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Fuckfurt am Main

Gestrandet in Frankfurt. Wir sitzen auf dem Boden des Bahnhofsvorplatzes und überlegen, was wir tun sollen. Den Zug nach Wien haben wir gerade davonfahren sehen, es war der letzte an diesem Tag. Eine andere Möglichkeit gäbe es nicht mehr, meinte die freundliche Dame am Schalter, über unser Unglück bestürzt. Mitfahrgelegenheiten gibt es, zumindest auf die Schnelle, keine. Der Schalter der eurolines-Buslinien hat nicht einmal einen Fahrplan.

Ich denke laut über die Möglichkeit nach, ein Auto zu mieten. Und stelle mir vor, wie wir durch die Nacht nach Wien brausen, wie die Kilometerzahl auf den Schildern immer kleiner wird. Das Radio würde laufen, weil natürlich niemand CDs dabei hat. Ich würde mir vorkommen wie damals, in dieser Oktobernacht, als ich umgezogen bin. Wien hat mich damals mit leichtem Schneefall begrüßt. Ich stelle mir vor, wie wir erst aufgeregt reden und uns über die Landschaft und die zu sehenden Gebäude an beiden Seiten der Autobahn freuen würden, dann immer müder würden. Es würde still werden im Auto, bis ich schließlich mit dem Kopf gegen der Scheibe einschlafen würde, das Dröhnen des Motors im Hinterkopf, die sanfte Vibration des Fensters als Einschlafhilfe.
Es riecht nach Abenteuer, aber so wirklich begeistert die Idee niemanden.

Am Serviceschalter haben wir unglaubliches Glück. Der Bahnbedienstete drückt laut eigener Aussage durch „alle Hühneraugen zu“ und macht uns einen Stempel auf die Tickets. Kostenlose Weiterfahrt am nächsten Tag. Bei den Touristeninformationen ein Zettel mit Hostels. Ohne Stadtplan schwierig, denke ich, als uns jemand anspricht. Ob das Luxemburgisch sei, was wir da reden würden. Wir bejahen.

Er ist mit einem Sohn, Skateboardfahrer und begeistert von Hochhäusern, unterwegs. Sie sind aus Düsseldorf, fahren umsonst und brauchten nur eine Stunde nach Frankfurt, deshalb spontan ein Ausflug. Wir erzählen unsere Geschichte. Eigentlich erzählen A. und M. unsere Geschichte, ich bleibe bis auf ein paar Lacher still, entdecke während dem Gespräch das Plakat eines Hostels gleich gegenüber vom Bahnhof.

Der Aufzug ist das einzige fahrbare Spiegelkabinett Europas. Ich sehe tausende müde Gesichter. Das Hostel ist nicht zu teuer für eine Nacht, wir nehmen ein Dreibettzimmer, erholen uns kurz und beschließen nach einem kurzen Blick ins Internet, Frankfurt auf eigene Faust unsicher zu machen.

Wir gehen die Straße entlang, lachen über die Namen der Sexshops und wundern uns über die Hochhäuser. Der Skateboardervater und sein Sohn kommen uns mit einem Eis entgegen und erzählen uns, dass sie auf einem Hochhaus waren. Dort wird jetzt der Wetterbericht gedreht. Die Ampel, die wir überqueren wollen, wird dreimal grün, ehe wir schlussendlich gehen.

Irgendwann stehen wir vor der europäischen Zentralbank. Ein hässliches Eurozeichen aus blauem Kunststoff steht davor. Mit gelben Sternchen. Während dem späteren Verlauf der Reise wird öfters die Frage aufkommen, warum sich reiche Menschen oft schrecklich hässlich kleiden oder schmücken. Ich wage zu behaupten, dass in Banken ganz oft ein bis zwei Menschen mit Geschmack und Sinn für Kunst sitzen, die sich relativ geschmackvolle Werke vor oder in das Bankgebäude stellen. Das blaue Eurozeichen scheint nur für Symbolbilder in den Massenmedien gedacht zu sein. Eurozeichnen vor blauem Himmel. Eurozeichen vor grauem Himmel. An diesem Tag wäre wohl ob der wirtschaftlichen Lage am passendsten: Eurozeichnen wird vom Blitz getroffen, im Hintergrund regnet es Blut.

