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Der Apfelwodka

Als ich mich beim Bloggen streamte.

Das ist alles überhaupt nicht verwirrend.
„Wer kommt überhaupt auf so eine Idee?“, fragt die Person, die ich einst Ruth nannte.
„Ich“, antworte ich, „weil es nie genug Möglichkeiten gibt, sich vor der ganzen Welt (okay, es schauen vielleicht zwei Leute zu und die Kamera-Einstellung ist sowieso nicht sehr vorteilhaft) lächerlich zu machen.“
Die Person, die ich einst Ruth nannte, schüttelt den Kopf, als sei das überhaupt nicht klar, als könne sie meine Gedanken nicht nachvollziehen, wie sie es sonst kann.

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Der Adventure-Ready Hoodie

Als ich merkwürdige Einschlafgedanken hatte.

Ein gezeichneter Pfirsich

„This Adventure-Ready Hoodie Is Made From Coffee Grounds!“ begeistert sich mein Facebook-Feed, während ich wie automatisch dadurch scrolle. Mein Daumen kann die Bewegung auch machen, ohne dass ich hinschaue, muscle memory genügt, ich bin ausnahmsweise nicht stolz darauf. Mechanisch starre ich die Anzeige an, während die Person, die ich einst Ruth nannte, mich mustert. Immer noch isst sie einen Pfirsich, obwohl überhaupt keine Saison für Pfirsiche ist. Aber in ihrer Hand wirken sie so saftig, so überaus reif und zuckrig, dass ich auch einen Bissen will, obwohl ich gar nicht so genau weiß, ob ich Pfirsichgeschmack eigentlich wirklich mag.

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Die Überrumpelung

Als die Person, die ich einst Ruth nannte, mir Tee anbot.

Eine filigrante Tasse mit orangem Muster und  Tee in der gleichen Farbe.

„Möchtest du Tee?“
Die Person, die ich einst Ruth nannte, sitzt auf einem sterilen Designermöbel. Sitzen ist das falsche Wort. „Lümmeln“ wäre vermutlich angebrachter. Diese Betrachtung hält mich davon ab, mich zu wundern. Der Porzellanladen, er ist verschwunden. Oder vielmehr: Wir sind aus dem Porzellanladen verschwunden. Alles steht wieder gerade herum, die Schwerkraft beträgt exakt 9,807 m/s² und alles wirkt ruhig, vertraut, nicht bedrohlich. Vor dem Designermöbel steht ein ähnlich abstraktes Beistelltischchen, auf dem eine Kanne Tee und zwei Tassen stehen. Das Getränk hat eine einladende, rötliche Farbe. Wie ein Sonnenuntergang nach einem anstrengenden Tag Nichtstun am Strand.

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Die Wurzel der Wut

Als ich meine eigene Metapher entschlüsselte.

Sonnenaufgang am Bodensee. Links ist ein wenig Ufer zu sehen, sonst nur See und Himmel, beide rosa gefärbt. Am Horizont sind Seeufer und Berge zu sehen.

„Wieso schweben da zwei Baseballschläger in der Mitte des Raumes?“, fragt die Person, die ich einst Ruth nannte. In einem Tonfall, der mir unmissverständlich klar macht, dass es vor allem darum geht, sich mit der Art der Frage über mich lustig zu machen.

„Ich weiß es auch nicht. Ich weiß nicht einmal, warum du einen Baseballschläger dabei hast. Du bist ja nicht die Person, die wütend ist. Das sollte doch ich sein.“

Mein Gegenüber grinst, das Grinsen friert auf ihrem Gesicht, dann entspannt sie ihre Mimik und blickt mich wieder mit dem gleichen ernsten Blick an, den sie spätestens seit wir im Porzellanladen sind, aufgesetzt hat.
„Oh, ich sollte nicht wütend sein? Ich sollte nicht auf Porzellan eindreschen wollen, bis nur noch Staub übrig ist? Als hätte ich nicht gute Gründe, um genau so wütend so zu sein!“
Der Tonfall ist aber nicht wütend. Die Person, die ich einst Ruth nannte, spricht in einer ruhigen, salbungsvollen Stimme, die mich umso mehr trifft. Natürlich hätte auch sie allen Grund, wütend zu sein, so wie …

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Nur ein Wort.

