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Montréal, revisited

photo cc by abdallahh

Ich schlage die Augen auf. Montréal. Wieso auch nicht, immerhin habe ich noch einige dieser winzigen U-Bahntickets, mehr Papierschnipsel als ernst zunehmende Fahrkarte.
Irgendjemand hat mich in der Natur rund um die Stadt ausgesetzt. Arschloch. Auf der Karte sehe ich ganz genau, wo ich mich befinde. Und wenn ich aufschaue, ist es ein lichter Wald. Vor allem Nadelbäume. War klar, wir sind ja schließlich im hohen Norden. Muss so sein, denke ich mir und wundere mich gar nicht darüber, dass mich irgendwer, einfach irgendwo in der Gegend ausgesetzt hat. In meiner Tasche nur dieses Ticket.
Jetzt könnte ich eine Landkarte brauchen. Egal was für eine, sie könnte ruhig auch erfunden sein. Alles ist besser als die Wildnis vor Montréal. Wahrscheinlich werde ich bald an eins dieser Betonungetümer, die sie Autobahn nennen, stoßen. Riesig und rostig wird sie vor mir aufragen, wie die Pfeiler einer Alptraum gewordenen Achterbahn. Über einen Fluß wird sie führen, von dem die Kanadier sagen, es sei einer der kleineren Flüße ihres Landes. Und ich hielt ihn für ein Meer.

Eine Gruppe von Wandern, in neonfarbene Gewänder gehüllt, geschützt vor dem sauren Regen der 1990er Jahre, der sogar Gold auflöste. Sie lachen und erklären mir, sie würden den Weg auch nicht wissen. Und sie haben nicht einmal kanadische Bonbons dabei. Wahrscheinlich sind das die Leute, die die Ureinwohner mit geschmuggelten Zigaretten belieferen, die diese dann in Wohnwägen entlang der Autobahn verkaufen. „C‘est tout de la contrabande!“ Oder so ähnlich. Ich verstehe kaum ein Wort, denn das Französisch, was diese Menschen reden, ist so merkwürdig, dass der Marseiller Dialekt wie aus dem Mund eines Mitglieds der Académie française klingt.
Ich stolpere also weiter durch den Wald und hoffe, keinem sprechenden Fuchs zu begegnen, denn genau das wäre jetzt das, was ich nicht mehr aushalten würde.

Zum Glück stolpere ich aus dem Wald auf eine Straße. Ein Schulkamerad fährt mit einem VW Bus, bunt bemalt mit Flammen, vor und nimmt mich mit. Wieso gerade er, der immer nur Hohn und Spott für Hippies übrig hatte, so einen Bus fährt, wage ich nicht zu fragen. Wir sind hier auf dem nordamerikanischen Subkontinent. Unbequeme Fragen sind hier nicht so angebracht wie in Kontinentaleuropa. Er fragt mich, ob es in Montréal legal sei, Gras zu rauchen. Ich antworte wahrheitsgemäß, ich würde es nicht wissen, aber wenn wir ein wenig durch die Stadt fahren würden, ließe sich sicher ein Coffeeshop finden. Er grinst mich mit seinem breitesten Sonnenbrillengrinsen an und meint: „Klar, ist ja eine kleine Stadt, da geht das schnell!“

Ich sehe nach draußen. Montréal, das eher so aussieht, wie ich mir Los Angeles immer vorstelle, ist eigentlich gar nicht so klein.

Angst und Schrecken in der Assemblée Nationale du Québec

[0805091715CET-6, irgendwo zwischen Québec und Montréal, Autobahn]
»Es gibt nichts besseres, als aus dem Fenster eines Busses, der mit 100 Meilen in der Stunde fährt, zu kotzen «, meinte einmal ein Mitglied der Guns‘n‘Roses.

Ich habe dazu keinerlei Erfahrungen, aber auf kanadischen Schotterautobahnen zu schreiben lässt nicht wirklich Freude aufkommen. Aber was soll‘s? Vor uns liegen noch eine ganze Reihe Kilometer, die Sonne scheint, die Straße ist zwar voller Schlaglöcher, aber gerade, und wir fahren in einem dieser gelben (Schul)busse.

Eine Straße in Kanada

Sobald wir in Montréal sind, wird die große Abschiedsorgie losgehen. Die Leute sind alle nett, freundlich und haben teilweise gute Ideen. Menschen, mit denen man ruhig ein oder mehrere Biere trinken gehen könnte.
Die Straße wird besser, die Schlaglöcher kommen nur noch alle 10, 20, 50 Meter. Oh, zu früh gefreut.

