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Dreadlocks im Stroboskoplicht

Dies ist ein neuer Teil der Kuchenbaum-Geschichte. Der Artikel hat ein eigenes Layout, deshalb nicht erschrecken, wenn die Seite erst einmal ungewohnt aussieht. Besondere Geschichten haben auch eine besondere Präsentation verdient. Wer einen aktuellen Mozilla-Browser benutzt, hat besonders viel von dem Artikel, da ich passend zum Titel von der blink-Eigenschaft Gebrauch gemacht habe. Alle anderen modernen Browser funktionieren natürlich trotzdem gut.

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Kuchenbäume im Weinberg des Textes

Lange Zeit was ich hin- und her gerissen zwischen Begeisterung und Skepsis, was individuelle Artikelgestaltung angeht, die Ben im wundervollen Anmut und Demut immer öfter praktiziert. Es braucht viel Zeit und ich will mich nicht immer neben dem Schreiben auch noch mit „Layouten“ beschäftigen. Dann kam die Einsicht viel zu spät: Nicht jeder Artikel muss ein Schmuckstück sein, aber es gibt einige, für die es sich lohnt, einen größeren Aufwand zu betreiben. Und als ich anfing, meine lang gehegte Idee, alle Texte des Ina/Zoës-„Epos“ in eine Seite zu hauen, damit man die Geschichte bequem nachlesen kann, umzusetzen, beschloss ich, ebenfalls Pionierarbeit zu leisten und einen Artikel individuell zu gestalten. Geholfen hat natürlich dieses Tutorial. Das Smashing Magazine hat auch einen wundervoll gestalteten Artikel über die Vor- und Nachteile.

Hier ist nun das Ergebnis. Das „Epos“ hat damit nun auch einen Namen, nämlich den des Baumes, unter dem Ina und Zoë sich das erste Mal gesehen haben: Kuchenbaum. Der Text bekommt mehr Breite, denn es ist viel Text. Und sollte Apple mit ihrer Fernbedienung Erfolg haben, so wird der Widescreen wohl immer bedeutender werden. Die Schriftgröße ist angenehm groß, hoffentlich nicht zu groß. Dann gibt es große Bilder mit einzelnen Zeilen, die so hervorgehoben werden und dem Ganzen einen (hoffentlich nicht zu prätentiös wirkenden) poetischeren Anstrich. Mit den Schriften habe ich herumgespielt und mich ausgetobt. Wer heute noch alte Browser benutzt, hat sowieso verloren. Mit Webkit (Safari, Chrome) sieht das Font-Rendering wohl etwas besser aus als bei Mozilla, trotzdem bin ich überall zufrieden. Das Gedicht, das Ina und ihr Ex geschrieben haben, habe ich in zwei verschiedenen Schriften gesetzt, um den Eindruck des abwechselnden Schreibens zu erwecken. Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen, wie ich finde!

Was das HTML und das CSS angeht: Da muss ich noch viel lernen. Es erscheint mir vieles als üble Hacks, wobei es aber auch sein kann, dass diese Technologien halt einfach nie dafür gedacht waren, so richtig viel zu gestalten. Ja, vieles hätte ich auch einfach als Bilder machen können und wäre innerhalb weniger Stunden anstatt mehrer Tage fertig gewesen. Und ja, ich hätte sicherlich noch mehr aus dem Text machen können. Aber irgendwo muss man ja anfangen. Ich freue mich schon auf die nächste Gelegenheit, einen Artikel individuell zu gestalten.

Edit: Jemand meinte jetzt, bei einer Auflösung von 1600px wäre das Ganze unschön und der Text würde aus den Bildern rausstehen, was natürlich nicht Sinn der Sache ist. Ich habe jetzt versucht das mit „max-width:1024px;“ zu umgehen. Leider habe ich keinen Monitor, der eine so hohe Auflösung unterstützt, um das genauer nachzuprüfen.
Edit2: Das Problem dürfte jetzt gelöst sein!

