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Das Piksen

Als ich traurige Musik hörte.

Noch einmal das Lied hören, das ich nicht selbst entdeckt habe und in dem jemand über eine Traurigkeit hört, die nie meine war – eine Lücke in meinem Lebenslauf, die ich niemals schließen werde können. Noch einmal traurig sein, ohne weinen zu können, ehe ich endlich mit der Sache anfange, die ich schon den ganzen Tag tun will. Noch einmal den Schmerz spüren, der nicht meiner ist, mit dem ich mich aber so sehr identifiziere, dass es mir beinahe weh tut. Ich wünschte, all das in mir drin wäre auszudrücken wie ein gigantischer Pickel. Der Eiter spritzte gegen den Spiegel, ich ekelte mich vor mir selbst, würde mich danach aber besser fühlen.

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Die Nichtmehrunumarmtheit (II)

Als sich meine Nackenhaare aufstellten.

Es hat aufgehört zu regnen, allerdings ist es kalt geworden. Die Sonne ist längst untergegangen, auch wenn der Horizont das nicht glauben lassen mag. Das Hintergrundrauschen der Autos ist lauter als sonst, ein Bus ächzt sich den Hügel hoch, bis nichts mehr von ihm zu hören ist. Für ein paar Sekunden ist es still. Ich frage mich, ob sich diese Umarmung je nicht gut anfühlen wird.

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Die Nichtmehrunumarmtheit

Als ich umarmt wurde.

Ein Käfer krabbelt kupferfarben und das Licht brechend im Betonhof umher, verirrt sich kurz unter meiner Sandale, bis ich sie hochhebe und er erneut die Freiheit genießen kann. Ungeachtet dessen steht mir immer noch die Person, die wir einst Ruth nannten, gegenüber. Mit ausbreiteten Armen, die nicht so einladend aussehen, wie sie sich anfühlen sollten.

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Die Unumarmtheit

Als ich im Regen nachgab.

Ich stehe im Betonhof, ungeschützt, unter keinem Dach, obwohl es in Strömen regnet. Ich schaue auf den Quittenbaum, unter dem ich einst einen Pfirsich aß. Er ist in voller Blüte, der Regen macht ihm nichts aus. Ich sehne mich nach dieser einen Schulter, an der ich mich ausweinen könnte – oder einfach danach, einmal nicht vor Rührung zu weinen.

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Die Nacht

Als es die Nacht war.

Es ist diese eine Nacht im Jahr, die nur für mich mit Bedeutung aufgeladen ist. Ein weiteres Rund um unser Zentralgestirn herum ist beinahe beendet. Ich möchte dramatische Musik aufdrehen und über und über mit Symbolen bemalt in den Garten treten, eine Fackel in der Hand und ein mystisches Ritual durchführen. Krähen und Elstern sammeln sich im Garten und nicken mir wissend zu. Die Nacht, sie gehört mir, ich ertrage ihre Schwere ohne zu leiden.

In Wirklichkeit werde ich nur in den Garten gehen und rauchen und bedeutungsschwanger in den Himmel schauen und Schwärze sehen und warten, bis sie zurückstarrt. Früher habe ich oft Dinge an diesem Tag gesehen, die wie ein Zeichen wirkten. Einmal bin ich morgens zur Schule und ein Regenbogen war zu sehen, als ob die meteorologischen Bedingungen sich um mich kümmern würden.

Vielleicht wird die Person, die wir einst Ruth nannten, auftauchen. Unvermittelt, ohne ein Geräusch zu machen, vor mir stehen und grinsend mit dem Kopf nicken, woraufhin ich sprachlos bin und auch einfach nur nicke. Ich ziehe meine Kapuze tiefer ins Gesicht und falle der Person, die wir einst Ruth nannten, um den Hals. Wir drücken uns so fest wie es Menschen sonst nur in Filmen tun.

Es ist diese eine Nacht im Jahr, über dem schwarzen Rauch der Fackel kreist einsam eine Elster.

