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Kopfschmerzen

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Samstagnachmittag. Ich wärme mir das Abendessen von gestern in der Mikrowelle. Nicht ohne zuerst zwei Scheiben Käse auf die kalte Reis-Gemüse-Soße-Masse gelegt zu haben. Denn: Alles wird besser, wenn man es mit Käse über backt. So lautet zumindest die Internetweisheit. Mir fallen ziemlich viele Dinge ein, die ekliger werden, wenn man sie mit Käse über backt (hauptsächlich Süßspeisen und körperliche Tätigkeiten), aber darum geht es gerade gar nicht.

Nach dem Essen, bei dem ich eine Folge Futurama ansehe, der ich aber nur zur Hälfte folge, weil meine Gedanken woanders sind und ich sie eh schon mehrmals gesehen habe, nehme ich die Wäsche aus der Waschmaschine und hänge die halbherzig auf den Wäscheständer. In meinem kleinen Badezimmer stelle ich die Heizung und die Lüftung an und glaube, eine schnelle Methode der Wäschetrocknung erfunden zu haben.

Kopfschmerzen. Als ob ich einen Amboss auf dem Kopf balancieren würde. Und das erstaunlich gut für einen Menschen, der in Sachen Hand-Augen-Koordination und Gleichgewicht einige Defizite hat. Es fühlt sich an, als drücke sich meine Schädeldecke gegen mein Gehirn. Wobei ich mir sicher bin, dass es umgedreht ist. Ich bin aber kein Biologe, schon gar kein Humanbiologe und deshalb ist es wohl besser, ich lasse solche Mutmaßungen ganz einfach sein.
Das viele Amboss-Balancieren bringt zusätzlich noch Nackenschmerzen mit sich.

Immerhin haben wir April und ich kann dem Wetter zusehen, wie es minütlich seine Meinung ändert.

Gegen halb Sechs beschließe ich, dass es von äußerster Wichtigkeit ist, dieses Wochenende noch ein wenig Kekse und eventuell auch eine Pizza zu verzehren. Ich bemerke, dass ich noch eine halbe Stunde zum Einkaufen habe oder mich am Sonntag in die Vorhölle der wenigen offenen Supermärkte in Bahnhofsnähe begeben muss. Darüber habe ich bisher immer nur Geschichten gehört, die 300 wie ein Pixiebuch erscheinen lassen.

Also ziehe ich mich schnell um und schleppe mich um meinem schmerzenden Kopf selbst bedauernd zum Gürtel. Es hängen schon diese merkwürdigen Plastiktaschen, aus denen man sich gegen Münzeinwurf eine Zeitung nehmen kann, an den Laternen. Natürlich kann man die Zeitung auch ganz ohne Münzeinwurf aus der Plastiktasche nehmen, weshalb die Zeitungen entweder ein Verlustgeschäft machen oder in Wien nur sehr ehrliche Menschen leben.

Der Gürtel ist so eine Sache. Eine teilweise achtspurige Straße, die mitten durch Wien führt und die inneren Bezirke von den äußeren trennt, ist schon imposant. In der Mitte führen die Bögen der früheren Stadtbahn die U6, eine U-Bahnstrecke, die größtenteils oberirdisch verläuft, was schon so manche Touristen sehr unterhaltsam gefunden haben. Ich mag die U6. Nicht nur wegen der Aussicht, sondern auch, weil U6 fahren meistens bedeutet, dass ich bald zu Hause bin. (Oder halt aufbreche, und Aufbruch ist auch nur selten etwas schlechtes!)
Es ist also ziemlich schwierig, über den Gürtel zu kommen, weil man mindestens zwei Ampeln überqueren muss, meistens überquert man jedoch mehr, weil man auch noch die Straßenseite wechselt. Als ich darauf warte, dass es grün wird und die Autos nur Zentimeter an mir vorbei rasen, habe ich das seltsame Gefühl, mein Pulli rieche nach Gras. Ich muss an Ruth denken. Hatte ich den Pullover an, als ich das letzte Mal bei ihr war? War sie nicht fiktiv?

Ich glaube, dass der Billa, der in der U-Bahnstation im Stadtbahnbogen inmitten des Gürtels der nächste Supermarkt ist. Allerdings gibt es in meiner Straße, ungefähr 500 – 600 Meter von meiner Haustür entfernt, ebenfalls einen. Außerdem gibt es in einer Parallelstraße noch zwei. Samstags machen alle um 18 Uhr und durch häufige Einkäufe nach U-Bahnfahrten kenne ich das Sortiment des Billas, in dem ich mich jetzt befinde, recht gut. Niemand hat gesagt, dass Einkaufen in letzter Sekunde nicht sehr viel mit Bequemlichkeit zu tun hätte. Ich entscheide mich für Kekse, brauche aber einige Zeit, bevor ich mich entscheiden kann, welche genau ich nehmen will. Andere Menschen haben offenbar ähnliche Probleme.
„Ich weiß nicht was ich mag!“, säuselt eine Stimme gequält.

