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(Meeres)rauschen.

Dies ist der elfte Teil einer Geschichte um ein Mädchen mit dem Namen Ina, ihren Exfreund und ihre Freundin.
1. Teil: Hoffnung. 2. Teil: Entmut. 3. Teil: Überwindung. 4. Teil: Türschwelle 5. Teil: Ina. 6. Teil: Vergessen. 7. Teil: Mullbinde.
8. Teil: Entscheidungsfindung 9. Teil: Dachboden. 10. Teil: Cercidiphyllum japonicum

Die plötzliche Wärme der Küche stach in seinen Fingerspitzen.
Ina hatte ihm irgendwann mal erzählt, dass ihr Mutter ein spezielles Wort dafür gewusst hatte, aber er konnte sich nicht mehr daran erinnern. Vielleicht war es auch nur ein Ausdruck gewesen, der nur in ihrer Familie entstanden war.

Zoës Gesicht war leicht gerötet und sie grinste Ina und ihn an. Leise, aber mit einem deutlichen Lächeln in der Stimme verkündete sie:
„Ich habe es gefunden. Wollen wir es lesen?“

Das war es jetzt. Der Moment der Wahrheit, sozusagen. Er wusste, dass das Gedicht wahrscheinlich nicht zu den Besten gehörte, die er je geschrieben hatte. Aber war es nur romantisch verklärter Kitsch oder hing mehr daran?
Vor allem aber beschäftigte ihn die Frage, wie das Gedicht wohl auf ihn wirken würde. Und wie auf Ina.
Vielleicht war es ein Fehler gewesen, nach dem Gedicht zu fragen. Aber vielleicht war es auch ein Fehler gewesen, überhaupt zu Ina zu fahren. Aber es war nun einmal so passiert und jetzt konnte er nichts mehr daran ändern.

Zoë schlug den Ordner auf dem Küchentisch auf.
Trotz ihrer offensichtlichen Vorsicht wirbelte eine beachtliche Menge Staub auf. Wie eine Art Nebel versperrte er einen Moment lang die Sicht auf das Papier und kitzelte unangenehm in seiner Nase.

Er beugte sich über den Küchentisch und spürte wie Ina und Zoë das gleiche taten. Es war ihm irgendwie peinlich, zu dritt über dieses Blatt gebeugt zu stehen, aber seine Neugier, sein Durst nach Erinnerungen war stärker. Und so las er:

Sanfter Sommerwind wispert einsame Botschaften der Sterne
in die Ohren engumschlugener Körper, stöhnend und nassgeschwitzt
Sprache nur aus Bassnoten lässt Trommelfelle vibrieren
gemeinsamer Takt verbindet über Körpergrenzen
das, was zusammengehört in dunkler Nacht

an der Küste, Grenze zur Unendlichkeit des Ozeans
an der Küste, Ziel der mystischen Reise
an der Küste, voll der Liebe und des Schweisses
an der Küste, Anfang, nicht Ende der Reise
an der Küste, wo nur Sand ein Bett bildet
an der Küste, Ursprung der gemeinsamen Gedanken

Körper nur aus Zungen und Fingern und Löchern
Alles hier ist Liebe und Zärtlichkeit und Sex und Extase
Alles hier ist Inpiration und Idee
Alles hier ist Schwermut und Euphorie und Melancholie und Sinnlichkeit
Alles hier vibriert im Lied der Sterne

Kein Brunnen, in den man hinabsteigen muss
alles liegt offen, alles Geheimnisse gelüftet
kein Fluss, der die Geschlechter trennt
alle Teile fügen sich nahtlos zusammen
kein Käfig, die Vögel zu bewahren
alle Geister fliegen hoch unter diesem Himmel

Dieser Moment gehört den Verbundenen
auf ewig festgehalten auf Papier und im Geiste
Geheimniss für alle Uneingeweihten
verschlossen im Herzen des vereinten Körpers

Alles zerfliesst in Sinneseindrücken
Geist und Körper zu oranger Masse
lieblicher Stoff der Extase
erstarrt zum Denkmal für diesen Moment

Eine Zeit lang sagte niemand was und er hatte das Gefühl, als würden beide Mädchen seinen Blicken ausweichen.

