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Langsam.

Dolle Mina's dressed as sperm cells

Ich bin mal wieder zu langsam. Ich will nicht das vierte oder fünfte Review zu dem wirklich wunderbaren und sehenswerten luxemburgischen Film „Ons Identitéit – Mir hunn se fonnt“ schreiben, denn Thorben, Thierry und Pa haben das schon getan. Bleibt mir nur zu sagen: Seht euch den Film an!

Ich war auch zu langsam, um einen persönlichen Aufruf zum Spenden à la Jimmy Wales online zu setzen. Nachdem Spreeblick, Titanic und Thierry das gemacht haben, wäre es wohl unlustig. Flattrn dürft ihr meine Artikel trotzdem gerne, wer größere Geldbeträge überweisen will, kann sich gerne bei mir melden, ich übermittle dann die Kontodaten.

Ansonsten ist das Internet voller lustiger Dinge, so zum Beispiel einem tumblr über Pokémon, einem guten Artikel über Geschlechterrollen und Beziehungen von Malte Welding, einem Video über das Malen von Schlangen im Mathematikunterricht, eine Würfelsammlung, Tintin und Lovecraft und die Information, dass Sperma 1,5 GB an Information enthält. Und auch sonst gibt es unglaublich viele tolle Dinge in den Weiten des Netzes!

fuck your friends!

photo cc by Wrote

fuck your friends, fuck heteronormativity
Ich meine das durchaus wörtlich. Aber vielleicht sollte ich anders anfangen.

Immer, wenn ich über Feminismus, Homophobie, Sexismus oder sonstige Gender Issues rede, versuche ich zu betonen, dass auch Heterosexuelle und Männer unter den gängigen Rollenbildern und Gesellschaftsnormen, die so schön unter dem Begriff Heteronormativität zusammen gefasst sind, leiden. Männer werden als unmännlich betrachtet, wenn sie Gefühle zeigen. Und selbst wenn diese Rollenbilder so langsam aufweichen (vor allem am linken Rand der Gesellschaft), so scheinen sie im größten Teil der Bevölkerung immer noch fest zementiert. Erst heute las ich einen Facebook-Kommentar, der es als großes Wunder bezeichnete, dass zwei Männer kochen würden, während eine Frau Fußball (Vielleicht schreibe ich auch mal einen Artikel dazu, wieso ich die Weltmeisterschafts-Veranstaltung aus verschiedenen Perspektiven ziemlich nervig und nicht unterstützenswert finde) schaute.

Ein Aspekt, der meiner Meinung nach zu wenig Beachtung findet, sind nicht heteronormative Beziehungsformen. Insbesondere dann, wenn es sich um Beziehungen von Menschen handelt, die sich selbst als hetero identifizieren (oder so identifiziert werden). Gut, es mag den Begriff Polyamory geben, der vor allem auf Liebesbeziehungen mit mehren Menschen gemünzt ist. Ich bin der Meinung, dass Liebesbeziehungen zu mehreren Menschen möglich sind und es wohl vor allem die gesellschaftlichen Schranken in unseren Köpfen sind, die die meisten von uns davon abhalten, so etwas überhaupt zu versuchen. Ergebnis davon: Menschen werden unglücklich, weil ihre Beziehungen nicht so ablaufen, wie sie sich das erwarten – ohne zu hinterfragen, wieso sie sich das so erwarten.

Nicht alle sexuelle Beziehungen basieren auf Liebe/Verliebtheit. Manche basieren auf Freundschaft, Zuneigung, Sympathie oder auch „nur“ sexueller Anziehung. Als jemand, der in solch einer „Beziehung“ (selbst der Begriff riecht nach verliebten Pärchen!) steckt, nervt es mich enorm, mich immer wieder dafür rechtfertigen zu müssen. Das geht soweit, dass ich es eher vermeide, davon zu reden, um nicht wieder in Erklärungsnot zu geraten. Um nicht wieder erklären zu müssen, dass die Person, mit der ich regelmäßig schlafe, nicht „meine Freundin“ (im Sinne einer auf Liebe basierenden, romantischen Beziehung ist), ich sie „trotzdem“ (wieso trotzdem?) mag und den Status einer romantischen Beziehung auch nicht anstrebe.

