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Drinnen/Draußen

Du schläfst nicht so, wie du schlafen solltest. Am Nachmittag nickst du ein, wachst Stunden später auf und fühlst dich den ganzen restlichen Tag wie in Watte eingepackt.
Und jetzt Pastis. Als wären die ganz normalen Einbildungen noch nicht genug, suchst du noch weitere Ablenkung im Anisschnaps. (Ich weiß nicht mal, ob das die richtige Bezeichnung ist. Was soll man zu einer gelben, dickflüssigen Materie sagen, die sich nur schwer mit Wasser vermischt und einen trüben gelblichen Nebel im Glas hinterlässt?)
Es schmeckt nach Lakritze, aber vielleicht ist es besser, nicht zu viel über Alkohol zu reden, da sich dann ja wieder jeder Gedanken macht, sich um deine Magenwände sorgt und überhaupt, was sollen die Leute denken?
“Se sollen denken, waat se wëllen, soot Kätt.”
Hörspielversionen von luxemburgischen Kinderbüchern. Schatten aus der Vergangenheit. Endlosband auf der Fahrt in den Süden. Immer geradeaus, Autobahn, Raststätte Autobahn, Autobahn, Tankstelle, Autobahn, durch die Nacht, Autobahn, Sonnenaufgang, Autobahn, Autobahn, Stahlflamingo, Landstraße, RiveGaucheoderRiveDroite?. Und immer die gleichen Geschichten.
Die Luft hier riecht fast gleich, fast kannst du diese seltsame Stimmung spüren, irgendwo zwischen Kind und Erwachsen werden, nie zufrieden, nie im Wasser, nie mit den Gedanken da. Und immer schwirren Geschichten umher, versunkene Schiffe voller Geheimnisse und japanische Kampfroboter.

Das ist alles nicht weit von hier und dennoch unendlich lange her.

Ich weiß nicht, was mich daran hat denken lassen. Es war ein grauer Abend, verbracht am Telefon mit I., die mich aus heiterem Himmel angerufen hat. Und so leben wir in irgendwelchen Studentenwohnheimen in die wir nicht gehören und erzählen uns von unseren Küchen und Pfannen und Sanitäranlagen.
Und wo findet das Leben statt? Darf ich Samstagabends in Marseille alleine vor meinem Laptop sitzen, Pastis trinken (Schon wieder! Was sollen nur die Leute denken!) und meine Gedanken niederschreiben? Oder müsste ich einsam durch die Straßen der Großstadt ziehen und mich dort mit Fremden betrinken, ohne Ziel, immer nur auf der Suche nach dem wahren Leben?
Was machen wir aus unseren Leben? Ist Leben arbeiten? Ist Leben nach der Arbeit, nach der Schule, nach der Uni? Findet das Leben nur in Bars und Diskos an Wochenenden statt? Lebe ich nur, wenn ich tanze und trinke und Sex habe? (Ich hatte “ficke”geschrieben, aber das war mit zu negativ.)
Ist Lebenszeit im Bus vergeudete Zeit? Wenn ich Zeitung lese, bin ich dann asozial? Ist es besser, auf einer Parkbank zu lesen als im Zimmer, nur weil die Sonne scheint?
Ist ein Telefongespräch besser als ein Chat? Sagt ein Brief mehr aus als eine Email? Was ist mit Fax? Sollte ich T. eine Postkarte mit meinen Einfällen schicken statt einer SMS?
Zählen virtuelle Umarmungen nicht?
Ist mein Blog nicht wichtig, weil es nicht “draußen”ist? Wenn ich im Park einen Eintrag schreibe, bin ich dann trotzdem nur virtuell unterwegs?
Darf ich meine Emails checken wollen, wenn ich heimkomme, aufstehe, schlafen gehe?
Ist Schlaf wirklich so wichtig?
Was ist besser? Eine Nacht in einer Disko oder eine Nacht vor der Schreibmaschine?
Wird ein Film besser, wenn ich ihn auf dem TV-Gerät ansehe und andere das auch tun?

Darf ich auch mal zu Hause bleiben, wenn ein tolles Konzert ist? Darf ich auch manchmal einfach nur müde und faul sein? Darf ich einen Abend mit Computerunsinn statt mit Tanzen verbringen?
Kann ich trotzdem voller Überzeugung sagen, dass ich gerne tanze und rausgehe und trinke und feiere und ich nicht antisozial bin?

Darf ich? Kann ich? Muss ich?

