ab.
Ohne Mannschaft, ohne Flugplan, ohne Nichts.
Weil da draußen außer Dunkelheit eh nichts mehr ist.
Nur ein Mann und sein Luftschiff.

Skizze

Wir skizzieren eine Reise.
Ja, skizzieren wir doch eine Reise, wohin ist egal, denn der Weg ist das Ziel und die Autobahnraststätte ist auch ein netter Ort, um so zu tun, als sei man irgendwo angelangt, wo man gerne wäre, denn immerhin ist sie auf dem Weg und der Weg ist das Ziel.

skizze-auto

Die Reise ist leer ohne Reisende, so leer wie das Sparbuch nach ihr, und dennoch voll mit Hoffnung und Mut, glänzend wie der schöne Katalog, der Träume verkauft.
Wir skizzieren eine Reise ins Nirgendwo.
Ein Auto, ein Bus, ein Zug, ein Flugzeug, ein Kreuzfahrtschiff und eine Pferdekutsche.
Der Weg ist das Ziel und das Transportmittel die zweite Unbekannte in einer Gleichung, die wir eh nie lösen werden.

„Ich mach eine Reise“, wollen wir sagen, aber sagen es doch nicht, weil, auf alle Fragen, die da kommen könnten, wissen wir keine Antwort, denn eigentlich ist unsere Reise immer noch nur eine Skizze.

Vielleicht möchte ich gar nicht mehr reisen, sondern mich in meinem Kopf zurückziehen, mich darin verkriechen wie in einem Schneckenhaus und fremde Welten nur dort erkunden?

Wir skizzieren eine Reise in unseren Köpfen, wandeln durch wundersame Traumlandschaften und bezahlen nicht einmal Kurtaxe.
Ein Feld, eine Niederspannungsleitung, ein Kasten Bier und die Frau deiner Träume/dein bester Kumpel.
Das Paradies.
Nur eine Skizze.

(Photo cc by Pedro Simões)

flüssig

Akute Gehirnverflüssigung. Der Tumor hat es aufgelöst. Die einzige Hoffnung liegt jetzt in der Möglichkeit, eine heiße Stricknadel in den Schädel zu bohren und durch gezielte Stromstöße die Trocknung der Masse anzuregen. Ansonsten wird sich die rosagraue Substanz in den Lymphknoten absetzen und Insekten anlocken, die sich unter die Haut der Handflächen setzen und dort Eier ablegen.

Wirre Fieberträume in der Schneenacht, wie Horrorfilme, die dir jemand direkt auf die Netzhaut projektiert. Dein Körper ist nicht für solche Anstrengungen ausgelegt. Der Gedanke, nicht fähig zu sein, war also gar nicht so falsch, obwohl der Wahlspruch „Never love again“ Blödsinn war. So scheint es auf jeden Fall.

Wie ein Zombie schlurfst du durch die Stadt. Deine Sinne wurden ausgetauscht. Dicke Insektenfühler anstatt menschlicher Augen/Ohren/Haut. Du bemerkst nicht mal den Schnee, empfängst dafür aber seltsame Signale, aber du bist nicht fähig, die Nachrichten zu entschlüsseln.
Was bedeutet all dies?

Das Pendel hat all seine Kraft verloren.
Vielleicht möchtest du zurück an den Strand der See der Verzweiflung, um in dem orangenfarbenen Wasser zu ertrinken?
Vielleicht hat dies alles keinen Sinn?
Vielleicht reagiert alles in dir auf Phantomschmerzen?

An eine Zeppelinreise ist momentan kaum zu denken.
Du wirst trotzdem einen Versuch wagen.

Tumor

Ich habe einen Tumor in meinem Kopf.
Zumindest einen metaphorischen.
Es ist eine nette Metapher für jemanden, der nicht zugeben will, dass er Gefühle hat, die eventuell zu noch mehr Gefühlen (negativ oder positiv) leiten können. Auf dem Display des kalten, gefühlslosen human typewriter immer nur ERROR! ERROR! ERROR!

Ich träume seit zwei Nächten den gleichen Traum. Ich sitze immer in einer Bar irgendwo im Norden des Landes, mehr eine Hütte als wirklich ein Haus. Und sie hat auch immer irgendwie damit zu tun. Ihre Rolle ist diffus. Heute Nacht hat sie mir einen Marijuanatee serviert. Mit Teebeutel. Alle drei Minuten unterbricht mich mein Wecker, ich schwöre mir, die nächsten drei Minuten von was anderem zu träumen, wie ich vor 2 Millionen Menschen als Präsident der Erde vereidigt werde oder den Ehrenoskar für mein Lebenswerk entgegennehme. Ich sehe all diese Bilder vor meinem geistigen Auge, aber sobald ich mein Unterbewusstsein für einen Augenblick walten lasse, bin ich wieder im hohen Norden in dieser gottverdammten Hütte.

Nach dem Aufwachen wirken die psychoaktiven Substanzen des Tees, den ich im Traum trank, weiter. Bei manchen Bewegungen fühlt mich mein Kopf leicht an, meine Haut, besonders die rechte Handfläche, kribbelt wie verrückt und ich fühle mich wie auf einer sehr merkwürdigen Droge. Und während ich mich mit Geobasierten Informationssystemen beschäftige, schweben kleine Datenpakete à  1.120 Bit von E. nach D. und wieder zurück. Von E. nach D., von E. nach D., der Liebe wegen, der Liebe wegen, der Liebe wegen…
Der Tumor in meinem Kopf schüttet Hormone aus und spielt mit meinem biochemischen Gleichgewicht.

Du stehst neben dir, weißt nicht einmal mehr was du schreiben sollst, obwohl vorhin in deinem Kopf alles ganz klar war. Äußerliche Reize nimmst du kaum noch wahr. Du stößt Luft aus, als wärst du erschöpft oder als mache dir die Kälte zu schaffen, aber es ist nichts von alledem. Nicht der Schneeregen, nicht deine Müdigkeit, gar nichts außer dem Tumor in deinem Kopf, der alle Gehirnfunktionen übernommen hat, beschäftigt dich. Dein Äußeres ist nach Innen gekehrt.

Und dann denkst du, du möchtest es herausschreien, es ihr sagen, aber nein:
Ich werde streng nach Plan verfahren!
„Was für ein verfickter Plan denn?“, denkst du und weißt auch nicht weiter.
Denn dann wäre es vielleicht endlich raus und du könntest zu einem Arzt gehen und dir diesen Tumor aus dem Schädel kratzen lassen.
Eine andere Stimme meint, ein Gefühlschaos sei nur die logische Weiterführung aller bisherigen Trips. Und als solcher zu genießen und sich hemmungslos reinzustürzen. Biochemie macht Drogen überflüssig.

Denken ist, wie Widerstand, zwecklos.
Comply?