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Gender Check

gendercheck1Foto: © MUMOK

Wenn ich schon in Wien wohne, kann ich mir auch ab und an ein wenig Kultur gönnen. Immerhin gibt es hier unglaublich viele interessante Museen. Die meisten davon hat man im sogenannten Museumsquartier versteckt, damit Leute wie ich, die nach freistehenden Museen suchen und denken, sie würden das wohl schon entdecken, erst nach längerer Suche am Ziel ankommen. In dem „Innenhof“ der ehemaligen Hofstallungen hat man die Kunsthalle, das Leopoldmuseum und das MUMOK gesteckt. Das muss man ja auch erst einmal wissen. Andererseits hätte ich auch fast meinen seit lang gehegten Plan, einen Tag lang mit den Straßenbahnen Wiens zu fahren, unfreiwillig wahr gemacht, weil ich zu doof war, die Richtung zu checken. Aber ich habe ja schon einmal festgestellt, dass das gonzojournalistische Prinzip des auf-alles-vorbereitet-seins meistens bedeutet, dass man überhaupt nicht vorbereitet ist.

Gender Check ist eine Ausstellung über – Überraschung! – Geschlechterollen in Osteuropa. Bzw. die Auseinandersetzung der Kunst mit Geschlechterollen in Osteuropa. Interessanterweise wurde im Sowjetkommunismus ja eine „geschlechterlose“ Gesellschaft propagiert, die aber nicht wirklich umgesetzt wurde, wobei sehr viel mehr Frauen Lohnarbeit verrichtet haben als im Westen. Natürlich spiegelt sich dieser Umstand auch in der Kunst wieder, vor allem im sowjetischen Realismus bis 1960. Im ersten Teil der Ausstellung sind heroische Darstellungen von arbeitenden Frauen zu sehen, erstaunlich oft als Bauarbeiterinnen. Aber auch hier ist eine Arbeitsteilung und damit Rollenbilder zu erkennen. Die meisten Bilder zeigen Frauen in Webereien, in der Lebensmittelindustrie, während die Stahlarbeiter allesamt Männer sind. Trotzdem: die Bauarbeiterinnen bleiben im Gedächtnis. Diese Werke sind Teil der offiziellen Kunst gewesen und damit Teil der Staatspropaganda, die von inoffizieller Kunst als Märchen enttarnt werden.

gendercheck2Michails Korneckis (Lettland) – Mädchen, packen wir es an, 1959 © Normundus Braslins

Vor allem ab den 1970er Jahren beginnen Künstlerinnen, Selbstdarstellungen anzufertigen und decken hier in der offiziellen Kunst nicht vorhandene „Weiblichkeit“ auf. Ein Bild mit einer über die Kloschlüssel gebeugten Schwangeren trägt den simplen Titel „Eine Frau“.

Und so staunte ich mich durch die Ausstellung, schaute kurz in einige Filme rein, die ich immer ein wenig sinnlos finde, wenn sie länger als zehn Minuten dauern, denn sie reißen einen oft aus der eigentlichen Ausstellung und ganz ehrlich, eine Stunde auf einem Hocker in einem Museum sitzen bleiben, das halte ich nicht wirklich aus. Es fällt mir schon schwer genug, in meinem Zimmer eine Folge „X-Files“ anzusehen, ohne zu schauen, was gerade bei twitter passiert. Nach einigen Versuchen ließ ich die Filme also Filme sein und bedauerte, nicht über mehr Zeit und Auffassungsfähigkeit zu haben. Außerdem ärgerte ich mich darüber, kein real-life-ffffound zu haben und dass es offensichtlich auch in großen Museen Gang und Gäbe ist, Glasrahmen so zu beleuchten, dass man die Ausstellungsstücke gut als Spiegel benutzen kann, jedoch das Werk selbst kaum sieht.

gendercheck3Wojciech Fangor (Polen) – Figures / Postaci, 1950 © Wojcieh Fangor

Die sexuelle Revolution gab es, Überraschung, nicht nur im Westen. Perfomances, Videoinstallationen, Body Art und die Fotografie waren nicht nur neue Medien, sondern auch Ausdruck einer neu erlebten Sexualität. Feminismus wird angedeutet. Auch die klassischen männlichen Rollenbilder, allen voran der Soldat, werden gekonnt dekonstruiert. Auch andere Sexualitäten und Beziehungsformen als die das durch Propaganda geprägte heterosexuelle Norm werden dargestellt.