Was fehlt? Eine Begrifflichkeit? Mir gehen alle Bezeichnungen à la „Freundschaft plus“, „Friends with benefits“ oder gar „Fickbeziehung“ nicht weit genug. Vor allem wird durch diese Bezeichnungen suggeriert, dass es sich bei Sex mit Menschen, zu denen man ein freundschaftliches Verhältnis hat, um eine abnormale Sache handelt und Sex nur bei Menschen in einer romantischen Beziehung vor zu kommen hat. „Offene Beziehung“ suggeriert wieder Gefühle wie Liebe oder Verliebtheit, die ich jedoch nicht finden kann – was mich, wie bereits erwähnt, nicht sonderlich stört.

Ich weiß nicht, ob es eine Begrifflichkeit geben muss. Und noch viel weniger, wie diese lauten sollte. Mir wäre ein gesellschaftliches Bewusstsein ob der Tatsache, dass es neben (Zweier)beziehungen noch viel mehr gibt, wichtig. Es gibt wohl genug Menschen, die wegen ihres Sexlebens ein schlechtes Gewissen haben oder gar unglücklich werden, weil es nicht der gesellschaftlichen „Norm“ entspricht. Oder noch schlimmer, sozialem Druck ausgesetzt werden, weil ihr Sexleben als „schlampenhaft“ bzw. ablehnungswürdig betrachtet wird. Am liebsten möchte ich raus aus der Rolle, mich ständig dafür rechtfertigen zu müssen, nicht verliebt und trotzdem glücklich zu sein. Und das, ohne Schweigen zu müssen. (Was nicht heißt, dass ich jeder und jedem von meinem Sexleben erzählen muss. Das wäre ja noch schöner!)

Also: Es ist nichts dabei, Sex mit Freund_innen zu haben. Niemand muss sich an das Ideal von Zweierbeziehungen halten. Nicht mal an das Ideal von romantischen Beziehungen. Und umgekehrt kann es genauso romantische Beziehungen geben, in denen kein Sex vorkommt. Aus welchen Gründen auch immer.
Wichtig ist meiner Meinung nach, mit Sexualpartner_innen zu kommunizieren, Wünsche, Vorstellungen und Ängste mit zu teilen. Und selbst glücklich zu sein.
Und genau deswegen gehört der gesellschaftliche Druck aufgehoben.

Gender Check

gendercheck1Foto: © MUMOK

Wenn ich schon in Wien wohne, kann ich mir auch ab und an ein wenig Kultur gönnen. Immerhin gibt es hier unglaublich viele interessante Museen. Die meisten davon hat man im sogenannten Museumsquartier versteckt, damit Leute wie ich, die nach freistehenden Museen suchen und denken, sie würden das wohl schon entdecken, erst nach längerer Suche am Ziel ankommen. In dem „Innenhof“ der ehemaligen Hofstallungen hat man die Kunsthalle, das Leopoldmuseum und das MUMOK gesteckt. Das muss man ja auch erst einmal wissen. Andererseits hätte ich auch fast meinen seit lang gehegten Plan, einen Tag lang mit den Straßenbahnen Wiens zu fahren, unfreiwillig wahr gemacht, weil ich zu doof war, die Richtung zu checken. Aber ich habe ja schon einmal festgestellt, dass das gonzojournalistische Prinzip des auf-alles-vorbereitet-seins meistens bedeutet, dass man überhaupt nicht vorbereitet ist.

