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Der Betrug

Als ich über alle möglichen Wirklichkeiten nachdachte

Foto von Tramschienen in Luxemburg

Ich habe das Gefühl, der Raum müsste sich bald wieder verändern, ich und die Person, die ich einst Ruth nannte, wir, wenn ich es denn wagen kann, von einem „wir“ zu sprechen, müssten jeden Moment wieder woanders stehen. Zurück in der Betonkathedrale oder dem Maschinenraum oder was ich halt dafür hielt, zum Beispiel. Mir kommt das so lange vor, so fern, dabei kann es sich nur um Stunden handeln. (In Wirklichkeit sind es etwas mehr als zwei Wochen, aber wen interessiert schon die Wirklichkeit?)

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Saucenspritzer

Als ich mich selbst nicht mehr verstand

„Und was soll es dann bringen, unbelebte und unschuldige Objekte zu zerschlagen?“
„Du wolltest doch genau das gleiche tun. Du hattest doch auch einen Baseballschläger in der Hand! Du hattest doch genau den gleichen Plan?“
Meine letzte Anschuldigung klingt mehr nach einer Frage. Ich weiß nicht, ob ich wirklich Recht mit meiner Vermutung habe. Vielleicht wollte die Person, die ich einst Ruth nannte, auch einfach mich schlagen. Oder sich vor mir verteidigen. Es wäre ihr nicht einmal wirklich übelzunehmen.

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Die Wurzel der Wut

Als ich meine eigene Metapher entschlüsselte.

Sonnenaufgang am Bodensee. Links ist ein wenig Ufer zu sehen, sonst nur See und Himmel, beide rosa gefärbt. Am Horizont sind Seeufer und Berge zu sehen.

„Wieso schweben da zwei Baseballschläger in der Mitte des Raumes?“, fragt die Person, die ich einst Ruth nannte. In einem Tonfall, der mir unmissverständlich klar macht, dass es vor allem darum geht, sich mit der Art der Frage über mich lustig zu machen.

„Ich weiß es auch nicht. Ich weiß nicht einmal, warum du einen Baseballschläger dabei hast. Du bist ja nicht die Person, die wütend ist. Das sollte doch ich sein.“

Mein Gegenüber grinst, das Grinsen friert auf ihrem Gesicht, dann entspannt sie ihre Mimik und blickt mich wieder mit dem gleichen ernsten Blick an, den sie spätestens seit wir im Porzellanladen sind, aufgesetzt hat.
„Oh, ich sollte nicht wütend sein? Ich sollte nicht auf Porzellan eindreschen wollen, bis nur noch Staub übrig ist? Als hätte ich nicht gute Gründe, um genau so wütend so zu sein!“
Der Tonfall ist aber nicht wütend. Die Person, die ich einst Ruth nannte, spricht in einer ruhigen, salbungsvollen Stimme, die mich umso mehr trifft. Natürlich hätte auch sie allen Grund, wütend zu sein, so wie …

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Die Schwerelosigkeit

Als Alles Kopf stand.

Schneelandschaft mit Bäumen und Häusern, verschwommen weil aus dem Zug heraus fotografiert.

Der Raum dreht sich. Der Porzellanladen, wie ich ihn für mich genannt habe, in Ermangelung eines besseren Namens, steht auf dem Kopf. Ich falle nicht. Die Person, die ich einst Ruth nannte, fällt nicht. Die Vasen und anderen zerbrechlichen Gefäße fallen nicht. Nicht einmal die Flüssigkeit, die in manchen von ihnen steckt, tropft heraus. Aber ich spüre, dass der Raum sich einmal um 180 Grad gedreht hat, mein Vestibularapparat sendet das Signal an mein Hirn, dass wir uns auf dem Kopf befinden. Und ein wenig habe ich das Gefühl, dass mir das Blut aus den Füßen in den Kopf fließt, wo es sich unangenehm ansammelt.

Mein Baseballschläger schwebt schwerelos in der Mitte des Raumes. Ich muss ihn losgelassen haben, als ich dachte, ich würde fallen, als sich alles drehte. Ob die Person, die ich einst Ruth nannte, ihren noch hat, sehe ich nicht.