Erinnerung.

erinnerungen-straße

Dies ist der vierzehnte Teil einer Geschichte um ein Mädchen namens Ina, ihren Exfreund, ihre Freundin, Zoë, und deren Exfreundin, Aline.
1. Teil: Hoffnung. 2. Teil: Entmut. 3. Teil: Überwindung. 4. Teil: Türschwelle 5. Teil: Ina. 6. Teil: Vergessen. 7. Teil: Mullbinde.
8. Teil: Entscheidungsfindung 9. Teil: Dachboden. 10. Teil: Cercidiphyllum japonicum 11. Teil: Meeresrauschen 12. Teil: Baumkuchen 13. Teil: Zimmerdecke

Seit Zoë sie verlassen hatte, wirkte alles grau. Es gab nichts Weißes mehr in ihrer Welt.
Wie hatte sie ihr so etwas antun können? Für Aline war ihre Beziehung zu Zoë immer perfekt gewirkt, ein Bilderbuchpärchen. Beide nur an Frauen interessiert und seit einiger Zeit auch nur an der jeweils anderen. Sie hatten sehr selten gestritten und wenn, dann hatte es auch nie lange gedauert, ehe eine von ihnen wieder mit einem Versöhnungsangebot zurück gekrochen kommen war.

Das Ende war für sie aus heiterem Himmel gekommen.
Im Nachhinein waren die Zeichen natürlich zu sehen gewesen.
Aber im Nachhinein war immer alles logisch und klar und man fragte sich, wieso man es nicht schon viel früher kommen gesehen hatte.Aber man lebte nun mal nicht im Nachhinein, sondern in der Gegenwart mit all seinen Träumen, Gedanken und vor allem lebte Aline in ihrer konstruierten Wirklichkeit, in der sie es blendend schaffte, alle möglichen Anzeichen und Probleme auszublenden und nur das sah, was sie sehen wollte. Zumindest im Bezug auf Zoë war es so gewesen.
Aber wie sollte man auch anders leben? Sollte man sich etwa den ganzen Tag Sorgen um Kleinigkeiten und Dummheiten machen, um später fest zu stellen, dass es sich bei diesen um genau das: also Kleinigkeiten und Dummheiten, die keinerlei Relevanz hatten, handelte? Sollte man etwa jede verdammte Andeutung ernst nehmen und sie bis zur letzten Silbe interpretieren?
Das war doch auch kein Leben.
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Zimmerdecke

Dies ist der dreizehnte Teil einer Geschichte um ein Mädchen namens Ina, ihren Exfreund und ihre Freundin.
1. Teil: Hoffnung. 2. Teil: Entmut. 3. Teil: Überwindung. 4. Teil: Türschwelle 5. Teil: Ina. 6. Teil: Vergessen. 7. Teil: Mullbinde.
8. Teil: Entscheidungsfindung 9. Teil: Dachboden. 10. Teil: Cercidiphyllum japonicum 11. Teil: Meeresrauschen 12. Teil: Baumkuchen

Zoë stoppte diesen Film. Ihr Stimme schaffte es ohne weiteres, den Projektor in seinem Kopf anzuhalten. Die geschlossene Tür vor seinem inneren Auge, die sich jeden Moment geöffnet hätte, wurde zu einem halb durchsichtigen Dia.
„Bleibst du eigentlich zum Mittagessen? Ihr beide habt euch doch sicher viel zu erzählen?“
Wieder dieser leicht aggressive Unterton in der Stimme, wieder dieser Blick zu Ina, der eigentlich gar keiner war, nur ein Flackern in den Augenwinkeln. Als wollte sie, dass Ina ihm alles von ihr erzählen würde, als hätte sie ihm am liebsten selbst die Geschichte ihrer Liebe erzählt.
Dabei war sie doch eigentlich überhaupt keine eifersüchtige Person. Zumindest hatte sie das immer geglaubt.