Gender Check ist eine Ausstellung über – Überraschung! – Geschlechterollen in Osteuropa. Bzw. die Auseinandersetzung der Kunst mit Geschlechterollen in Osteuropa. Interessanterweise wurde im Sowjetkommunismus ja eine „geschlechterlose“ Gesellschaft propagiert, die aber nicht wirklich umgesetzt wurde, wobei sehr viel mehr Frauen Lohnarbeit verrichtet haben als im Westen. Natürlich spiegelt sich dieser Umstand auch in der Kunst wieder, vor allem im sowjetischen Realismus bis 1960. Im ersten Teil der Ausstellung sind heroische Darstellungen von arbeitenden Frauen zu sehen, erstaunlich oft als Bauarbeiterinnen. Aber auch hier ist eine Arbeitsteilung und damit Rollenbilder zu erkennen. Die meisten Bilder zeigen Frauen in Webereien, in der Lebensmittelindustrie, während die Stahlarbeiter allesamt Männer sind. Trotzdem: die Bauarbeiterinnen bleiben im Gedächtnis. Diese Werke sind Teil der offiziellen Kunst gewesen und damit Teil der Staatspropaganda, die von inoffizieller Kunst als Märchen enttarnt werden.

gendercheck2Michails Korneckis (Lettland) – Mädchen, packen wir es an, 1959 © Normundus Braslins

Vor allem ab den 1970er Jahren beginnen Künstlerinnen, Selbstdarstellungen anzufertigen und decken hier in der offiziellen Kunst nicht vorhandene „Weiblichkeit“ auf. Ein Bild mit einer über die Kloschlüssel gebeugten Schwangeren trägt den simplen Titel „Eine Frau“.

Und so staunte ich mich durch die Ausstellung, schaute kurz in einige Filme rein, die ich immer ein wenig sinnlos finde, wenn sie länger als zehn Minuten dauern, denn sie reißen einen oft aus der eigentlichen Ausstellung und ganz ehrlich, eine Stunde auf einem Hocker in einem Museum sitzen bleiben, das halte ich nicht wirklich aus. Es fällt mir schon schwer genug, in meinem Zimmer eine Folge „X-Files“ anzusehen, ohne zu schauen, was gerade bei twitter passiert. Nach einigen Versuchen ließ ich die Filme also Filme sein und bedauerte, nicht über mehr Zeit und Auffassungsfähigkeit zu haben. Außerdem ärgerte ich mich darüber, kein real-life-ffffound zu haben und dass es offensichtlich auch in großen Museen Gang und Gäbe ist, Glasrahmen so zu beleuchten, dass man die Ausstellungsstücke gut als Spiegel benutzen kann, jedoch das Werk selbst kaum sieht.

gendercheck3Wojciech Fangor (Polen) – Figures / Postaci, 1950 © Wojcieh Fangor

Die sexuelle Revolution gab es, Überraschung, nicht nur im Westen. Perfomances, Videoinstallationen, Body Art und die Fotografie waren nicht nur neue Medien, sondern auch Ausdruck einer neu erlebten Sexualität. Feminismus wird angedeutet. Auch die klassischen männlichen Rollenbilder, allen voran der Soldat, werden gekonnt dekonstruiert. Auch andere Sexualitäten und Beziehungsformen als die das durch Propaganda geprägte heterosexuelle Norm werden dargestellt.

Nach 1989 veränderte sich so einiges. Der Teil Gender und Kapital zeigt, dass mit dem Kapitalismus/der Wende auch Prostitution, Menschenhandel und die Pornoindustrie verstärkt nach Osteuropa gekommen sind. Milchtüten für Brustmilch, ein Menschenhandel-Monopoly und mutmaßliche Bankangestellte, die „Money Money“ von ABBA singen bildeten meiner Meinung nach einige Highlights von diesem Teil, der mich im Großen und Ganzen sehr begeistert hat. Ob das daran liegt, dass „Sex sells“, oder ob ich auf neueres Material einfach besser anspreche, weiß ich nicht. Immerhin ist Pornografie ja heute auch allgegenwertig.

gendercheck4Eva Filova (Slovakei) – Without Difference, 2001 © Eva Filova

Allgemein scheinen die Kunstwerke nach 1989 freier, aber auch wesentlich stärker am Westen interessiert. Das Projekt einer polnischen Künstlergruppe, die eine virtuelle Präsidentschaftskandidatin zur Wahlen stellen lassen wollten, inklusive Wahlkampagne, wirkt dann doch sehr „westlich“. Wobei ich die Idee ziemlich gut fand und sie auch super ausgeführt war.
Natürlich gibt es auch eine Abrechnung mit den Diktaturen und ihren Geschlechterrollenbildern vor 1989 in der Kunst. Nicht nur die DDR-Künstlerin, die die Stasiakten über sich selbst mit Fotos zu den Beobachtungen der Spitzel spickt, sondern auch viele Werke, die die Rolle der Armee und der Männer in ihr beleuchten und karikieren.