Für einen Trip wie diesen gibt es nur drei Möglichkeiten:
*Busreise mit iPod und evtl. Lektüre, viel Landschaft ansehen und Nachdenken
*Autofahren (selbst oder Beifahrer) in einer kleinen Nussschale, mit melancholischer Musik (Sigur Rós, Mountain Goats, Bright Eyes), am besten über Landstraßen
*Gefährt egal, schnelle und laute Musik, Alkohol, oder, noch besser, ein Wäschekorb voll mit psychoaktiven Drogen, vielleicht in LSD-getränkte Meskalinkugelnbälle.

Ich habe weder Drogen noch Musik, also versuche ich das Beste daraus zu machen und schreibe.

Ich werde bald meine Notizen aus der Sitzung im québecanischen Parlament auspacken und sie zu Text verarbeiten. Das ganze fand im roten Salon statt, was nicht der normale Plenarsaal ist, aber trotzdem sehr hübsch und nett. Wie zu vermuten war alles rot, rote Ledersessel, roter (oder rotbraun) Tisch, Plüschtapete, usw.
An der einen Wand hing eine gigantische Uhr, gegenüber das Siegel der kanadischen Königin (Elisabeth II), insofern ich die Inschrift HONIT SOIT QUI MAL Y PENSE richtig gedeutet habe. Darüber ein noch gigantischeres Ölgemälde mit irgendwelchen wichtigen toten Québecianern mit ihrer Flagge (Grund blau, weißes Kreuz, in jedem der vier Ecken eine Fleur-de-Lis)

Ich war nicht nett beim Notizennehmen, aber wieso sollte ich? Das ist halt reiner Gonzojournalismus. Und jemand muss den Leuten ja »die Wahrheit « sagen. Denke ich.

Zuerst hatten die 3 Abgeordneten, Diamond (Konservative), Trottier (Seperatisten) und Sklavounos (Liberale) für fünf Minuten das Wort. Die Zeit war genau geregelt, was gut war, denn am Anfang gab es nur Gebrabbels. Québec hat 3% der weltweiten Trinkwasserreserven. Ich finde das gefährlich. Eine Provinz, die es nicht fertig bringt, Autobahnen aus seinen Schlaglochreihen zu machen und zudem auch noch voller Seperatisten ist, sollte nicht über so viel Wasser verfügen. Ich meine, was würde passieren, wenn diese Verrückten sich unabhängig erklärten und dann das Wasser mit LSD versetzten? Eine Katastrophe unerschöpflichem Ausmasses? Wäre das nicht, würde ich die Seperatisten unterstützen. Ein Volk, das so eine lustige und merkwürdige Sprache spricht, wäre eine echte Bereicherung für Dinge wie die UNO oder die NATO. Sie könnten auch der EU beitreten, wieso denn nicht? Ein unabhängiges Québec könnte jede Hilfe gebrauchen.

Der Regierungsparteiabgeordnete erzählte was von 30 Millionen kanadischen Gummidollar, die für‘s Wasser ausgegeben werden (oder so). Politiker reden auch immer gerne von bürgerlichem Engagement, was alles und nichts heißt.

[0805101502CET-6, Trudeaux Airport, Montréal, Québec, Kanada]
Ich hörte auf diesem Punkt dann auf mit Schreiben, weil wir in Montréal angekommen waren. Es gab die vorausgesagte große Abschiedsorgie mit Küssen und Umarmen. Und ja, die Leute waren alle nett, also schon ein wenig Trauer. Mit dem Kopf auf dem Fenster fuhren wir dann mit dem Bus ab, bis zu dem alten Viertel von Montréal, wo das Büro des Internationalen Büro für Wasser liegt. Ein netter Bau, von dem ich hauptsächlich das Klo sah. Ich würde zusammen mit Swetlana, der deutschen Präsidentin vom Jugendparlament für den Rhein in einem Hotel schlafen. Das stellte sich als Hippieherberge heraus, was ich sehr sympatisch und liebenswürdig fand. Billiges Ferienwohnen für Leute, die auch mal ein gemeinsames Bad oder Küche benutzen können. Nach zwei, drei, vier Bier und Essen verließ uns die Organisatorin Marianne, und nachdem die Kellnerin herausgefunden hatte, dass ich aus Luxemburg bin, eröffnete sie uns, sie hätte Familie dort und verwies uns ins Les Deux Pierrots, wo ich noch ein Bier trank.

