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Was ich beim progress gelernt habe (III): social media

Ich stehe am Klo der ÖH-Bundesvertretung, es ist der letzte Tag des letztens Produktionswochenendes. Trotz der Erschöpfung finde ich, dass ich irgendwie gut aussehe. Oder habe das Gefühl, dass ich mich in diesem Zustand der müden Melancholie dokumentieren will. Ich mache also Fotos. Vielleicht kann ich ja eins der Selfies später auf Instagram stellen.

Joël steht auf einem Klo und macht ein Selfie, skeptischer Blick

Die letzten beiden Jahre beim progress war ich eigentlich in der Online-Redaktion. Ich hatte nach zwei Jahren Printmagazin nicht mehr so wirklich Lust auf den Produktionsstress, der vor allem mit der Aufopferung nicht weniger Wochenenden einherging. Das hat im Endeffekt nicht so hingehauen, wie ich es mir vorgestellt habe, was aber vor allem an der „Personalpolitik“ der ÖH lag (darauf komme ich in meinem vierten und letzten Beitrag über meine Zeit beim progress nochmal zu sprechen). Auf jeden Fall: Ich war auch für die Vermarktung auf social media verantwortlich. Social media heißt beim progress vor allem: Facebook und Twitter. Gerne würde ich behaupten, ich könnte hier Weisheiten teilen, aber ich habe das Gefühl, immer noch genauso ratlos zu sein wie am Anfang.

Wahrscheinlich war das vor allem jugendliche Selbstüberschätzung, aber irgendwann Mitte der 2000er hatte ich das Gefühl, „das Internet“ verstanden zu haben und zu wissen, wie diese Dinge funktionieren. Es folgte die Welle des „Mainstreams“ ins Internet (und vor allem nach Facebook) und dann waren die Dinge auf einmal ganz anders, Clickbait und „lustige“ Sprüche (als jpgs! Text als Bild!) regierten. Gegen letzteres wehrte ich mich sehr lange, weil das ein No-Go ist. Hatte ich damalsTM so gelernt. Mit Facebook (der Plattform) kannst du halt nicht diskutieren, auch wenn die Argumente (z.B. Barrierefreiheit) noch so gut wären.

Joël steht auf einem Klo und macht ein Selfie, nicht ganz so skeptischer Blick

Das progress ist nicht die Neon oder die Vice und will (und kann) das auch nicht sein. Auch wenn die stilistische und inhaltliche Bandbreite enorm groß war, die Clickbait-Artikel über Sex und Drogen gab es eher nicht. Wir (oder meistens: ich) begnügten uns also damit, knackige Teaser zu schreiben und mit unseren Inhalten zu punkten. Spannenderweise war es oft der Bildungsbereich, der viele Shares/Likes erhielt, obwohl die Autor_innen sich für das Ressort eher zierten. Irgendwie auch logisch, dass das Zielpublikum eines Studierendenmagazins sich für Hochschulthemen interessiert – besonders dann, wenn es „Aufreger“ wie „Warum haben Arbeitsaufwand und ECTS eigentlich selten was miteinander zu tun?“ geht. Die Drogen-Wochen, bei denen wir uns mit vielfältigen Aspekten des Themas, vor allem angesichts der zunehmenden Repression gegen (meist schwarze) Dealer_innen an der Wiener U6 auseinandergesetzt haben, liefen hingegen nur so mittel. Vielleicht zieht das Thema nur dann, wenn auch die Redakteur_innen dies tun.

