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Die Fragen an den untergegangenen Mond

Als ich mir Fragen stellte.

Werde ich je noch ein einziges Mal tief und fest schlafen?
Werde ich je nicht eifersüchtig sein auf die halbe Welt?
Werde ich je einen anderen Nachthimmel sehen?
Werde ich je einen Text schreiben, mit dem ich zufrieden bin?
Werde ich je jede Faser und jedes Haar an mir akzeptieren können?
Werde ich je eine Biene streicheln?
Werde ich je an alles denken?
Werde ich je dieses Buch lesen, das mir einmal geliehen und einmal geschenkt wurde?
Werde ich mich je nicht mehr an P. erinnern?
Werde ich je die Sache mit dem T-Shirt vergessen?
Werde ich je ohne Kribbeln in den Händen sein?
Werde ich je wirklich glücklich sein?

Das Bröckeln

Als ich nicht in den Abgrund starrte.

Jeden Tag bröckelt ein Stück Grundvertrauen in alle Menschen um mich herum weg, ich halte mich beinahe nur noch an mir selbst fest. Dabei steht auch ich am Abgrund, der beständig errodiert. Ich kann nicht runterschauen, denn ich habe etwas Höhenangst, die sich vor allem darin manifestiert, dass meine Brille mir von der Nase fallen könnte (und ich ihr hinterher).

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Der McMoment

Als ich mich – wie alles – wiederholte.

Ein Glas Wasser, in dem Chiasamen schweben.

Ich will nicht jeden Tag nur eine Variation des gleichen Textes schreiben. Aber leider scheint mein Leben gerade eins dieser single-issue-lifes zu werden, von denen ich immer höre, dass niemand sie lebt. Am Morgen habe ich versucht, den McMoment des letzten Mittwochs – er wirkt schon wieder so unvorstellbar weit weg – nachzustellen, aber es ist mir nicht gelungen. Mein Kopf war nicht in der Musik, der Regen nicht anwesend, und auch der Nebel, der gewissenhaft am Horizont hing, konnte die Stimmung nicht retten.

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Die Kernspaltung

Als ich den Kern traf.

Hauling crates of peaches from the orchard to the shipping shed, Delta County, Colo.

Unter Beobachtung schreiben ist immer merkwürdig. Meistens können die Menschen gar nicht auf mein Display sehen, oder nicht in mein Notizbuch. Das ist gut, denn mit Schreiben verhält es sich wie mit dieser merkwürdigen Theorie aus der Physik, dass sich Dinge verändern, sobald sie beobachtet werden. Ich weiß nicht, ob das nicht einfach auf alles zutrifft, was beobachtet wird. Verändere ich mein Verhalten, wenn ich mich selbst beobachte? Ich beobachte mich seit 96 Tagen selbst. In einer Form, die ich so noch nie praktiziert habe. Es ist ein Experiment.

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Die Endlagerung

Als ein Screenshot mich wach hält.

Eine Tasse Tee (er ist orange, es ist Tee mit Milch) in einer großen Tasse. Sie steht auf den Holzlatten, die den Boden des Balkons bilden. Daneben liegen drei gelbe, welke Birkenblätter.

Kurz bevor ich den Text poste, gehe ich alte Fotos durch, weil ich eins suche. Sie liegen alle in einem Ordner, in den sie automatisch hochgeladen werden, chronologisch geordnet. Aus irgendeinem Grund sind auch Screenshots darunter.

Ich klicke mich also durch all diese Fotos und als wäre es nicht hart genug, all diese Erinnerungen zu sehen, die zwischen belanglosen Screenshots, fruchtlosen Selfieversuchen und „Wie sieht meine Frisur von hinten aus“-Überprüfungsfotos liegen, ist da auch was anderes.

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Der Apfelwodka

Als ich mich beim Bloggen streamte.