Ich war müde und das Gesinge auf der Bühne der großen Trinkhalle riss mich nicht wirklich mit. In der Nacht wachte ich auf, als zwei (ich vermutete das jedenfalls) Lesben in der Küche laut schwatzten. Ich hatte einen Flashback an jene Nacht in der berüchtigten »Schifflinger WG «, die ich auf einem Schlafsofa verbrachte hatte und ebenfalls von Leuten in der Küche geweckt worden war. Ich hatte damals gefährliche Drogen vermutet, was wahrscheinlich nicht ganz der Wahrheit entsprach. Ich machte mich auf‘s Klo und las auf dem Rückweg meine Mails.

Heute dann lief ich durch das alte Viertel von Montréal und aß danach mit der Präsidentin in Chinatown. Ich verstand die Anweisungen zum Flughafen falsch, lief wie ein Blöder auf der falschen Metrostation herum und nahm schlussendlich ein Taxi. Ich gab dem Fahrer ein großzügiges Trinkgeld von fünf kanadischen Gummidollar. Check-In und Sicherheitskontrolle verliefen großartig, bis auf den Fakt, dass ich mein Déo hierlassen musste. Ich meine, solange es keine Drogenkontrollen oder Leibesvisitationen sind, ist alles in Ordnung.

Nun sitze ich hier in einem Flughafenrestaurant, von dem aus ich eine herrliche Sicht auf eine 747 von Air France habe. Was ja nicht übel ist. Mein Flug geht in zwei Stunden, aber mir wurde gesagt, hier solle man drei Stunden früher dran sein. [Anmerkung der Redaktion: Tatsächlich hatte der Flug zwei Stunden Verspätung, ging also also erst um 19 Uhr] Der Kaffee hier ist unglaublich sauer. Ich frage mich, welches meiner zwei Getränke Kaffee oder Orangensaft ist. Schmeckt fast gleich.

Fires Notizheft am Montréaler Flughafen

Aber ich war eigentlich bei der Plenarsitzung im Parlament gestern. Während einer seiner Kollegen antwortete, trank Denis Trottier vom Parti Québecois (Seperatisten) eine urinfarbene Flüssigkeit aus einer Plastikflasche. Ich fand das ziemlich eklig. Jeder Politiker hatte nur eine bestimmte Zeit zur Verfügung, ein Prinzip, welches man viel öfter anwenden sollte, vor allem in der Politik. Wer mehr als fünf Minuten zum Reden braucht, hat halt keine so guten Argumente. Ok, fünf Minuten sind vielleicht sehr wenig, aber ich bin dem Prinzip wohlgesonnen.

Als nächstes war Mr. Diamond von den Konservativen dran. Er hatte einen schlimmen québecanischen Akzent, der Französisch wie eine Bauernsprache eines Volkes von Syphilliskranken klingen lässt. Außerdem sieht er ein wenig aus wie ein Schwein, das eben erst der Pubertät erwachsen ist. Der jüngste Abgeordnete der québecanischen Geschichte sprach von Jurisdiktion, die man ändern müsste, aber was nützt die, wenn nichts getan wird?

Ein durchschnittlicher Québecianer verbraucht 400 L (!) Wasser am Tag. Wie um alles in der Welt tut man sowas? Ich stelle mir das sehr schwierig vor, aber vielleicht trinkt so ein sperationshungriger Québecer einfach nur unglaublich viel und duscht alle 45 Minuten.

Trottier sagte, er möge keine Kritiker. Er roch nach alten Leuten und sprach von alten Dingen. Obwohl er nicht so wirkte, war er doch ein Politprofi und wusste, dass es nur Phrasen dreschen musste, Globale Erwärmung, Vergleiche mit seiner Heimat, usw. Er sprach auch von Wasserkriegen – die Kanadier fürchten sich, vielleicht zurecht, echt davor, dass die USA sie wegen dem Wasser angreift, was ihr Ende wäre. Mit Ahornsirup kann man sich nicht verteidigen. Im Québec waren, wahrscheinlich auch deshalb, an diesem Tag alle Freunde. Es roch ein wenig nach Dorfpolitik.
Trottier hielt seine Zeit genau ein – ein Profi halt.

Temblay, der Direktor des pädagogischen Dienstes, der die ganze Session leitete, wirkte ein wenig zu sehr ironisch, als ob das ganze ein Spiel sei. Er nannte die Fragtsteller »Deputés «, also Abgeordnete. Ich fand das sehr sehr merkwürdig.

