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Vibration

Als ich (sehr müde) über meine Müdigkeit sinnierte

schwarz-weiß Foto von Betonstrukturen. Unten im Bild ist Wasser zu erkennen.

Das Summen wird noch lauter. Es fühlt sich an, als würde die gesamte Halle vibrieren. Mir bereitet das keine Sorgen. Ich trete vor die Konsolen aus Beton und berühre instinktiv eine der kleinen Leuchten. Sie fühlt sich nach Beton an, der sich in der warmen Sommersonne aufgewärmt hat. Absolut glatt, keine Erhebung oder ein anderes Material. Mich stört das nicht, auch wenn es mich vermutlich sogar verstören sollte. Ich weiß immer noch nicht, warum ich hier bin, aber es fühlt sich richtig an.

Ich kann schlecht mit meinem Energiehaushalt umgehen. Ich gebe natürlich gerne der Dunkelheit, die seit gefühlten Monaten anhält, die Schuld. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich jeden Tag viel zu lange warte, bis ich anfange, Texte zu schreiben und dadurch immer länger wach bin, als ich es eigentlich sein wollte. Ich kann mich natürlich nicht mehr erinnern, wie genau das 2018 war, als ich nicht jeden Tag bloggte – vermutlich schaffte ich es auch durch irgendeine Prokastinationsmagie, um etwa die gleiche Zeit ins Bett zu gehen und mich dann zu wundern, warum ich müde bin.

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Müdigkeit

muedigkeit

Man braucht als Mensch immer beides. Klarheit, Nüchternheit als Geisteszustand des gesunden Menschenverstandes genauso wie den Rausch, das „Ecstasy“ auf dessen Suche der Menschen in seiner natürlichen Form immer ist. Leider ist Alkohol als legales Rauschmittel nur unzureichend geeignet, um künstlerische/kreative Tätigkeiten zu unterstützen, hat aber den Vorteil, in feinen und geringen Dosen während der Arbeit gebraucht werden zu können. Die meisten anderen Drogen sind nur als Erfahrungssammlung zu gebrauchen, das Arbeiten unter ihrem Einfluss bringt meist nur sinn-freies zustande.
Vielmehr ist das reflektierte Verarbeiten wichtig.

Müdigkeit bzw. Schlafentzug ist, wenn richtig eingesetzt, eine ideale Droge, da man unter ihrem Einfluss wunderbar arbeiten kann, jedoch weniger Filter besitzt (was wichtig ist!) und dennoch nicht „dumm“ oder blöd wird, wie es z.B. mit (zu viel) Alkohol schnell der Fall sein kann. Ich habe die anstrengenden sechs Stunden Radio mit einer Flasche Bier gemischt. Eine absolut richtige Entscheidung.

Wer sollte das alles verstehen? Ich hatte einen sehr weiten, ungetrübten Blick. Ich sah vom „Aldringer“, jenem schmutzigen Busbahnhof im Stadtzentrum aus fast die Synagoge, zumindest aber das Gebäude am nächsten Block klar und deutlich, was mir neu vorkam. Eine seltsame Schärfe lag in der Luft, wie oft nach Regen, wenn alles um einen herum wie frisch gewaschen erscheint.
Am Bahnhof hätte ich schwören können, bis nach Esch zu sehen, die Atommeiler Kattenhofens zu sehen, ja die Stadt Marseille hätte ich erblickt, hätte die Autobrücke über die Gleise mir nicht die Sicht versperrt.

So gut mein Blick auch war, mein Empfinden gegenüber den Menschen war völlig gestört. Ich erkannte nicht, dass eine Frau beim Bäcker vor mir dran war und glaubte dann auch noch, die Verkäuferin hätte mir falsch ausgegeben und entschuldigte mich, als ich langsam meinen Fehler begriff, mit fadenscheinigen Ausreden.

Als gäbe es irgendetwas zu verstehen. Horrormeldungen aus dem Gefängnis auf den Gratiszeitungen, nass und veraltet am Boden. Ein Moment der Melancholie in der Stille der Nacht.
Wer sollte sich darum kümmern? Die Welt war zu frisch für mich. Der menschenleere Zug sollte mich nach Hause bringen, in den Norden, in den kalten Norden.

(Photo cc by Jason Roger)