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Eine Antwort von Emmanuel

So muss sich Jens Scholz nach der zweiten Mail von Jean-Denis gefühlt haben. Eine Antwort von Emmanuel also, einmal als Kommentar gepostet und einmal als Mail.

Zuallerst finde ich es sehr mutig, per Kommentar zu antworten. Das hätte ich mir wirklich nicht erwartet. Das Leben hällt doch immer wieder Überraschungen berreit.

Lieber Herr Emmanuel Vivier,
Ich antworte ihnen auf Deutsch. Einmal, weil ich nun weiß, dass sie es verstehen – ich war mir dessen nicht sicher, da sie ihre Mails stets auf Französisch geschrieben haben, und ein zweites Mal, weil ich fast alle meine Einträge in dieser Sprache verfasse. Einzige Ausnahme bildet mein mittlerweile von manchen Leuten als „Kult-Serie“ bezeichneter Podcast „Angscht a Schrecken zu Lëtztebuerg“. Übrigens wäre „Blogdelux.lu“ eine idealle Veranstaltung, um eine Folge zu produzieren. Sollte ich in Erwägung ziehen.

Und damit, lieber Herr Vivier, sind wir auch schon beim Thema. Ich wollte in keinem Fall Ihren guten Willen und Ihre Absicht, mich auf ihr „Event“, um das mal so zu nennen, einzuladen und mich dabeihaben zu wollen, in Frage stellen. Was mein Auspruch bedeutete, war, dass es wohl nicht in Ihrem Interesse liegt, wenn ich auf meine Art und Weise darüber berichten würde. Das ist ein feiner, hauchzarter Unterschied, aber er besteht.
Ausserdem könnte ich ungemütlich werden, denn das passiert manchmal, wenn ich zu viel von dem abkriege, was ich im Allgemeinen als „Marketinggesülze“ bezeichene. Und ich könnte nicht ganz in das hippe Ambiente passen. Manche Leute empfinden das so. Ich setze dann meistens eine sehr peinliche Sonnenbrille auf, mit der ich ein wenig, aber nicht genung sehe, und passe noch weniger in das hippe Ambiente.
All diese Dinge könnten nicht in Ihrem Interesse sein.

Ahh, 150 Blogger in der Großregion! Na ja, das ist doch ein großer Unterschied. In der Großregion leben 11,2 Millionen Menschen* und die Fläche beträgt 65.401 km²*. Das sind gerade mal 0.00229354291 Blogger pro km², die Sie da gefunden haben, Herr Vivier. Ich denke, in der Großregion gibt es einige Blogger mehr. Aber wenn Sie, und das vermute ich jetzt einmal mal ganz frech, Blogger aus Luxemburg und die Grenzregionen genommen haben, bis sie auf eine für Luxemburg erstaunliche hohe Zahl und minimale Anfahrtswege für die „ausländischen“ Blogger gekommen sind, dann können ihre 150 schon stimmen.
Ich bleibe trotzdem bei meiner Behauptung, dass es im Großherzogtum Luxemburg, und meine Stammleser wissen, dass ich nicht gerade nationalistisch eingestellt bin, nur um das Ihnen gegenüber klar zu stellen, auf gar keinen Fall 150 Blogger gibt, und vor allem keine 150 aktiven.

Wie gesagt, Ihr Angebot klingt ganz nett. Das haben viele Leute gesagt, und das habe ich ebenfalls geschrieben. Aber Sie etwas völlig gemacht. Und das ist die Pressemitteilung, die fundermental anders klang als die Einladung an die Blogger.
In den Sachen, die SIe, Herr Vivier, über Blogs schreiben, bestätigen Sie immer mehr mein Bild der Marketingszene, die von sich behauptet, Blogs und Blogger zu verstehen. Und mit allem nötigen Respekt, Herr Vivier, aber Sie scheinen es nicht verstanden zu haben. Blogger mögen es, wie alle Menschen nicht, wenn man hinter ihrem Rücken andere Dinge erzählt als man ihnen selbst erzählt. Und genau das haben Sie mit der Pressemitteilung getan.