Die erste Frage ging über die Einführung eines Sensibilisierungskurses zum Thema Umwelt/Wasser. Skavounos erzählte sturr sein Programm, las seine vorgeschriebene Rede weiter. Er hatte ein Lächeln und ein Charisma wie ein Talkshowmoderator, oder noch eher, ein Wagenhändler. Sympatisch, aber absolut schleimig. Zur Frage antwortete er nicht viel, vielleicht, weil er keine Antwort wusste.

Diamond konnte nichts dafür, dass er klang wie ein Bauerntrottel, wenn er sprach, aber der Inhalt seiner Antwort war in Ordnung. Viel Geschwafel und Allgemeinplätze, nichtsdestotrotz. Schwach für einen 23-jährigen, selbst für einen Politiker.

Trottier sprach wieder über alte Dinge und war weit weg vom Thema, Toiletten statt Schule. Die Kanadier haben allerdings auch gigantische Klos. Es gibt ja bekanntlicherweise zwei Arten von Klos: Flachspüler, bei denen das Geschäft auf einem Art Teller landet, wo man sich von ihm verabschieden kann, ehe es in das kleine Wasserloch gespült wird und Tiefspüler, in der das Geschäft sofort ins Wasser fällt. Die Kanadier haben Tiefspüler, die ungefähr 12 Liter fassen. Die Scheiße fühlt sich darin wahrscheinlich so, wie ich mich im Bodensee fühle.

Danach, für die zusätzliche Frage wieder dieses »Deputé «-Spiel. Die Frage ist eher schwach, Sklavonous hatte nicht zugehört, was die Spielregeln anging. Er wirkte merkwürdigerweise jünger und souveräner als Diamond und sprach über‘s Netz.

Sensibilisierung machte keinen Sinn für Diamond, der lieber Taten sieht (als ob das keine wäre!) und spricht zu lange. Trottier sah die Medien als guten Weg und wollte Beihilfe als Lockmittel für‘s Wassersparen einsetzen.

Die zweite Frage lockte aus Diamond nur das gleiche Gesabbel heraus. Gab es am Morgen nur Haferflocken für ihn? Trottier ließ auch nur Allgemeinplätze von sich, obwohl er mal Bademeister war, wirkte aber besser. Ein Profi halt.

Die Frage ging über Quecksilber, das sich im Grand Nord in vielen Fischen findet und als Niederschlag aus Osteuropa und Asien kommt. Sklavounos hatte nicht zugehört, oder die Frage nicht verstanden und brabbelte was von Wasserwegen. Abgesehen davon war seine Antwort allerdings gut und er ging auf konkrete Dinge ein, die realisiert wurden/werden, aber für ihn war das auch leicht, als Regierungsparteimitglied.

Technologietransfer, Inhalt der dritten Frage, brauche Kompetenz, Reichtum und Demokratie, meinte Trottier. Er wolle einen québecanischen Staat, der Leader auf dem Wassertechnologiegebiet sei.
Sklavounos sprach hingegen die ganze Zeit über Verschmutzung, die keinen Pass zum Überschreiten von Grenzen braucht. In der EU braucht man auch als Mensch keine Pässe, Blamann! Sehr zum Lachen auch: das SIE ist im Québec, das sei ein Anfang, was der Québec mache. Ha! Ha! Haha! Umwelt sollte der Wirtschaft dienen war eine weitere schwache und zweifelhafte Aussage aus der Kiste der Standardplattitüden.

Diamond schwaffelte wieder nur. Sehen, was man selbst an Technologie habe und dann schauen, was man international machen können. DAS war doch die Frage! Mein Gott, wieso wiederholte der Mann ständig nur die Thematik der Frage, ohne irgendetwas zu sagen?
Dazu hätte ich auch keine Zusatzfrage gehabt.

Alle aus dem Québec wurden Députés genannt, die ausländischen Fragensteller jedoch nicht. Es hingen übrigens aus irgendeinem merkwürdigen Grund altertümlich wirkende (70er Jahre) Mikrofone von der Decke, obwohl jeder Sitzplatz mit einem Mikrofon ausgestattet war.