Wir machen trotzdem Fotos von dem Eurozeichen und der Zentralbank, so etwas kann man immer gebrauchen. Und sei es nur für eine drittklassige Fotomontage, die man in einem sozialen Netzwerk postet.

Wir suchen ein Restaurant und finden den wohl besten Döner der Stadt. Wir essen und reden über Wien, versuchen zu planen, was wir uns so ansehen wollen. Der Inhaber fragt, ob er sich zu uns setzen kann. Wir trinken den Tee, den es freundlicherweise umsonst gibt, rauchen und sprechen Luxemburgisch, was den Mann sichtlich verwirrt. Immer, wenn ein Wort Deutsch klingt, sieht er uns verwirrt an – zu fragen traut er sich aber offensichtlich nicht.

Richtung Main, irgendeine Brücke, Harndrang. Am anderen Ufer eine Kirmes.
Ein Feuerwerk wird aufgebaut, wir können nicht mehr direkt am Wasser gehen. Also wechseln wir wieder das Ufer, gehen über die Kirmes, die uns nicht interessiert, die uns nichts angeht. Merkwürdiger Anblick: eine bunte Saftbar hinter einem halb abgerissenen Haus. Wir drehen uns um und sehen die Altstadt von Frankfurt. Das, was noch davon übrig ist. Die sprichwörtlichen 180 Grad also.

Wir kaufen uns ein Eis. Im Eisladen gibt es riesige Plasmafernsehschirme, auf denen eine Dokumentation über Luxemburg läuft. Ironie des Schicksals oder nur schlechtes Fernsehprogramm? Aber wir sind ja wegen dem Eis dort. Also, eigentlich sind wir nur dort, weil wir den Zug verpasst haben und jetzt Beschäftigung brauchen, aber jetzt noch der Geschichte herum zureiten bringt ja auch nichts.

Das Maggie-Kochstudio. Oder ein Laden, der das zumindest vorgibt. Ich verstehe das nicht, aber ich verstehe diese merkwürdigen halbfertig-Pulverkochbeutel auch nicht. Manchmal muss es halt schnell gehen. Und im Nobelrestaurant dauert es immer so lange. Wer will das schon, nach einem anstrengenden Börsentag?

In den Sexshops rund um den Bahnhof kennt niemand einen bestimmten Pornodarsteller, nach dem meine Begleiterin sucht. Wir werden an den „King of Porn“ verwiesen. Er stellt sich als sportlich gekleideter junger Typ mit Baseballcap heraus. Der Name sagt ihm aber auch nichts. Ersatzbeschäftigung: Wir schauen uns Dildos an. Und Plastikvaginas. Es gibt merklich weniger Plastikvaginas als Dildos und Vibratoren. Ich versuche, nicht darüber nachzudenken, welchen Grund es dafür geben könnte. Würde nur in merkwürdigen Klischees enden. Wie in dem Aufklärungsbuch. „Jungs können viel besser zielen.“ -„Mädchen können dafür besser zielen“. Hab ich nie verstanden. Der Sexshop steht direkt neben unserem Hostel. Dennoch rauchen wir noch eine, ehe wir wieder in den psychedelischen Aufzug steigen müssen.

Noch ein Bier in der Bar des Hostels. Es ist voll mit lauten, jungen Menschen. Was machen die in Frankfurt? So viele Leute können doch gar nicht ihre Züge verpassen. Englische Metalfans mit Wacken-Tshirts breiten sich auf dem Raucherbalkon neben uns aus. Wir führen Tagebuch, ich unterschreibe mit „Mr. Mietzekatze“.

Auf dem freien Balkon reden wir über Prostituierte. Es regnet. Macht die Stadt auch nicht schöner. Neben uns steht eine junge Frau. Ich frage mich, ob sie uns versteht. Sie lächelt nicht wirklich, aber unsympathisch sieht sie auch nicht aus. Vielleicht hätte sie gerne mit uns geredet. Über Prostituierte.

