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Fric Machine

Queesch20_Cover

Die neuste Ausgabe des Queesch-Magazins ist da. Diesmal geht es, kaum verwunderlich angesichts der Krise, um das Thema „Fric Machine“, was übersetzt ungefähr so viel bedeutet wie „Geld-Machine“. Im Dossier geht es also vor allem um Geld, Kapitalismus, Krise und verwandte Themen. Im normalen Magazinteil gibt es Film- und Musikreviews, Neuigkeiten aus aller Welt, vegane Rezepte und Poesie. Diesmal gibt es auch wieder eine CD mit Musik luxemburger Bands.

Das Heft kostet 5 €, was für ein Magazin, das vier Mal im Jahr erscheint, meines Erachtens nicht zu viel ist. Bestellen oder abonieren kann man die Queesch online. Ach, und es sind Artikel von mir darin zu finden, falls das jemand besonders motiviert, ein Heft zu kaufen.

Nomade

Es ist merkwürdig, wieder in Luxemburg zu sitzen. Ich kann jetzt nachvollziehen, wie fremd sich manche Studenten in den Semesterferien hier fühlen, und dabei war ich nur fünf Wochen weg und hatte quasi jeden Tag Kontakt mit Leuten von hier, konnte luxemburgische Medien im Netz lesen (haha! Baut doch endlich mal ordentliche Internetportale, bitte!) und trotzdem ist alles irgendwie fremd geworden. Und das ist sind halt nicht nur die neuen Verkehrsbemalungen in meinem Viertel, sondern auch die fünf Wochen gemeinsame Erlebnisse, die einem fehlen.

A Postcard from Luxembourg cc by Claude Wians

Und das bestätigt mein Gefühl des „Heimatlosen“, dem Wanderer, dem Nomaden, der ständig auf Achse ist und seine Eindrücke ins Netz stellt. Und ich frage mich, ob das Blog dabei hilft. Denn aus dem Schreibwerkzeug, das dem blossen Publizieren von Texten dient, über die dann diskutiert wird, wird ein Mittel zum Kontakt mit den Daheimgebliebenen, Freunden, anderen Reisenden. Das wurde mir deutlicher als sonst, obwohl es keine neue Tatsache ist.

Und dann hat sich auch die Art meines Schreibens geändert. Ich bin, obwohl ich das selbst nicht so wahrhabe, literarischer geworden. Vielleicht liegt das an twitter, dass die skurillen Alltagserlebnisse und -gedanken in 140 Zeichen dorthin verfrachtet werden und somit auf dem Blog mehr Platz für die wirren und die konstuierten Texte ist. Oder aber ich war schon länger so und twitter hat diese Eigenschaft nur polarisiert.

Dann auch die Frage, ob ich nicht gerne mehr politische Artikel schreiben würde, aber das ist stets schwierig. Erstens benötigt das Recherche, für die mir die Zeit fehlt, und zweitens mach ich aus solchen Dingen dann „lieber“ Radiobeiträge, weil ich halt auch eine Sendung habe, die ich jede Woche füllen „muss“. Wäre das eine Idee, solche Dinge auch hier zweitzuverwenden oder anders aufzubereiten? Als Podcast oder als Text? Und vor allem: Das funktioniert vielleicht während der Ferien, aber wie sieht es im „normalen“ Leben aus?

Ich sitze gerade mit einem Laptop, das nicht meins ist, im heissgeliebten Books&Beans in Luxemburg-Stadt und blogge. Das gefällt mir eigentlich sehr gut, und ich könnte mir durchaus vorstellen, in so einen angenehmen Umfeld zu arbeiten. Die digitale Boheme Luxemburgs, was doch eigentlich schon wieder ein Witz ist, denn damit kann man hierzulande sicherlich nicht leben, oder nur sehr sehr schwer. Aber hip ist es schon.
Würde ein Konzept wie das von spreeblick in Luxemburg funktionieren? Ich könnte mir das schon vorstellen, man müsste halt nur endweder genügend Freiwillige finden, die sich für so etwas begeistern – und das das schwer ist, weiss ich aus der Radioerfahrung – und von der Finanzierung für eventuelle Autoren, die davon leben wollen, reden wir lieber erst gar nicht. Und was das heisst, für Geld zu bloggen, darüber habe ich mir selbst auch noch keine Gedanken gemacht. Ich fände es nur spannend, mein Geld damit zu verdienen, was ich am liebsten mache: in netten Cafés sitzen, mich mit Menschen unterhalten und mehr oder weniger spannende Texte zu schreiben.

