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Was du willst.

Als ich viele banale Dinge tat.

Immer noch starren die Person, die ich einst Ruth nannte und ich uns an. Ich sehe ihr Gesicht mittlerweile wieder, aber es ist viel zu hell, strahlend, als hätte sie keine Löcher als Pupillen, sondern kleine Neutronensterne, die mich verblenden. Ich bin wieder nicht im Stande, von ihnen abzusehen. Ich fühle, wie mein Körper auf einmal merkt, dass ich auf der Decke stehe, oder der Boden sich gedreht hat – irgendetwas ist mit den Himmelsrichtungen und der Schwerkraft nicht ganz in Ordnung. Mein Magen es hat jetzt auch gemerkt, und er fühlt sich flau an. Oder ist flau geworden. Was ist das für ein Adjektiv, was soll ich damit tun?

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Der Betrug

Als ich über alle möglichen Wirklichkeiten nachdachte

Foto von Tramschienen in Luxemburg

Ich habe das Gefühl, der Raum müsste sich bald wieder verändern, ich und die Person, die ich einst Ruth nannte, wir, wenn ich es denn wagen kann, von einem „wir“ zu sprechen, müssten jeden Moment wieder woanders stehen. Zurück in der Betonkathedrale oder dem Maschinenraum oder was ich halt dafür hielt, zum Beispiel. Mir kommt das so lange vor, so fern, dabei kann es sich nur um Stunden handeln. (In Wirklichkeit sind es etwas mehr als zwei Wochen, aber wen interessiert schon die Wirklichkeit?)

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Saucenspritzer

Als ich mich selbst nicht mehr verstand

„Und was soll es dann bringen, unbelebte und unschuldige Objekte zu zerschlagen?“
„Du wolltest doch genau das gleiche tun. Du hattest doch auch einen Baseballschläger in der Hand! Du hattest doch genau den gleichen Plan?“
Meine letzte Anschuldigung klingt mehr nach einer Frage. Ich weiß nicht, ob ich wirklich Recht mit meiner Vermutung habe. Vielleicht wollte die Person, die ich einst Ruth nannte, auch einfach mich schlagen. Oder sich vor mir verteidigen. Es wäre ihr nicht einmal wirklich übelzunehmen.

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Die Wurzel der Wut

Als ich meine eigene Metapher entschlüsselte.

Sonnenaufgang am Bodensee. Links ist ein wenig Ufer zu sehen, sonst nur See und Himmel, beide rosa gefärbt. Am Horizont sind Seeufer und Berge zu sehen.

„Wieso schweben da zwei Baseballschläger in der Mitte des Raumes?“, fragt die Person, die ich einst Ruth nannte. In einem Tonfall, der mir unmissverständlich klar macht, dass es vor allem darum geht, sich mit der Art der Frage über mich lustig zu machen.

„Ich weiß es auch nicht. Ich weiß nicht einmal, warum du einen Baseballschläger dabei hast. Du bist ja nicht die Person, die wütend ist. Das sollte doch ich sein.“

Mein Gegenüber grinst, das Grinsen friert auf ihrem Gesicht, dann entspannt sie ihre Mimik und blickt mich wieder mit dem gleichen ernsten Blick an, den sie spätestens seit wir im Porzellanladen sind, aufgesetzt hat.
„Oh, ich sollte nicht wütend sein? Ich sollte nicht auf Porzellan eindreschen wollen, bis nur noch Staub übrig ist? Als hätte ich nicht gute Gründe, um genau so wütend so zu sein!“
Der Tonfall ist aber nicht wütend. Die Person, die ich einst Ruth nannte, spricht in einer ruhigen, salbungsvollen Stimme, die mich umso mehr trifft. Natürlich hätte auch sie allen Grund, wütend zu sein, so wie …

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Die Leere

Als ich an eine dramatische Nacht im Januar 2006 dachte.

eine verschneite Landschaft, im Hintergrund bäumte. Das Bild ist unscharf, da aus dem Zug heraus fotografiert.

„Worauf wartest du eigentlich?“, fragt die Person, die ich einst Ruth nannte.
Ich weiß es nicht.
Aber ich will das nicht laut aussprechen, auch wenn es keinen Unterschied macht, weil sie jeden meiner Gedanken lesen kann, ohne sich auch nur anstrengen zu müssen.

Mit einem Male erscheint mir meine Wut unglaublich sinnlos. Belanglos all diese Möglichkeiten, Scherben zu produzieren. Der Raum ist still, und ich weiß nicht, ob ich das angenehm finde oder mich nach einem Störgeräusch sehne, das mich ablenkt. Als könnte ich die Leere des vollgestellten Raumes mit Musik und Geräusch füllen, als würde das auch nur irgendetwas ändern.

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Nicht Medusa

Als ich zur Salzsäule erstarrte

Regentropfen auf der Scheibe eines Zugfensters

Ich hebe den Baseballschläger, will mit ihm auf das Porzellan und Glas, das überall im Raum steht, einschlagen. Ich will Scherben sehen, ich will es klirren hören, will dass die Flüssigkeit herumspritzt. Und dann will ich nochmal auf die Scherben einschlagen, als gäbe es keine andere Tätigkeit auf der Welt, die sie mit Sinn erfüllt. Ich will den Baseballschläger als Stößel benutzen, um die Pozellansplittersplitter zu Staub zu zermahlen. Jeder Muskel meines Körpers ist gespannt, mein Herz pumpt Adrenalin in jede Zelle, ich hole zu dem ersten Schlag aus, aber ich verharre in der Bewegung.