Nach 1989 veränderte sich so einiges. Der Teil Gender und Kapital zeigt, dass mit dem Kapitalismus/der Wende auch Prostitution, Menschenhandel und die Pornoindustrie verstärkt nach Osteuropa gekommen sind. Milchtüten für Brustmilch, ein Menschenhandel-Monopoly und mutmaßliche Bankangestellte, die „Money Money“ von ABBA singen bildeten meiner Meinung nach einige Highlights von diesem Teil, der mich im Großen und Ganzen sehr begeistert hat. Ob das daran liegt, dass „Sex sells“, oder ob ich auf neueres Material einfach besser anspreche, weiß ich nicht. Immerhin ist Pornografie ja heute auch allgegenwertig.

gendercheck4Eva Filova (Slovakei) – Without Difference, 2001 © Eva Filova

Allgemein scheinen die Kunstwerke nach 1989 freier, aber auch wesentlich stärker am Westen interessiert. Das Projekt einer polnischen Künstlergruppe, die eine virtuelle Präsidentschaftskandidatin zur Wahlen stellen lassen wollten, inklusive Wahlkampagne, wirkt dann doch sehr „westlich“. Wobei ich die Idee ziemlich gut fand und sie auch super ausgeführt war.
Natürlich gibt es auch eine Abrechnung mit den Diktaturen und ihren Geschlechterrollenbildern vor 1989 in der Kunst. Nicht nur die DDR-Künstlerin, die die Stasiakten über sich selbst mit Fotos zu den Beobachtungen der Spitzel spickt, sondern auch viele Werke, die die Rolle der Armee und der Männer in ihr beleuchten und karikieren.

Insgesamt ist Gender Check sehr sehenswert. Ein wenig hat mich gestört, dass das ganze ein wenig zu sehr wie ein „Best Of“ wirkte. Von manchem hätte ich gerne mehr gesehen, anderes fand ich dann nicht so umwerfend, aber ich würde jeder Person, die ein klein wenig was mit Gender, Kunst oder Osteuropa anfangen kann, dringend empfehlen, das MUMOK zu besuchen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 14. Februar 2010. Die Ausstellung hat auch eine eigene Webseite.

In All My Dreams, it Never is Quite as it SeemsRovena Agolli (Albanien) – In All My Dreams, it Never is Quite as it Seems, 2002 © Rovena Agolli

Das Spannungsverhältniss von Kultur, Zensur, Geld und dem Internet

Ich habe ja letztens schon von diesem Colloque erzählt, aber ich will darauf jetzt nicht weiter eingehen, weil ich nur für meinen eigenen Workshop da war und sonst nicht ganz viel mitbekommen habe. Was vor allem an meiner Zeit lag. Letzten Samstag war ich nämlich ultra-eingespannt, ganz im Gegensatz zu diesem Wochenende. Obwohl das auch anders hätte sein und verlaufen können, aber ich muss ja nicht immer zu alles Lust haben. Und vor allem tut es auch mal gut, ganz entspannt ein paar schönen Tätigkeiten nachzugehen. Schreiben, und damit ja wohl auch so etwas wie »Kultur schaffen «, gehört ja auch zu meinen Steckenpferden.

Wo fängt Kultur an, und wo hört sie auf? Insbesondere wenn man das Internet betrachtet, ist das eine schwierige Frage, die man kaum noch einfach beantworten kann. Sind YouTube-Videos Kultur? Vielleicht nicht im allgemeinen, aber auch mit einer Handykamera und einem einfachen Schnittprogramm kann man geniale Werke schaffen. Eins der bekanntesten und langlebigsten Webcomics besteht aus immer den gleichen Bildern. Ist das Kunst? Ich sage ja. In vielen Fällen wird etwas geschaffen.

Der Künstler ist, im klassischen Sinne, von Geld abhängig, weil er irgendwie leben muss, will oder kann er nicht einer regulären Beschäftigung nachgehen, ohne seine Kunst zu vernachlässigen. Deshalb muss er seine Werke verkaufen oder einen Gönner finden, der ihn irgendwie finanziert. Und in dem Sinne ist die Künstlerin und damit die Kunst wieder bedroht, weil die finanziellen Mittel möglicherweise nicht unabhängig von dem Output des Künstlers fließen. Die Künstlerin läuft Gefahr, zum Auftragskünstler zu werden und nicht mehr Kunst zu machen, die ihr gefällt, sondern dem Gönner. Und damit ist auch die Kunst in Gefahr, denn dadurch geht ihr in meinen Augen etwas verloren. Ich kann auch gute Artikel über Projekttage in meiner Schule schreiben und dabei all die Dinge erwähnen, die laut Lehrerin und deren Uni erwähnt werden müssen, aber so richtig zufrieden bin ich mit dem Resultat danach nicht, einfach weil es nicht das gleiche ist.

