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force, power and violence

Dieser Post erschien zuerst in der März-Ausgabe (02/2015) des progress und wurde im März 2016 rückdatierend auf dieses Blog gepostet. Der Artikel war die Einleitung in das Dossier zum Thema Gewalt. Die Illustration ist von Janina Kepczynski, deren Webseite ihr hier und deren Facebookseite ihr hier findet.

stark sein
Der Begriff Gewalt kommt von dem althochdeutschen Wort „waltan“, was so viel wie „stark sein“ oder „beherrschen“ bedeutet. Im Allgemeinen werden damit Vorgänge, Handlungen, aber auch soziale Zusammenhänge bezeichnet, mit denen auf Menschen, Tiere und – der besorgte österreichische Umgang mit Fensterscheiben und Mistkübeln lässt es schon erahnen – Gegenstände eingewirkt werden kann. Und zwar so, dass diese beeinflusst, verändert oder geschädigt werden. Je nach Kontext kann mit Gewalt ein direkter Einfluss oder auch nur eine Machtquelle, wie beim Begriff „Gewaltentrennung“, gemeint sein. Im Englischen gibt es für diese unterschiedlichen Bedeutungen eigene Wörter: Wer mit Gewalt einen Nagel einschlägt, benutzt force, die Gewalt als Machtquelle wird power genannt.

Zwei Hände, die wie kämpfende Hunde geformt sind
(Illustration: Janina Kepczynski)

unterhaltsame Gewalt
Diskussionen über Gewaltdarstellungen in Filmen und Videospielen beherrschen regelmäßig Schlagzeilen, oft in Zusammenhang mit angeblich davon inspirierten nicht-virtuellen Gewalttaten. In Österreich hat jedes Bundesland sein eigenes Jugendschutzgesetz, was prinzipiell neun verschiedene Zulassungen von Filmen bedeuten könnte. In der Praxis prüft jedoch die Jugendmedienkommission des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur Filme und spricht eine Altersempfehlung aus, die von allen Bundesländern mit der Ausnahme Wiens übernommen wird. In der Hauptstadt sieht sich ein eigener Filmbeirat die Werke vor der Veröffentlichung an und gibt eine Altersempfehlung aus. Verpflichtend sind diese Empfehlungen jedoch weder bei Filmen noch bei Computerspielen. Anders sieht es in Deutschland aus: Dort wird von der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) jedes Computerspiel durchgespielt, von unabhängigen Expert_innen geprüft und mit einer verbindlichen Altersfreigabe versehen. Weiterlesen

eiskaltes Bett.


Brutale Träume, die mich morgens mit weit aufgerissenen Augen aus einem eiskalten Bett aufstehen lassen. Mit zitterigen Händen koche ich mir Kaffee, den ich im ersten Sonnenschein des Jahres auf dem Balkon trinke. Der Wind weht durch die Krone der Kiefer im Innenhof und für einen kurzen Moment wähne ich mich am Meer. Das Blau des Himmels, für das es kein passendes Wort gibt, um es zu beschreiben. Und die Sonne, die mich fast verblendet. Fast rieche ich das Meer in der Ferne, statt der Donau. Melancholisch denke ich an Belgien, das, wie Pommern in dem Kinderlied, abgebrannt ist. Nur noch öde, verkohlte Landstriche, die nicht einmal zur Wüste taugen.

Ich bin auf einer Demonstration. Vielleicht ist es auch der kommende Aufstand, von dem man immer wieder hört. Ich stehe am Rand, auf der obersten von ein paar flachen Stufen, die zu einem Platz führen, auf dem ein weißes Hochhaus steht. Ein älterer Mann lächelt, winkt mich zu sich und begrüßt mich mit meinem Vornamen, auf Luxemburgisch. Ich kenne ihn nicht. Aus dem, was er sagt, lässt sich erkennen, dass er wohl einen früheren Lehrer von mir ist. Ich erkenne ihn nicht wieder, denke, dass er unglaublich gealtert sein muss in den paar Jahren. Er weiß offenbar, dass ich rauche (obwohl ich eigentlich ja überhaupt nicht …) und bietet mir Zigaretten, Parisiennes, an. Er grinst mich mit seinem unbekannten Gesicht an und wünscht mir Alles Gute.

Die Polizei will die Demo abriegeln. Ich will dabei sein, hetze die Stufe herunter, springe hinter das Absperrgitter, kurz bevor es geschlossen wird. Ich verstehe mich selbst nicht, aber das Ziel der Demonstration scheint mir wichtig zu sein. Ich vermute kurzzeitig, dass es wieder einmal gegen einen Ball in der Hofburg geht, vielleicht gegen den BOKU-Ball.
Wenig später finde ich mich mit einem Mädchen eingekreist von der Polizei. Ein Polizist schießt immer wieder Tränengasgranaten in unsere Richtung, trifft jedoch nie. Einmal landet die Granate, kreisrund und schwarz, vor meinen Füßen. Ich hebe sie auf und werfe sie in Richtung des Polizisten. Ich erkläre mir selbst, dass das äußerst gefährlich sei, sowas zu tun.
Durch die Papierkulisse, himmelblau, springt ein Fuchs. Ich streichele ihn, ziehe neckisch seinen Kopf nach oben und flehe ihn an, „chaos reigns!“ zu sagen. Irgendwer kommentiert, dass zwar in jedem Film von von Trier ein Fuchs vorkomme, aber dieser Spruch halt nicht immer.