„Klar bleibt er. Erstens muss er erstmal ein wenig schlafen, um überhaupt wieder fahren zu können. Und zweitens …“
Sie stocke mitten im Satz.
Er hatte eine abrupte Bewegung gemacht, als wolle er ihr Angebot, bei ihr schlafen zu können, ausschlagen, als bräuchte er keine Ruhe, obwohl die Müdigkeit ihn, wenn er ganz ehrlich war, fest im Griff hatte, seit Zoë den Film in seinem Kopf gestoppt hatte. Das Gedicht hatte ihn vielleicht in einen kurzen Moment der verwirrten Klarheit versetzt, aber jetzt griff Hypnos wieder nach ihm. Oder war es Morpheus?
Und auch das war ein Zeichen seiner Müdigkeit, die auf ihm lag wie ein schweres Tuch, das seinen Verstand belastete und ihn griechische Götter mit japanischen Pokémon – und umgekehrt verwechseln ließ.

„Jetzt sag nicht, dass du SO fahren willst?“
In Inas Stimme, obwohl wütend, schwang Besorgnis mit. Er hatte das schon lange nicht mehr gehört. Und sie machte ihn, genau wie früher immer, kleinlaut:
„Nein. Natürlich nicht. Du hast Recht.“
Er sah sie nicht an, starrte auf die Oberfläche des Tisches.
„Ich werde mich wohl besser ein wenig hinlegen. Und ja, ich würde auch gerne hier zu Mittag essen. Wenn das euch nicht zu sehr stört.“

Ina hatte noch immer eine unglaubliche Macht über ihn. Nur ein Wort von ihr, und er war wieder der kleine, schüchterne Junge, der er mal gewesen war, vor Äonen in seiner persönlichen Zeitrechnung. Auch das war ein Teil der Magie, die in ihrer Stimme lag.

zimmerdecke1

„Nein, natürlich nicht. Zoë kocht eh immer so viel, dass wir für ein paar Tage davon haben, da ist es eigentlich sogar besser, wenn noch jemand mit isst.“
Sie grinste in Richtung Zoë.
Und Zoë lächelte zurück. Es wirkte ehrlich, nicht genervt, nicht wütend, sondern rein und verliebt. Auch sie war Ina verfallen, aber das schien auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Ein merkwürdiges Gleichgewicht der Emotionen. Vielleicht war er aber auch zu müde, um sich noch über diese Dinge richtig Gedanken machen zu können. Oder aber es war überhaupt nicht möglich, aus einem halben Gespräch über Kochgewohnheiten eine Beziehung zu analysieren …
„Ich zeig dir das Gästezimmer, ja?“
Als wüsste er nicht genau, wo das Gästezimmer war. Als habe er früher nicht selbst Leuten den Weg dorthin gezeigt. Als sei er noch nie in diesem Haus gewesen.

Langsam ging sie vor ihm die Holztreppe hoch. Er versuchte nicht mehr, einen klaren Kopf zu bekommen, denn das einzige, was ihm jetzt noch helfen würde, war Schlaf. Tiefer, dunkler Schlaf in Inas Gästezimmer. Dort, wo sonst immer nur andere geschlafen hatte, während er in Inas Zimmer gelegen hatte, mit ihren Kopf auf seiner Brust.

„Hier ist es.“
Ina flüsterte nur noch. Als schliefe schon jemand im Haus, den man nicht wecken dürfte.
Behutsam öffnete sie die Zimmertür. Geräuschlos. Ohne zu warten, ob er ebenfalls das Zimmer betrat, schritt sie zum Fenster, zog die langen Vorhänge zu, was den kleinen Raum in ein gedämpftes, hellgelbes Licht tauchte. Sie drehte an der Heizung.
Ein leises Knacken war zu hören, dann ein wenig Blubbern.

Es war frisch in dem Zimmer, aber nicht zu kalt. Trotzdem fühlte sich die Bettdecke geradezu eisig an. Ina öffnete den großen, alten Eichenschrank, der am anderen Ende des kleinen Raums stand.
Er zog seinen Pullover aus, kroch in das gemachte Bett und öffnete seine Hose erst unter der Decke. Sorgfältig stopfte er seine Socken in seine Schuhe. Sie waren leicht feucht.