In letzter Zeit fällt mir immer öfters auf, dass sich Menschen in Supermärkten immer gerade dann zweifelnd vor eine Produktpalette stellen, wenn ich mich entschieden habe. Ich betrachte kurz das Sortiment an Zucker, ehe die Unentschlossenen sich in Richtung Schokolade aufmachen und ich mir zwei Kekspackungen entscheiden kann. Vor dem Chipsregal dann entscheide ich, dass ich keine Lust auf Chips habe. Den leeren Einkaufskorb fülle ich kurz vorm Erreichen der Kasse noch mit Mangosaft, meinem Lieblingssaft, und einer überteuerten Tiefkühlpizza. (Hofer hat Tiefkühlpizzen für 0,79 €. Allerdings ist die spezielle Marke, die ich kaufe, auch sehr lecker.) Vor mir kaufen zwei Menschen eine tiefgekühlte Sachertorte.
Ich würde nicht wirklich auf den Gedanken kommen, mir so etwas zu kaufen, vor allem nicht in Wien. Ich meine, immerhin kann man hier den real deal haben, wenn man nur genug Geld auf den Tisch legt.

Wieder draußen steht neben mir ein Mann. Auch er ist mit last-minute Einkäufen beladen. Aber anstatt ungesundem Süßkram hält er ein Netz Zwiebeln und eine Zweiliter–Flasche Wein in den Händen. Ich blicke auf die einsame Plastikhülle des Standards. Noch keine Zeitung drin. Heute hätte ich sogar bezahlt.
Die Kopfschmerzen werden nicht besser.

Schokoladeneier

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Eine geradezu lächerlich absurde Situation.
Hier saß sie also nun, bei dem neuen Freund ihrer Schwärmerei.
Sie war die große Liebe gewesen, von vor über einem Jahr. Oder jedenfalls hätte sie das gewollt gehabt.
Unerwiderte Liebe war nichts besonders schönes, aber auch nicht sonderlich dramatisch. Konnte man einem Menschen vorwerfen, sich nicht in einen selbst zu verlieben? Möglich war das schön, sie hatte schon eine Reihe von Folgegefühlen auf solche Enttäuschungen entwickelt, aber war es gerechtfertigt, war es sozusagen ethisch gerechtfertigt, wütend auf einen Menschen zu sein, der Gefühle nicht erwiderte? Vor Allem, wenn dieser Mensch dazu noch geradewegs in eine neue Beziehung unterwegs war?

Und nun saßen sie da, auf dem Sofa in seiner Wohnung in ihrer Stadt und rauchten gemütlich selbst gedrehte Zigaretten und machten sich an den letzten Ostereiern zu schaffen. Weiße, gefüllt mit schwarzer Schokolade. Der Wein, das leckere, selbst gekochte Essen, das sich langsam von ihrem Magen in ihren Darm bewegte, um sich dort in eine breiartige Masse, die wie ein schwerer Stein wirkte, zu verwandeln, und die leichten Schübe des Shits, den sie vorhin geraucht hatten. Wie ein Filter legte sich die Droge vor Ruths Bewusstsein.
Jetzt sahen sich irgendwelche alten Folgen einer Serie an, die teilweise so lustig war, dass sie aus dem Lachen nicht mehr heraus kam, während die Beiden sich nur merkwürdig ansahen und teilweise aber auch so alt waren, dass kaum ersichtlich wurde, wann die Szenen übertrieben oder nur beschreibend waren.

Wäre das Fenster nicht gewesen, das, obwohl spiegelnd, einen Blick auf die Großstadt preis gab, sie hätte fast vergessen, wo sie waren. In ihrer Stadt. Die Stadt, die Mabel jetzt schon kannte. Wie gerne hätte Ruth ihr all die schönen, geheimnisvollen, unbekannten Ecken gezeigt. Aber das hatte jetzt jemand anderes getan.
Schweigend biss Ruth ein Schokoladenei in zwei Hälften und schabte die schwarze Füllung mit den Zähnen heraus.
Als die SMS gekommen war, dass Mabel ihre Stadt für ein paar Tage besuchen wurde, hatte sie sich gefreut. Die Frage, wieso sie gerade jetzt hier wäre und sich nicht eher angemeldet hatte, hatte Mabel lange Zeit unbeantwortet gelassen. Erste heute dann die Offenbarung: Sie besuchte ihren Freund hier.
Ihren Freund. Als sei das selbstverständlich. Als habe Ruth wissen müssen, dass Mabel einen Freund hätte.

Dabei war Mabel überhaupt nicht verpflichtet, Ruth irgendetwas zu erzählen. Es war ja nicht Mabels Schuld, dass sich Ruth ihr so nahe fühlte, dass sie viel lieber alleine mit ihr geredet hätte, als jetzt hier zu sitzen und merkwürdige Serien anzusehen. „Um die Pausen aufzufüllen.“ Ruth hätte das dumme Gerät am Liebsten in kleine Stücke geschlagen.
Einen kleinen Moment lang war sie voller Wut.
Vor ihrem geistigen Auge sah sie, wie die Mabel und ihr Freund Körperlichkeiten austauschten, wie er das anfasste, was sie gerne angefasst hätte.
Zum Glück war ihr Mund voller Schokolade.