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Apotheose der Atombombe

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the time has come to…
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Atombombe
Es wird Zeit, dass ich endlich schreibe, was ich schon so lange angekündigt habe. Nach meinem Plädoyer für die Postapokalypse dann nun die Apotheose der Atombombe.

Es ist das große Defizit meiner Generation, kulturell genauso wie politisch, dass die Atombombe nicht gefallen ist. Vielleicht ist auch einfach nur ein menschliches Defizit, dass wir uns noch nicht selbst ausgerottet haben. Je mehr ich über die Menschheit nachdenke, je mehr Schrecklichkeiten ich erfahre, umso mehr werde ich zum Misanthropen.
Ich gehe bei dem ganzen Atombombenabgewerfe nicht davon aus, dass es zu einem nuklearen Krieg kommt, bei dem die gesamte Menschheit oder zumindest die westliche Halbkugel ausgerottet wird. Ich nehme einfach mal an, dass es zumindest auf einer Seite noch immer Menschen gibt, die irgendwie überlebt haben. Vielleicht auch bloß, weil die gegnerische Seite Gnade hat walten lassen.
Es gibt, natürlich mehrere Szenarien, was meine Generation angeht. Wenn ich »meine Generation« sage, dann sind das wohl Westeuropäer in den Jahrgängen 85-91, also Menschen, die unter den historischen Umständen nicht mit der Angst vor der Bombe groß geworden sind, den Abwurf aber noch erleben hätten können. Da ich keine andere Generation, weder von den Jahrgängen, noch vom geographisch-kulturellen Einfluss her kenne, muss ich zwangsläufig meine eigene behandeln, und um diese geht es hier auch. Vielleicht ist es auch noch wichtig, dass die genannte Generation bei einem angenommenen Atomkrieg im Laufe der Achtziger Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts »unschuldig« wäre oder sich so sehen würde, weil sie noch nicht alt genug war, um den Lauf der Dinge zu ändern oder den Knopf zu drücken. Ich hebe auch nicht den Anspruch, dass die von mir aufgeführten Szenarien politisch und strategisch korrekt oder logisch sind. Denkbar sind sie, soweit wie ich das beurteilen kann, und zum Rest geht es mir mehr um eine soziologische Betrachtung. Vielleicht teilweise auch mit einem zwinkernden Auge. Ach, und das sind alles nur persönliche Einschätzungen, die man sehr wohl angreifen und wohl kaum belegen kann.

Szenario 1: Die totale Zerstörung
Westeuropa wird bei einem Atomkrieg in Schutt und Asche gelegt, es gibt kein oder nur noch vereinzelt Leben hier, das es durch die sich ausbreitende Strahlung auch immer schwerer hat. Dieses Szenario wird vor allem den Misanthropen gefallen, da meine Generation hier nie existiert hat. Die Überlebenden flüchten, sofern das möglich ist. Die Sterblichkeitsrate ist wegen strahlungbedingten Erkrankungen enorm hoch. Meine Generation ist die erste der Mutanten, falls sie überhaupt je geboren wird. Was wohl vor allem vom Grad der Zerstörung abhängt, aber wir gehen hier davon aus, dass Westeuropa unbewohnbar ist. Politisch denke ich, dass sich die Überlebenden in der Idealvorstellung in basisdemokratisch organisierten Gruppen zusammenschließen und so lange und gut wie möglich zu überleben versuchen. Vorstellbar sind auch patri- oder matriarchalisch organisierte Familienbanden, wobei in Westeuropa ob der kulturellen Prägung das Patriarchat wohl wahrscheinlicher wäre. Regierungen auf Basis von Staaten gibt es nicht mehr, da wohl vor allem die Hauptstädte das Ziel der Bomben waren und ohne intakte Kommunikation und Transportwege die Anarchie unumgänglich ist.
Kultur? Ich gehe davon aus, dass die meisten Dinge zerstört sind, die kulturell irgendeine Bedeutung haben. Mit den Erzählungen der Überlebenden werden aber wohl nicht nur die neuen Geschichtsbücher, sondern auch die neue Nachkriegsliteratur geschrieben.