Als ich die Person, die ich einst Ruth nannte, wiedertraf.

Gemälde. Im Hintergrund sind Berge und ein, zwei kleine weiße Häuser zu sehen. Im Vordergrund stehen zwei Gestalten in der Kleidung antiker Soldat*innen

„Du bist nicht …?“
Meine Stimme ist nur halb so laut, wie ich mir es gewünscht hätte. Sie zittert, sofern das bei dem kurzen Satz überhaupt möglich ist. Ich weiß nicht einmal, ob sie weit genug trägt, um von der unbekannten Person – von der ich sicher war, wer es war – überhaupt gehört zu werden. Aber macht das jetzt noch einen Unterschied? Ich weiß weder, wo ich bin, noch mit wem ich rede. Und schon gar nicht, warum. Dies ist kein Höhepunkt, dies ist der Tiefpunkt der ganzen Geschichte.

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Die Stimme

Als ich mich der Bedrohung von Innen stellte

Ausschnitt aus einem Gemälde. Es sind vor allem Wolken und am unteren Bildrand Berge sowie ein Federschmuck eines Helmes zu erkennen.

Sobald die Wörter meinen Mund verlassen haben, wird mir klar, was für eine banale Frage das war, die ich da gestellt habe. Das sollte jedoch niemanden überraschen, am allerwenigsten mich. Ich war noch nie sonderlich schlagfertig, und im Moment kann ich einfach nicht anders, als mich wundern, was das alles zu bedeuten hat. Wo bin ich? Tief unter der Erde, im Brunnen, in einer Kathedrale aus Beton, die aus mysteriösen Gründen hier angelegt wurde? Oder doch immer noch im Großen Seelenzeppelin, das über der stürmischen See stur seinen Kurs hält – und ich in seinem Maschinenraum, den ich nur selten betrete?

Egal, wo ich mich wirklich befinde: Die Person, der diese Stimme gehört, sollte nicht hier sein.

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Ithaka

Als mir alles vertraut und dennoch so falsch erschien.

Blick von unten nach oben aus einem Betonschacht. Einige Meter über dem Blickpunkt ist eine sternenförmige Plattform.

Ich betrete die Kathedrale aus Beton. Das Surren, das ertönt, sobald der Raum – oder etwas in dem Raum – erkannt hat, dass ich mich in ihm aufhalte, wirkt keinesfalls bedrohlich. Die Lichter werden ebenfalls heller, als wolle mir ein System zu verstehen geben, dass ich hier zuhause bin. Noch erkenne ich keine Struktur, keine Geräte, mit denen ich kommunizieren könnte. Obwohl ich keine Ahnung habe, was das hier soll, fühlt sich alles vertraut an. Ich verstehe meine eigene Reaktion nicht – eigentlich müsste ich zittern, schreien, eine Gänsehaut haben oder zumindest müssten sich meine Nackenhaare aufstellen. Aber nichts dergleichen.

Der Raum fühlt sich merkwürdig, beinahe schon unheimlich vertraut an. Also eigentlich nicht unheimlich, sondern heimlich. Oder heimisch. Die Betonstrukturen bilden einen Halbkreis. Teilweise sind es lediglich Klötze, in denen Lichter eingesetzt sind, teilweise sind es Skulpturen, die meterhoch in die Höhle ragen, deren Decke ich nicht erkennen kann. Denn noch andere der Betonstrukturen scheinen Pfeiler zu seinen, oder dekorative Elemente, die sich verästeln, einander überkreuzen, sich gegenseitig stützen, ohne dass ich wirklich einen Sinn erkennen kann. Ich finde sie ästhetisch ansprechend. Eigentlich sollte mich das alles schwindelig machen. So viel weiß ich. Aber das tut es nicht.

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