Insgesamt ist Gender Check sehr sehenswert. Ein wenig hat mich gestört, dass das ganze ein wenig zu sehr wie ein „Best Of“ wirkte. Von manchem hätte ich gerne mehr gesehen, anderes fand ich dann nicht so umwerfend, aber ich würde jeder Person, die ein klein wenig was mit Gender, Kunst oder Osteuropa anfangen kann, dringend empfehlen, das MUMOK zu besuchen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 14. Februar 2010. Die Ausstellung hat auch eine eigene Webseite.

In All My Dreams, it Never is Quite as it SeemsRovena Agolli (Albanien) – In All My Dreams, it Never is Quite as it Seems, 2002 © Rovena Agolli

boys and girls

boysandgirls

For every girl who is tired of acting weak when she is strong,
there is a boy tired of appearing strong when he feels vulnerable. For every boy who is burdened with the constant expectation of knowing everything, there is a girl tired of people not trusting her intelligence. For every girl who is tired of being called over-sensitive, there is a boy who fears to be gentle, to weep. For every boy for whom competition is the only way to prove masculinity, there is a girl who is called unfeminine when she competes. For every girl who throws out her E-Z Bake oven, there is boy who wishes to find one. For every boy struggling not to let advertising dictate his desires, there is a girl facing the ad industry‘s attacks on her self-esteem. For every girl who takes a step toward her liberation, there is a boy who finds the way to freedom a little easier.

(text via crimethink)
Photo cc by wishuponacupcake

Märchen aus dem Pleistozän

evolutionspsychologie

In Grommels Post über die luxemburgische Piratenpartei kam es, und das nicht wirklich unprovoziert (Edit 6/10/09: die entsprechenden Posts sind merkwürdigerweise verschwunden?) von mir, über eine Diskussion über Sexismus und Geschlechterrollen. Ich war ein wenig erstaunt über Blödsinn wie „Fußballhormone“ und die Theorie, dass Homosexuelle während der Schwangerschaft „zu viele Hormone“ vom „anderen Geschlecht“ bekommen haben. Und lange konnte es natürlich auch nicht dauern, bis jemand kam, der etwas von Höhlenmenschen und Jägern und Sammlerinnen schrieb.

Ich hatte das Gefühl, dass die Diskussion ein wenig aus dem Ruder geriet habe deshalb entschlossen, einen Artikel über meine Sicht der evolutionären Psychologie zu schreiben. Einerseits, weil es einfacherer ist, als in der Hitze des Gefechts einen Kommentar zu schreiben, den ich aber noch abschicken muss, ehe ich zum Zug muss, den ich fast verpasste, weil ich so lange schreibe und der dann glücklicherweise ein paar Minuten Verspätung hatte und zweitens, weil ich keine Lust habe, darüber zu diskutieren, ob „Homosexuelle das dritte Geschlecht“ sind oder ob ich persönlich lieber mit Puppen gespielt hätte oder aus der Emma vorgelesen bekommen habe, als ich jünger war. Sprich: Ich will bei einem Thema bleiben und es nicht durch wortergreifungsstrategieähnliche Manöver ersetzen lassen.

Es gibt sehr viele gute Argumente gegen Evolutionspsychologie. Aber fangen wir vorne an, nämlich bei der Methode. Die ist nämlich schon sehr kritisch, da die Annahmen der Evolutionspsychologie oft auf tönern Füßen stehen. Es gibt nämlich sehr wenige Fakten aus dem Pleistozän, der Zeit der evolutionären Entwicklung des Menschen. Es gibt keine verlässlichen Daten zur Population, Habitat, Lebens- und Essgewohnheiten, was bedeutet, dass die meisten evolutionspsychologischen Annahmen eben genau das sind: Annahmen. Und auch die wenigen Knochenfunde sind nicht immer sehr aufschlussreich. So herrscht bis heute Streit drüber, ob Lucy nicht eher Luca war und ob frühe Hominiden überhaupt gejagt haben oder nicht eher zum größten Teil Aasfresser waren.