Das Leben findet draußen statt. Oder?
Alleine einen Artikel für die Wikipedia schreiben oder zusammen Thomas Gottschalk sehen?
In meinem Kopf ist immer Party.
Manchmal tanze ich, ganz für mich alleine, spiele Luftgitarre, ohne Zuschauer. Ist das schlechter als anders?
Da sind ja genug Stimmen, mit denen ich mich unterhalten kann.

Die Nacht ist jung und niemand weiß, was gespielt wird.
Der Tag ist alt und niemand weiß, woher die Lichter kommen.
Tote Sterne sagen nichts über die Zukunft.

Wollte ich nicht eigentlich über Ina schreiben, meine Ina, die mich nicht loslässt?

Auf einmal sind alle Zikaden still.

Das Schönste auf der Welt

And the way I feel tonight
I could die and I wouldn‘t mind
And there‘s something going on inside
[…]
Yeah, the world could die in pain
And I wouldn‘t feel no shame
And there‘s nothing holding me to blame

Pixies – Head On

Und plötzlich kommt es wieder über mich. Schreibenwollen. Schreibenkönnen. Lusthaben. Obwohl das mit dem Lust haben ja eher Quatsch ist, denn ich habe ständig Lust, ich habe immer den Drang, zu schreiben, aber es geht halt nicht immer. Manche mögen diesen Drang als unnatürlich ansehen, andere werden vielleicht verstehen, dass es einem sogar physisch schlecht gehen kann, wenn man längere Zeit nicht schreibt. Das gibt es übrigens auch mit vielen anderen Sachen. Ich könnte da Geschichten erzählen! Aber das hatte ich nicht vor, und deshalb schreibe ich diesen Artikel auch nicht. Ich wollte mich vielmehr der Frage stellen, die sich sundancer in diesem Posting gestellt hat und der sich Thierry ebenfalls schon angenommen hat. Und bei Sara ist das Thema ja auch schon angeklungen:
Was ist das Schönste auf der Welt?

Sundancer schreibt, das Schönste auf der Welt sei Freiheit, die Freiheit zu atmen. Das ist ein schöner Gedanke. Für mich war irgendwann einmal klar, dass wirkliche Freiheit nur innerhalb der wenigen Quadratzentimeter, die mein Kopf im Raum einnimmt, möglich ist. In und mit Hilfe von diesem Bündel von Nervenzellen, wo offensichtlich das haust, was ich als mein Ich, mein Geist, meine Seele bezeichnen würde, kann ich ganze Universen erschaffen, mir die irrwitzigsten Geschichten ausdenken und mit Personen reden, die nicht einmal existieren. Ich bin völlig frei, was nicht unproblematisch ist. Spitzfindige Gestalten werden mir jetzt sagen, dass auch mein Denken so sehr von äußeren Einflüssen gesteuert wird, dass ich wohl nie ganz frei sein werde. Aber immerhin ist man in Gedanken ein ganzes Stück freier als in der »realen Welt«. Was wiederum zur Frage führt, ob es die wirkliche und grenzenlose Freiheit denn nun überhaupt gibt, und wenn ja, ob sie überhaupt erstrebenswert ist.

Thierry meint, das Schönste auf der Welt sei das Glück, Menschen um sich herum zu haben, die einen lieben und die man selbst lieben kann sowie am Leben zu sein und es genießen zu können. Das ist auch schön. Aber wie genießt man das Leben? Wann kann man von sich behaupten, Menschen um sich herum zu haben, die einen lieben und die man lieben kann?

Als sturköpfiger Individualist, der immer anders sein muss als alle anderen, habe ich natürlich meine eigene Antwort auf die Frage.
Für mich ist das Schönste auf der Welt wenn man nicht denkt. Ich meine damit nicht, dass man unbesonnen handelt, sondern jene seltenen Momente, in denen man einfach das vollkommene Glück spürt, und nicht mehr nachdenkt. Es ist schwierig, jene Momente überhaupt zu orten, da man sie nicht bewusst erlebt sondern einem nur im Nachhinein überhaupt auffällt, dass man an rein gar nichts gedacht hat.
Ich muss zugeben, meine Antwort klingt bei weitem nicht so poetisch oder so großartig und wahr wie die Antworten von sundancer und Thierry, aber es war das erste, was mir bei der Frage durch den Kopf ging. Und vielleicht kann man ja alle drei Antworten kombinieren: Das Schönste auf der Welt ist es, die Gewissheit zu haben, dass jemand da ist, den man liebt und der zurückliebt, die Freiheit zu atmen zu haben und Momente zu erleben, in denen man nicht mehr nachzudenken vermag oder braucht.