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Night Train

Der Nachtzug als grosses Ungeheuer in der Nacht. Du verlierst jedes Gefühl für Richtung oder Orientierung, da sie den Zug ständig herumdrehen. Ein langer, stöhnender, ächzender, metallischer Levitan frisst sich durchs Land. Wäre die Lokomotive nur mit Diesel betrieben gewesen! Das ganze hätte noch sehr viel martialischer gewirkt, mit dem Ständigen Auf und Ab der Kolben.
Die Sterne sind deine einzigen Begleiter, wenn die Maschine dich in deinem Bett herumwirft, du verwirrt aufwachst und dich verwirrt daran zu erinnern versuchst, wann dich das letzte Mal der Mittagsdämon heimgesucht hat.

Metawurm

Du bist zusammen mit fünf anderen Personen in diesem kleinen, schmalen Abteil. Jemand schnarcht. Eine Person kommt – wo auch immer sie die Nacht verbracht haben mag, zurück und du riechst eine ganze Stange gerauchter Zigaretten. Wie viel muss ein Mensch rauchen, um so nach Rauch und Asche und stinken? Erst nach fünf Minuten nimmt deine Nase nichts mehr wahr.
Verwirrt suchst du deinen Weg auf die Toilette. Da die grosse Behindertentoilette besetzt ist, musst du wohl oder übel die für „normale“ Personen aufsuchen. Hier schwebt ein Hauch von Urin in der Luft, vielleicht klebt er auch einfach vertrocknet am Boden. Du stellst dich seitlich vor das Klo, weil du dich hier nicht setzen willst und vor dem Klo kein Platz ist.
Auch eine neue Erfahrung.
Irgendwann in der Nacht hast du eine Sternschnuppe gesehen, deutlich wie schon lange nicht mehr. Nach kurzem Überlegen (und doch eigentlich sofort!) hast du dir einen Kuss von I. gewünscht. Ist dies nun ein Geständnis? Wenn überhaupt, dann war es eins, während der Folter der Maschine in der Nacht erzwungen. Die Grenze. Irgendwie bedrohlich, der lange Stopp, dazu deine irrationale Angst vor Passkontrollen. Du bildest dir ständig Bewegung ein, glaubst, das Arbeiten der Maschine zu hören. Aber welche Kolben sollen da langsam anlaufen, zum ewigen Kreislauf Ansaugen, Verdichten, Verbrennen, Ausstossen, wie Atmung, Verdauung und Reproduktion in einem. Die Maschine hat kein Sperma, keinen Uterus, und trotzdem fickt sie.
Und dennoch, das Schnaufen ging weiter. Vorbei an Windmühlen. Friedlich. Hoffnung im eisern Griff des Halbschlafes und des Keuchens dieses metallischen Wurms. Meta-ll. Metawurm. Meta für Meter.

Am Morgen dann, der eigentlich noch Nacht ist, fahrt durch urbanes und suburbanes Gefilde. Fast schon behutsam kriecht der Metawurm durch die Dunkelheit. Durch namenlose Bahnhöfe zwischen den grossen Städten, wo nur ein paar müde, vom faden Licht der Bahnhofsbeleuchtung merkwürdig in Szene gesetzte Frühreisende stehen, von grossem Abenteuer der Reise durch die Nacht verkündend. Mord im Orientexpress, Transsibirische Eisenbahn, Norddeich-Mole, Kopenhagen-Düsseldorf.
Zum Abschied winkt die Schaffnerin mit leichtem Akzent.

Photo cc by blogeescht