Im dunklen Zimmer wird ein Text über den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg vorgelesen. Ich reise in Gedanken schon nach Wien, als der Schlaf mich überfällt.

eiskaltes Bett.


Brutale Träume, die mich morgens mit weit aufgerissenen Augen aus einem eiskalten Bett aufstehen lassen. Mit zitterigen Händen koche ich mir Kaffee, den ich im ersten Sonnenschein des Jahres auf dem Balkon trinke. Der Wind weht durch die Krone der Kiefer im Innenhof und für einen kurzen Moment wähne ich mich am Meer. Das Blau des Himmels, für das es kein passendes Wort gibt, um es zu beschreiben. Und die Sonne, die mich fast verblendet. Fast rieche ich das Meer in der Ferne, statt der Donau. Melancholisch denke ich an Belgien, das, wie Pommern in dem Kinderlied, abgebrannt ist. Nur noch öde, verkohlte Landstriche, die nicht einmal zur Wüste taugen.

Ich bin auf einer Demonstration. Vielleicht ist es auch der kommende Aufstand, von dem man immer wieder hört. Ich stehe am Rand, auf der obersten von ein paar flachen Stufen, die zu einem Platz führen, auf dem ein weißes Hochhaus steht. Ein älterer Mann lächelt, winkt mich zu sich und begrüßt mich mit meinem Vornamen, auf Luxemburgisch. Ich kenne ihn nicht. Aus dem, was er sagt, lässt sich erkennen, dass er wohl einen früheren Lehrer von mir ist. Ich erkenne ihn nicht wieder, denke, dass er unglaublich gealtert sein muss in den paar Jahren. Er weiß offenbar, dass ich rauche (obwohl ich eigentlich ja überhaupt nicht …) und bietet mir Zigaretten, Parisiennes, an. Er grinst mich mit seinem unbekannten Gesicht an und wünscht mir Alles Gute.

Die Polizei will die Demo abriegeln. Ich will dabei sein, hetze die Stufe herunter, springe hinter das Absperrgitter, kurz bevor es geschlossen wird. Ich verstehe mich selbst nicht, aber das Ziel der Demonstration scheint mir wichtig zu sein. Ich vermute kurzzeitig, dass es wieder einmal gegen einen Ball in der Hofburg geht, vielleicht gegen den BOKU-Ball.
Wenig später finde ich mich mit einem Mädchen eingekreist von der Polizei. Ein Polizist schießt immer wieder Tränengasgranaten in unsere Richtung, trifft jedoch nie. Einmal landet die Granate, kreisrund und schwarz, vor meinen Füßen. Ich hebe sie auf und werfe sie in Richtung des Polizisten. Ich erkläre mir selbst, dass das äußerst gefährlich sei, sowas zu tun.
Durch die Papierkulisse, himmelblau, springt ein Fuchs. Ich streichele ihn, ziehe neckisch seinen Kopf nach oben und flehe ihn an, „chaos reigns!“ zu sagen. Irgendwer kommentiert, dass zwar in jedem Film von von Trier ein Fuchs vorkomme, aber dieser Spruch halt nicht immer.

Ich bin in einem Schloss. Wir beraten uns. Und stellen fest, dass die Situation untragbar ist und der einzige Ausweg ist, jemanden der anderen zu erschießen. Ich habe eine Waffe, jemand hat sie mir gegeben, weil ich ihn darum gebeten habe. In dem Raum, der ein wenig wie ein Hörsaal wirkt, warte ich auf eine Gelegenheit, um sie zu erschießen. Sie sieht mich an und ich weiß, dass ich ihr die Patrone in die Augen jagen muss. Sie sieht aus wie eine Mischung vieler weiblicher Personen mit roten Haaren, denen ich in meinem Leben begegnet bin. Und k., merkwürdigerweise. Ich drücke ab, aber es kommen nur Metallspäne aus dem Lauf. Sie muss blinzeln, funkelt mich böse an. Draußen, es ist ein Sommertag, muss ich mich auf die kleine Mauer stützen. Fast hätte ich einen Menschen getötet. Mechanisch führe ich ein neues Magazin ein, ich habe drei davon in meiner Jackentasche, warum auch immer. Ich verstehe mich selbst nicht. Fast hätte ich einen Menschen getötet. Niemand spricht mit mir, alle entfernen sich von mir.

