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Was ich beim progress gelernt habe (II): Redigieren

Im Juli 2013 lernte ich meine erste progress-Kollegin kennen. Wir hatten ein Treffen mit einem Vertreter der Druckerei – ein Thema, das die Redaktion eigentlich nicht sonderlich beschäftigen sollte, weil sich um solche administrative Dinge auf der ÖH-Bundesvertretung andere Menschen kümmern (sollten) – und gingen danach noch auf einen Kaffee, um uns mal beschnuppern zu können. Anna kannte die Abläufe im progress, weil sie schon seit einiger Zeit Lektorin für‘s progress gewesen war. In unserem Gespräch fiel das Wort „Redigieren“ und ich musste erst Mal nachfragen, was das denn überhaupt genau heißt.

„Einen Text für die Veröffentlichung bearbeiten“ ist die gängige Wörterbuch-Definition des Verbs. Natürlich hatte ich das auch für das ÖH_Magazin schon gemacht, es aber eher als „lektorieren“ bezeichnet. Nach vier Jahren bin ich sehr davon überzeugt, dass es sich hier um zwei sehr unterschiedliche Arbeitsschritte handelt und sie auch in Redaktionen getrennt behandelt werden sollten. Redigieren hieß beim progress in vielen Fällen zuerst besorgt nachfragen, wann der Text denn kommen würde. Manchmal auf mehreren Kanälen, selten in der Angst, dass der_die Autor_in in einer Gletscherspalte verschollen sei und sich nie wieder melden würde. Andere – vor allem solche, die regelmäßig für Tageszeitungen schrieben – entschuldigten sich vorab per Mail, dass der Text nicht zu Mittag da sei, sondern erst am Abend. Wir planten immer zwei bei drei Wochen Zeit zwischen Text-Deadline und Druck ein, so dass genug Zeit zum Redigieren und Lektorieren war. Das ist natürlich ein ziemlicher Luxus, den wir uns vor allem deswegen leisten konnten und mussten, weil wir ehrenamtlich arbeiten und die meisten unserer Autor_innen (noch) keine professionellen Journalist_innen waren, sondern in der Mehrzahl Studierende oder Berufsanfänger_innen. Wobei ich hier auch nochmal erwähnen möchte, dass das progress nicht nur Texte von Studierenden aus Österreich abdruckte, sondern immer versucht hat, einen möglichst diversen Autor_innenpool zu haben und Studierenden auch mal mit nicht-akademischen Perspektiven zu konfrontieren. Weiterlesen

Was ich beim progress gelernt habe (I): Redaktion


Ein Sonntagabend, Mitte Juni. Ich sitze mit drei anderen Menschen auf einem Dach im vierten Wiener Gemeindebezirk, mit Blick auf das ORF-Funkhaus und Karlskirche. Wir trinken Gin Tonic und rauchen, während die Sonne sich langsam dem Horizont entgegen bewegt. Es ist das Ende des Produktionswochenendes an dem wir unsere letzte gemeinsame Ausgabe des progress‘ fertiggestellt haben. Wir wissen nicht, ob es nicht vielleicht sogar die letzte Printausgabe überhaupt ist. Für die meisten von uns ist ziemlich klar, dass wir nicht weitermachen werden (dürfen). Ich bin anfangs überhaupt nicht melancholisch, sondern nur erschöpft von dem Wochenende, an denen wir Fahnen korrigiert und die letzten Details geklärt haben. Es gibt immer noch ein Beistrich (Komma), das zu viel oder zu wenig ist, ein Lead, der noch knackiger sein könnte und ein Fotocredit, der irgendwo fehlt. Außerdem müssen Editorial, Inhaltsverzeichnis, Anreißertexte und ähnliches Kleinzeug geschrieben werden (am Besten am Freitag, damit sie am Samstag und Sonntag schon auf den Fahnen lektoriert werden können). Der Sonnenuntergang am Dach ist wunderschön, wir staunen alle. Ich sage trotzdem so etwas wie: „Ich mag nicht, dass die Sonne untergeht, denn das ist dieser Tag vorbei, und dann ist das mit dem progress und uns vorbei.“ Weiterlesen

World Press Photo

worldpressphoto

Ich habe mir gestern (trotz Müdigkeit) die World Press Photo in der Cité de l‘image in Clervaux, die auch die berühmte Family of Man leitet, angesehen.

Die Bilder überwältigen. Viele Fotos stammen aus dem Krieg in Georgien letztes Jahr, an den sich hier jetzt kaum noch jemand erinnert, der aber – wie jeder Krieg – unendlich viel Leid gebracht hat, was man auf den Bildern besonders gut sieht. Gewalt und Trauer sind zu sehen und je mehr man von der Ausstellung sieht, umso beklemmender wird die Stimmung. Manche Bilder schnüren einem regelrecht den Hals zu, wie zB. das Foto einer auf dem Schulweg ihrer Kinder erschossenen Mutter in El Salvador oder die Holzkreuze in Guatemala. Dennoch gibt es auch schönes und erstaunliches zu sehen, so zum Beispiel dieses fantastische Foto eines Schneeleoparden, das mich umgehauen hat. Ebenso genial ist die Serie, die mit Actionfiguren berühmte Kriegsfotografien nachgestellt hat. Auch die Boxer sind eindrucksvoll und erfrischend lustig.

Dann das Gewinnerbild. Zuerst habe ich mich gefragt, was das soll, wieso so ein vermeintlich banales Foto das beste Pressefoto des Jahres sein soll. Und dann habe ich den dazugehörigen Text gelesen und verstanden. Ein Sinnbild ist es, für die Krise, die Menschen aus ihren Häusern vertreibt. Für die Angst, die uns Polizisten mit Waffen in leerstehende Häuser schicken lässt. Für (globales) Versagen.

Mir wurde gestern auch bewusst, dass ich Fotoausstellungen sehr mag. Ich liebe es, die Bilder gut ausgeleuchtet vor mir zu sehen, die Haptik des Fotopapiers erahnen zu können, sie in angemessener Größe zu sehen. Ich werde ruhig dabei, vertiefe mich in die Bilder, wandere im Geiste zu den Orten, an denen sie geschossen wurde, baue eine merkwürdige Empathie für Fotografen und Abgebildete auf.
Man kann die Fotos der Ausstellung auch online sehen. Aber ich rate jedem, der die Chance hat, sich das Ganze nicht nur am Monitor anzusehen. Es macht einen Unterschied.

Aber auch die Frage, unter welchen Umständen verschiedene dieser Fotos gemacht wurden, ist wichtig. Die Rolle des Fotografen ist in Konflikten oft sehr schwierig und oft genug wird die Schwelle der „Berichterstattung“ übertreten, weil man eine Sensation will, möglichst blutige Bilder. Natürlich braucht es Mut, sich als Fotograf auf ein Schlachtfeld zu begeben, aber ich finde, die Verpflichtungen der Presse im Krieg sind nur ungenügend geklärt.

(Photo cc by Jean.M)