Szenario 2: Brandflecken
Der Krieg hat nicht lange gedauert. Irgendwann hat einer eingesehen, dass das ganze Atombombenwerfen zu nichts außer Tod führt und aufgehört. Zumindest in Westeuropa. Die großen Städte und Militärbasen sind zerstört, es sind viele Toten zu beklagen und nuklearer Fallout bringt Krankheit und noch mehr Tote. Aber viele haben überlebt und gebären neue Kinder, auf denen das Laster der Hoffnung liegt. Diese Generation ist die erste, die Mutanten hervorbringt, mit denen wohl wie mit jeder Randgruppe und/oder wie mit Behinderten (was sie teilweise wohl auch sind) verfahren wird. Oder auch nicht, das hängt wohl wieder von der Schwere der Mutation und/oder der Zerstörung liegt. Ich gehe einfach mal davon aus, dass eine reduzierte Population, der es schlechter geht, freundlicher mit Mutanten und Kranken umgeht als eine wenig geschwächte, wohlhabendere Gesellschaft.
Die Politik ist also mit den Aufgaben des Wiederaufbaus, der Sperrung der verstrahlten und verseuchten Gebiete und letztendlich auch einer Beilegung der internationalen Streitigkeiten vertraut. Hier kann sich der Hurra-Wachstum-Kapitalismus kaum bewähren, da die Weltmärkte zusammengebrochen sein dürften und die Konsumgüterproduktion wenig Erfolg bei der Nachkriegsgesellschaft hat. Die führenden Parteien werden wohl pazifistische sein, denn wer will nach einem Krieg noch einmal Krieg? Ich könnte mir auch vorstellen, dass nach einer derartigen Katastrophe die noch relativ jungen Grünen einen starken Aufwind kriegen. Meine Generation wächst also auf mit Mutanten, dem Wiederaufbau und der häufigen Existenz von verstrahlten Zonen, die niemals wieder betreten werden dürfen. International wird man wohl irgendwie versuchen müssen, die Ideologien zu besänftigen. Vielleicht passiert das mit einer Annäherung beider, vielleicht gibt es aber auch eine friedliche Koexistenz mit Abrüstung. Eine utopische Vorstellung wäre, dass durch den Krieg die UNO neuen Aufwind bekommt und nach und nach Aufgaben einer Weltregierung übernimmt, die eventuell auch sogar eine gerechte Verteilungspolitik durchsetzt. Gibt es jetzt mehr Perspektive als Hurra-Wachstum-Kapitalismus? Da dieser genauso wie der Kommunismus versagt hat, indem er die Menschheit an den Rande der Vernichtung gedrängt hat, wird wohl Platz für neues entstehen. Protestbewegungen meiner Generation sind stärker, da eine allgemeine Auflehnung gegenüber jenen, die für den Abwurf »verantwortlich« waren, vorhanden ist. Allgemein könnte man sich vorstellen, dass der Mensch mehr Respekt gegenüber der Natur hat, da schon viele Landstriche verseucht sind und da nicht noch mehr hinzukommen müssen.
Kulturelle Veränderungen kommen eine ganze Menge. Ich gehe stark davon aus, dass die Medien noch immer eine starken Einfluss auf die Menschheit haben, jedoch die Massenware Kultur, wie sie heutzutage existiert, keine Überlebenschance hat, da nicht genug Geld da ist um ständig neue CDs, DVDs, Romane von Dan Brown, usw. zu kaufen. Gleichzeitig kommt mit dem Internet, das ja auch schon vor dem Wurf der Atombombe existiert hat, die Chance, Kultur ohne Beschränkungen zu verteilen, was dieser trostlosen Welt eine neue Perspektive bringt. Auch hier entsteht eine Art Nachkriegsliteratur, die sich mit dem Schicksal der Toten des Krieges und vor allem mit den Schuldgefühlen der Überlebenden beschäftigt. Die Fiktion beschäftigt sich wohl mehr mit Heile-Welt-Szenarien als mit der Realität der Postapokalypse. Musikalisch wird die Depression des Grunge wohl länger andauern, Stile wie Industrial, Gothic bleiben länger aktuell.

Szenario 3: Glück gehabt
Westeuropa war nur ein Nebenschauplatz des atomaren Krieges. Während der Ostblock und die USA fast vollständig zerstört, gibt es in Westeuropa nur sehr wenige Tote. Die werden allerdings noch nachkommen, in Form von Mutationen und Krebskranken durch den radioaktiven Niederschlag. Meine Generation wächst auf mit den schrecklichen Bildern von West und Ost, falls überhaupt noch jemand lebt, der Bilder gemacht hat. Die kollektive Schuld derjenigen, die überlebt haben, wirkt natürlich bedrückend auf die Atomsphäre. Politisch ist das große Leitbild Amerika am Ende und auch die Sowjetunion existiert nicht mehr. Wirtschaftlich ist Europa also zu einem stärkeren und wahrscheinlich auch fairerer Handel mit der sogenannten dritten Welt und mit Japan gezwungen. Das große Feindbild ist verschwunden und man muss sich neue Ziele und eine neue Orientierung suchen. Natürlich ist die Bandbreite der Möglichkeiten sehr groß und man kann wohl nur raten, wie es weitergeht. Wahrscheinlich wird man hier am repressivsten mit mutierten Personen umgehen und der Ausbau der Festung Europa wird schneller vonstatten gehen als in der realen Welt, die wichtigste Grenze ist aber diesmal im Osten, da man keine kontaminierten Menschen in Europa möchte. Eine Europäische Föderation ist ebenfalls möglicher.
Kulturell erwarte ich mir die gleichen Auswirkungen wie unter Szenario 2, nur dass sich die Fiktion des davongekommenen Europas sich stärker mit den Geschehnissen in den radioaktiv verseuchten Gebieten beschäftigt und durchaus postapokalyptische Szenarien bereithält. Auch die Nachkriegsliteratur wird hier eine andere sein als unter Szenario 2.

Wäre das jetzt besser?
Natürlich ist es gut, dass die Atombombe nicht gefallen ist, und ich wünsche mir auch nicht, dass sie fällt.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass es wohl besser für die Gesundheit des Universums wäre, wenn die Atombombe gefallen wäre, und anderseits denke ich, dass so ein Ende des kalten Krieges aufhorchen gelassen hätte. Ein letztes Mal gut durchschütteln, damit wir uns bewusst werden, was wir eigentlich tagtäglich tun. Ich muss da keine Stichworte nennen.
Ich finde, das ganze wirkt sehr unkomplett, obwohl ich nun wirklich lange genug daran geschrieben habe. Vielleicht kommt man ja durch Kommentare weiter?

(Symbolbild ist übrigens ein Foto des Nuklearwaffentest »Operation Sandstone« vom 14. April 1948 auf dem Eniwetok-Atoll und public domain.)