Er strecke seine Beine aus. Ein gutes Gefühl, so flach in einem Bett zu liegen. Obwohl es ein wenig zu kalt war, aber das würde die Heizung ja bald regeln.
Ina brachte ihm eine zweite Decke. Eine Wolldecke. Behutsam deckte sie ihn damit zu, zog sie fast über sein Kinn, wo sie in seinen Bartstoppeln kratze. Sie lag schwer auf ihm, was leicht unangenehm war, aber immerhin wurde ihm wärmer. Er hatte auch keine Kraft, noch etwas an seiner Situation zu ändern.

Müde starrte er an die fremde Zimmerdecke.

~

Aline wachte auf. Die bekannte, immer gleiche Zimmerdecke.
Sie wirkte grau, obwohl sie eigentlich weiß war.
Irgendwie wirkte seit einiger Zeit alles grau. Als wäre Schimmel über die Welt gewachsen, oder zumindest über ihre Welt, denn außer ihr schien niemand mitbekommen zu haben, wie düster und eklig alles aussah. Andere freuten sich über den Schnee, während sie nur den dreckigen Matsch sah, den er auf den Straßen hinterließ. Sie kannte Menschen, die sich jeden Tag über eine Kleinigkeit freuten. Sie selbst hatte Schwierigkeiten, einmal in der Woche etwas zu finden, was ihr Herz erwärmte.

Ihr Arm fühlte sich schwer an. So, als sei sie eben einen Marathon auf den Händen gelaufen. Aber das war nichts Neues. So fühlte sich ihr Körper seit viel zu langer Zeit an. Sie strecke ihn trotzdem auf seine volle Länge aus, um ihren Nachttisch zu erreichen. Ohne den Blick von ihrer Zimmerdecke zu wenden tastete sie nach ihrem Handy. Als sie es gefunden hatte, ob sie es vor sich, entsperrte es während der Bewegung und sah auf es.
Nichts. Nur die Uhrzeit, Netzbetreiber, Batteriestatus und Empfangsanzeige. Aber keine neue Nachricht, kein Anruf in Abwesenheit, nichts.
Als wüsste niemand, dass sie lebte.

Sie wusste, dass das Quatsch war. Natürlich gab es genug Menschen, die wussten, dass sie noch lebte. Natürlich hatte sie Freunde und Familie, die sich auch mehr oder weniger regelmäßig bei ihr meldeten. Aber um die ging es nicht. Es ging um eine ganz spezielle Person.
Und die meldete sich nicht mehr, antwortete ihr nicht mehr, rief nie zurück und … ja, sie tat so, als gäbe es Aline nicht und jede ihrer Botschaften sei nichts als ein Irrtum, eine falsch gewählte Nummer, als gehe sie nichts von alledem, was Aline ihr schrieb, etwas an.

zimmerdecke2

Aufstehen? Gab es denn einen Grund dazu? Es gab seit Wochen keinen Grund mehr dazu. Trotzdem raffte sie sich immer wieder auf, gab die Hoffnung nie ganz auf. Vielleicht war die Hoffnung in der Nacht gestorben, als sie geschlafen hatte. Jeden Tag wurde es etwas schwieriger, aufzustehen und sich klar zu machen, dass, auch wenn man es nicht sofort sah, es immer irgendetwas gab, für das es sich aufzustehen lohnte.

Sie sah wieder auf ihr Handy, öffnete den Ordner mit den gesendeten Nachrichten. Ja, sie hatte ihr gestern Abend noch eine Nachricht geschickt und sie war auch angekommen. Das tötete wieder ein wenig Hoffnung in ihr. Hätte sie die Nachricht aus Versehen nicht abgeschickt, hätte sie sie nochmal schicken können und auf eine Antwort warten können. So wusste sie, dass wahrscheinlich keine kommen würde.

