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Hypolimnion

photo cc by Jamison Young

Olivette klopfte leise gegen die Wände des Ungeheuers, das sie verschlungen hatte. Dumpf und hohl klang das stählerne Skelett.
Das U-Boot im Hypolimnion. Sie war müde. Es war dunkel, doch die Bilder vor ihrem inneren Auge waren taghell. Hellbraune Strudel in der Teetasse, während sich im Hintergrund mehrere Dimensionen der Raumzeit zu einer komplizierten Origamifigur zusammenfalteten.
Eben noch rot glühende Visionen von wildem Sex unter der Frühlingssonne, jetzt auf dem Grund des Sees.
Das einzige Geräusch das Trommeln des Detritus auf der Oberfläche des Bootes, zugleich Dach und Horizont, Trennwand und Lautsprechermembran.
Der ständige Leichenregen im See.

Sie hatte das Gefühl, ständig einatmen zu müssen. Lang und schwer war ihr Atmen. Wie das Stöhnen eines gigantischen Urtieres kam er ihr vor. War sie krank? Ihre Augenlider wurden schwer und obwohl sie mit aller Kraft versuchte, dagegen an zu kämpfen, musste sie ihre Augen für ein paar Sekunden schließen.

Als ob das in diesem Dämmerlicht der Armaturen und Instrumente, die niemand verstand, einen Unterschied machen würde. Alles kippte nach vorne. Horizontale Streifen. Die Schwerkraft setzte nur verzögert ein.
Keine Alarmsirenen.
Kein Ton außer dem vertrauten Trommeln.

Eine Zeitreise durch die Fließgewässermorphologie.
Alle Flüsse münden ins Meer. Oder in einen See. Oder sie trocknen aus, auf der Suche nach Auen, Alt- und Totarmen, in denen die allgegenwärtige Verwesung nur langsam voranschreitet, modrig im feuchten Sonnenlicht des Spätsommers.

Kein Sonnenstrahl erreicht je das Hypolimnion.

setzt sich die Sonne besser durch

photo cc by Richard Hemmer

Die ersten Sonnenstrahlen seit Dezember. Mit einem Male glänzt die Stadt wieder. Meine Stadt, wie ich übermütig behauptet habe, als wir die Prachtstraße entlanggelaufen sind, unwissend, was für Geheimnisse die Nacht bergen würde. Wir wussten nichts, nicht einmal den Weg.
Mein Abfluss ist wieder frei. Das schöne an Abflussreinigern ist ja, dass sie nicht nur Verstopfungen lösen, sondern auch das Waschbecken wieder so sehr glänzt, dass die Augen schmerzen. Und du fast hoffst, dass es wieder verstopft, damit du beim Zähneputzen nicht dauernd die Augen zukneifen musst.
Der Sommer steht hier schon verheißungsvoll vor den Toren der Stadt, beinahe spürst du schon die Sonne auf deiner Haut, deren Berührungen nie die Zärtlichkeit von jenen mythischen Wesen erreichen werden, die mir so sehr fehlen.
Jeden Morgen das gleiche Lied.
Jeden Abend der gleiche Text.
Jede Sekunde ein Weltuntergang.
Nichts bleibt so wie alles immer ist.

Weiß irgendwer, wo wir hingehen?
Die mächtige Stadt, bis zum Horizont überall nur Dächer, fremdartig rot gebrannt, sie mag dich. Obwohl hier alles kalt sein könnte, flüstert der Wind leise Liebesbekundungen in dein Ohr. Die Schneeflocken sehen aus wie im Fernsehen, die Sonne strahlt um ein vielfaches heller, der Regen ist nasser und sogar die Werbung ist noch dümmer als sonst.
Ein Windstoß, ein Wirbel, hoch zu den Seilen, die knarren wie Takelage. Sie führen zu dem Zeppelin, angetaut hoch oben über der Stadt, jeden Moment einsatzbereit. Es fehlt nur ein Kapitän, der da einen Kurs befiehlt.
Dein Mobiltelefon vibriert. Erst jetzt bemerkst du die Gänsehaut auf einem Rücken.
Die Ferne ruft an.

Fensterbrett.