Ich bin in einem Schloss. Wir beraten uns. Und stellen fest, dass die Situation untragbar ist und der einzige Ausweg ist, jemanden der anderen zu erschießen. Ich habe eine Waffe, jemand hat sie mir gegeben, weil ich ihn darum gebeten habe. In dem Raum, der ein wenig wie ein Hörsaal wirkt, warte ich auf eine Gelegenheit, um sie zu erschießen. Sie sieht mich an und ich weiß, dass ich ihr die Patrone in die Augen jagen muss. Sie sieht aus wie eine Mischung vieler weiblicher Personen mit roten Haaren, denen ich in meinem Leben begegnet bin. Und k., merkwürdigerweise. Ich drücke ab, aber es kommen nur Metallspäne aus dem Lauf. Sie muss blinzeln, funkelt mich böse an. Draußen, es ist ein Sommertag, muss ich mich auf die kleine Mauer stützen. Fast hätte ich einen Menschen getötet. Mechanisch führe ich ein neues Magazin ein, ich habe drei davon in meiner Jackentasche, warum auch immer. Ich verstehe mich selbst nicht. Fast hätte ich einen Menschen getötet. Niemand spricht mit mir, alle entfernen sich von mir.

Ich grabsche nach nackten Brüsten, die Frau, der sie gehören, erkenne ich nicht, wahrscheinlich ist sie unbekannt. Ich fühle mich brutal und schuldig.


photo Rolling Barren Land, near Karakul, Xinjiang : Kevin Cure / CC BY 2.0
photo riot police : Chris Huggins / CC BY 2.0

Stellungnahme des Zentralcomitees des autonomen Keksparadieses zur Pressemitteilung der CSJ bzg. dem Gesetzesprojekt 5611

Original hier

Antwort des Zentralkomitees der Regierung des autonom-anarchistischen Keksparadieses

5611: D' CSJ ass net jonk!

„Die Protestbewegung gegen das Gesetzesvorhaben 5611 ist in den vergangenen Wochen mit zum Teil lächerlichen Protestbekundungen gestoßen. Eine einzige Jugendpartei, angestiftet von ihrer vornehmlich konservativ und sozialfeindlichen Mutterpartei, schickten Pressemitteilungen, um gegen die Proteste und den Schülerstreik Stimmung zu machen. Mit Schlagworten anstatt konstrutiver Kritik versuchte die Parteijugend der CSV den Streik zu verhinden. In erster Linie wurde Stimmung gemacht, in dem das Wort „linksgerichtet“ und „kommunistisch“ gebraucht wurde und die Bewegung als Mitläufer einer Antiregierungskampagne angeprangert wurden.

Opportunistische Kampagne.

Das Zentralkomitee will diese Vorwürfe nicht im Raum stehen lassen. Unserer Ansicht nach handelt es sich um bewusst diffamatorische Darstellungen, um opportunistisches Geplänkel von Seiten der CSJ, die es sich unter dem Deckmantel eines „konstruktiven Dialogs“, zum Ziel gesetzt haben, eine feindliche Stimmung gegen die Protestbewegung heraufzubeschwören.

Eine innovative Bewegung

Der Schülerstreik und die Proteste sind für das Zentralkomitee richtige und mutige Schritte in Richtung dauerhafte Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit und Verschlechterung der sozialen Lage von Jugendlicher. Die Aktionen waren mehr als erfolgreich und brachten sogar den Minister BILGTEN dazu, sich mit den Vertretern des nationalen Streikkomitées an einen Tisch zu setzen.

Die Bewegung hat entgegen allen Behauptungen den Beweis erbracht, dass es noch Jugendliche gibt, die fundierte Kritik üben können, nicht im Hotel Mamma wohnen wollen und alles andere als apolitsch sind. So hat das Streikkomitee zB. einen Schülerstreik mit einer Teilnahme von ca. 10 000 Schülern organisiert, Trakte verteilt und weitere Aktionen durchgefüht, ohne aber die Dialogbereitschaft zu verlieren.. Das Streikomitee hat sich darüber hinaus nicht gescheut, das Gespräch mit dem Minister Bilgten anzunehmen und einen regelrechten Marathon durch die luxemburgischen Schulen hingelegt, um den verunsicherten Jugendlichen die Einzelheiten des 5611 fundiert darzulegen.

Fakten statt Parolen

Es kann demnach keineswegs von pubertierenden Revolutionären, bzw. einer regierungsfeindlichen Verschwörung extremlinkser Terroristen, gesprochen werden. Der Bewegung und insbesondere dem Streikomitee liegen die Zukunftsperspektiven der Jugend am Herzen. Im Gegensatz zur CSJ sind sie bereit, die Wahrheit zu ertragen und die Welt nicht durch eine „schwarze“ Brille zu betrachten. Sie sind der festen Überzeugung, dass das Gesetzesprojekt 5611 gestoppt werden muss und gestoppt werden wird, um die Zukunft der luxemburgischen Jugendlichen zu sicheren und jugendfeindlicher Politik den erhobenen Mittelfinger zu zeigen.

Fireball, Generelsekretär des Zentralkomitees der Regierung des autonom-anarchistischen Keksparadieses

(Dies ist KEINE offizielle Stellungnahme des Streikomitées ODER der Iniziative „Stop de 5611“!)