Das ist alles überhaupt nicht verwirrend.
„Wer kommt überhaupt auf so eine Idee?“, fragt die Person, die ich einst Ruth nannte.
„Ich“, antworte ich, „weil es nie genug Möglichkeiten gibt, sich vor der ganzen Welt (okay, es schauen vielleicht zwei Leute zu und die Kamera-Einstellung ist sowieso nicht sehr vorteilhaft) lächerlich zu machen.“
Die Person, die ich einst Ruth nannte, schüttelt den Kopf, als sei das überhaupt nicht klar, als könne sie meine Gedanken nicht nachvollziehen, wie sie es sonst kann.

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Der Adventure-Ready Hoodie

Als ich merkwürdige Einschlafgedanken hatte.

Ein gezeichneter Pfirsich

„This Adventure-Ready Hoodie Is Made From Coffee Grounds!“ begeistert sich mein Facebook-Feed, während ich wie automatisch dadurch scrolle. Mein Daumen kann die Bewegung auch machen, ohne dass ich hinschaue, muscle memory genügt, ich bin ausnahmsweise nicht stolz darauf. Mechanisch starre ich die Anzeige an, während die Person, die ich einst Ruth nannte, mich mustert. Immer noch isst sie einen Pfirsich, obwohl überhaupt keine Saison für Pfirsiche ist. Aber in ihrer Hand wirken sie so saftig, so überaus reif und zuckrig, dass ich auch einen Bissen will, obwohl ich gar nicht so genau weiß, ob ich Pfirsichgeschmack eigentlich wirklich mag.

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Die Überrumpelung

Als die Person, die ich einst Ruth nannte, mir Tee anbot.

Eine filigrante Tasse mit orangem Muster und  Tee in der gleichen Farbe.

„Möchtest du Tee?“
Die Person, die ich einst Ruth nannte, sitzt auf einem sterilen Designermöbel. Sitzen ist das falsche Wort. „Lümmeln“ wäre vermutlich angebrachter. Diese Betrachtung hält mich davon ab, mich zu wundern. Der Porzellanladen, er ist verschwunden. Oder vielmehr: Wir sind aus dem Porzellanladen verschwunden. Alles steht wieder gerade herum, die Schwerkraft beträgt exakt 9,807 m/s² und alles wirkt ruhig, vertraut, nicht bedrohlich. Vor dem Designermöbel steht ein ähnlich abstraktes Beistelltischchen, auf dem eine Kanne Tee und zwei Tassen stehen. Das Getränk hat eine einladende, rötliche Farbe. Wie ein Sonnenuntergang nach einem anstrengenden Tag Nichtstun am Strand.

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Die Wurzel der Wut

Als ich meine eigene Metapher entschlüsselte.

Sonnenaufgang am Bodensee. Links ist ein wenig Ufer zu sehen, sonst nur See und Himmel, beide rosa gefärbt. Am Horizont sind Seeufer und Berge zu sehen.

„Wieso schweben da zwei Baseballschläger in der Mitte des Raumes?“, fragt die Person, die ich einst Ruth nannte. In einem Tonfall, der mir unmissverständlich klar macht, dass es vor allem darum geht, sich mit der Art der Frage über mich lustig zu machen.

„Ich weiß es auch nicht. Ich weiß nicht einmal, warum du einen Baseballschläger dabei hast. Du bist ja nicht die Person, die wütend ist. Das sollte doch ich sein.“

Mein Gegenüber grinst, das Grinsen friert auf ihrem Gesicht, dann entspannt sie ihre Mimik und blickt mich wieder mit dem gleichen ernsten Blick an, den sie spätestens seit wir im Porzellanladen sind, aufgesetzt hat.
„Oh, ich sollte nicht wütend sein? Ich sollte nicht auf Porzellan eindreschen wollen, bis nur noch Staub übrig ist? Als hätte ich nicht gute Gründe, um genau so wütend so zu sein!“
Der Tonfall ist aber nicht wütend. Die Person, die ich einst Ruth nannte, spricht in einer ruhigen, salbungsvollen Stimme, die mich umso mehr trifft. Natürlich hätte auch sie allen Grund, wütend zu sein, so wie …

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