Und mit einem Male wird dir klar, wie verdammt leer dein Fensterbrett doch ist.
Durch das offene Fenster kommt der Lärm der Stadt, die draußen vorbeizieht, zusammen mit der Kälte in dein Zimmer. Der Tee, den du gemacht hast, um deinen müden, geschundenen Körper etwas zu beruhigen, ist das einzige Warme. Deine Körpertemperatur hat sich langsam abgesenkt und du musst den Tee langsam trinken, damit du nicht zu schnell wieder auftaust.
In meinem Kopf laufen die letzten Tage (und Nächte) immer wieder ab. Endlosschleife. Mein Orientierungssinn hat mich wieder einmal verlassen und ich stolpere, auch mit Karte, wie ein Blinder durch die Stadt. Was nicht weiter schlimm ist, denn so sieht man auch mal was. Und was könnte schöner sein als eine endlose Aneinanderreihung von Nebengassen. An einer Mauer mitten in der großen Stadt hängt Kunst. Eine Künstlerin hatte die wunderbare Idee, eine Pflanze an die Mauer zu hängen. „Gieß mich!“, steht neben der verdorrten Blume.

Filme in meinem Kopf sind natürlich nie chronologisch. Der Gott der Zeit ist tot.

Eine Woche lang sperrte ich mich in meinem Zimmer ein. Hatte ich doch nun seit Monaten mal wieder einen Schreibtisch, an dem ich sitzen konnte. Sprach‘s und spielte ein, zwei alte Echtzeit-Strategiespiele durch, während draußen der Winter wieder kam. Ökonomie ist hinterhältig. Vor allem, weil es doch zur Hälfte aus Psychologie besteht. Vielleicht hilft etwas Küchenpsychologie weiter. Du gehst also in die Küche, kochst dir einen Tee, denkst dabei, dass der Zucker und die Milch fast alle sind und beschließt, einen kleinen Spaziergang zu machen. Blöd nur, dass die Stadt so voller Schnee liegt, dass du nach fünf Minuten völlig durchnässte Füße hast und du dich fast in einen Supermarkt flüchtest. Aus dem Supermarkt wird ein Bücherladen, der aber weder Molche, noch kleine bunte Pillen verkauft. Daheim wieder Tee und kleinere Streitereien mit Herrn Keynes. Als du die Prüfung schreibst, freust du dich, mal wieder unter Menschen zu sein. Schönbrunn ist auch immer einen Besuch wert, wenn die Seepferdchen im Neptunbrunnen nicht gerade als Eis am Stiel verkauft werden. Wir ziehen uns alle eine Blasenentzündung zu und streicheln tollwütige Eichhörnchen.

Es folgen einige weitere Tage, die wesentlich erfreulicher ablaufen. Der Projektor summt in deinem Kopf. Als Abspann eine Reihe von Atombenexplosionen, eine heller als die andere, heller als tausend Sonnen. Bist du wärmer oder der Tee kälter geworden?
Plötzlich ist es dunkel. Es wird immer so schnell dunkel hier, daran werde ich mich nie gewöhnen. Der Tee ist nun endgültig kalt, ich trinke ihn trotzdem.

Auf dem Tisch liegt immer noch das kleine rote Etwas, als schweigende Erinnerung an all das, was war.

Einschlafen

Meistens schlafe ich mit einem Hörbuch bzw. Podcasts mit Hörbuchcharakter ein. Ich bekomme nie sehr viel davon mit, höchstens zwei, drei Minuten, weshalb ich mit einer Folge von Dreiviertelstunde sehr lange komme. Allerdings heißt das auch, dass ich die Geschichte nicht unbedingt immer sehr aufmerksam verfolge.
Aber manchmal gibt es Nächte, da mag ich kein Hörbuch hören. Nicht, weil mich die Geschichte langweilt oder ich es nicht mag, mit einer Stimme einzuschlafen. Sondern weil ich mit meinen Gedanken alleine sein will.

Ich lege mir dann meistens ( ) von Sigur Rós auf und meditiere beim Einschlafen und Betrachten der Bilder in meinem Kopf über meine eigene (Nicht)Einsamkeit nach.
Und darüber, dass es schon lange niemanden mehr gibt, an den ich vor dem Einschlafen denken könnte. (Es gibt wahrscheinlich keine Möglichkeiten, irgendwelche schmierigen Witze abzuwenden, deshalb bitte ich euch jetzt einfach so tun, als stünde hier etwas so mächtiges, das alle Zweifel über die Art des “ an-jemanden-denkens“ auflöst.)

Und ich befinde dieses „Traurigsein“, diese Melancholie auf Kommando durchaus befreihend.