Ich grabsche nach nackten Brüsten, die Frau, der sie gehören, erkenne ich nicht, wahrscheinlich ist sie unbekannt. Ich fühle mich brutal und schuldig.


photo Rolling Barren Land, near Karakul, Xinjiang : Kevin Cure / CC BY 2.0
photo riot police : Chris Huggins / CC BY 2.0

Müllverbrennungsanlage Canossa

Fi sieht mich verständnislos an.

Canossa

Ich blicke verständnislos zurück, ziehe meine Mütze tiefer ins Gesicht, will gehen. Sie legt ihre Hände in mein Gesicht, drückt meine Mundwinkel nach oben, so dass ich lächele.
Ich muss an diese Party denken, auf die ich eigentlich nicht gehen wollte, weil ich mal wieder zu müde war. Auch da hat eine Person meine Mundwinkel nach oben gezogen, so dass es aussah, als würde ich lächeln. Danach hatte ich tatsächlich noch etwas Spaß auf der Tanzfläche. Als der DJ dann „Nein Mann“ spielte, sind wir gegangen. Oder vielmehr: Ich bin gegangen. Diesen verheerenden Nachhauseweg, den ich schon viel zu oft alleine gegangen bin. Das mit dem Abschleppen kann ich nämlich überhaupt nicht. Vielleicht bin ich auch zu blöd, mich abschleppen zu lassen.

Ich verlasse die Wohnung, ziehe abermals an meiner Mütze, die mir gut steht und von der ich immer das Gefühl habe, sie würde falsch sitzen. Ich stapfe durch den Schnee, der erst nächste Woche fallen wird. Zur Bushaltestelle. In meinem Mund eine Zigarette, obwohl ich eigentlich überhaupt nicht … Krampfhaft halte ich mich an ihr fest. Wie an einem Rettungsring.
Ich bin auf dem Weg zu Ruth. Ruth, die ich eigentlich schon vergessen hatte. In letzter Zeit war sie nicht mehr als ein Name auf meinem Handydisplay gewesen. Ohne Gesicht, ohne Stimme, nur Buchstaben in einem flüchtigen digitalen Speicher. Und nun bin ich auf dem Weg zu ihr, schaffe es kaum, meine Füße zu heben.

Der Bus lässt auf sich warten. Der Bus lässt immer auf sich warten. Manche Busse haben Spitznamen, werden „die rote Rakete“ genannt. Dieser Bus lässt nur auf sich warten. Als ich nach kaum vier Stationen wieder aussteige, wähne ich mich in einer anderen Welt, mindestens aber in einem anderem Land. Das hier könnte genauso gut ein kleines Dorf im unbekannten Osten Luxemburgs sein. Die Straßenschilder sprechen eine andere Sprache.

Ich war schon einmal hier. Eigentlich war ich schon viel zu oft hier. Ich kenne die Straßen, als sei ich sie eine Zeit meines Lebens jeden Tag gegangen. Dort haben wir damals Y. getroffen, dort hat Ruth mal Menschen den Weg erklärt, nicht ohne unabsichtlich einen Fehler dabei zu begehen. Unwillkürlich muss ich grinsen, obwohl mir gar nicht zum Grinsen zu Mute ist. Ich schleppe mich den Hügel hoch, von dem aus man über die ganze verdammte Stadt sieht. Wenn nicht gerade dicker Nebel die Sicht versperrt. Die Müllverbrennungsanlage (oder das Fernwärmekraftwerk, je nach Betrachtungsweise) Spittelau stößt bedrohlich ihre (oder seine, je nach Betrachtungsweise) ungefährlichen Dämpfe aus.

Ruth also.
Einen kurzen Moment erfasst mich eine Woge der Einsamkeit. Das Meer der Verdammnis umspült mich mit seinen eiskalten, harten Wellen, als ich in der Brandung stehe. Am Horizont das große Seelenzeppelin.
Ich lächele. Ganz ohne fremde Hilfe.

photo: Some rights reserved by sayimsorry

Fetzen, (un)zusammenhängende.

