_

die innere Landkarte

[Alternativtitel: Der geographisch-psychologisch-metaphysische Komplex] Wobei … auf jeden Fall etwas mit „geographisch-“ und „Komplex“. Vielleicht hat ja von euch, liebe BlogleserInnen, eine Idee?

innerelandkarte1

Landschaften sind immer ein Abbild gesellschaftlicher und herrschaftlicher Verhältnisse.
Das klingt recht einfach und logisch, war für mich aber eine große Offenbarung. Einer jener horizonterweiternden Momente, von denen ich heuer(=dieses Jahr. Praktisches Wort, oder?) schon eine ganze Menge hatte.

Ich fahre mit dem Finger über meine innere Landkarte und gehe in Gedanken durch, wo ich schon überall gelebt habe, wo ich schon überall war und wo ich noch alles hin will. Am Samstag habe ich mir schon relativ spontan Gedanken darüber gemacht, ob Wien jetzt mein „Zuhause“ ist, am Sonntag sah ich den wunderbaren Film Away We Go von Sam Mendes in einem zauberhaften kleinen Kino am Schottenring und am Montag war die erste Vorlesung über Landschaftsplanung (LAP), bei der das oben erwähnte „Offenbarung“ gemacht wurde und es mir wie Schuppen von den Augen fiel. „Raum“ beschäftigt mich gerade sehr. Vielleicht gerade deswegen, weil ich sehe, was in Freiräumen, ob besetzt oder „geduldet“, möglich ist, eventuell aber auch, weil ich als großer heiter scheitern-Fan auf Raumfragen geeicht bin. Und dann schreibt Kathrin auch noch über Queering Gentrification! Da scheint sich mir gerade ein weiteres Lieblingsthema aufzutun. (Nebenbei sehe ich mit großem Entsetzen, dass ich anfange, Statistik interessant zu finden. Ich meine, ich spiele ernsthaft mit dem Gedanken, Umweltstatistik als Wahlfach zu belegen. Werde ich erwachsen?)

Wohin also?
Ich habe einen großen Schuhkarton, den ich mit vielen kleinen Erinnerungsstücken gefüllt habe: Kinokarten, Presseausweise, Zug- und Flugtickets, Postkarten und weiteren Nippes, den ich über die Jahre gesammelt habe. Es gehören auch einige Karten dazu. Neben einer völlig zerschlissenen Wienkarte, auf der nur das Weltcafé eingetragen ist, das auch schon in meinem Wien-Moleskine eingezeichnet ist, gibt es eine Karte von Amsterdam, auf merkwürdigerweise das Stück rund um den Bahnhof fehlt (was so einiges erklärt!) und das Programmheftchen von Quattro Stazioni, jene Radiorundreise, die mich das erste Mal nach Wien gebracht hat. Das Deckblatt bildet ein Ausschnitt aus einer Karte, die irgendeine non-existente Landschaft abzubilden scheint. Strange Map. Vielleicht bildet diese Karte genau jenen Ort ab, den ich suche.

innerelandkarte2

Inas Heimat
Obwohl es immer wieder Gerüchte gibt, die Geschichte rund um Ina würden bei A. zu Hause spielen, obwohl tatsächlich nur ihre Küche Vorbild für Inas Küche stand, gibt es diesen Ort nicht. Ich habe ihn mal „Chicago, Dänemark“ genannt, aber das ist auch kein guter Name. Gefühlsmäßig lag der Ort irgendwo in der Einöde der (theoretischen) dänisch-luxemburgischen Grenze, heute würde ich sogar ein dänisch-österreichisch-luxemburgisches Dreiländereck daraus machen. Vielleicht gibt es in Dänemark, in Luxemburg und in Österreich genau solche Orte, wie ich sie mir vorstelle, wenn ich an Inas Haus denke – wahrscheinlich gibt es sie in jedem Land. Aber genauso wie es wichtig ist, dass Inas Haus irgendwo in einer Einöde steht, so ist es auch unabdingbar, dass dieser Ort in einem „Grenzgebiet“ (nicht nur von Nationalgrenzen!) liegt und eben gerade nicht existiert, dass der Nebel und der Schnee nicht nur Kälte vermitteln, sondern ihn auch unwirklich – im besten Sinne des Wortes, machen.