Außerdem können keine Kausalzusammenhänge geschlussfolgert werden, denn dafür müssten experimentell eine Variable manipuliert und ihre Auswirkungen auf eine andere Variable erfasst werden, und das in einem experimentellen Rahmen, der möglichst wenige andere Einflüsse zulässt – und das ist, es sei denn, die Evolutionspsychologen erfinden eine Zeitmaschine, nicht möglich.

Viele evolutionspsychologische Hypothesen sind sogenannte „Just-So-Stories„. Das heißt, die Verhaltensunterschiede in heutiger Zeit werden erklärt, in dem man die Verhältnisse vor tausenden Jahren hin gebogen werden. Damit lässt sich so ziemlich alles erklären, auch widersprüchliche Beobachtungen. Solche Geschichten sind nicht falsifizierbar.

Was wäre zum Beispiel, wenn man in psychologischen Tests ein besseres räumliches Erinnerungsvermögen bei Männer feststellen würde? Evolutionspsychologen würden auch dazu eine „evolutionäre“ Erklärung finden, bspw., dass Männer sich sehr genau die Wasserstellen merken mussten, an denen sie ihre Jagdbeute wieder finden konnten.

Oft sind die „Erkenntnisse“ von Evolutionspsychologen über angeblich universelle Wesenszüge von Menschen sehr stark von ihrem eigenen kulturellen und sozialen Kontext abhängig. So wurde Steven Pinkers Buch „The Blank State“ vorgeworfen, die Mainstream-Sicht der Clinton-Ära wieder zu geben. Wobei auch viele Evolutionspsychologen versuchen „universelle“ Modelle zu entwickeln.

Reduktionismus ist ein weiteres Argument gegen die Methodik der evolutionären Psychologie. Man geht hierbei davon aus, dass die Biologie zwangsläufig die Psychologie mit sich bringt. Hierbei wird vergessen dass unsere Gehirne sich nicht nur aus den „Bauplänen“ der genetischen Information entwickeln, sondern sehr sehr mehr durch die Entwicklung, die dieses Gehirn durchmacht. Übrigens sind vollständig entwickelte Gehirn ohne sonstige Anhaltspunkte selbst für Neurobiologen nicht als männlich oder weiblich zu bestimmen. Stoffwechsel, Durchblutung, und Strukturen sind so identisch – und innerhalb der Geschlechtergruppen wiederum so verschieden – dass die Frage nach dem Geschlecht nicht anhand eines Gehirns beantwortet werden kann.

Evolutionspsychologie geht davon aus, dass unser Gehirn modular aufgebaut ist und es für jede Situation ein Modul gibt, das die richtige Reaktion darauf hervorruft. Jedoch zeigen empirische Studien, dass viele Reaktionen eben nicht vorprogrammiert sind, sondern von der Situation, der Umgebung und wahrscheinlich auch der Prägung des kulturellen Umfeldes abhängen. So ist beispielsweise längst bewiesen, dass der Mythos, Männer würden sich am Meisten von Frauen mit „Sanduhrfigur“ angezogen fühlen, Unsinn ist und das, was als attraktiv empfunden ist, von Kultur zur Kultur ändert.

Als Evolutionspsychologie erfunden wurde, ging man übrigens davon aus, dass die menschlichen Gene quasi identisch mit denen von vor 50.000 Jahren sei. Genetiker haben herausgefunden, dass es scheint, als seien manche Gene nur 10.000 Jahre alt – oder sogar jünger. Aber Geschichten vom Ackerbauer- und Viehzüchter in der U-Bahn sind sicherlich genauso spannend wie Jäger und Sammler in der Vorstadt …