Wieder diese Armbewegung. Wieder dieser Schmerz. Nichts half dagegen. Sie wusste das ganz genau, auch wenn sie noch überhaupt nichts probiert hatte. Ihr Körper benahm sich in emotional belastenden Situationen so. Und bisher hatte sie noch immer damit umgehen können. Die Schmerzen, die sie spürte, waren psychosomatisch. Nichts ungewöhnliches. Bisher hatte es nur noch nie so lange angehalten, aber bald würde es weniger werden, immer weniger, bis sie nichts mehr spüren würde, ohne es recht zu merken.
Mit einem leichten Klacken des Plastikgehäuses legte sie das Handy zurück auf den Nachtisch.
Langsam drehte sie ihren Kopf und sah die Wand an.

Auch sie wirkte grau.

(Photo cc by Dan Taylor)

Ina/Zoë (I)

Was jetzt hier folgt, ist ein Lesbenporno, geschrieben auf Bierdeckel. Er wurde von drei verschiedenen Menschen in der Neujahrsnacht geschrieben, was die bizarre Grundidee schon einmal erklärt.
Es handelt sich bei den Charaktern um Ina und Zoe. Ich denke, es handelt sich hierbei um eine Fanfiction, die ich als strikt non-canon.
Wer das nicht sehen will, braucht nicht zu klicken. Ansonsten dient es einfach der Belustigung.
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Baumkuchen

Dies ist der zwölfte Teil einer Geschichte um ein Mädchen mit dem Namen Ina, ihren Exfreund und ihre Freundin.
1. Teil: Hoffnung. 2. Teil: Entmut. 3. Teil: Überwindung. 4. Teil: Türschwelle 5. Teil: Ina. 6. Teil: Vergessen. 7. Teil: Mullbinde.
8. Teil: Entscheidungsfindung 9. Teil: Dachboden. 10. Teil: Cercidiphyllum japonicum 11. Teil: Meeresrauschen

Zoë sah ihn an.
Noch immer stand er vor dem Küchentisch, in der Mitte von Inas Küche, ihrer Küche.

Zusammengekauert wirkte er, obwohl sein Rücken gerade war, seine Haltung aufrecht. Das Gedicht hatte etwas in ihm ausgelöst, eine tiefe Traurigkeit schien ihn jetzt wie eine Aura zu umgeben. Woran machte sie das fest? An den scheinbar ausdruckslosen, hellgrünen Augen? Oder an dem leichten Zittern, das noch immer durch seine rechte Hand zuckte?

Bleich war er, als sei ihm das Gedicht nicht gut bekommen. Bleicher noch als vorhin, als sie ihm die Tür aufgemacht und er sie in Inas Boxershorts gesehen hatte.
Sein Bart wie ein grünlich-schwarzer Schatten auf dem Gesicht.
„Struppig“ fiel Zoë dazu sein. Fast so lang wie die erst kürzlich geschnittenen Haare. Ihr gefiel das nicht, so kurze Haare. Das wirkte beinahe militärisch. Es wollte – zumindest in ihrem Kopf – nicht so recht zusammenpassen mit dem Rest von ihm, der unmilitärischer nicht hätte sein können.

Er trug einen dicken, dunklen Baumwollpulli mit einem bunten Aufdruck, Jeans und verschlissene Stoffturnschuhe. Klein wirkte er, obschon einen guten Kopf größer als Ina, und der reichte sie ja auch nur bis zur Stirn.

Sein Gesicht, jetzt von dieser Traurigkeit, die ihn wohl wie ein Schock erwischt hatte, gezeichnet, gefiel ihr. Die Gesichtszüge nicht zu kantig, aber auch nicht kindlich wirkend, die Lippen schmal und die Nase kurz, dafür aber hoch.

