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Quitter Marseille

Und das war es dann gewesen. Der letzte Arbeitstag in Marseille. Nachdem du dich ungefähr eine Viertelstunde lang von deinem Praktikumschef verabschiedest hattest – und umgekehrt, bist du langsam über den Hof der Verwaltung geschritten und hast dich mit jeder Faser deines Körpers verabschiedet. Noch einmal den Weg zur Bushaltestelle, noch einmal tief einatmen und die Augen so weit wie nie zuvor aufreißen, um jedes noch so kleine Detail zu erblicken und es dir einzuprägen. Die Kiefer auf der anderen Straßenseite, das Versammlungsgebäude, wo du an einem der ersten Tage fast eingeschlafen bist, das Haus mit dem kühlen Schuppen, in dem die Warnschilder für die Naturschutzgebiete aufbewahrt werden, das Schild am Eingang, der Geruch der Luft, mitten in der Stadt und dennoch nicht weit vom Meer.

Rond Point de Prado, Marseille

Dein erster Reflex war gewesen, ans Meer zu fahren. Aber als der Bus dann auf sich warten ließ, erschien es dir besser, deinen letzten Feierabend in Marseille dort zu beginnen, wo du am meisten gearbeitet hattest: die Calanques bei Luminy, keine 5 Minuten von deinem kleinen Studentenkabuff entfernt und zu dieser Tageszeit voll mit Badegästen, die die kleinen Buchten unten am Meer verließen, weil die Schatten das Wasser kühl und das Sonnenbaden sinnlos werden ließen.

Strand von Marseille

Du warst zum nahe gelegen Supermarkt gefahren, hattest dir einen großen Becher Eis gekauft, zusammen mit Kokosnusslimonade und warst mit den zwei Büchern in das Kiefernwäldchen gegangen, hattest dich auf eine Bank im Halbschatten gesetzt, gelesen, Eis gegessen und versucht, so viel wie möglich vom Duft und der Aura dieses Ortes ein zu atmen, ihn in dich aufzunehmen.

Es war nicht leicht gewesen, nach einigen Stunden des Lesens aufzustehen, aber als die Sonne sich langsam aber sicher hinter dem Horizont versank und eine dünne graue Wolkendecke vom Meer her aufzog, warst du gegangen. Der Zikadengesang war dem Gezirpen der Grillen gewichen, die in Sachen Lautstärke und Krachmachen wie blutige Anfänger gegenüber den Zikaden wirkten.

Die Brandung

Die Melancholie, die sich schon nach Feierabend leise angekündigt hatte, war über dem Lesen in die gewachsen und erfüllte dich nun. Fünf Wochen hattest du an diesem Ort verbracht, hattest unter der sengenden Hitze gelitten und dich in den kühlen Buchten der Calanques abgekühlt, hattest verschlafen und warst noch vor dem Sonnenaufgang aufgestanden, warst mit Bussen und Metros durch die Stadt gesaust und hattest dich in den engen Gassen der Altstadt auf der Suche nach Poesie verlaufen, hattest deine Mitbewohner gehasst und deine Freiheit geliebt, hattest Gedichte geschrieben und Bücher verschlungen, hattest deine pastisberauschten Gedanken in die Maschine geschlagen und Moment der absoluten Klarheit erlebt, hattest das Meer gerochen und die Seevögel gesehen, in den Büchern deiner Kindheit so eine große Rolle gespielt hatten, warst dem Klimawandel auf der Spur gewesen und hattest Berichte in einer absolut fremden Sprache geschrieben, hattest alte Freunde wiedergesehen und warst vielen Fremden begegnet.

Und jetzt sollte das vorbei sein. In etwas mehr als 24 Stunden sollte der Metawurm dich abermals verschlucken und gut tausend Kilometer weiter nördlich wieder ausspucken, wo du nicht wusstest, was dich erwartete. Was für ein Abgang! Dabei wäre das einzig der Stadt würdige gewesen, mit vollen Segeln in einer kleinen Nussschale davonzusegeln.

Und das einzige, was klar war, war die Gewissheit, dass Marseille, dieses großes Wirrwarr von Kulturen und Sprachen und Gerüchen und Farben am Mittelmeer, dich verändert hatte. Darauf einen Pastis…