Natürlich ist es schwer, alle Argumente gegen Evolutionspsychologie aufzulisten, außerdem bin ich werder Archäologe oder Psychologe und kann mich eigentlich nur auf die Quellen, die ich im Netz finde, verlassen. Hier noch ein paar Bemerkungen von Comme, (danke übrigens!) die sich durchaus auskennt:
1) deskriptiv != präskriptiv: selbst wenn es biologisch begründete Geschlechtsunterschiede gibt, müssen daraus noch lange keine Vorschriften für das menschliche Zusammenleben erwachsen.
2) Bisher belegte Unterschiede sind wesentlich kleiner, als das in den Medien so dargestellt wird; die Varianz innerhalb der Gruppen ist größer als die zwischen den Gruppen.
3) Kausalrichtungen: z.B. muss nicht sein, dass ein höherer Testosteronspiegel bei Männern zu höherer Aggression führt, der Spiegel kann vielmehr auch ein Korrelat des Aggressionslevels sein.

Zum Abschluss noch eine Liste von guten Artikeln zum Thema:
Freitag: Wird man als Frau geboren?
Skeptic.com: Sex, Jealousy & Violence
Michael Lenz: Evolutionspsychologie – Kritische Einwände aus interdisziplinärer Sicht
Newsweek: Why Do We Rape, Kill and Sleep Around?

Photo cc by Stefan Kloo

Fragen. (aus Leipzig)

leipzisch

(von einem Flyer, den ich in Leipzig gefunden habe…)

Weißt du wie HIV, Candida und Hepatitis übertragen werden? Schließt du nachts deine Tür ab? Besitzt du mehr als eine Haarspange? Sagt dir manchmal jemand, dass du schöne Augen hast? Denkst du dir neue Kosenamen für neue Beziehungen aus oder sagst du immer mein Herzkeks? Kannst du in eine Flasche pinkeln? Schon mal einem kleinen Kind beim Pinkeln geholfen? Weinst du? Redest du beim Sex? Vergleichst du einen Körper mit dem anderer Leute? Hast du einen dicken Arsch? Große Titten? Einen Bierbauch? Warum machen Frauen die Zuarbeit? Warum sind Männer wichtig? Bietest du Gästen Heißgetränke an? Bist du grobmotorisch? Lebst du in serieller Monogamie? Kratzt du dich in der Öffentlichkeit zwischen den Beinen? Trägst du figurbetonte Kleidung? Pfurzt du in der Öffentlichkeit? Hast du hohe Telefonrechnungen? Wer würde dich besuchen, wenn du im Krankenhaus liegst? Redest du gerne über Musik? Kannst du mit nem Feuerzeug Bierflaschen öffnen? Kannst du Reifen wechseln? Weißt du immer eine Antwort? Bist du dir sicher? Weißt du was Heterosexualität ist? Trägst du Unterhosen mit Eingriff? Hast du schon mal eine Möse geleckt? Hast du manchmal Kopfweh statt Sex? Kennst du dich mit Heilmitteln aus? Machst du lieber Tür oder Tresen? Hälst du Gespräche am Laufen? Machst du Geschenke? Kannst du mit einer Zigarette im Mund Kickern? Rauchen ohne abzuaschen? Fährst du Auto oder wirst du gefahren? freiwillig? Hast du freiwillig keine Beziehung? Redest du auf Plena? Hast du Angst? Bist du queer? Weißt du, was das bedeutet? Bist du ein Frauenversteher? Eine frustrierte Emanze? Wurde dir schon mal deutlich, dass du sexistisch bist? Warum kochen immer die Mädchen? Warum trägst du kein T-Shirt? Wer schraubt dein Auto? Warum bleibt die Frau mit dem Kind zu Hause? Kannst du schweißen? Windeln wechseln? Wer hat es dir beigebracht? Wie oft wächst du ab? Bei dir zuhause? Bei anderen? Wie viele Male hast du abgetrieben? Wie oft kein Kondom benutzt? Küsst du Männer? Küsst du Frauen? Was tust du wenn ein Keilriemen reißt? Hast du Gefühle? Redest du darüber? Hast du eine Nagelpfeile? Spielst du in einer Band? Schminkst du dich selber? Hast du schon mal einen Rock getragen? Zu welcher Gelgenheit? Wann hälst du eine sexuelle Beziehung für befriedigend? Wackelst du mit dem Arsch beim Tanzen? Trägst du eine Brustbandage und einen Pullover auch im Hochsommer? Hast du schon mal jemanden geschlagen? Wen? Warum? Kannst du Blut sehen? Benutzt du Einführhilfen? Besitzt du einen Bolzenschneider? Bist du süß? Hast du eine Plattensammlung? Lächelst du gern? Hast du gute Zähne? Ist klein und nett zu sein eine erfolgsversprechende Verhaltensweise? Ist Sex gleich Penetration? Hast du Angst im Dunkeln? Kannst du Holzhacken? Mit einer Motorsäge umgehen? Hörst du gut zu? Hast du Narben? Bist du jeden Tag mit Politkram beschäftigt? Hütest du Kinder anderer Leute? Eigene? Bringst du sie ins Bett? Übernimmst du viele Aufgaben? Hast du ständig schmutzige Fingernägel? Putzt du das Klo? Hast du betrunken Sex? Kennst du die Kalorienzahl deiner Nahrungsmittel? Hast du einen LKW-Führerschein? Wie oft isst du täglich? Kochst du oder andere? Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du grenzüberschreitend bist? Steckst du dein T-Shirt in die Hose, wenn du Kopfstand machst? Trägst du BHs? Schämst du dich für deine rasierten Beine? Stinken deine Füße? Fährst du allein in Urlaub? Knutschst du außerhalb deiner Beziehung? Redest du mit deiner Beziehung darüber?
Bist du gerne allein?