Vielleicht ist das der falsche Ausdruck. Ich bewege mich ja gerade nicht mehr, sondern bin erstarrt, als wäre ich die berühmt-berüchtigte Salzsäule, von der ich immer noch nicht genau weiß, was sie sein soll.

„Ich bin nicht Medusa.“, sagt die Person, die ich einst Ruth nannte, mit trockener Stimme.

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Petrichor

Als ich den Geruch des Sommers vermisste

Autobahn, mit einer Brücke die drüber geht, außerdem Wald.

Einige der Gefäße, die in diesem Raum stehen, enthalten eine Flüssigkeit. Ich sehe das nicht, aber ich rieche es. Der Geruch ist merkwürdig bekannt, obwohl ich mich nicht erinnern kann, jemals eine Flüssigkeit gerochen zu haben, die so roch. Ich blicke von der mächtigen, prachtvoll verzierten Vase auf. Und sehe, dass die Person, die ich einst Ruth nannte, mir gegenübersteht und mir geradewegs in die Augen schaut. Ein bohrender, fordernder Blick, dem ich weder standhalten noch ausweichen kann.

Und mit einem Male denke ich wieder daran, wie Asphalt im Sommer riecht. Wie wie er in Sommernächten duftet. Ich glaube, das ist ein Geruch, den nur Großstädte kennen, oder in den Kleinstädten, Dörfern, „Ortschaften“, in denen ich sonst lebte, regnet es immer viel zu sehr, um überhaupt so einen Geruch entfalten zu können. Ein weiterer Eintrag auf meiner schier unendlich langen Liste mit den Dingen, die ich vermisse. Seit einigen Tagen denke ich immer wieder daran, dass der Winter im Grunde genommen das Gegenteil einer Jahreszeit ist. Wir harren aus, kollektiv, in der Hoffnung auf bessere Zeiten.

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Zerbrechlich

Als ich kein Ende fand.

„Und wieder bin ich versucht, noch ein Ende dranzuhängen, noch eine dramatischere Wendung als die vorige einzubauen. Wieder fällt mir nur dies ein: eine Atombombe zu zünden.“

Die Person, die ich einst Ruth nannte, grinst wieder. Die Erschrockenheit ist dennoch nicht auf ihrem Gesicht gewichen. Ich halte das, angesichts der gestaltswandlerischen Fähigkeiten, die diese Person besitzt – ich bin mir sicher über das, was ich gesehen habe – für bemerkenswert. Sie könnte sich das selbstgefälligste aller möglichen Gesichter geben, aber sie bleibt beim Abbild roher Emotion.

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Am Grund

Als ich eine Einsicht hatte.

Ölgemälde. Ein stark vergrößerter Ausschnitt ist zu sehen, auf dem der Eingang einer Höhle zu erkennen ist.

„Aber dieser Brunnen ist überhaupt kein Brunnen!“
Die Stimme der Person, die ich einst Ruth nannte, klingt ungewohnt. Wüsste ich es nicht besser, würde ich ihr Panik unterstellen.
„Und wenn das hier nicht der Maschinenraum des Großen Seelenzeppelins ist? Warum sollte ich mir einbilden, in die Tiefe zu fahren, durch Wasser zu waten, um schlussendlich irgendwo zu landen, mit ich mehr als vertraut bin? Ich hätte diesen Ort doch gleich erkennen müssen!“
Meine Stimme hingegen zittert nicht mehr. Ich fühle mich sicher. Als wüsste ich, was ich tue.

Fun fact: Ich weiß so gut wie nie, was ich tue. Also, natürlich weiß ich in den meisten Fällen so halbwegs, was ich tun muss, um so zu wirken, als wüsste ich ungefähr, was ich tue. Ich glaube auch, dass es den allermeisten Leuten so geht. „Fake it till you make it“ halt. Das ist vermutlich die größte Erkenntnis des Erwachsenwerdens: Niemand weiß, wie die Dinge eigentlich gehen, alle tun nur so als ob und in Wirklichkeit ist alles nur Theater. Ein Grund, weshalb ich mich so weit wie möglich aus dem motorisierten Individualverkehr heraus halte.

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Die Klarheit

Als ich von einem wundervollen Getränk kosten wollte.

Ölgemälde. Abgeschnitten, ohne Kopf, sind zwei Figuren in antiker Kleidung zu erkennen. Sie stehen vor einer Küste, das Meer ist bewegt.

„Ich bin hier, damit du dich mit dir selbst auseinandersetzt. Das war immer schon der Grund, weshalb ich existierte.“
Ich schlucke. So fest, dass es schmerzt. Das ist eine erstaunlich deutliche und klare Antwort von der Person, die ich früher Ruth nannte. Normalerweise waren alle ihre Aussagen lediglich nebulöse Andeutungen, die kaum zu deuten waren. Und nun stehe ich hier, im Maschinenraum, im Brunnen – wo auch immer das hier wirklich sein mag – und erhalte Klarheit.

Das ist es, was ich mir wünsche, oder? Klarheit. Als könnte die in eine Flasche abgefüllt werden, wie hochprozentiger Schnaps, den ich dann Stamperl für Stamperl trinke und immer berauschter werde von der Gewissheit. Dabei ist die Analyse von dem, was damals passiert ist, ganz einfach. Denke ich immer wieder. Und analysiere mich selbst, frage mich, was ich hätte anders machen können. Und dann komme ich wieder drauf, dass doch nicht alles an mir lag – zumindest will ich das immer noch glauben. Es gibt einen Grund, warum ich manchmal mitten in der Nacht, in den unbekannten Stunden, in denen nie die Sonne scheint und die Dämmerung noch zu weit weg ist, aufwache und mich zurück in diesen Sommer wünsche.

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