mehr vom Meer in Marseille

Drinnen/Draußen

Du schläfst nicht so, wie du schlafen solltest. Am Nachmittag nickst du ein, wachst Stunden später auf und fühlst dich den ganzen restlichen Tag wie in Watte eingepackt.
Und jetzt Pastis. Als wären die ganz normalen Einbildungen noch nicht genug, suchst du noch weitere Ablenkung im Anisschnaps. (Ich weiß nicht mal, ob das die richtige Bezeichnung ist. Was soll man zu einer gelben, dickflüssigen Materie sagen, die sich nur schwer mit Wasser vermischt und einen trüben gelblichen Nebel im Glas hinterlässt?)
Es schmeckt nach Lakritze, aber vielleicht ist es besser, nicht zu viel über Alkohol zu reden, da sich dann ja wieder jeder Gedanken macht, sich um deine Magenwände sorgt und überhaupt, was sollen die Leute denken?
“Se sollen denken, waat se wëllen, soot Kätt.”
Hörspielversionen von luxemburgischen Kinderbüchern. Schatten aus der Vergangenheit. Endlosband auf der Fahrt in den Süden. Immer geradeaus, Autobahn, Raststätte Autobahn, Autobahn, Tankstelle, Autobahn, durch die Nacht, Autobahn, Sonnenaufgang, Autobahn, Autobahn, Stahlflamingo, Landstraße, RiveGaucheoderRiveDroite?. Und immer die gleichen Geschichten.
Die Luft hier riecht fast gleich, fast kannst du diese seltsame Stimmung spüren, irgendwo zwischen Kind und Erwachsen werden, nie zufrieden, nie im Wasser, nie mit den Gedanken da. Und immer schwirren Geschichten umher, versunkene Schiffe voller Geheimnisse und japanische Kampfroboter.

Das ist alles nicht weit von hier und dennoch unendlich lange her.

Ich weiß nicht, was mich daran hat denken lassen. Es war ein grauer Abend, verbracht am Telefon mit I., die mich aus heiterem Himmel angerufen hat. Und so leben wir in irgendwelchen Studentenwohnheimen in die wir nicht gehören und erzählen uns von unseren Küchen und Pfannen und Sanitäranlagen.
Und wo findet das Leben statt? Darf ich Samstagabends in Marseille alleine vor meinem Laptop sitzen, Pastis trinken (Schon wieder! Was sollen nur die Leute denken!) und meine Gedanken niederschreiben? Oder müsste ich einsam durch die Straßen der Großstadt ziehen und mich dort mit Fremden betrinken, ohne Ziel, immer nur auf der Suche nach dem wahren Leben?
Was machen wir aus unseren Leben? Ist Leben arbeiten? Ist Leben nach der Arbeit, nach der Schule, nach der Uni? Findet das Leben nur in Bars und Diskos an Wochenenden statt? Lebe ich nur, wenn ich tanze und trinke und Sex habe? (Ich hatte “ficke”geschrieben, aber das war mit zu negativ.)
Ist Lebenszeit im Bus vergeudete Zeit? Wenn ich Zeitung lese, bin ich dann asozial? Ist es besser, auf einer Parkbank zu lesen als im Zimmer, nur weil die Sonne scheint?
Ist ein Telefongespräch besser als ein Chat? Sagt ein Brief mehr aus als eine Email? Was ist mit Fax? Sollte ich T. eine Postkarte mit meinen Einfällen schicken statt einer SMS?
Zählen virtuelle Umarmungen nicht?
Ist mein Blog nicht wichtig, weil es nicht “draußen”ist? Wenn ich im Park einen Eintrag schreibe, bin ich dann trotzdem nur virtuell unterwegs?
Darf ich meine Emails checken wollen, wenn ich heimkomme, aufstehe, schlafen gehe?
Ist Schlaf wirklich so wichtig?
Was ist besser? Eine Nacht in einer Disko oder eine Nacht vor der Schreibmaschine?
Wird ein Film besser, wenn ich ihn auf dem TV-Gerät ansehe und andere das auch tun?

Darf ich auch mal zu Hause bleiben, wenn ein tolles Konzert ist? Darf ich auch manchmal einfach nur müde und faul sein? Darf ich einen Abend mit Computerunsinn statt mit Tanzen verbringen?
Kann ich trotzdem voller Überzeugung sagen, dass ich gerne tanze und rausgehe und trinke und feiere und ich nicht antisozial bin?

Darf ich? Kann ich? Muss ich?

Das Leben findet draußen statt. Oder?
Alleine einen Artikel für die Wikipedia schreiben oder zusammen Thomas Gottschalk sehen?
In meinem Kopf ist immer Party.
Manchmal tanze ich, ganz für mich alleine, spiele Luftgitarre, ohne Zuschauer. Ist das schlechter als anders?
Da sind ja genug Stimmen, mit denen ich mich unterhalten kann.

Die Nacht ist jung und niemand weiß, was gespielt wird.
Der Tag ist alt und niemand weiß, woher die Lichter kommen.
Tote Sterne sagen nichts über die Zukunft.

Wollte ich nicht eigentlich über Ina schreiben, meine Ina, die mich nicht loslässt?

Auf einmal sind alle Zikaden still.