„Also es ist ja schon ein wenig kitschig, wenn man das so als Außenstehende liest.“, meinte Zoë und schaute fragend in die Runde.
Ina lächelte. Sie hatte ein Knie angewinkelt und strich mit ihrem Kinn darüber, während das andere ausgestreckt unter dem Küchentisch lag.
„Ich mag verschiedene Zeilen. Klar ist es romantisch und verklärt, aber ist das nicht auch normal in der Situation? Ich finde, man sollte das Recht haben, auch manchmal kitschig sein zu dürfen!“

Ina erinnerte sich jetzt wieder ganz genau.
Sie sah die kleine Bucht vor ihrem inneren Auge. Jene Bucht, in der sie das Gedicht zusammen geschrieben hatten.

small bay cc by Will Palmer

Sie waren den ganzen Tag unterwegs gewesen und hatten gegen Abend, als es eigentlich schon fast zu spät gewesen war, um noch irgendwo stehen zu bleiben, das Auto an einer einsamen Bucht geparkt.
Keine Menschenseele war an diesem Ort gewesen, was Ina wie ein Wunder erschienen war und die ohnehin schon mystische Aura der Bucht noch verstärkt hatte.

Wenn aus dem nahe gelegenen Wald Einhörner galoppiert wären, so hätte das Ina bei diesem nicht gestört, im Gegenteil, es wäre ihr völlig logisch und stimmig vorgekommen, sie hatte es sich schon fast erwartet.
Ein niedriger Rasen, der nach Kräutern geduftet hatte war über gegangen in einen schmalen Strand aus weißlichem Sand, an der das tiefblaue Meer gebrandet hatte. Scharfe, grauweiße Felsen, mit rotbraunen Flechten bewachsen, hatten die Bucht, die nur etwa 100 Meter breit gewesen war, abgetrennt. Hinter der Grasfläche, die wohl manchmal als Liegewiese benutzt worden war, hatte ein junger Birkenwald gestanden, durch den sie gefahren waren.

Die Sonne hatte schon ziemlich tief am Himmel gestanden, aber trotzdem hatten sie der Versuchung, in dieser Bucht auszusteigen, nicht widerstehen können.

Sie wusste nicht mehr, wer von ihnen Beiden das Wort „Nacktbaden“ zuerst gesagt hatte, dieses Konzept, das irgendetwas Verbotenes, Verruchtes hatte. Natürlich hatten sie Beide Badesachen dabei gehabt, aber das war egal gewesen, nachdem diese Idee ausgesprochen gewesen war, durch die Wortwerdung beinahe schon verstofflicht.

Und so waren sie nackt in das doch schon ziemlich kalte Wasser gestiegen – und das Eine hatte zum Anderem geführt.
Merkwürdig wie hell und klar die Erinnerungen an diese eine Nacht wieder waren, wie dieses Gedicht dies alles zurückgebracht hatte. Ina war, als könnte sie sich an jedes Detail erinnern, an den Sex, an die schier endlosen Streicheleinheiten, an die Decke, in der sie beide ihre nackten Körper eingewickelt und dann gedichtet hatten, an das Gespräch, das erst ein Ende gefunden hatte, als sie eingeschlafen war.

Sie fragte sich, ob es ihm genauso ging, ob er die gleichen Bilder vor seinem geistigen Auge hatte und vor allem wie sie sich für ihn anfühlten.

Sie selbst sah die Sache zwiespältig: Einerseits hatte er ihr weh getan – und sie ihm wahrscheinlich auch, und sie wollte nicht unbedingt viel an diese Zeit denken, auch wegen Zoë nicht. Anderseits waren die Bilder in ihrem Kopf schön, fühlten sich gut an und jagten ihr einen wohligen Schauer über den Rücken.

Sie brauchte einen Moment, um ihren Blick zu fixieren, sie hatte in die weiße Leere außerhalb des Küchenfensters gestarrt, ohne Fokus.
Zoë sah ihr direkt in die Augen, hob dabei eine Braue, als sie bemerkte, dass Ina den Mund öffnete, sich leiste räusperte und dann mit trockener Kehle in den Raum warf:
„Ich sehe diese Nacht wieder genau vor mir, obwohl ich das eigentlich vergessen hatte. Vielleicht ist das eins der schönsten Dinge, die Poesie mit uns anstellt: Sie zaubert uns Bilder in den Kopf und wenn wir selbst geschrieben haben, sind es sogar Erinnerungen, so klar wie nur selten.“

„Ich sehe sie auch“, meinte er mit belegter Stimme, „und ich weiß nicht, welches Gefühl überwiegt. Vielleicht ist es tatsächlich der Schmerz.“

Ina bemerkte wie seine Hand leicht zitterte.

