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Entmut.

Meine Buddyliste ist so voll wie sonst was nie, und trotzdem kommuniziere ich mit niemanden. Und zu jeder Person, die da als Kontakt drauf steht, fällt mir ein Grund ein, wieso sie nicht mit mir reden sollte – oder wieso ich nicht mit ihr reden will. Vielleicht will ich auch einfach alleine sein, für einen kleinen Moment der Stille? Ich stelle mir eine Playlist mit melancholischen Liedern zusammen, schreibe eine Away-Message, die nur ich lustig finde und stelle Pidgin auf »Do not disturb«. Das gibt einem das Gefühl, nicht selbst Schuld an der Kommunikationslosigkeit zu sein.

Als die Musik im Radio plötzlich umschlug, drückte er die Kassette, die noch im Laufwerk stecke, wieder hinein. Sie leierte ein wenig, aber das war ihm egal. Das, was er da hörte, war ihr Mixtape, das sie ihm – oder ihnen, aufgenommen hatte. Es erzählte eine Geschichte, aber er konnte sich nicht mehr an sie erinnern. Zu sehr hatten sich die Erinnerungen an die Dinge, die während dem Hören dieses Mixtapes passiert waren, in sein Gedächniss eingebrannt. Zuweilen kam es vor, dass er ein Lied, das auf der Kassette war, einzeln hörte und danach die ersten Takte des nächsten erwartete.
Er musste sich auf die Straße konzentrieren, um nicht mit Weinen anzufangen. An jedem Baum, an jeder Viehweide, an jedem Wegkreuz, an jedem Haus, das er passierte, hafteten Erinnerungen an gemeinsame Zeiten, an diesen wunderbaren Sommer, der endlos geschienen hatte. Dies war ihr Land. Dieser Satz hallte in seinem Kopf als wäre er eine Kathedrale, in die jemand eben diesen Satz schreien würde. Er hatte etwas mythologisches. Es war nicht so, als ob ihr das Land gehören würde, – er konnte keinen anderen Gedanken als diesen mystischen verwenden, aber es stand unter ihrem Bann.
Rain on car cc by rachel a. rogers

Der Regen liess nach. Die Nacht began bereits heller zu werden. Er wagte nicht, auf die Uhr zu sehen, festzustellen, wie lange er wie ein Verrückter durch diese Einsamkeit gefahren war, wieviele Kilometer an erinnerungsträchtiger Strecke er zurückgelegt hatte. Seine Hände schmerzten, nicht von dem langen Fahren, sondern… psychosomatisch. Als Jugendlicher mit christlicher Erziehung hatte er sich in den Situationen, wo seine Händen wegen seelischen Qualen mit schmerzen anfingen, oft mit dem stigmatisierten Jesus verglichen. Heute tat es einfach nur noch weh, an gewisse Dinge erinnert zu werden.

Die Sterne wichen einem verwaschenen Dunkelblau, das von dem neuen Tag kund tat, der wohl genauso grau sein würde wie die Woche vor ihm. Ohne sie schien sowieso alles grau zu sein, selbst dieses Land, das sonst immer wie voller Wunder gewirkt hatte. Mit dem neuen Tag verliess ihm auf einmal der Mut. Der Plan, zu ihr zu fahren, bei Sonnenaufgang im goldenen Licht vor ihrer Tür zu stehen, ihr alles zu sagen, was er zu sagen hatte, erschien jetzt nur noch verrückt. Sie würde ihn abweisen, anschreien, und er würde sich halberforen wieder zurück ins Auto setzen und ohne Musik zurück fahren.

Eine einzelne Schneeflocke fiel auf seine Windschutzscheibe.

(Image cc by rachel a. rogers)