Ein weiterer Faktor ist die Anpassung an den Markt. Sei das ein literarisches Genre, das gerade in Mode ist, eine Musikrichtung, die sich besonders gut verkauft oder eine Form von Kunstwerken, die gerade auf dem Kunstmarkt heiß begehrt ist. Inwiefern kann eine Band, die bei einem großen Label ist, wirklich die Musik machen, die sie machen will und jene Texte singen, die dem Sänger/der Songwriterin in den Kopf gekommen sind?
Ich behaupte: Nicht wirklich. Sonst würden sich nicht so viele Bands von ihren Labels trennen. (Obwohl hierfür wohl auch ein genereller hirnzellenfressender Virus in den Führungsetagen der Musikindustrie verantwortlich sein kann, denn die Verbreitungspolitik, vor allem im Internet, lässt immer noch zu wünschen übrig. Kulturflatrate!) Wie es wohl mit Autoren, Filmemacherinnen oder anderen Künstlerinnen sein mag, weiß ich nicht und kann ich auch nicht beurteilen.

Die Gefahr der Zensur geht aber nicht nur von potentiellen Geldgebern aus, sondern von jeder Macht, die die Kraft hat, zu zensieren, dh. vor allem vom Staat, aber auch von Verlägen, Kunsthäusern, Museen, Zeitungen, usw. Im Internet gibt es diese Form der Zensur nicht, bzw. ist sie hier leichter zu umgehen. Als FlickR vor einigen Monaten deutsche User vor Nippeln schützen wollte, sind die en masse zu anderen Anbietern gewechselt und haben sich dort ihre Nippel angesehen. Eine weitere Form von Zensur ist der Verbot des Benutzens von copyrightgeschütztem Material, wie es zum Beispiel bei MashUps oder Mixtapes der Fall ist. Hier kann selbst das Internet nicht vollständig vor Zensur schützen, da die Urheber solcher Werke von den Anwälten der Rechteinhaber gejagt und heimgesucht werden können.
Hier stellt sich eine ähnliche Frage wie beim Graffiti: Kann auch Kunst, die die Rechte anderer verletzt, legal sein? Und ist das überhaut Kunst? (Oder künstlerisch wertvoll?)

Hier kann man nun allgemein einfügen, dass das Internet eigentlich eine große Kopiermaschine ist und es relativ idiotisch ist, die Kopie verbieten zu wollen, wenn man es mit einem Medium zu tun hat, dessen gesamtes Funktionieren auf dem Prinzip des Kopierens basiert. Ich kann aber gleichzeitig die Rechteinhaberinnen, insbesondere kleine Bands verstehen, die Geld für ihre Kunst haben wollen, weil sie anders nicht überleben können.

Das Internet stellt in allen diesen Bereichen eine Chance dar. Es gibt bereits eine Menge von Webseiten, die es zB. Bands ermöglichen, Geld zu sammeln, um sich beispielsweise eine Album-Aufnahme leisten zu können. Netlabels vertreiben Musik über das Internet. Verlage drucken CC-Bücher von berühmten Bloggern. Ansonsten gibt es Print-On-Demand nicht nur für Büchern, sondern auch für Fotos, Bilder, T-Shirts, Kaffeetassen und ähnliches. CC und ähnliche Lizenzen ermöglichen es MashUp und Mixtape-Künstlerinnen, ohne Gefahr zu Mashen und zu Mixen.
Durch soziale Netzwerke werden Kräfte gebündelt, Autorinnen finden Fotografen und Bassisten Schlagzeugerinnen.

Und dennoch, Geld als Künstler machen ist auch im Internet schwer. Aber wohin wollen wir, was ist gut für die Kunst und was sollte passieren?
Staatlich subventionierte Kunst hat oft nur Eventcharakter (für die Massen) oder ist für die sozialen Eliten gemacht.
Künstlerische Freiräume bringen kein Geld und werden oft schnell wieder aufgegeben, wenn sie denn überhaupt existieren können.
Im Internet liegt die Zukunft, aber es wird uns auch nicht retten.

Was wir brauchen, sind neue Modelle für ein neues Jahrhundert. Neue Ideen und offene Ohren und Herzen, die sie empfangen. Wir müssen uns lösen von der Idee, dass die Kopie etwas böses ist und Zensur notwendig. Wir sollten erkennen, dass wir nicht nur auf der Konsumenten oder der Erschaffer-Seite stehen können, sondern dass es immer mehr Grauzonen dazwischen gibt. Interaktivität wird Teil der neuen Kunst sein, mit in sie einfließen, der Betrachter wird zum Künstler, die Kunst zur Betrachterin, die Künstlerin zur Kunst.
Und das ist erst der Anfang

genuflecting

Hab ich eigentlich schon erwähnt, dass ich das »neue« Sigur Rós Album Heim/Hvarf einfach nur wunderbar finde und seit Tagen damit in den Ohren durch das herbstliche E. wandere, Texte dazu schreibe, damit schlafengehe und wieder damit aufwache?
Ich kann einfach nicht genung von dieser Musik kriegen. Und immer wenn ich glaube, ich könnte es nicht mehr hören, schalte ich es trotzdem ein und werde immer wieder aufs Neue überrascht.