(Picture cc by Will Palmer)

Mullbinde.

Dieser ist der 7. Teil einer Geschichte um ein Mädchen mit dem Namen Ina, ihren Exfreund und ihre Freundin.
1. Teil: Hoffnung. 2. Teil: Entmut. 3. Teil: Überwindung. 4. Teil: Türschwelle 5. Teil: Ina. 6. Teil: Vergessen.

[Der Autor hat wahrscheinlich zu viel Whiskey getrunken, außerdem noch anderthalb Finger breit im Glas. Obwohl er seit Wochen Tagen nichts »ordentliches« geschrieben hat, will er jetzt an seinem Epos weiterschreiben.]

Er bemerkte, dass Inas Blick auf ihr haften blieb. Wieder dieser verliebte Ausdruck in ihrem Gesicht, dieser merkwürdige Glanz in ihren Augen. Als würde sie ihre Freundin quasi von unten ansehen.

In ihrer Beziehung war es stets so gewesen, dass er sich Ina unterlegen gefühlt hatte. Sie hatte immer die weisen Sprüche gehabt, die sie ihm vor die Füße geworfen hatte, wenn er in seiner, so schien es ihm damals, grenzenlosen Naivität eine Frage, die ihm gerade so durch den Kopf gegangen war, laut gestellt hatte.
Ina war immer die Reife gewesen, für die keine Frage unbeantwortet bleiben sollte. Manchmal hatte es geschienen, als habe sie alles schon einmal überlegt, als sei sie alle möglichen Fragen des Lebens schon einmal durchgegangen und ihre Antworten dazu überlegt.

Er hatte diese Überlegenheit, die Ina nicht raushängen ließ, sondern die immer nur subtil durchschimmerte, immer auf ihr Alter zurückgeführt.
Sie war ein Jahr älter als er.
Als hätte dieses Jahr so viel bedeutet.

Er konnte sich nicht erinnern, dass diese gefühlte Unterlegenheit, die er immer gegenüber von Ina verspürt hatte, je ein Streitthema gewesen wäre. Für ihn war das einfach nur ein unterschwelliges Gefühl gewesen, und er hatte sich gut in dieser Rolle gefühlt, vor allem da Ina ihn nie von oben herab behandelte. Aber vielleicht kam es gar nicht darauf an, ob jemand sich überlegen fühlte, sondern nur darauf, dass der andere sich unterlegen fühlte.

Wie es wohl in anderen Beziehungen war? Sollte es immer einen Partner oder eine Partnerin geben, die sich unterlegen fühlte, und eine, die – und wenn auch nur in den Augen der anderen, überlegen war, die Beziehung geistig dominierte?
Hatte er sich vielleicht deshalb so viel Mühe gegeben, Ina zu gefallen, auf sie aufzupassen, ihre Wünsche zu erfüllen und sie zu unterstützen, wo er nur konnte?

Irgendwo in seinem Inneren wusste er, dass dies eigentlich Blödsinn war. Aber immerhin war es eine gute Ausrede. Wenn man sagen konnte, dass es eine feste Rollenverteilung gegeben hatte, dann war seine neuerliche Flucht zu ihr, seine überlegte Verzweiflungstat nur die letzte Konsequenz davon. Dann hatte diese Begegnung, die nun stattfand, stattfinden müssen. Dann würde jetzt alles einen Sinn ergeben, ohne dass er sich selbst erklären müsste – denn dann hätte er ja nur seine Rolle in der Beziehung zu Ende gespielt. Aber insgeheim wusste er ja, dass Ina ebenfalls oft für ihn gesorgt hatte, ihm umworben hatte, Dinge für ihn getan hatte. Und er wusste ebenso, dass auch er seine Momente hatte, in denen er auf Inas Äußerungen nur mit mysteriösen Sätzen geantwortet hatte, die ihm schon länger durch den Kopf gegangen waren.

