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Erstaunlich warm und erstaunlich kurz

Als ich unmotiviert so etwas wie Tagebuchbloggen machte.

Ein Stück Garten mit vielen violetten Blumen

Es war heute erstaunlich warm. Vielleicht glaube ich doch, dass bald so etwas wie Sommer oder zumindest Frühling kommt. Ich traue dem Wetter nie, bin immer misstrauisch. Die unvorsichtige Art, in der ich mich kleide, drückt dieses Misstrauen aus. Immerhin könnte es ja auch viel wärmer und trockener werden und dann würde ich schwitzen in dieser Hitze statt zu frieren weil ich ich zu faul war, eine Jacke anzuziehen.

Die Wärme ist gut, denn ich habe endlich wieder meine Haare geschnitten und sehe weniger aus wie ein verwirrter Magier, als das für die letzten paar Wochen der Fall war. Gibt es eigentlich einen Namen dafür, dass Menschen (oder ich) schlecht darin sind, Dinge in regelmäßigen, aber recht weit auseinanderliegenden Abständen zu tun? Tragen sich Menschen das nächste Haareschneiden in den Kalender ein, oder passen sie einfach mehr darauf auf als ich? So saß ich in der Sonne, jammerte still über meine Unzulänglichkeiten und fühlte mich wie ein frischgeschorenes Schaf. Wobei frischgeschorene Schafe vermutlich eher unter einem Schock leiden, ich war mir nur nicht sicher, ob alle Haare die Länge hatten, die sie haben sollten.

Ich gieße die Pflanzen für das neue Pflanzenjahr, aber es sind nur ein paar wenige Töpfe mit Erde, die ich nass spritzen muss. Ich hatte gehofft, ich könnte die Zeit nutzen, mich zum bloggen zu inspirieren, aber es ist nur eine kurze, schnell erledigte Tätigkeit, an deren Ende ich mir den Kopf ganz sanft an der Dachschräge stoße.

Das ist keine Metapher für irgendetwas.

Wind

Ich blicke in den Spiegel und sehe mir selbst in die Augen. Seit ein paar Wochen mag ich meine Augen. Ich weiß nicht, ob es sonst einen Menschen gibt, der mir in die Augen sieht und sich denkt: „Das sind schöne Augen!“, aber ich tue es. Wenigstens einer. Die Haare gefallen mir nicht mehr. Anders sollen sie. Da anders nicht so hinhaut, wie ich mir das vorgestellt hatte, kommen sie ganz ab. Kahlschlag, wie Anno 2008.

Während dem Schneiden habe ich Stöpsel in den Ohren, weil die Haarschneidemaschine so unglaublich laut ist. So höre ich nur, wie das Metall an meinen Schädel stößt. Ich kann nicht genau ausmachen, ob ich die Vibrationen mehr spüre oder mehr hören. Letzten Endes ist es das Gleiche, die Biologie bietet uns keine Hilfe.

Ich spüre den Wind um meinen Kopf wehen. Von unten weht der Wind hoch, an den steilen, verzierten Häuserwänden der majestätischen Stadt entlang zu den Häusergiebeln bis hoch über die Dächer der Stadt, dort, wo das Zeppelin steht.

Das mächtige Seelenzeppelin rührt sich nicht, trotz des heftigen Windes, der mir um die Ohren weht. Und ich wähne mich am Steuer, im Auge des Sturms. Die Nacht ist lauwarm und ich muss an k. denken. Einen kurzen Moment lang vermisse ich ihre Lippen. Vor meinem geistigen Auge nur postapokalyptische Sperrzone, in dem ein paar japanische Hunde bellen. Solange ich am Steuer stehe, kann mir nichts etwas anhaben, denn dies ist mein Luftschiff.

Die Stadt ist gut zu mir. Ich habe seit Monaten endlich wieder das Gefühl, wirklich zu leben. Vielleicht liegt es an den Haaren, die ab sind, vielleicht liegt es an dem Herzchaos, das begraben ist, vielleicht liegt es tatsächlich auch an der Sonne, die immer öfters kommt, vielleicht liegt es an den Sternen, die ich an unbekannter Stelle erblickte, aber ich habe das Gefühl, dass es mir gut geht. Und gleichzeitig wünsche ich mir endlich mehr Poesie in diesem verficktem Leben.