„Was war das?“
„Ich weiß es nicht.“
Die Person betont das „Ich“ in einer Art und Weise, die mir absolut unmissverständlich klar macht, dass ich es eigentlich wissen müsste, denn, so die Unterstellung, immerhin spielte sich das hier ja alles in meiner Vorstellung ab. Ich aber bin mir sicher, dass dies zumindest so etwas ähnliches wie die Realität ist und mein Gegenüber deswegen auch ein klein wenig Verantwortung dafür trägt, zu wissen, was zum Teufel hier eigentlich passiert.

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Die Leere

Als ich an eine dramatische Nacht im Januar 2006 dachte.

eine verschneite Landschaft, im Hintergrund bäumte. Das Bild ist unscharf, da aus dem Zug heraus fotografiert.

„Worauf wartest du eigentlich?“, fragt die Person, die ich einst Ruth nannte.
Ich weiß es nicht.
Aber ich will das nicht laut aussprechen, auch wenn es keinen Unterschied macht, weil sie jeden meiner Gedanken lesen kann, ohne sich auch nur anstrengen zu müssen.

Mit einem Male erscheint mir meine Wut unglaublich sinnlos. Belanglos all diese Möglichkeiten, Scherben zu produzieren. Der Raum ist still, und ich weiß nicht, ob ich das angenehm finde oder mich nach einem Störgeräusch sehne, das mich ablenkt. Als könnte ich die Leere des vollgestellten Raumes mit Musik und Geräusch füllen, als würde das auch nur irgendetwas ändern.

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Nicht Medusa

Als ich zur Salzsäule erstarrte

Regentropfen auf der Scheibe eines Zugfensters

Ich hebe den Baseballschläger, will mit ihm auf das Porzellan und Glas, das überall im Raum steht, einschlagen. Ich will Scherben sehen, ich will es klirren hören, will dass die Flüssigkeit herumspritzt. Und dann will ich nochmal auf die Scherben einschlagen, als gäbe es keine andere Tätigkeit auf der Welt, die sie mit Sinn erfüllt. Ich will den Baseballschläger als Stößel benutzen, um die Pozellansplittersplitter zu Staub zu zermahlen. Jeder Muskel meines Körpers ist gespannt, mein Herz pumpt Adrenalin in jede Zelle, ich hole zu dem ersten Schlag aus, aber ich verharre in der Bewegung.

Vielleicht ist das der falsche Ausdruck. Ich bewege mich ja gerade nicht mehr, sondern bin erstarrt, als wäre ich die berühmt-berüchtigte Salzsäule, von der ich immer noch nicht genau weiß, was sie sein soll.

„Ich bin nicht Medusa.“, sagt die Person, die ich einst Ruth nannte, mit trockener Stimme.

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Petrichor

Als ich den Geruch des Sommers vermisste

Autobahn, mit einer Brücke die drüber geht, außerdem Wald.

Einige der Gefäße, die in diesem Raum stehen, enthalten eine Flüssigkeit. Ich sehe das nicht, aber ich rieche es. Der Geruch ist merkwürdig bekannt, obwohl ich mich nicht erinnern kann, jemals eine Flüssigkeit gerochen zu haben, die so roch. Ich blicke von der mächtigen, prachtvoll verzierten Vase auf. Und sehe, dass die Person, die ich einst Ruth nannte, mir gegenübersteht und mir geradewegs in die Augen schaut. Ein bohrender, fordernder Blick, dem ich weder standhalten noch ausweichen kann.

Und mit einem Male denke ich wieder daran, wie Asphalt im Sommer riecht. Wie wie er in Sommernächten duftet. Ich glaube, das ist ein Geruch, den nur Großstädte kennen, oder in den Kleinstädten, Dörfern, „Ortschaften“, in denen ich sonst lebte, regnet es immer viel zu sehr, um überhaupt so einen Geruch entfalten zu können. Ein weiterer Eintrag auf meiner schier unendlich langen Liste mit den Dingen, die ich vermisse. Seit einigen Tagen denke ich immer wieder daran, dass der Winter im Grunde genommen das Gegenteil einer Jahreszeit ist. Wir harren aus, kollektiv, in der Hoffnung auf bessere Zeiten.

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