Und trotzdem hatte er sich Ina aus einem merkwürdigen Grund heraus immer unterlegen gefühlt.
Irgendwo in der Ferne bellte ein Hund. Vor seinem geistigen Auge sah er einen großen schwarzen Hund, mehr ein Bär als ein Haustier, der bedrohlich sein Revier verteidigte. Dieses simple Geräusch hatte ihn aus seinem Gedankenstrom gerissen.

Er merkte, dass er wohl für einige Zeit aus dem Fenster gestarrt hatte, abwesend. Ina rührte in ihrer Teetasse, obwohl sie sich keinen Zucker genommen hatte. Sie hatte noch nie Zucker genommen.

[Der Autor nimmt einen Schluck Whiskey aus der Flasche. In seinen Kreisen gehört Alkohol- oder Drogeneinfluss beim Schreiben zum guten Ton, offensichtlich.]

»Ich frage mich, ob du wirklich ohne eine fixe Idee hier her gekommen bist, oder ob du einen Plan hattest. Ich finde nicht, dass es zu dir passt, etwas so kopfloses zu tun. Zumindest unterschwellig hattest du eine Idee, oder? «
Ein wenig Flehen lag in ihrer Stimme. Als ob sie nicht wollte, dass ihr Bild von ihm jetzt vollends zerstört wurde, als ob das für sie wichtig wäre.

»Wahrscheinlich, ja.«
Er sah sie nicht an, schaute auf den Boden, blickte nicht einmal auf ihre Schuhspitzen.
»Vermutlich hast du Recht. Ich bin nicht wirklich grundlos hier her gefahren, ich hatte wohl das Gefühl, die fixe Idee, dass irgendetwas großartiges passieren würde, wenn ich diese Reise zu dir auf mich nehmen würde und dann vor deiner Tür stünde.«

Ina hatte aufgehört, in ihrem Tee zu rühren.
Normalerweise hätte sie jetzt einen Spruch von sich gelassen, etwas über weibliche Intuition gesagt und er sich wieder unterlegen gefühlt. Nichts von alledem.

»Ich hatte es geahnt. Oder mehr noch, gehofft.«
Er, verwundert:
»Wieso gehofft?«
»Nicht bevor du hier warst. Aber jetzt, da du hier bist, wollte ich nicht, dass du grundlos hier bist. Ich habe dich nicht als einen Menschen in Erinnerung, der sowas tut. Und ich will nicht, dass mein Bild von dir, so sehr es auch nur auf den guten Eindrücken basiert, so viel es auch nur Schwärmerei ist, zerstört wird. Ich habe damals beschlossen, dass ich das Übele und Schlechte nicht über die schöne Zeit siegen lasse.
Ich habe die Zeit mit dir quasi süß eingemacht und will nicht, dass mir die Erinnerung im Glas bitter wird.«

»Aber alles, weswegen ich wahrscheinlich hier bin, was ich selbst nicht einmal so genau sagen kann, weil es mehr mein Inneres war, nicht so sehr meine Ratio, hat sich nun in Luft aufgelöst. Ich sehe dich und deine Freundin..«

»Sie heißt Zoë.«
Ina sprach ihren Namen so zärtlich aus, dass man den Eindruck hatte, sie wolle ihre Freundin mit ihren Worten streicheln. Und Zoë lächelte. Sie hatte ihre Füße auf dem Stuhl und die Beine angewinkelt, streichelte sich selbst über ihre Arme. In ihren Augen, trotz ihrer Farbe tief wie ein skandinavischer See, lag eine unausgesprochene Weisheit.

Er atmete vor dem Sprechen nervös ein, als müsse er nach Luft ringen, um den Satz überhaupt über die Lippen zu bringen.
»Ich sehe dich und Zoë hier, und alles wirkt so glücklich und friedlich und … perfekt. Und dann komme ich mit meinem blöden, nicht einmal in Gedanken ausgesprochenen Plan daher und will von dir empfangen werden wie ein Retter, ein Gott aus der Maschine, der im letzten Moment alles ins Lot bringt. Und dabei gibt es keine Notsituation. Du bist gar nicht alleine hier in der Einöde!«

Einen kurzen Augenblick sah es so aus, als wolle Ina sich auf ihn zubewegen.
»Aber das ist doch furchtbar lieb. Rührend, sozusagen.«
Sie sah wieder ihre Zehen an.
»Ich habe dich ja vermisst. Aber nicht als meinen Freund, nicht als Partner, sondern als Menschen. Als jemanden, mit dem ich die Poesie des Alltäglichen bereden kann.«

Snowstorm (image cc by Walter Parenteau

[Der Autor nimmt einen weiteren Schluck Whiskey aus der Flasche, während der nächste Satz in seinem Kopf wächst.]