Ich muss das alles aufschreiben, ehe ich es vergesse. Dies sind nur Eindrücke, die ich nicht zu einem Bild zusammensetzen kann, da die Geschichte dazu erst geschrieben wird.

Hippophae rhamnoides  cc-by-sa Jean Tosti

Ich stehe am Münchener Hauptbahnhof und rauche. Obwohl ich eigentlich gar nicht rauche, stehe ich am Rand von diesem Raucherquadrat, mit gelber Farbe auf den Boden aufgemalt und blase den Rauch heraus. In der linken Hand halte ich einen mittelgroßen Starbucks-Kaffee. Ich habe nur einen kleinen bezahlt. Der Kaffeeausgabefrau war es egal. Das viel zu süße Getränk des multinationalen Konzerns schmeckt gleich viel besser, wenn man weiß, dass man eben jenen multinationalen Konzern um ein paar Euro beschissen hat. Wohin geht meine Reise? Ich weiß nicht einmal wirklich, was ich in München tue. Was ich dort, wo ich hinfahren will, tun werde. Die ganze Unternehmung fühlt sich so hoffnungslos an, ich könnte gleich wieder nach Hause fahren.

Ich wache in einem fremden, zu kleinen Bett auf, entfernt von allen Fixpunkten. In diesem Zimmer, das die Traurigkeit eines gesamten Teenagerlebens atmet, wirkt plötzlich alles fremd, geradezu feindlich. Die Fenster sind leicht angelaufen, draußen Nebel. Einzig zu erkennen der Thuja. In seinen Wipfeln drei kleine Vögel. Ich kann nicht mehr schlafen, wahrscheinlich nie wieder.

Ich stehe auf meinem Balkon. Leichter Schnee fällt. Ich atme die kalte Winterluft ein. Vor meinem geistigen Auge sehe ich k. und Ky. gemeinsam im Bett. Im Hintergrund spielt Werner Herzog gets shot von Get Well Soon. Ich lächele. Alles ist in Ordnung.

Ich stehe in der Dusche und reibe die Sanddornseife an meinem Körper entlang. Mir wird erst während des Einseifens bewusst, dass der Geruch, der mir da in die Nase steigt, Sanddorn ist. Mein Mitbewohner trinkt morgens manchmal einen Cocktail aus Acidophilusmilch, Ahornsirup und Sanddornsaft. Es schmeckt, wie der Name klingt. Sanddorn. Wie Schleifpapier in der Kehle. Und dieser Schleifpapiergeschmack dringt in meine Nase, während ich in dieser Dusche stehe und mir nichts sehnlicher wünsche, als alles abwaschen zu können, vor allem Entfernungen.

In seltenen Momenten voller Klarheit, merkwürdig oft beim Zugfahren, denke ich, dass mir das alles egal ist, weil es Werte gibt, die wichtiger sind. Meistens ist es mir nicht egal. Meistens kribbeln irgendwelche Körperteile merkwürdig, das Nervenbündel unter meinem Magen meldet sich und ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Rein rational ist ja alles in Ordnung. Aber kribbelnde Körperteile und Nervenbündel im Bauch lassen sich mit rationalen Gedanken kaum beruhigen. Und so taumele ich täglich zwischen Alpträumen, Wahnsinn und Klarheit.

In E. fühle ich mich, als würde ich in einem Museum leben. Ausstellungsstück in meinem eigenen Zimmer. Jedes Objekt erinnert an ewig weit weg scheinende Zeiten. Ich als Archäologe der eigenen Geschichte, noch ungeschrieben. Immerhin brauche ich weder Hut noch Peitsche. Ich soll die Sachen sortieren, in Dinge, die ich aufbewahren will und Abfall. Ich bringe die Kraft dazu nicht auf. Ich schaffe es ja schon kaum, das Archiv meines eigenen Blogs zu lesen, ohne mich wahlweise über mein früheres Ich zu ärgern oder „den guten alten Zeiten“ nach zu trauern. Wie alt bin ich eigentlich? Ich muss über diese Frage kurz nachdenken. Das Internet weiß wie immer die Antwort, erschreckend genau. Zum Glück ist der Aufenthalt in E. nur temporär. Als die Flut kommt, flüchte ich.