heiter scheitern

heiterscheitern

Ich bin vor einiger Zeit durch einen Link von Nele über den Podcast heiter scheitern gestolpert. Ein queeres Stößchen aus den Zonen der Unbewohnbarkeit beschreiben die drei Podcasterinnen aus Hamburg ihr Projekt. Es erinnert ein wenig an den wohl bekannteren Spreeblick-Podcast. Leute sitzen irgendwo und reden über Zeugs und das wird aufgenommen. Während Johnny und Tania Spreeblick meistens über ihr Privatleben und lustige Begebenheiten daraus erzählen und dabei von Thema zu Thema springen, so haben Marlen, Steff und Joke immer schon ihr Grundthema Queer. Und jeder Podcast behandelt einzelne Facetten bzw. mehr oder weniger spezifische Themen aus queerer Sicht.

Horizonterweiterung ist garantiert, so leben die Drei z.B. in einer funktionierenden, Dreierbeziehung. Und man verzeihe mir meine Unwissenheit, aber auch wenn ich das Konzept Polyamory kannte, so wusste ich einfach bis vor kurzem nicht, dass es sowas gibt und wie das funktioniert. Auch wenn ich empfehlen würde, bei der ersten Folge anzufangen, wenn man keine/wenige Vorkentnisse hat, so fand ich die Folge über Beziehungen und die über I kissed a girl am interessantesten.

Absolute Hörempfehlung.
Übrigens merkwürdig, wie sehr meine Anforderungen an Radiosendungen und an Podcasts varieren. Ich finde solche Gesprächspodcasts toll und überlege schon, in einer eventuellen WG einen einzuführen, während ich sowas im Radio niemals hören würde bzw. Musikpausen einbauen würde. Aber funktionieren beide Medien tatsächlich so unterschiedlich? Oder könnte man auch eine anderthalbstündige Diskusionssendung im (freien) Radio ohne Unterbrechungen senden?

Photo cc by celesteh

Sonntagsartikel

Ich ärgere mich in letzter Zeit immer mehr über Geschlechterrollen und ihre Auswüchse, egal ob das jetzt „Mädchenmilch“ (mit nur 1,5% Fettgehalt) oder Comedians mit pseudoevolutionärpsychologischen Hintergründen sind. Und wenn man dann in der Zeit einen Artikel über intersexuelle Kinder liest, wird man noch viel nachdenklicher, vor allem in Bezug auf Erziehung und gesellschaftlicher Einfluß auf Geschlechterollen.
Leseempfehlung. Und wenn irgendwer mehr zum Thema weiß: mich interessiert das.