Seine Stimme wurde lauter, erregt.
»Aber das kannst du doch sicher auf mit Zoë! Dazu brauchst du mich doch nicht!«

Sie antwortete ruhiger, als er es nach seinem erhitzen Ausruf erwartet hätte:
»Natürlich kann ich das. Und natürlich brauche ich dich nicht. Aber darum geht es nicht. Es geht doch nicht darum, ob wir einen Menschen unbedingt brauchen, sondern ob wir ihn mögen, ihn bei uns haben wollen, Dinge zusammen mit ihm erleben wollen – und im allerbesten Falle: Kunst mit ihm schaffen wollen.«

Kunst zusammen schaffen.
Das war ein wundervolles Konzept. Er hatte einige Gedichte über Ina geschrieben, an denen sie nicht ganz unbeteiligt war. Er erinnerte sich an eine heiße Nacht, in der sie nicht schlafen konnten. Zum einen, weil sie bei jeder Berührung schwitzten und auch, weil sie einfach nicht müde waren, aus welchem Grund auch immer. Er hatte sein omnipräsentes Notizbuch herausgenommen und einfach angefangen, zu schreiben.

Er konnte sich nicht einmal mehr an eine Zeile erinnern. Hatte er überhaupt noch eine Kopie, oder hatte er ihr das Blatt mitsamt Gedicht geschenkt, ohne es je abzuschreiben?

Der Gedanke daran, dass dieses Stück gemeinsame Kunst jetzt verloren sein sollte, machte ihn traurig. Er hatte das Gefühl, die Welt sei mit einem Male dunkler geworden. Sein Blick wanderte nach draußen. Aus dem Schneeregen war ein richtiger Schneesturm geworden, der sich wie eine Mullbinde auf die Landschaft und auf sein Gemüt legte.

Image cc by Walter Parenteau

Vergessen.

»Ich bin gekommen, weil ich bei quasi allem, was ich tue, an dich erinnert werde, weil jeder Gedanke an dich noch immer so schmerzt wie kurz danach. Ich könnte dich nicht einmal hassen, denn das würde bedeuten, dass ich diesen Sommer, den wir gemeinsam erlebt haben, vergessen müsste.«
Seine Stimme klang kratzig, als hätte er seit Stunden nichts getrunken. Dabei hatte er einen Moment davor kurz an seinem Tee genippt.

Er wollte nicht vergessen. Und gleichzeitig hatte er den Wunsch, eines Tages aufzuwachen und sich an nichts mehr zu erinnern, sie aus seiner persönlichen Geschichtsschreibung auszulöschen. Ein weißer Fleck auf der Landkarte in seinem Kopf. Aber das konnte nicht die Lösung sein. War es die Lösung gewesen, hierher zu kommen und ihr das alles zu erzählen?

Ina strich sich über die Arme. Hatte sie eine Gänsehaut? Sie sah ihn nicht an, während sie sprach, und ihre Haare verdeckten seine Sicht auf ihre Augen.

»Was aber willst du, dass ich dir sage? Was soll ich bitteschön tun? Wenn ich mich nach dir sehnen würde, hätte ich dir das gesagt, aber eigentlich war ich froh darüber, dass du aus meinem Leben verschwunden warst. Du warst weit weg, wie ein böser Alptraum am nächsten Tag, und das fühlte sich…«
Sie stockte einen Moment, strich sich wieder mit den Händen über die verschränkten Arme, holte Luft, ehe sie weiterfuhr: »Das fühlte sich richtig an.«

»Wieso?«
Die Frage kam aus ihm herausgeschossen, ohne dass er es wollte, scharf und mit naiver Wut und Unglauben.
Aber hatte er nicht bis vor letzter Nacht das gleiche gedacht und gefühlt? War er es nicht gewesen, der für sich entschieden hatte, keinen Kontakt mehr mit ihr zu haben?