Weblogs, und das, Herr Vivier, ist meine vollste Überzeugung, sind Massenmedien. Aber es sitzt keine Redaktion hinter diesem Massenmedium, sondern ein einziger (manchmal auch mehere) Mensch. Und der bloggt, weil er Freude daran findet. Und trotzdem sollten Sie Blogs wie die Presse behandeln, Herr Vivier. Und ihnen die Information geben, die sie auch der Presse geben. Was Sie jedoch nicht getan haben.

Gut, Ihre zwei Experten sind also da, um der Presse Informationen zu geben. In ihrer Pressemitteilung klang das jedoch anders. Es klang eher so, als seien Firmen oder sonstige Personnen, die an Buzz-Marketing durch Blogs die Zielpersonnen dieser Experten. Ich zitiere Ihre Pressemitteilung noch einmal, Herr Vivier, und erlauben Sie mir, noch einmal für mich wichtige Anhaltspunkte hervorzuheben:
Was stellt das Phänomen des Blogs heute dar?
Blog und Berufsleben
Wie kann die Sichtbarkeit eines Blogs verbessert werden?
Vergleich zwischen unterschiedlichen Plattformen
Wie kann ein Blog geselliger gestaltet werden?

Erwarten Sie von der Presse diese Fragen, Herr Vivier? Und glauben Sie ernsthaft, die Presse will nur mit zwei „Experten“, die alle beide auch noch für die Marketingfirma arbeiten, die rein zufällig das Blogtreffen organisiert, reden? Glauben SIe nicht, die Presse möchte auch mit Bloggern „von der Basis“ reden?
Ihre Erklärung ist dürftig und befriedigt mich keineswegs. Ich stelle also eine eindeutige Frage:
Sind zu „Blogdelux.lu“ auch Firmen, Firmenvertreter oder sonstige Personen eingeladen, die zu ihrem potentiellen Kundeskreis als Buzz-Marketingfirma gehören, besonders im Hinblick darauf, dass Sie Seminare über Blogs und Marketing angeboten haben und dies wohl auch wieder tun werden?

Ach ja, und dann ihre nette Bemerkung zu dem Thema „damit die Konsumenten (Was für ein grässliches und hässliches Wort! Sollten Sie je in die Position kommen, die nächste Generation von Marketing“fuzzis“ heranzuzüchten, bringen SIe ihnen bitte, bitte bei, nicht mehr „Konsumenten“ zu sagen. Das sind Menschen. Genau wie Sie, Herr Vivier.) ihre Meinung über ein Produkt, ob gut oder schlecht, ausdrücken können.“
Das tun Blogger berreits. Sehen Sie sich meine Kritik über das Album von Mad Season an. Da habe ich meine Meinung über ein Produkt gesagt. Ganz frei heraus, ohne dass irgendwer mich danach gefragt hat. Es hat mich auch niemand dafür bezahlt. Und wieso habe ich das getan? Weil ich überzeugt davon war, dass es irgendwen da draussen im Web interessiert, wenn ich darüber schreibe. Und so funktioniert das bei Bloggern. Für Positiv und Negativ-Kritiken.
Vergessen sie Aktionen à la „Wir verschicken Laptops an 100 bekannte Blogger und die bloggen daran darüber“. Das führt zu nichts. Microsoft hat sich mit dieser Aktion total lächerlich gemacht. Auch die Oppel-Geschichte in der deutschen Blogosphäre war eher ein Reinfall.
Es funktioniert einfach nicht. Für Firmen wäre es besser, die Blogs zu lesen, als Menschen dazu zu bringen, über Produkte zu bloggen oder selbst zu bloggen. Dafür braucht jedoch niemand eine Marketingfirma. Und nun?

Übrigens glaube ich ihnen nicht, dass Sie „nebenbei“ im Marketing arbeiten und das rein gar nichts mit Blogdelux zu tun hat. Natürlich hat es etwas damit zu tun. Vielleicht sollte ich Ihnen, Herr Vivier, noch eine konkrete Frage stellen:
Verfolgen Sie oder Culture-Buzz mit „Blogdelux“ komerzielle Interessen? Und wenn nein, könnten Sie mir dies bitte erläutern?