Das sind alles nur Gedanken, die mir kommen und die ich nicht so recht einordnen kann. Vielleicht haben meine werten und hochgeschätzten Leser ja Beobachtungen gemacht, die ich von innen nicht sehe?

(Photo cc by Claude Wians)

Das Spannungsverhältniss von Kultur, Zensur, Geld und dem Internet

Ich habe ja letztens schon von diesem Colloque erzählt, aber ich will darauf jetzt nicht weiter eingehen, weil ich nur für meinen eigenen Workshop da war und sonst nicht ganz viel mitbekommen habe. Was vor allem an meiner Zeit lag. Letzten Samstag war ich nämlich ultra-eingespannt, ganz im Gegensatz zu diesem Wochenende. Obwohl das auch anders hätte sein und verlaufen können, aber ich muss ja nicht immer zu alles Lust haben. Und vor allem tut es auch mal gut, ganz entspannt ein paar schönen Tätigkeiten nachzugehen. Schreiben, und damit ja wohl auch so etwas wie »Kultur schaffen «, gehört ja auch zu meinen Steckenpferden.

Wo fängt Kultur an, und wo hört sie auf? Insbesondere wenn man das Internet betrachtet, ist das eine schwierige Frage, die man kaum noch einfach beantworten kann. Sind YouTube-Videos Kultur? Vielleicht nicht im allgemeinen, aber auch mit einer Handykamera und einem einfachen Schnittprogramm kann man geniale Werke schaffen. Eins der bekanntesten und langlebigsten Webcomics besteht aus immer den gleichen Bildern. Ist das Kunst? Ich sage ja. In vielen Fällen wird etwas geschaffen.

Der Künstler ist, im klassischen Sinne, von Geld abhängig, weil er irgendwie leben muss, will oder kann er nicht einer regulären Beschäftigung nachgehen, ohne seine Kunst zu vernachlässigen. Deshalb muss er seine Werke verkaufen oder einen Gönner finden, der ihn irgendwie finanziert. Und in dem Sinne ist die Künstlerin und damit die Kunst wieder bedroht, weil die finanziellen Mittel möglicherweise nicht unabhängig von dem Output des Künstlers fließen. Die Künstlerin läuft Gefahr, zum Auftragskünstler zu werden und nicht mehr Kunst zu machen, die ihr gefällt, sondern dem Gönner. Und damit ist auch die Kunst in Gefahr, denn dadurch geht ihr in meinen Augen etwas verloren. Ich kann auch gute Artikel über Projekttage in meiner Schule schreiben und dabei all die Dinge erwähnen, die laut Lehrerin und deren Uni erwähnt werden müssen, aber so richtig zufrieden bin ich mit dem Resultat danach nicht, einfach weil es nicht das gleiche ist.

Ein weiterer Faktor ist die Anpassung an den Markt. Sei das ein literarisches Genre, das gerade in Mode ist, eine Musikrichtung, die sich besonders gut verkauft oder eine Form von Kunstwerken, die gerade auf dem Kunstmarkt heiß begehrt ist. Inwiefern kann eine Band, die bei einem großen Label ist, wirklich die Musik machen, die sie machen will und jene Texte singen, die dem Sänger/der Songwriterin in den Kopf gekommen sind?
Ich behaupte: Nicht wirklich. Sonst würden sich nicht so viele Bands von ihren Labels trennen. (Obwohl hierfür wohl auch ein genereller hirnzellenfressender Virus in den Führungsetagen der Musikindustrie verantwortlich sein kann, denn die Verbreitungspolitik, vor allem im Internet, lässt immer noch zu wünschen übrig. Kulturflatrate!) Wie es wohl mit Autoren, Filmemacherinnen oder anderen Künstlerinnen sein mag, weiß ich nicht und kann ich auch nicht beurteilen.