Durch seine weite Kleidung nicht sie nicht genau sehen, wie sein Körper darunter aussah, aber er erschien ihr attraktiv. Das war ja auch ein sehr diffuser Begriff – aber dies waren nun einmal die Wörter, die ihr in den Kopf kamen, wenn sie ihn ansah. Was bedeutete dieser Begriff eigentlich? Es gab keine Definition, und jeder Versuch, zu definieren, was man selbst attraktiv fand und was nicht, würde zwangsläufig scheitern. Denn Gefühle waren nicht wie wissenschaftliche Definitionen, sondern schwammig und voller Graustufen, die niemand so recht fassen konnte. Oft hatte Zoë sich gewünscht, die Dinge in ihrem Gehirn fassbar zu haben. Ihre Gefühle und Gedanken ansehen zu können wie in einem Bilderbuch, einer Tabelle, einer Datenbank. Und sie dann weglegen zu können in ein Regal, um sie nicht ständig mit sich herumschleppen zu müssen.
Dann war ihr Blick wieder auf Ina gefallen und all diese Wünsche waren verschwunden, mit einem unhörbaren „Plop“ in ihrem inneren Theater.

Langsam, fast wie in Zeitlupe wanderte sein Blick erst auf sie, dann hinüber zu Ina. Die Müdigkeit in seinen Augen war einem anderen Gefühl gewichen, ohne jedoch aus seinem Gesicht zu verschwinden.

Das Gedicht hatte wohl die Erinnerungen an die Bucht und die Situation, wie sie beide in eine Decke eingewickelt an diesem schmalen Strand gelegen hatten und das Gedicht geschrieben hatten, wachgerufen, aber es waren auch noch ganz andere Dinge an die Oberfläche gelangt.
Wie eine Welle wurde er von diesen Bildern überrannt, unter Wasser gedrückt, während der Gischt über ihm schäumte. Auch diese Metapher sah er vor seinem Inneren Auge, während gleichzeitig eine Art Film in seinem Kopf ablief:

„Du weißt ganz genau, weswegen wir hier sind.“
Keine Antwort.
„Einmal im Jahr kommen wir hierher und klingeln an dieser Wohnungstür. Du weißt das doch.“
„Wir kennen uns doch erst ein paar Monate. Und ich war hier noch nie!“
Stimmung wie in einem halb ernstgemeinten Gangsterfilm, gezwungen-lockeres Gespräch. Nur nicht die eigene Anspannung zeigen, lieber verwirrt wirken.
„Hey, ich habe dir bestimmt noch hundert Mal erzählt, dass ich jedes Jahr einmal hierher komme, an der Wohnungstür klingele und mich einige Stunden mit der alten Frau, die hinter dieser Wohnungstür lebt, unterhalte. Und meistens gibt es auch noch Kuchen.“

Er sah sie fragend an und meinte dann, wieder in diesem Ton, von dem sie überhaupt nicht wirklich sagen konnte, ob er nun ernst gemeint war oder nicht, obwohl sie ja eigentlich wusste, dass dies alles nur ein furchtbar ironisches Gespräch war. Furchtbar auch deswegen, weil es sie insgeheim quälte, dass er sie jetzt vielleicht mit einer allzu flapsigen Bemerkung verletzen könnte – und natürlich auch umgedreht.

Es roch nach Staub und altem Holz.

Bild einer Holztreppe cc by emiliecollins24

„Du besuchst deine Großmutter echt nur ein einziges Mal im Jahr? Da bin ich ja noch treuer …“
„Sie ist nicht wirklich meine Großmutter. Eher so etwas wie eine Großtante. Glaube ich zumindest. Ich blicke bei all diesen Verwandtschaftsgeschichten nie so wirklich durch. Vielleicht ist sie auch meine Cousine 5. Grades oder so was.“
„Auf jeden Fall besteht irgendeine Verwandtschaft zwischen euch und du klopfst einmal im Jahr hier an diese Tür?“

Ina sah ihn ernst an, sah, dass er erschrak und antwortete dann mit einem Lächeln:
„Ja, ganz genau so ist es. Ich wusste doch, dass du es ganz genau weißt. Du musst nicht glauben, dass es immer klappt, den Unwissenden zu spielen.“

Die Stufen knirschten leise. Sie musste sich bisweilen mit viel Kraft am Treppengeländer festhalten und sich selbst hochhieven, da die Treppe sehr steil war.
Ihre Hand an dem warmen, glatten Material.

