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Fenster ohne Fensterbrett

Jardin du Louxembourg, Paris.
Ich stehe auf meinem Bett und schaue zum Fenster heraus. Es regnet von dem dunklen Himmel, im ekligen Orange am Horizont glühend. Vertrauter Anblick.

Graue Dächer. Ich weiß, dass alle Dächer, die ich sehe, grau sind, obwohl es dunkel ist. Bis auf zwei. Manche Menschen glauben, sie würden mit roten Ziegeln Mittelmeerflair auf ihr Dach bringen. Bei dem Anblick entdecke ich immer den inneren Ortsbildschützer in mir.

Es regnet. Natürlich, es muss regnen. Gäbe es spezielle Reiseführer für E., der graue Schuhkartonhimmel an 300 Tagen im Jahr würde angepriesen werden. Als könnte es hier je ein anderes Wetter geben, als könnte der Sommer hier länger als zwei Wochen dauern. Aber vielleicht ist genau das der Grund, weshalb ich hier bin.
E. strahlt hell gen Himmel. Fehlende Größe scheint mit umso größerer Leuchtkraft kompensiert zu werden. Der Horizont glüht, als täte sich dort die Hölle auf. Kaum ein Stern ist zu erkennen. Und ich bilde mir ein, dass das in Wien anders ist, dass der Himmel dort dunkler ist, obwohl es eine Großstadt ist.

Ein Dachfenster hat kein Fensterbrett. Niemand wird je hier sitzen und rauchen oder einfach nur raus schauen. Nicht k., nicht Ruth und auch sonst keine oder keiner. Es gibt auch nichts, auf das man schauen könnte. Zwei hohe Mauern verdecken die Sicht zu den angrenzenden Gärten. Aus manchen Fenster scheint Licht, immer vermischt mit dem Flimmern des Fernsehgerätes. Auf den Telefonleitungen, die – aus welchem Grund auch immer – über die ganzen Gärten des Blocks gespannt sind, sitzen am Tag immer Schwalben. Wie die Schwalben werde ich im Herbst wieder gen Süden ziehen, die große Reise antreten und meinen Basilikum auf mein Fensterbrett stellen.

Ich stehe auf meinem Bett und hoffe, mal wieder einen meiner seltenen Träume zu haben.

(Foto von hier)

Fensterbrett (2)

Mein Fensterbrett ist mal wieder unerträglich leer. Weder k. sitzt drauf und raucht, noch lässt der Gedanke an Ruth, die sich irgendwo in der Stadt herumtreibt, mich darauf stützen und sehnsüchtig in die Nacht schauen.

Das Foto stammt von der kleinen Göttin. Vorzügliches Dankeschön!

Ich sitze schwitzend auf meinem Sofa, das vor wenigen Stunden noch ein Bett war und starre hoch zu der Bierdose, die als Aschenbecher dient. Oder diente. Denn ich rauche ja nicht, obwohl auf dem Fensterbrett jetzt zwei Feuerzeuge liegen. Eins aus Trier, eins vom Standard. Und ich besitze noch ein drittes. Eventuell trifft man ja auf Menschen, die Feuer brauchen. Und einige Universitäten sollen ja genau das auch brauchen: Feuer.

Ich will Jack Kerouac lesen, komme aber nie dazu. Nicht einmal auf dem Klo, auf dem zwei verschiedene Skripten liegen, die ich durchlesen will, um vor dem eigentlich Lernen schon mal auf das schlimmste vorbereitet zu sein. Vielleicht bieten die nahenden Ferien Zeit dafür. Zuerst muss ich mich aber noch durch einige Prüfungen kämpfen, ohne die es wohl nicht geht. Ohne Leid kein Preis. Als würde ich nicht schon genug schwitzen. Fast blöd müssen die alten Philosophen gewesen sein, von denen Geschichten kursieren, sie hätten nicht gerne im Schatten gesessen. Dabei ist zu viel direkte Sonneneinstrahlung nicht gut für das Gehirn. Es weicht auf, verflüssigt sich und könnt ihr euch vorstellen, was eine gute Teppichreinigung kostet?

Ruth würde sagen, der Basilikum, der da so prächtig auf dem Fensterbrett gedeiht und wunderbar riecht, stünde nur da, um von der Leere des Fensterbrettes abzulenken.

Fensterbrett.

Und mit einem Male wird dir klar, wie verdammt leer dein Fensterbrett doch ist.
Durch das offene Fenster kommt der Lärm der Stadt, die draußen vorbeizieht, zusammen mit der Kälte in dein Zimmer. Der Tee, den du gemacht hast, um deinen müden, geschundenen Körper etwas zu beruhigen, ist das einzige Warme. Deine Körpertemperatur hat sich langsam abgesenkt und du musst den Tee langsam trinken, damit du nicht zu schnell wieder auftaust.
In meinem Kopf laufen die letzten Tage (und Nächte) immer wieder ab. Endlosschleife. Mein Orientierungssinn hat mich wieder einmal verlassen und ich stolpere, auch mit Karte, wie ein Blinder durch die Stadt. Was nicht weiter schlimm ist, denn so sieht man auch mal was. Und was könnte schöner sein als eine endlose Aneinanderreihung von Nebengassen. An einer Mauer mitten in der großen Stadt hängt Kunst. Eine Künstlerin hatte die wunderbare Idee, eine Pflanze an die Mauer zu hängen. „Gieß mich!“, steht neben der verdorrten Blume.

Filme in meinem Kopf sind natürlich nie chronologisch. Der Gott der Zeit ist tot.

Eine Woche lang sperrte ich mich in meinem Zimmer ein. Hatte ich doch nun seit Monaten mal wieder einen Schreibtisch, an dem ich sitzen konnte. Sprach‘s und spielte ein, zwei alte Echtzeit-Strategiespiele durch, während draußen der Winter wieder kam. Ökonomie ist hinterhältig. Vor allem, weil es doch zur Hälfte aus Psychologie besteht. Vielleicht hilft etwas Küchenpsychologie weiter. Du gehst also in die Küche, kochst dir einen Tee, denkst dabei, dass der Zucker und die Milch fast alle sind und beschließt, einen kleinen Spaziergang zu machen. Blöd nur, dass die Stadt so voller Schnee liegt, dass du nach fünf Minuten völlig durchnässte Füße hast und du dich fast in einen Supermarkt flüchtest. Aus dem Supermarkt wird ein Bücherladen, der aber weder Molche, noch kleine bunte Pillen verkauft. Daheim wieder Tee und kleinere Streitereien mit Herrn Keynes. Als du die Prüfung schreibst, freust du dich, mal wieder unter Menschen zu sein. Schönbrunn ist auch immer einen Besuch wert, wenn die Seepferdchen im Neptunbrunnen nicht gerade als Eis am Stiel verkauft werden. Wir ziehen uns alle eine Blasenentzündung zu und streicheln tollwütige Eichhörnchen.

Es folgen einige weitere Tage, die wesentlich erfreulicher ablaufen. Der Projektor summt in deinem Kopf. Als Abspann eine Reihe von Atombenexplosionen, eine heller als die andere, heller als tausend Sonnen. Bist du wärmer oder der Tee kälter geworden?
Plötzlich ist es dunkel. Es wird immer so schnell dunkel hier, daran werde ich mich nie gewöhnen. Der Tee ist nun endgültig kalt, ich trinke ihn trotzdem.

Auf dem Tisch liegt immer noch das kleine rote Etwas, als schweigende Erinnerung an all das, was war.