Ina sah ihn verwundert an. Sie hatte sich wohl keinen so scharfen Ton erwartet. Die Anklage, die in seiner Stimme gelegen hatte, traf sie. Dann blickte sie wieder auf ihre Füße, weiter ihre Arme verschränkt, langsam mit ihren Zehen spielend.

cc by Meredith Greenwood

»Wahrscheinlich, weil ich nicht wollte, dass es weh tat, wenn ich an den Sommer dachte. Vielleicht wollte ich auch überhaupt nicht mehr daran denken, dass du je existiert hast, dass wir Zeit miteinander verbracht hatten, um keinen Schmerz zu spüren. Manchmal scheint es doch das Beste zu sein, alles zu vergessen.«

Vor unendlich langer Zeit hatte es eine Ina gegeben, die gesagt hatte, dass man nichts vergessen dürfe, auch nicht die schlechten Erfahrungen. Das war die Ina gewesen, in die er sich damals verliebt hatte. Eine Ina, die er noch nicht verletzt hatte.

Inas Freundin hatte sich bisher still verhalten, das Gespräch der beiden beobachtet und von Zeit zu Zeit geräuschlos einen Schluck Tee getrunken, vor allem während den Pausen, die dem ganzen etwas quälendes verliehen, als würde jeder den anderen mit einem Moment der Stille foltern wollen.
Doch jetzt sagte auch sie etwas, mit ruhiger, fast schon heiserer Stimme:
»Vergessen ist schlecht. Alte Menschen vergessen Teile ihres Lebens. Ihnen haftet eine Traurigkeit an, eine Melancholie des Nicht-Vergessen-Wollens. Auch wenn Erinnern Schmerz bedeutet, so ist es besser, als überhaupt nichts mehr zu wissen. Das, was wir erlebt haben, wird zu einem Teil von uns, und wenn wir es mit einem Menschen zusammen erlebt haben, wird dieser Mensch somit auch ein Teil von uns. Wie die Splitter eines Hologramms immer das ganze Bild enthalten, so enthält die Erinnerung immer ein Bild, eine Momentaufnahme dieses Menschen.«

Sie errötete leicht, weil Ina und er auf sie starrten und sie fragend ansahen. Sie wich den Blicken peinlich berührt aus und starrte weiter, wie beim Reden schon, aus dem Fenster, wo sich ein weißer Flaum vom Schneeregen auf die Welt legte, um dann wieder so schnell zu verschwinden, wie er gekommen war.

(Photo cc by Meredith Greenwood)

Ina.

[Der Autor sitzt vor dem Bildschirm, löscht das Licht. Alles um den Text herum ist dunkel. Die Musik, god is an astronaut, vielleicht noch ein wenig lauter. Und dann lehnt sich der Autor zurück, ist mit den Gedanken wieder in der Badewanne. Der Text schreibt sich selbst.]

Wieso hatte sie ihn das alles gefragt? Wieso war sie freundlich, wieso stellte sie ihm solche Fragen? Sollte sie sich nicht bedroht fühlen und eifersüchtig ob seiner bloßen Anwesenheit hier sein? Er wusste, dass er so reagieren würde.
Er mied ihren Blick, schaute stattdessen auf den Grund seiner Teetasse. Ina mochte schwarzen Tee, sie trank nur diesen, in der kalten Jahreszeit oft literweise, hatte sie immer gesagt. Aber auch im Sommer hatte sie ihre Morgen so begonnen, noch vor der Morgentoilette.

Schritte im Treppenhaus. Nackte Füße auf Holzfußboden. Er sah Inas Füße wie in einem Film vor seinem inneren Auge, erinnerte sich genau daran, wie sie aussahen, wenn sie sie über diese Treppe, die er auch kannte, bewegten und wie sie, die hier jeden Quadratmillimeter kannte, alleine durch die Art ihrer Bewegungen die Herrschaft über dieses Haus bewies.