Sklavounos sprach immer wieder von Geld. Der Statt kann doch Geld erschaffen, drucken, verdammt! Ist man denn so von diesem merkwürdigen »Markt « beherrscht?
Trottier hingegen hatte kapitalismuskritischere Ansätze, sprach davon, man müsse lernen, weniger Fleisch zu essen (!), stellte Biokraftstoffe in Frage und sah Cellulosekraftstoffe als Alternative. Eine überraschend kompetente Profiantwort.
Diamond ließ durchscheinen, dass er weiß, dass Québec ein Bauernland ist. Wo liegt sein Heimatort Maguertie-D‘Yanville eigentlich? Bestimmt weit weg im Hinterland. Er wolle eine Landwirtschaft des 21. Jahrhunderts, was auch immer das sein sollte. Klingt für mich nach GMO.

Die Stühle dieses Saals waren sehr sehr bequem, was mich meine Entscheidung, nicht in die Politik zu gehen, nochmal überdenken ließ. Inzwischen brillierte Diamond mit der wunderbaren Idee, Leute ihre Verschmutzung bezahlen zu lassen. Oh! Was für ein Witz! Zum Totlachen. Oder halt zum Weinen, noch eher.

Sklavounos sprach wirres Zeug über kommende Gesetze, Nationalisierung des Wassers? Enteignung? Und immer hatte er dieses Autohändlergrinsen, das ganz schrecklich war.
Trottier wollte, dass die Leute ihre Verantwortung wahrnehmen, was alles und nichts heißt. Neue Technologien seien dazu ein Mittel, auf das man stolz sein könne. Hach, da schien der kleine alte Seperatist in ihm wieder durch! Ich mochte diese Momente. Auch wenn ich nicht in allem seiner Meinung war, so musste ich ihn respektieren, er war konsequent und sein Herz bei der Sache, die er für wahr und richtig hielt, ohne dabei faschistisch zu wirken.

Auch bei der nächten Frage war das wieder bei ihm zu sehen. Er redete von der ganzen Welt, dann vom Québec, das Leute zusammenbrachte. Fast wie Nokia.

Diamond hingegen suchte nach Worten, erzählte von seiner noch nicht lange vergangenen Schulzeit, dachte eher, dass die Konsumenten zuerst, dann der Staat verantwortlich sei. Und Québec solle mehr machen in Sachen Entwicklungshilfe, worum es eigentlich ging. Hach, eine Aussage zum Thema? Das war ungewöhnlich!

Und Sklavounos sagte, dass Québec fast unabhängig sei. Bzw., dass Québec in Sachen Diplomatie quasi unabhängig sei. Ich fand das lustig. Vor allem das Glänzen in den Augen von Trottier, der übrigens neben mir saß, als Wörter »Québec « und »Independence « fielen.
Sklavounos wird auch nach Bonngehen, zu einer Biodiversitätskonferenz. Außerdem klatschte er wie ein Affe auf XTC. Hatte in dem Moment das dumme Gefühl, sein ganzes Gehabe sei nicht gespielt, sondern echt und wirklich und er würde sich immer so benehmen, was ich ein erschreckendes Szenario gefunden hätte, rein menschlich gesehen.

Da dies die letzte Antwort auf die letzte Frage gewesen war, kamen jetzt die Schlusswörter dran. Jeder der drei Abgeordneten durfte nochmal einige Minuten lang etwas sagen, und Trottier fing damit an. Man solle an die Zukunft glauben und Politik sei das beste Mittel, um Dinge zu ändern. Aber alle erfochtenen Rechte und Ideen, die er aufzählte, waren nicht von den Politikern gekommen, sondern von der Straße (die er allerdings auch erwähnte.) Alles nur Trahaha und Politblabla, seine entäuschenden Schlusswörter endeten mit den Worten »Ihr müsst das Unmögliche tun können!«. Das machte vieles von dem guten Eindruck, den er bei mir gemacht hatte, wieder zunichte.

Diamond dankte, wirkte aber nicht so, als wüsste er, wovon er redete. Währenddessen nickte Skavounos wie ein Wackeldackel. Diamond sah… irgendetwas, leere Sätze ohne Sinn, dankte und beglückwünschte wieder.

Sklavounos sagte »Bravo! « zu allen, fand, dass Versagen keine Option sei. Er sprach auch von Leuten mit Schildern – war der je auf einer Demo gewesen? Hatte er je Tränengas gerochen? Bla! Aber schöne Metaphern hatte er drauf. Wahrscheinlich hat man ihm das Gehirn rausoperiert und einen Grinsomaten eingesetzt, der Dinge wie »Schickt Massenmails! Macht was! Oh ja! Blabla! « ganz logisch und gut erscheinen lässt.