À propos Redakteur_innen: Selfies der Redaktion am Dach des Büros liefen meistens ziemlich gut – das kann aber auch einfach der Effekt sein, dass mit getaggten Menschen halt einfach der ganze Freundes- und Familienkreis das Bild in der Timeline hat und auch die nicht-progress-lesende Oma das Foto liked (Disclaimer: Eine meiner Omas hat Facebook, ich hab aber jetzt nicht nachgesehen, ob sie das Foto geliked hat). Also doch mehr Selbstdarstellung? Ich bin der Überzeugung, dass ein guter Text auch dann überzeugen kann, wenn der_die Autor_in nicht im Rampenlicht steht oder gar ein Pseudonym ist – und ich denke, dass es wichtig ist, die Möglichkeit zum anonymen/pseudonymen Veröffentlichen zu geben, gerade bei Themen wie Antifaschismus. Anderseits haben viele freie Journalist_innen gar keine andere Wahl, als sich (und zu einem gewissen Teil auch ihre Texte) selbst zu vermarkten – wer sich eine treue Fanbasis aufgebaut hat, kann neben vielen Likes für Selfies auf Instagram vielleicht sogar darauf hoffen, dass die eigenen Texte gelesen werden.

Der Artikel, der wohl die meisten Klicks und Shares hatte, war – und ich liebe diesen Fakt von ganzem Herzen – eine Kinderbuchrezension. Die hatte den Titel „Zwei mal ‚Wo kommen Kinder her?‘, ohne heteronormative Kackscheiße“ und widmete sich zwei Kinderbüchern, die auf queere Eltern eingehen. Eigentlich – bis auf den etwas provokanten Titel – eine unspektakuläre Sache. Zumindest so lange, bis die FPÖ-nahe rechtsextreme Webseite „unzensuriert.at“ drauf kam und einen Artikel über die Rezension schrieb und damit natürlich einen rechten Mob auf unsere Seite brachte. So einen Shitstorm lässt sich weder steuern, noch wirklich heraufbeschwören – dass es eine derartige Provokation sein könnte, ein Kinderbuch zu rezensieren, in dem ein Vater schwanger wird (Männer mit Uterus sind jetzt nicht sooo die Seltenheit), hätte ich mir auf jeden Fall nicht gedacht. Einen Teil des Shitstorms haben wir hier dokumentiert.

Joël steht auf einem Klo und macht ein Selfie, eher freundlicher Blick

Es gibt auch die Möglichkeit, Facebook Geld in den Rachen zu werfen und Posts hervorheben zu lassen. Das haben wir nicht sonderlich oft gemacht und lief stets in Zusammenarbeit mit dem Öffentlichkeitsreferat der ÖH-Bundesvertretung. Wir haben die Artikel meistens ziemlich genau ausgewählt und haben wohl auch deswegen (für unsere Verhältnisse) hohe View-Zahlen erreicht.

Riesige Unterschiede zwischen Facebook und twitter habe ich nicht feststellen können, obwohl ich das Gefühl habe, dass Texte (bzw. die Links dorthin) grundsätzlich andere bubbles erreichen: Auf Facebook halt die österreichischen Studierenden, auf twitter die deutschsprachige linke Bubble. Ob Tweets retweetet werden, hängt dann viel mehr am Thema des Artikels als an einer Bindung an das Medium. Gefühlt ist es auf twitter weniger „schlimm“, Artikel öfters zu bewerben oder auch mal nach Hinweisen für einen Artikel zu fragen, während Facebook alles, was nicht innerhalb der ersten paar Stunden viele Likes bringt, untergehen lässt.

Social Media ist – wenn es gut gemacht werden soll – enorm aufwändig, vor allem wenn dann noch Community-Management dazu kommt. Mit ein Grund, warum wir beim progress nicht mehr Netzwerke bespielt haben. Ich bedauere ein wenig, dass wir nicht auch einen Instagram-Kanal mit Inhalt gefüllt haben, wobei die Story-Funktion (die in meinen Augen für Medien am sinnvollsten ist) ja auch noch nicht so lange existiert. Ich würde auch davon abraten, die Plattformen als reine Vermarktungskanäle zu sehen – die Grenzen verschwimmen immer mehr, gerade auch weil der Aufwand, beispielsweise einen Livestream einzurichten, z.B. mit Facebook enorm gesunken ist. Die Gefahr ist natürlich (wie so oft), dass die Netzwerke den eigenen Account abdrehen können (weil auf Fotos irgendwer zu viel Haut zeigt, weil die Seite massenhaft gemeldet wurde oder einfach „aus Versehen“) und damit dann auch die Berichterstattung verschwindet. Ich weiß aber nicht, was die Konsequenz daraus ist – es gibt wohl kein Medium mehr, das es sich leisten kann, nicht auf den großen sozialen Netzwerken (bzw. vor allem Facebook) präsent zu sein. Auch nicht das Internet, das ich Mitte der 2000er Jahre kennengelernt habe.