Ich kann keinen Schlusspunkt setzen

photo cc by-sa Jean Tosti

Warten auf Dr. Kroko

Ich stehe am Gürtel, vor der U-Bahnstation und warte. Warten ist etwas, was ich nicht mehr gewohnt bin, seit ich in einer Großstadt lebe. Ich versuche, meine Hände nicht in meinen Taschen verschwinden zu lassen. Stattdessen spielen meine Finger irritiert an meiner Hose. Ich überlege kurz, ob ich nicht eine Packung Zigaretten am Automaten ziehen soll. Ich habe kein Feuer dabei. Und eigentlich rauche ich ja auch nicht.

Wiener U-Bahnstation bei Nacht. (cc-by Denis Todorut)photo cc by Denis Todorut

Es sind viele Menschen unterwegs. Ist ja auch Samstag Abend. Ich lerne seit Tagen nur noch und habe jedes Zeitgefühl verloren. Ich messe Zeit in „vor der Prüfung“ und „nach der Prüfung“. Wobei „Nach der Prüfung ist vor der Prüfung“. Alte Sportlerweisheit. Ich kenne niemanden, der so etwas sagen würde, aber es gibt sicher Menschen, die solche Sprüche klopfen.
„Vier gewinnt. Alte Studierendenweisheit.“ Auch so ein Spruch.
Wahrscheinlich gibt es Menschen, die solche Dinge sagen, nur in Kurzgeschichten auf Blogs.

Merkwürdige Stimmung. Die U-Bahn spült alle möglichen Menschen an. Vor allem aber angetrunkene Teenager, die wahrscheinlich in wenigen Stunden zu Hause sein müssen und deshalb den Höhepunkt ihres Rauschs schon jetzt erleben. Wobei ich mich da auch täuschen kann. Vielleicht haben Teenager in Großstädten ganz einfach keine Sperrstunden. Das würde die Beobachteten zu Opfer einer Gesellschaft machen, die die Latte für Alkoholkonsum immer höher schraubt. Binge-Drinking als Kulturtechnik.

Mir macht das Angst. Also nicht nur die Verwahrlosung der „Jugend“ und die zunehmende Anzahl von Alkoholkranken sondern auch, alleine warten zu müssen und jeden Moment von einem Irren angesprochen zu werden, dem mein Gesicht nicht gefällt. Und dann muss ich dem erklären, dass ich hier nur warte und ihm mein Gesicht eigentlich gar nicht zeigen wollte. Vielleicht schlägt er mich dann halbtot und ich muss blutend mit der U-Bahn ins Krankenhaus fahren. Sind auch nur zwei Stationen.

Wobei ich zugeben muss, dass die Angst doch sehr klein ist. Eigentlich kaum existent. Aber so ein klein wenig ein mulmiges Gefühl habe ich doch, wenn ich mir vorstelle, blutüberströmt in der U-Bahn zu sitzen. Und alle Leute starren einen an und denken, ich hätte mich mit der Polizei geprügelt oder jemanden umgebracht und mich dann mit der Polizei geprügelt. Und wenn ich dann aus der U-Bahn steigen will, steht da schon die Polizei und knüppelt mich nieder. Vielleicht hätte ich mich doch rasieren sollen.

Ob ich jemanden um eine Zigarette anhauen sollte? Aber eigentlich rauche ich ja nicht. Und wenn dem (oder der!) mein Gesicht nicht gefällt, laufe ich Gefahr, Blut aus der Halsschlagader spritzend in der U-Bahn zu sitzen.

Jemand ruft meinen Namen. Hinter einem Blumenkübel tauchen Dr. Kroko und Mau auf. Die Beiden heißen natürlich nicht wirklich so. Höchstens auf Facebook.
„Scheiß auf die Prüfung!“, denke ich.