Eine andere konkrete Frage wäre:
WER sind die Leute, die nicht Blogger sind und Fragen zum Thema haben könnten, die Sie beantworten sollen?

Erlauben Sie mir noch einige Anmerkungen zu Ihrem Blog, Herr Vivier:
Ich sehe auf ihrem Blog bloss ein Archiv, das bis April 2006 zurückgeht. Schade, dass man ihre Anfänge im Januar nur durch den Umweg über April erreichen kann. Ihr Blog liest sich auch mehr wie ein Firmenblog. All die Dinge, die dort stehen, könnten genausogut auf culture-buzz stehen. Ihr persönliches Blog wirkt auf mich nicht persönlich.
(Sehr lustig fand ich übrigens die Helikopteraktion. Da werden die Menschen nicht mehr mit Werbung, sondern sofort mit dem Produkt selbst bombadiert!)

Sie behaupten von sich, keinen Anspruch zu haben, die (luxemburgische) Blogosphäre vertreten zu wollen. Sie tun aber so gegenüber der Presse. In Ihrer Pressemitteilung schreiben SIe von einer „Blogger-Gemeinschaft aus Luxemburg und der Großregion „, die auf Blogdelux einlädt. Indem Sie diese Pressemitteilung noch VOR den Einladungen an die Blogger verschicken, vertreten Sie diese ja doch, noch ohne sie überhaupt gefragt zu haben!
Desweitern kommt hinzu: Sie sagen mir und auch meinen Lesern, dass SIe sich nicht als Vertreter der Blogosphäre sehen. Aber der Presse haben sie das nicht gesagt und wir können auch nicht kontrollieren, was Sie der Presse (oder anderen Leuten) dazu erzählen werden.

Sie hätten die Blogger vorher fragen sollen und dieses Treffen MIT ihnen organisieren. Das hätte eine ganz andere Relation gegeben. Aber, was gebe ich ihnen Tipps? Sie sind doch der Experte in Sachen Blog(marketing) und Bloggertreffen organisieren.

In Ihrer Mail fragen Sie mich nach meiner Telefonnummer und wollen sich mit mir treffen oder mit mir telefonieren, um über Blogdelux zu diskutieren. Gut, ich sage Ihnen dazu folgendes:
Meine Telefonummer steht im Telefonbuch. Mein Handyprovider ist Vox Mobile. (Ich bin übrigens, sollte Sie das interessieren, mässig zufrieden mit dieser Firma. Solangge es geht, ist alles in Ordnung.) Ich werde Ihnen aber nur 5 Minuten Gesprächszeit auf dem Telefon gewähren.
Ich bin der Meinung, diese Diskusion sollte öffentlich geführt werden. Sie sind Marketingexperte und bezeichnen sich selbst als Blogexperte, also dürften Sie doch in der Lage sein, auch diese Diskusion in der Öffentlichkeit, in dh. in Blogs durchzuziehen.
Sollten wir uns treffen (dazu können Sie mich per Mail kontaktieren) oder meinetwegen auch per Skype telefonieren, gebe ich Ihnen eine Stunde. Und wenn mir danach ist auch noch einmal die gleiche Zeit in der Verlängerung.
Allerdings müssen Sie mir erlauben, diese Gespräche aufzuzeichnen und eventuell zu veröffentlichen.
Noch einmal: Ich will, dass diese Diskusion öffentlich geführt wird! Diese Sache liegt mir nämlich am Herzen.

Übrigens, sie erwähnen den Blogger Robert Basic. Der hatte heute ein so wunderbares Zitat gepostet, das müssen sie sich einfach ansehen.

Ich möchte Ihnen, Herr Vivier, noch einmal für Ihren Mut danken, bei mir im Blog kommentiert und sich damit in einer ersten Runde der öffentlichen Diskusion gestellt zu haben.

Cordialement,

Joël Adami,
erster luxemburgischer Blogger & Pirat

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* (Quelle: Grossregion.net)