Das Klo der ÖH-Bundesvertretung. Zu sehen sit vor allem ein Wasserboiler, ein Spiegel in dem eine Hand mit Handy zu sehen ist, im Hintergrund zwei offene orange Klotüren

Es gibt kein Fazit. Dinge ausprobieren, Zeit investieren, versuchen lustig und auffällig zu sein. Und so sehr es auch schmerzt: Text als Bilder. Aber da hätte ich auch noch nicht wirklich damit gerechnet, mal einen Text aus einem Zug heraus zu bloggen und das nicht über ein Handy, sondern über das Zug-WLAN zu machen. Glaube ich zumindest.

Die Bebilderung ist natürlich superironisch.

Was ich beim progress gelernt habe (II): Redigieren

Im Juli 2013 lernte ich meine erste progress-Kollegin kennen. Wir hatten ein Treffen mit einem Vertreter der Druckerei – ein Thema, das die Redaktion eigentlich nicht sonderlich beschäftigen sollte, weil sich um solche administrative Dinge auf der ÖH-Bundesvertretung andere Menschen kümmern (sollten) – und gingen danach noch auf einen Kaffee, um uns mal beschnuppern zu können. Anna kannte die Abläufe im progress, weil sie schon seit einiger Zeit Lektorin für‘s progress gewesen war. In unserem Gespräch fiel das Wort „Redigieren“ und ich musste erst Mal nachfragen, was das denn überhaupt genau heißt.

„Einen Text für die Veröffentlichung bearbeiten“ ist die gängige Wörterbuch-Definition des Verbs. Natürlich hatte ich das auch für das ÖH_Magazin schon gemacht, es aber eher als „lektorieren“ bezeichnet. Nach vier Jahren bin ich sehr davon überzeugt, dass es sich hier um zwei sehr unterschiedliche Arbeitsschritte handelt und sie auch in Redaktionen getrennt behandelt werden sollten. Redigieren hieß beim progress in vielen Fällen zuerst besorgt nachfragen, wann der Text denn kommen würde. Manchmal auf mehreren Kanälen, selten in der Angst, dass der_die Autor_in in einer Gletscherspalte verschollen sei und sich nie wieder melden würde. Andere – vor allem solche, die regelmäßig für Tageszeitungen schrieben – entschuldigten sich vorab per Mail, dass der Text nicht zu Mittag da sei, sondern erst am Abend. Wir planten immer zwei bei drei Wochen Zeit zwischen Text-Deadline und Druck ein, so dass genug Zeit zum Redigieren und Lektorieren war. Das ist natürlich ein ziemlicher Luxus, den wir uns vor allem deswegen leisten konnten und mussten, weil wir ehrenamtlich arbeiten und die meisten unserer Autor_innen (noch) keine professionellen Journalist_innen waren, sondern in der Mehrzahl Studierende oder Berufsanfänger_innen. Wobei ich hier auch nochmal erwähnen möchte, dass das progress nicht nur Texte von Studierenden aus Österreich abdruckte, sondern immer versucht hat, einen möglichst diversen Autor_innenpool zu haben und Studierenden auch mal mit nicht-akademischen Perspektiven zu konfrontieren. Weiterlesen