Assembée Nationale du Québec

Dann sprach Raymond Jost, Generalsekretär des SIE und meinte, was ich schon festgestellt hatte: Alles Freunde hier, wie im Dorfcafé bzw. wie in der Dorfpolitik.
Symbolisch wurden Pflanzen für die Abgeordneten verteilt, was die alle sehr überraschte – jetzt sollten sie auch noch was tun? Die Jugendlichen hatten Aktionspläne erarbeitet, die ebenfalls überreicht wurden. Und da sprangen alle Abgeordneten auf zum Händeschütteln, wie trainierte Äffchen!
Was was das nur für eine Show gewesen! Aber ich bitte die Leser, meine Kommentare, die vielleicht ein wenig hart geworden sind, nicht immer all zu ernst zu nehmen. Denn, obwohl wie alle wissen, d‘Politik, Madame, ass kee Spill, so darf man dabei durchaus seinen Spaß haben.

Rebell?

[0805081305CET-6, Biosphère. Montréal, Québec, Kanada]
Dass du aber auch immer den Rebellen spielen musst! Eben noch hast du alle Jugendparlamente, -konvente,-komitees als reine Politik- und Demokratieshows verurteilt, und dann nickst du nur, wenn sie dich in ein Hemd stecken wollten. Passt das zusammen? Wolf im Schafspelz? Schaf mit Dreadlocks?

Die Biosphère in Montréal

Erster Tag in Montréal

[0805061816CET-6, Hotel Lord Beri, Montréal, Québec, Kanada]
Alors, Monsieur le Vice-Président, wie gefällt es ihnen in Montréal?
Ich hatte mich auf den Deal eingelassen, mich um 20 vor Sieben mit einer meiner Gastgeberinnen in Valleyfield, Christina, auf dem Hotelflur zu treffen. Sie sah ein wenig aus wie ein Paris Hilton-Lookalike, war aber eigentlich ganz nett. Nachdem ich ihre Mutter und Wohnung gesehen hatte, war mir einiges klar geworden, auch ich nicht alle Zusammenhänge kannte. Nun war es aber gerade mal Fünf, und ich beschloss, die Stadt unsicher zu machen. Das Hotel lag im Quartier latin, was eine seltsame Mischung aus Downtown-Hochhäusern, Kebap-Buden, Krimskramsgeschäften und thailändischen Nuddelsuppenrestaurants war. Und dennoch relativ schick wirkte.

Quartier latin in Montréal

In mir erwachte ein zu tiefst luxemburgischer Trieb: Ich wollte ein Bier. Ich bin nicht der große Biertrinker, ich bin eher ein Fan von Gin-Tonic, Rum, Whiskey, zum Mixen auch gerne Wodka.
Aber heute wollte ich ein Bier. Ich hatte lange keins mehr gehabt und es dürstete mir einfach danach. Aber ich streifte nur libanesische Restaurants, in denen Schilder mit fehlenden Umlauten hingen. Nebenan thailändische Restaurants, die irgendwelche merkwürdigen Suppen verkauften, deren Namen ich noch nie gehört hatte. Auf den Straßen sassen überall Punks, die sehr viel schwärzer und dunkler angezogen waren als in Luxemburg.
Wahrscheinlich gefährliche HC-Leute, denen ich entgegen meiner Gewohnheiten wohl lieber nicht zulächeln sollte.

Vielleicht kann mein Durst nach Bier, den ich im Übrigens nicht stillen konnte, da ich keine Bar fand, die entweder nicht furchtbar teuer wirkte oder seltsam leer war, deshalb, weil ich mir einige Stunden zuvor neue Schuhe gekauft hatte, von denen ich nicht nicht sicher wusste, ob sie mir gefielen. Ich hatte 140 kanadische Gummidollar dafür bezahlt, was je nach Wechselkurs 80-100 harte Euro waren. Das war ziemlich teuer für Schuhe, die ein wenig drückten und von denen ich nicht wusste, was ich von ihnen halten sollte. Anderseits wäre ich auch bereit gewesen, 70 € für Allstars auszugeben, was Stoffschuhe im Wert von höchstens fünf kanadischen Gummidollar waren.

Fires neue Schuhe in Montréal

Ich wollte mich als Journalist vorstellen, sagen, ich würde für die international an- und bekannte europäische Gonzo Times schreiben. »Comment, vous ne connaissez pas les GONZO TIMES? Mais je suis comme même pas en Etats-Unis ici! «
Aber es wird wohl das beste sein, sich mit Deo einzusprühen und den Vice-Président zu spielen.