„Ich habe mir das jetzt in den letzten zwei Minuten so zusammengereimt. Und wieso genau kommst du gerade heute hierher. Und was für Kuchen gibt es?“

Er keuchte leise. Wieder grinste sie. War er nicht der sportlichere von Beiden? Sollte sie nicht schon längst nach Luft schnappen, während er die Stufen spielend leicht überwinden sollte? Offensichtlich waren die Rollen in ihrer Beziehung nicht so verteilt, wie man sich das auf den ersten Blick vorstellte. Vielleicht gab es aber auch keine Rollen. Eine Beziehung war ja auch kein Theaterstück.

„Baumkuchen. Und es ist ihr Geburtstag. Und weil Baumkuchen unser gemeinsamer Lieblingskuchen ist.“

Er grinste sie an, als würde sie das, was gesagt hatte, nicht wirklich ernst meinen.
Ina sah ihn an, und zum ersten Mal an diesem Nachmittag sah sie wirklich ernst aus, und so war auch jeder Hauch von Witz oder Zweideutigkeit in ihrer Stimme verschwunden:
„Ich mag diese Frau wirklich sehr. Sie ist alt, redet manchmal Blödsinn, so wie alte Leute es eben manchmal tun, aber nichtsdestotrotz wirkt sie sehr weise auf mich. Sie weiß viel über das Leben. Und ist das nicht das größte Geschenk, das man im Alter erfahren kann?“

„Meine Familie scheint zum Jungsein verdammt, meine Großeltern und sonstige Verwandten, die alt und weise sein könnten, sind alle tot. Ich weiß nicht mal, ob ich jemanden kenne, den ich als „weise“ bezeichnen würde.“

„Deshalb schätze ich meine Großtante ja auch so!“
Sie lächelte, ohne das der ernste Blick aus ihrem Gesicht wich.
„Bereit? Und benimm dich, ja?“
Er hätte am Liebsten „Ja, Mutti!“ geantwortet, riss sich jedoch zusammen. Ina war selten so ernst, ja geradezu feierlich. Und das wollte er ihr nicht nehmen, nicht diese Stimmung zerstören.

Das alte Holz und der Staub verströmten einen eigenartig vertrauten Duft.

Ina klopfte mit der Faust gegen die Wohnungstür.
Genau dreimal. Zufall oder Klopfzeichen?

Einen Moment lang geschah überhaupt nichts.
Die Treppe knarrte, ohne dass Schritte zu hören gewesen wären.

(Image cc by emiliecollins24)

Katzengras

„Gras? Was für Gras meinst du, verdammt? Ich weiß bei dir wirklich nie, ob du Wiesengras oder die Droge meinst!“, schrie er in die Freisprechanlage.
„Wenn ich Gras sage, meine ich Gras! Glaubst du etwa wirklich, ich füttere meine Katze mit Cannabis?“, plärrte der Angesprochene ziemlich unverständlich aus den Lautsprechern zurück.
Es stürmte und neben dem heftigen Windgeräusch, ein bedrohliches Rauschen, das beständig zu hören war, kam auch noch hinzu, dass diese verlassene Straße geradewegs in ein Funkloch führte.

Das alles vereinfachte die Kommunikation nicht gerade. Manfred Rosenfeld verstand nur die Hälfte von dem, was sein Gesprächs- und Geschäftspartner Stéphane Berri ihm mitzuteilen versuchte. Mal ganz abgesehen davon, dass er sowieso nur die Hälfte der Zeit den Sinn und Zweck dieser telefonischen Mitteilungen, die ihn in letzter Zeit immer öfter erreichten, wirklich kapierte.

