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Mullbinde.

Dieser ist der 7. Teil einer Geschichte um ein Mädchen mit dem Namen Ina, ihren Exfreund und ihre Freundin.
1. Teil: Hoffnung. 2. Teil: Entmut. 3. Teil: Überwindung. 4. Teil: Türschwelle 5. Teil: Ina. 6. Teil: Vergessen.

[Der Autor hat wahrscheinlich zu viel Whiskey getrunken, außerdem noch anderthalb Finger breit im Glas. Obwohl er seit Wochen Tagen nichts »ordentliches« geschrieben hat, will er jetzt an seinem Epos weiterschreiben.]

Er bemerkte, dass Inas Blick auf ihr haften blieb. Wieder dieser verliebte Ausdruck in ihrem Gesicht, dieser merkwürdige Glanz in ihren Augen. Als würde sie ihre Freundin quasi von unten ansehen.

In ihrer Beziehung war es stets so gewesen, dass er sich Ina unterlegen gefühlt hatte. Sie hatte immer die weisen Sprüche gehabt, die sie ihm vor die Füße geworfen hatte, wenn er in seiner, so schien es ihm damals, grenzenlosen Naivität eine Frage, die ihm gerade so durch den Kopf gegangen war, laut gestellt hatte.
Ina war immer die Reife gewesen, für die keine Frage unbeantwortet bleiben sollte. Manchmal hatte es geschienen, als habe sie alles schon einmal überlegt, als sei sie alle möglichen Fragen des Lebens schon einmal durchgegangen und ihre Antworten dazu überlegt.

Er hatte diese Überlegenheit, die Ina nicht raushängen ließ, sondern die immer nur subtil durchschimmerte, immer auf ihr Alter zurückgeführt.
Sie war ein Jahr älter als er.
Als hätte dieses Jahr so viel bedeutet.

Er konnte sich nicht erinnern, dass diese gefühlte Unterlegenheit, die er immer gegenüber von Ina verspürt hatte, je ein Streitthema gewesen wäre. Für ihn war das einfach nur ein unterschwelliges Gefühl gewesen, und er hatte sich gut in dieser Rolle gefühlt, vor allem da Ina ihn nie von oben herab behandelte. Aber vielleicht kam es gar nicht darauf an, ob jemand sich überlegen fühlte, sondern nur darauf, dass der andere sich unterlegen fühlte.

Wie es wohl in anderen Beziehungen war? Sollte es immer einen Partner oder eine Partnerin geben, die sich unterlegen fühlte, und eine, die – und wenn auch nur in den Augen der anderen, überlegen war, die Beziehung geistig dominierte?
Hatte er sich vielleicht deshalb so viel Mühe gegeben, Ina zu gefallen, auf sie aufzupassen, ihre Wünsche zu erfüllen und sie zu unterstützen, wo er nur konnte?

Irgendwo in seinem Inneren wusste er, dass dies eigentlich Blödsinn war. Aber immerhin war es eine gute Ausrede. Wenn man sagen konnte, dass es eine feste Rollenverteilung gegeben hatte, dann war seine neuerliche Flucht zu ihr, seine überlegte Verzweiflungstat nur die letzte Konsequenz davon. Dann hatte diese Begegnung, die nun stattfand, stattfinden müssen. Dann würde jetzt alles einen Sinn ergeben, ohne dass er sich selbst erklären müsste – denn dann hätte er ja nur seine Rolle in der Beziehung zu Ende gespielt. Aber insgeheim wusste er ja, dass Ina ebenfalls oft für ihn gesorgt hatte, ihm umworben hatte, Dinge für ihn getan hatte. Und er wusste ebenso, dass auch er seine Momente hatte, in denen er auf Inas Äußerungen nur mit mysteriösen Sätzen geantwortet hatte, die ihm schon länger durch den Kopf gegangen waren.

Und trotzdem hatte er sich Ina aus einem merkwürdigen Grund heraus immer unterlegen gefühlt.
Irgendwo in der Ferne bellte ein Hund. Vor seinem geistigen Auge sah er einen großen schwarzen Hund, mehr ein Bär als ein Haustier, der bedrohlich sein Revier verteidigte. Dieses simple Geräusch hatte ihn aus seinem Gedankenstrom gerissen.

Er merkte, dass er wohl für einige Zeit aus dem Fenster gestarrt hatte, abwesend. Ina rührte in ihrer Teetasse, obwohl sie sich keinen Zucker genommen hatte. Sie hatte noch nie Zucker genommen.

[Der Autor nimmt einen Schluck Whiskey aus der Flasche. In seinen Kreisen gehört Alkohol- oder Drogeneinfluss beim Schreiben zum guten Ton, offensichtlich.]

»Ich frage mich, ob du wirklich ohne eine fixe Idee hier her gekommen bist, oder ob du einen Plan hattest. Ich finde nicht, dass es zu dir passt, etwas so kopfloses zu tun. Zumindest unterschwellig hattest du eine Idee, oder? «
Ein wenig Flehen lag in ihrer Stimme. Als ob sie nicht wollte, dass ihr Bild von ihm jetzt vollends zerstört wurde, als ob das für sie wichtig wäre.