Die Gefahr der Zensur geht aber nicht nur von potentiellen Geldgebern aus, sondern von jeder Macht, die die Kraft hat, zu zensieren, dh. vor allem vom Staat, aber auch von Verlägen, Kunsthäusern, Museen, Zeitungen, usw. Im Internet gibt es diese Form der Zensur nicht, bzw. ist sie hier leichter zu umgehen. Als FlickR vor einigen Monaten deutsche User vor Nippeln schützen wollte, sind die en masse zu anderen Anbietern gewechselt und haben sich dort ihre Nippel angesehen. Eine weitere Form von Zensur ist der Verbot des Benutzens von copyrightgeschütztem Material, wie es zum Beispiel bei MashUps oder Mixtapes der Fall ist. Hier kann selbst das Internet nicht vollständig vor Zensur schützen, da die Urheber solcher Werke von den Anwälten der Rechteinhaber gejagt und heimgesucht werden können.
Hier stellt sich eine ähnliche Frage wie beim Graffiti: Kann auch Kunst, die die Rechte anderer verletzt, legal sein? Und ist das überhaut Kunst? (Oder künstlerisch wertvoll?)

Hier kann man nun allgemein einfügen, dass das Internet eigentlich eine große Kopiermaschine ist und es relativ idiotisch ist, die Kopie verbieten zu wollen, wenn man es mit einem Medium zu tun hat, dessen gesamtes Funktionieren auf dem Prinzip des Kopierens basiert. Ich kann aber gleichzeitig die Rechteinhaberinnen, insbesondere kleine Bands verstehen, die Geld für ihre Kunst haben wollen, weil sie anders nicht überleben können.

Das Internet stellt in allen diesen Bereichen eine Chance dar. Es gibt bereits eine Menge von Webseiten, die es zB. Bands ermöglichen, Geld zu sammeln, um sich beispielsweise eine Album-Aufnahme leisten zu können. Netlabels vertreiben Musik über das Internet. Verlage drucken CC-Bücher von berühmten Bloggern. Ansonsten gibt es Print-On-Demand nicht nur für Büchern, sondern auch für Fotos, Bilder, T-Shirts, Kaffeetassen und ähnliches. CC und ähnliche Lizenzen ermöglichen es MashUp und Mixtape-Künstlerinnen, ohne Gefahr zu Mashen und zu Mixen.
Durch soziale Netzwerke werden Kräfte gebündelt, Autorinnen finden Fotografen und Bassisten Schlagzeugerinnen.

Und dennoch, Geld als Künstler machen ist auch im Internet schwer. Aber wohin wollen wir, was ist gut für die Kunst und was sollte passieren?
Staatlich subventionierte Kunst hat oft nur Eventcharakter (für die Massen) oder ist für die sozialen Eliten gemacht.
Künstlerische Freiräume bringen kein Geld und werden oft schnell wieder aufgegeben, wenn sie denn überhaupt existieren können.
Im Internet liegt die Zukunft, aber es wird uns auch nicht retten.

Was wir brauchen, sind neue Modelle für ein neues Jahrhundert. Neue Ideen und offene Ohren und Herzen, die sie empfangen. Wir müssen uns lösen von der Idee, dass die Kopie etwas böses ist und Zensur notwendig. Wir sollten erkennen, dass wir nicht nur auf der Konsumenten oder der Erschaffer-Seite stehen können, sondern dass es immer mehr Grauzonen dazwischen gibt. Interaktivität wird Teil der neuen Kunst sein, mit in sie einfließen, der Betrachter wird zum Künstler, die Kunst zur Betrachterin, die Künstlerin zur Kunst.
Und das ist erst der Anfang