„Berri, wieso erzählst du mir, dass du deine Katze mit Gras fütterst? Und vor allem: Gibt es nicht sogar spezielles Katzengras?“
Wieder knackte und rauschte die Leitung, während Berri redete:
„Du hattest doch auch mal eine Katze, oder? Vielleicht weißt du ja, wie viel Gras so ein Tier braucht, am Tag oder so …?“
Rosenfeld seufzte. Als habe er nicht genug damit zu tun, den Wagen auf dieser holperigen, windigen Straße zu halten!
„Ich habe meiner Katze noch nie Gras gegeben, weder Katzengras noch Cannabis oder Fußballrasen! Vielleicht hat sie ja mal passiv einen Joint mitgeraucht, aber das wolltest du doch bestimmt nicht wissen, oder?“

cure grass addiction cc by mikelens

Erneut musste er einer Windböe entgegen steuern, als Berri ihm antwortete:
„Ja! Mach dich ruhig lustig über mich! Nachher stirbt das Tier noch an einer Überdosis Chlorophyll! Ich …“
Rosenfeld hörte, dass Berri noch irgendetwas sagte, aber er konnte außer einzeln Wortfetzen nichts mehr verstehen.
Er schrie, als müsse er gegen den Geräuschsturm aus Wind und Übertragungstörungen ankämpfen:
„Berri! Ich versteh dich nicht! Ich bin in einem Funkloch!“

Dramatisch klang das. Wie ein letztes SOS vor dem Untergehen. Dann das Besetztzeichen, 440 Hertz, wohlbekannt und mit leicht unangenehmen Erinnerungen verbunden.

Das Windgeräusch wirkte plötzlich angenehm leise. Die Straße wurde wieder besser. Jetzt eine Tüte Gras, und die Welt wäre wieder in Ordnung!
Das wäre ja alles kein Problem gewesen, wäre das nicht genau die Art zu denken gewesen, die Berri zu dem gemacht hatten, was er heute war: ein brillianter Programmierer zwar, aber sozial völlig inkompetent. Berri war Rosenfelds Meinung nach überhaupt nicht in der Lage, die Wichtigkeit von seinen persönlichen Problemchen abzuschätzen. Wahrscheinlich war er jetzt gerade dabei, irgendjemanden anderen mit seinem Katzengrasproblem vollzulabern und dabei Wörter wie „Cholorphyllvergiftung“ zu gebrauchen als sei das das Normalste der Welt. Und er glaubte halt auch, dass Gras alle Probleme aus der Welt schaffen könnte.
Mittlerweile hatte der Wind ganz nachgelassen, er war auf jeden Fall nicht mehr zu hören. Einzig das gleichmäßige Brummen des Motors unterbrach die Stille.
Dieses Auto hatte natürlich auch kein Radio.

Wieso schaffte er es eigentlich nie, Berri verständlich zu machen, dass er ihm mit seinen „wichtigen Fragen“ furchtbar auf die Nerven ging? Normalerweise konnte er sich doch gut durchsetzen, aber Berris Gedanken sprangen in einem Gespräch so schnell hin und her, dass es quasi unmöglich war, ihn zu fassen und auf etwas fest zu nageln.

Unwillkürlich gab Rosenfeld mehr Gas, als konnte er seine Unzufriedenheit so loswerden, sie mit dem Kraftstoffluftgemisch in das ewige Auf-und-Ab der Kolben schicken, wo sie angesaut, verdichtet, gezündet und abgesaut würden. Wenigstens wusste er noch, wie ein Motor funktionierte, auch wenn er bei einer Panne kaum in der Lage gewesen wäre, einen zu reparieren, das Wissen um die vier Takte hatte er noch. Die Art von Wissen, die man nur in Quizshows und auf langweiligen Parties benutzen konnte.

Er störte ihn, dass ihn so ein dummer Anruff so lange beschäftigte. Oder war es mehr, dass es im Moment für ihn einfach nichts gab, woran er anderes denken konnte, von einem gewissen Mädchen, an das er nicht denken wollte, mal abgesehen?
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