»Wahrscheinlich, ja.«
Er sah sie nicht an, schaute auf den Boden, blickte nicht einmal auf ihre Schuhspitzen.
»Vermutlich hast du Recht. Ich bin nicht wirklich grundlos hier her gefahren, ich hatte wohl das Gefühl, die fixe Idee, dass irgendetwas großartiges passieren würde, wenn ich diese Reise zu dir auf mich nehmen würde und dann vor deiner Tür stünde.«

Ina hatte aufgehört, in ihrem Tee zu rühren.
Normalerweise hätte sie jetzt einen Spruch von sich gelassen, etwas über weibliche Intuition gesagt und er sich wieder unterlegen gefühlt. Nichts von alledem.

»Ich hatte es geahnt. Oder mehr noch, gehofft.«
Er, verwundert:
»Wieso gehofft?«
»Nicht bevor du hier warst. Aber jetzt, da du hier bist, wollte ich nicht, dass du grundlos hier bist. Ich habe dich nicht als einen Menschen in Erinnerung, der sowas tut. Und ich will nicht, dass mein Bild von dir, so sehr es auch nur auf den guten Eindrücken basiert, so viel es auch nur Schwärmerei ist, zerstört wird. Ich habe damals beschlossen, dass ich das Übele und Schlechte nicht über die schöne Zeit siegen lasse.
Ich habe die Zeit mit dir quasi süß eingemacht und will nicht, dass mir die Erinnerung im Glas bitter wird.«

»Aber alles, weswegen ich wahrscheinlich hier bin, was ich selbst nicht einmal so genau sagen kann, weil es mehr mein Inneres war, nicht so sehr meine Ratio, hat sich nun in Luft aufgelöst. Ich sehe dich und deine Freundin..«

»Sie heißt Zoë.«
Ina sprach ihren Namen so zärtlich aus, dass man den Eindruck hatte, sie wolle ihre Freundin mit ihren Worten streicheln. Und Zoë lächelte. Sie hatte ihre Füße auf dem Stuhl und die Beine angewinkelt, streichelte sich selbst über ihre Arme. In ihren Augen, trotz ihrer Farbe tief wie ein skandinavischer See, lag eine unausgesprochene Weisheit.

Er atmete vor dem Sprechen nervös ein, als müsse er nach Luft ringen, um den Satz überhaupt über die Lippen zu bringen.
»Ich sehe dich und Zoë hier, und alles wirkt so glücklich und friedlich und … perfekt. Und dann komme ich mit meinem blöden, nicht einmal in Gedanken ausgesprochenen Plan daher und will von dir empfangen werden wie ein Retter, ein Gott aus der Maschine, der im letzten Moment alles ins Lot bringt. Und dabei gibt es keine Notsituation. Du bist gar nicht alleine hier in der Einöde!«

Einen kurzen Augenblick sah es so aus, als wolle Ina sich auf ihn zubewegen.
»Aber das ist doch furchtbar lieb. Rührend, sozusagen.«
Sie sah wieder ihre Zehen an.
»Ich habe dich ja vermisst. Aber nicht als meinen Freund, nicht als Partner, sondern als Menschen. Als jemanden, mit dem ich die Poesie des Alltäglichen bereden kann.«

Snowstorm (image cc by Walter Parenteau

[Der Autor nimmt einen weiteren Schluck Whiskey aus der Flasche, während der nächste Satz in seinem Kopf wächst.]

Seine Stimme wurde lauter, erregt.
»Aber das kannst du doch sicher auf mit Zoë! Dazu brauchst du mich doch nicht!«

Sie antwortete ruhiger, als er es nach seinem erhitzen Ausruf erwartet hätte:
»Natürlich kann ich das. Und natürlich brauche ich dich nicht. Aber darum geht es nicht. Es geht doch nicht darum, ob wir einen Menschen unbedingt brauchen, sondern ob wir ihn mögen, ihn bei uns haben wollen, Dinge zusammen mit ihm erleben wollen – und im allerbesten Falle: Kunst mit ihm schaffen wollen.«

Kunst zusammen schaffen.
Das war ein wundervolles Konzept. Er hatte einige Gedichte über Ina geschrieben, an denen sie nicht ganz unbeteiligt war. Er erinnerte sich an eine heiße Nacht, in der sie nicht schlafen konnten. Zum einen, weil sie bei jeder Berührung schwitzten und auch, weil sie einfach nicht müde waren, aus welchem Grund auch immer. Er hatte sein omnipräsentes Notizbuch herausgenommen und einfach angefangen, zu schreiben.

Er konnte sich nicht einmal mehr an eine Zeile erinnern. Hatte er überhaupt noch eine Kopie, oder hatte er ihr das Blatt mitsamt Gedicht geschenkt, ohne es je abzuschreiben?

Der Gedanke daran, dass dieses Stück gemeinsame Kunst jetzt verloren sein sollte, machte ihn traurig. Er hatte das Gefühl, die Welt sei mit einem Male dunkler geworden. Sein Blick wanderte nach draußen. Aus dem Schneeregen war ein richtiger Schneesturm geworden, der sich wie eine Mullbinde auf die Landschaft und auf sein Gemüt legte.

Image cc by Walter Parenteau