Was ich beim progress gelernt habe (I): Redaktion


Ein Sonntagabend, Mitte Juni. Ich sitze mit drei anderen Menschen auf einem Dach im vierten Wiener Gemeindebezirk, mit Blick auf das ORF-Funkhaus und Karlskirche. Wir trinken Gin Tonic und rauchen, während die Sonne sich langsam dem Horizont entgegen bewegt. Es ist das Ende des Produktionswochenendes an dem wir unsere letzte gemeinsame Ausgabe des progress‘ fertiggestellt haben. Wir wissen nicht, ob es nicht vielleicht sogar die letzte Printausgabe überhaupt ist. Für die meisten von uns ist ziemlich klar, dass wir nicht weitermachen werden (dürfen). Ich bin anfangs überhaupt nicht melancholisch, sondern nur erschöpft von dem Wochenende, an denen wir Fahnen korrigiert und die letzten Details geklärt haben. Es gibt immer noch ein Beistrich (Komma), das zu viel oder zu wenig ist, ein Lead, der noch knackiger sein könnte und ein Fotocredit, der irgendwo fehlt. Außerdem müssen Editorial, Inhaltsverzeichnis, Anreißertexte und ähnliches Kleinzeug geschrieben werden (am Besten am Freitag, damit sie am Samstag und Sonntag schon auf den Fahnen lektoriert werden können). Der Sonnenuntergang am Dach ist wunderschön, wir staunen alle. Ich sage trotzdem so etwas wie: „Ich mag nicht, dass die Sonne untergeht, denn das ist dieser Tag vorbei, und dann ist das mit dem progress und uns vorbei.“ Weiterlesen

World Press Photo

worldpressphoto

Ich habe mir gestern (trotz Müdigkeit) die World Press Photo in der Cité de l‘image in Clervaux, die auch die berühmte Family of Man leitet, angesehen.

Die Bilder überwältigen. Viele Fotos stammen aus dem Krieg in Georgien letztes Jahr, an den sich hier jetzt kaum noch jemand erinnert, der aber – wie jeder Krieg – unendlich viel Leid gebracht hat, was man auf den Bildern besonders gut sieht. Gewalt und Trauer sind zu sehen und je mehr man von der Ausstellung sieht, umso beklemmender wird die Stimmung. Manche Bilder schnüren einem regelrecht den Hals zu, wie zB. das Foto einer auf dem Schulweg ihrer Kinder erschossenen Mutter in El Salvador oder die Holzkreuze in Guatemala. Dennoch gibt es auch schönes und erstaunliches zu sehen, so zum Beispiel dieses fantastische Foto eines Schneeleoparden, das mich umgehauen hat. Ebenso genial ist die Serie, die mit Actionfiguren berühmte Kriegsfotografien nachgestellt hat. Auch die Boxer sind eindrucksvoll und erfrischend lustig.

Dann das Gewinnerbild. Zuerst habe ich mich gefragt, was das soll, wieso so ein vermeintlich banales Foto das beste Pressefoto des Jahres sein soll. Und dann habe ich den dazugehörigen Text gelesen und verstanden. Ein Sinnbild ist es, für die Krise, die Menschen aus ihren Häusern vertreibt. Für die Angst, die uns Polizisten mit Waffen in leerstehende Häuser schicken lässt. Für (globales) Versagen.

Mir wurde gestern auch bewusst, dass ich Fotoausstellungen sehr mag. Ich liebe es, die Bilder gut ausgeleuchtet vor mir zu sehen, die Haptik des Fotopapiers erahnen zu können, sie in angemessener Größe zu sehen. Ich werde ruhig dabei, vertiefe mich in die Bilder, wandere im Geiste zu den Orten, an denen sie geschossen wurde, baue eine merkwürdige Empathie für Fotografen und Abgebildete auf.
Man kann die Fotos der Ausstellung auch online sehen. Aber ich rate jedem, der die Chance hat, sich das Ganze nicht nur am Monitor anzusehen. Es macht einen Unterschied.

Aber auch die Frage, unter welchen Umständen verschiedene dieser Fotos gemacht wurden, ist wichtig. Die Rolle des Fotografen ist in Konflikten oft sehr schwierig und oft genug wird die Schwelle der „Berichterstattung“ übertreten, weil man eine Sensation will, möglichst blutige Bilder. Natürlich braucht es Mut, sich als Fotograf auf ein Schlachtfeld zu begeben, aber ich finde, die Verpflichtungen der Presse im Krieg sind nur ungenügend geklärt.

(Photo cc by Jean.M)