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Gefühle

Kennst du das Gefühl, in der U-Bahn zu sitzen und dich von der dunklen Röhre eingesaugt zu spüren? Kennst du das Gefühl, zwischen all den Menschen einsam zu sein? Die Bahn beschleunigt, vibriert, die Schlaufen zum Festhalten wackeln fröhlich im Takt. Und je mehr Menschen einsteigen, umso einsamer wird es? Kennst du das Gefühl der Gänsehaut im Nacken, wenn die kalte Stimme in deinem Hinterkopf flüstert, dass du in deinem Innersten immer alleine sein wirst?

Keine guten Gefühle.

Es gibt aber Möglichkeiten, diese Gefühle los zu werden. Aus der U-Bahn aussteigen. Über die Fußballfans grinsen, die ihr Dosenbier öffnen, „auf die Grünen“ anstoßen und dabei wohl keine politische Partei meinen. In eine andere Dimension reisen. Dinosaurieruntergrund oder Mutantenstadl. Den einen Moment erleben. Sich zum Zentrum des Universums wünschen. Im Bett liegen und Musik fühlen, wie seit Jahren nicht mehr. Flugreise mit Synästhesie-Airlines.

Bessere Gefühle.

photo cc by Bryan Boobooo

In den Brunnen

Gespräche in der Dunkelheit. Bis beide weinen. Einsamkeit hängt nicht davon ab, wie viele Menschen um dich rum sind. Diese Dunkelheit schützt vor nichts. Es ist nicht so dunkel, weil es Nacht ist, sondern weil wir in den Brunnen gestiegen sind, so tief, dass kein Licht der Welt uns mehr erreicht. Ich habe schon lange keine so lange Reise mehr unternommen. War ich überhaupt schon einmal so tief? Es tut weh. Ich stelle mir vor die Schmerzen seien wie Blutegel, die Wunden reinigen. Jeder Satz hallt in mir nach, lange noch. Wahrscheinlich werde ich mich Jahre später noch an diese Gespräche erinnern, so wie immer, so wie damals, als wir über pochierte Eier und Harry Potter redeten. Ohne zu weinen.

Ich träume von Reptilienmenschen und Zügen, in denen zusammengewürfelte Sofalandschaften stehen. Der Zugführer erklärt mir den neusten lokalpolitischen Skandal.
Bald beginnt die Uni wieder und ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll. Treffe viele Menschen wieder. Das fühlt sich gut an.

Und es ist noch ein wenig Herzesbrecherkäse im Kühlschrank. So schlimm kann es also gar nicht sein.
« C‘est tellement mysterieux, ce pays de larmes. »

Und plötzlich weiß ich, welches Lied ich jetzt hören muss.

Photo: Kunstschatten in de Sint Pietersberg

Kälteeinbruch

„Ich habe unglaubliche Lust auf Kamillentee.“, sagt sie.
Zum Glück versteckt sich in meinem Schrank eine Tüte mit getrockneten Bio-Kamillenblüten, die einen wirklich wunderbaren Tee ergeben. Ich setze Wasser auf, putze meine Brille, während der schäbige Wasserkocher vor sich hin brodelt.

Kamillentee

„Eigentlich wäre es schön“, meine ich, „wirklich Wasser aufzusetzen. In einer Teekanne, die auf den Herd kommt und lustig pfeift, wenn das Wasser fertig ist.“
Sie nickt, sagt nichts. Leider ist das energetisch wohl ziemlich ineffizient. Ich bin nicht der Meinung, dass alles immer möglichst effizient sein sollte, aber Energie sparen ist mir wichtig.

Die Katastrophe, in die wir uns und unseren Planeten stürzen, mag nicht so plötzlich kommen wie beispielsweise ein Atomkrieg, und wahrscheinlich ist genau das ihr Problem – sehenden Auges laufen wir in den Abgrund, weil er gar nicht so tief aussieht – aber verheerend wird sie trotzdem sein. Vielleicht hätte sie sogar das Potential, den eben genannten atomaren Konflikt auszulösen. Ich erzähle ihr das. Nein, ich halte eher eine Rede. Meine eigenen Worte regen mich auf, während dem Sprechen stellen sich mir die Nackenhaare auf, mein Rücken eine einzige Gänsehaut. Zu viel Pathos in meiner Stimme.
Sie hat Gänsehaut auf den Armen und schaut mich schockiert an. Vielleicht ist das einer dieser Momente, die das Leben verändern. Vielleicht ändert sich ihre Sicht auf alles im Leben, weil ich so gefangen von meinen eigenen Worten war, als ich meinen Monolog gehalten habe.
Der atomare Winter, die Gänsehaut: Ironie des Schicksals.

Nachdem sie am Tee genippt hat, öffnet sie den Mund, als ob sie was sagen wollte, schließt ihn wieder.
Dann, endlich: „Ich fühle mich manchmal unglaublich einsam.“
Ihre Stimme ist eiskalt.
Ich frage sie, ob sie darüber reden will.
„Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem es sich nicht mehr lohnt, darüber zu reden, weil es nichts mehr zu reden gibt.“
Ob es ihr helfe, wenn ich sie umarmte. Ich bin so. Ich stelle solche Fragen genau so dumm und gerade heraus, weil ich Angst habe, etwas Falsches zu tun. Magie des Augenblicks: esoterischer Humbug.
„Irgendwann bringt auch jede noch so freundschaftlich gemeinte Umarmung nichts mehr, weil sie nur den Schmerz aus einem heraus presst. Diese Momente kommen und gehen. Sie tun weh, aber sie sind nicht dauerhaft. Die Frage ist nur, wann diese Momente keine Löcher mehr sind, aus denen ich raus krabbeln kann, sondern ein Abgrund.“
Wieder ein Monolog, diesmal von ihr. Mich fröstelt es überall.

Die Probleme im Großen und im Kleinen ähneln sich.

photo CC BY 2.0 derya