Und so ist auch mein Header zu verstehen. Mit ein wenig Fantasie lässt sich die Überbelichtung in das gleißende Licht einer Atombombenexplosion umdeuten. Das Foto ist somit das erste Abbild der postapokalyptischen Welt, durch die wir unseren ganz persönlichen Roadtrip veranstalten.

Insofern ist dieses Blog auch ein Reiseblog.
Und sei es nur für Reisen mit dem Finger über die innere Landkarte.

first photo cc by Manitoba Historical Maps and second photo cc by Toshiaki Zushi. Ich hätte diesen Artikel übrigens gerne wie Ben es letzens so wunderschön macht, einzeln gelayoutet. Leider fehlt mir nicht nur die Zeit, sondern auch ein klein wenig die Motivation und die Sattelfestigkeit in HTML und CSS, um sowas in angemessener Zeit umsetzen zu können.

Skizze

Wir skizzieren eine Reise.
Ja, skizzieren wir doch eine Reise, wohin ist egal, denn der Weg ist das Ziel und die Autobahnraststätte ist auch ein netter Ort, um so zu tun, als sei man irgendwo angelangt, wo man gerne wäre, denn immerhin ist sie auf dem Weg und der Weg ist das Ziel.

skizze-auto

Die Reise ist leer ohne Reisende, so leer wie das Sparbuch nach ihr, und dennoch voll mit Hoffnung und Mut, glänzend wie der schöne Katalog, der Träume verkauft.
Wir skizzieren eine Reise ins Nirgendwo.
Ein Auto, ein Bus, ein Zug, ein Flugzeug, ein Kreuzfahrtschiff und eine Pferdekutsche.
Der Weg ist das Ziel und das Transportmittel die zweite Unbekannte in einer Gleichung, die wir eh nie lösen werden.

„Ich mach eine Reise“, wollen wir sagen, aber sagen es doch nicht, weil, auf alle Fragen, die da kommen könnten, wissen wir keine Antwort, denn eigentlich ist unsere Reise immer noch nur eine Skizze.

Vielleicht möchte ich gar nicht mehr reisen, sondern mich in meinem Kopf zurückziehen, mich darin verkriechen wie in einem Schneckenhaus und fremde Welten nur dort erkunden?

Wir skizzieren eine Reise in unseren Köpfen, wandeln durch wundersame Traumlandschaften und bezahlen nicht einmal Kurtaxe.
Ein Feld, eine Niederspannungsleitung, ein Kasten Bier und die Frau deiner Träume/dein bester Kumpel.
Das Paradies.
Nur eine Skizze.

(Photo cc by Pedro Simões)

Zugunglück

[0802192011] Schwarze Materie verschlingt mich. Was für ein Alptraum.
Der Zug, in dem du sitzt, bleibt auf dem Abstellgleis stehen und bewegt sich nicht mehr.
Mit einem Male fällt dir auf, wie unrasiert du bist. Aber so lange es nicht kratzt, ist alles in Ordnung. Oder es stört dich dann auf jeden Fall nicht.
Netwon schlägt mit all seinen Gesetzen gleichzeitig auf dich ein, was dir das Bewusstsein einimpft, dass Physik ein schwieriger Begleiter für Texte ist. Immer und immer wieder Fahrten durch das Dunkle. Als bestünde das Leben nur aus einem schwarzen Rohr, durch das du ständig hindurch fährst, hin und zurück, hin und zurück, immer wieder. Der Nachtzug als Ersatz für die U-Bahn. Urbanes Leben in der Einöde.
Nachrichten fliegen ratternd durch den Äther, knistern in den Ampliflikatoren und Transistoren unterwegs, während du nur Sender/Empfänger bist. Kommunikation ist niemals selbst reisen. Still beneidest du die elektromagnetischen Wellen für ihre Reisefreiheit.