Das Äquinoktium (verspätet)

Als der Sommer zu Ende war.

„Das war er also, der letzte Tag des Sommers.“, sage ich und schaue in den Regen. Es hat angefangen. Das Datum ist sehr passend, ab jetzt kriecht die Dunkelheit nicht mehr langsam heran. Ich sehe mein Gegenüber, die Person die wir einst Ruth nannten, nicht an, während ich spreche. Was vor allem daran liegt, dass wir nebeneinander sitzen und in diesen Regen starren, der so ungewohnt wirkt.

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Das Schuhkartongrau

Als ich über ein „irgendwie“ diskutierte.

„Erzähl mir doch mehr davon.“
Die Person, die wir einst Ruth nannten, sieht mich erwartungsvoll an, während ich den süßen Pfirsich kaue und der Saft mir durch den Mund schießt. Sie lächelt wieder dieses ernste, ehrliche Lächeln, das ich von ihr eigentlich nicht kenne. Was die Kontaktsperre mit Menschen – oder in diesem Fall metaphysischen Wesen – so anstellt. Der Boden ist immer noch nass, die Luft ist immer noch feucht, der Himmel hat immer noch dieses Schuhkartongrau, das ich in meiner Jugend so hasste.

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Der Regenpfirsisch

Als ich das Obst aß.

Ich beiße in den Pfirsich. Es regnet, und die Tropfen fühlen sich kalt und scharf auf an meiner Haut. Der nasse Betonboden liegt voll mit Rosenblättern, die es nicht mehr geschafft haben. Mir gegenüber steht immer noch die Person, die wir einst Ruth nannten, und lächelt mich an. So freundlich, als habe es ihren Zynismus, mit dem sie Selbsterkenntnis aus mir herauskitzeln wollte, nie gegeben. Der Pfirsich schmeckt genauso süß und saftig wie er gerochen hat, was ein wahrhaftiges Wunder ist, hat die Person, die wir einst Ruth nannten, ihn doch von einem Quittenbaum gepflückt, der zudem zu diesem Zeitpunkt noch in voller Blüte stand.

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Der Betonhof

Als ich getröstet wurde.

Wir stehen also im Garten. Die Person, die wir einst Ruth nannten, unter dem Quittenbaum und ich in dem Betonhof, nahe dem Wasserbecken, in dem kein Wasser ist. Wir schauen uns an und ich ziehe verwirrt eine Augenbraue hoch. Verwirrt, weil mein Gegenüber tatsächlich ein warmes Lächeln zeigt und nicht ihr übliches spöttisches Grinsen, mit dem sie mich dazu bringen will, mehr von mir selbst gegenüber mir selbst preiszugeben, als mir liebe wäre. Nichts dergleichen heute. Alles, was überhaupt auf ihre extradimensionelle Existenz hindeutet, ist der saftige, duftende Pfirsich in ihrer Hand.

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Der Blütenstaub

Als ich besucht wurde.

Ich blinzele. Und als ich die Augen wieder komplett öffne, sind 51 Tage, eine Stunde, acht Minuten und 47 Sekunden vergangen. Ich stehe in keinem Wald mehr, falls ich je wirklich in einem Wald gestanden bin. Ich stehe in meinem Garten. Er gehört nicht nur mir, aber ich nenne ihn der Einfachheit halber so. Wir gehen mit Gärten, in denen wir uns aufhalten, in denen wir arbeiten, eine Art symbiotische Beziehung ein, egal wie groß oder klein unsere Aktivität ist. Bevor ich weiter über die metaphysischen Verbindungen zwischen Menschen und Gärten nachdenken kann, höre ich eine Stimme, die ich 51 Tage, eine Stunde, 14 Minuten und 29 Sekunden nicht gehört habe. In diesen Zeiten ist das eher ein Grund zur Besorgnis, weswegen ich mich erschrocken umblicke, noch bevor ich wahrnehme, was gesagt wurde.

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