Er wusste, dass er die Konfrontation jetzt nicht mehr herauszögern konnte. Aber wieso war er jetzt noch hier? Wieso saß er mit seiner »Nachfolgerin« an einem Tisch und trank schweigend Tee? Er hätte schreien, toben, fluchen sollen, eine Szene machen, die Ina aus ihren sicherlich wohligen Träumen gerissen hätte – nur um dann wieder zu verschwinden, diesmal mit einer Flasche Tequila auf dem Beifahrersitz.

Das blutige Bild seiner eigenen Leiche in einem Autounfall zuckte für einen Moment vor seinem geistigen Auge. Er schüttelte sich wie nach einem zu großen Schluck hochprozentigem Alkohol.

Inas Freundin sah unschlüssig zu der geöffneten Küchentür. Sie überlegte wohl, ob sie die Überraschung ankündigen sollte oder nicht. Allem Anschein nach entschied sie sich für dagegen. Vielleicht wollte sie, dass Ina ihm eine Szene machte. Ihre Motive waren wie von Nebel umhüllt. Vielleicht hatte sie ihm deshalb Tee gekocht und ihm Fragen gestellt, um selbst wie im Wasserdampfnebel zu verschwinden, vor seinen Fragen zu flüchten. Er hatte ja nicht mal Gelegenheit gefunden, sich nach ihrem Namen zu erkundigen, so sehr hatte sie ihn überrannt.

Das Knarren der zweitletzten Stufe. Oder die zweite, wenn man hochstieg. Die Treppe zum Himmel knarrt auf der zweiten Stufe, hatte Ina ihm einmal während einer seiner ersten Besuche ins Ohr geflüstert. Es muss mitten in der Nacht gewesen sein. Einen Moment lang fragte er sich, was mehr schmerzte: Die Erinnerung oder das langsame Vergessen, bei dem alles neblig wurde, zu einem Brei aus Sätzen, Bildern, Sinneseindrücken, auf die man sich keinen Reim mehr machen konnte, die irgendwann keinen chronologischen Sinn mehr ergaben und schlussendlich zerbröckeltes wie uraltes, vergilbtes Pergament.

wooden stair cc by van Ort

Ina übersprang die erste Stufe nicht, wie sie es in Momenten der Euphorie oft getan hatte. Dann war das Klatschen ihrer nackten Fußsohlen auf den glatten Dielen des Flures deutlich zu hören gewesen. Sie musste noch müde sein. Eine lange Liebesnacht? Wieso war ihre Freundin denn schon auf? Gleich nach diesem Gedanken tat er ihn wieder als dumm weg. Als müsse man als Liebespaar immer gleichlang schlafen.

Er hielt die Luft an. Zählte die Schritte.

»Guten Morgen, Maus!«
Und dann stand sie da, im Türrahmen, mit dem Blick, mit den er so oft in ihrem Gesicht gesehen hatte, den er so geliebt hatte. Es war Hingebung und Verliebtheit, vielleicht sogar ein wenig Libido in diesem Blick.

[Der Autor zündet ein Räucherstäbchen an, löscht wieder das Licht und nimmt sich vor, wie ein Irrer zu tippen. Ob es er schafft, auch den bereits geschriebenen Text zu überarbeiten? Außerdem Husten und ein wenig Halsweh.]

»Wir haben Besuch, Ina.«, antwortete die Angesprochene in einem ziemlich schroffen Tonfall.
Inas Blick änderte sich ziemlich schnell. Es war nicht Wut, sondern eher Trauer, die sich zeigte. Sie sah nicht glücklich aus.

»Was machst du denn hier?«, fragte sie, emotionslos, geradezu kalt, während ihre Freundin ihr Tee ausschenkte und sie sich setzte. Sie trug ein übergroßes T-Shirt und Boxershorts.

Was sollte er antworten? Er wusste ja selbst nicht einmal mehr, wieso er überhaupt noch hier war. Wahrscheinlich, um seine Liebe zu ihr zu gestehen – aber was für eine Liebe war das, und welche Ina liebte er? Denn er wusste, dass sie nicht mehr jene Person war, die in seinen schlaflosen Nächten in seinem Kopf herumgespuckt war, dieser mystifizierte Engel, der nichts mit der Realität zu tun hatte, sondern ein normaler Mensch aus Fleisch und Blut, mit seinen Schwächen und Stärken.

»Ich weiß es eigentlich selbst nicht.«
Seine Stimme zitterte.
»Ich bin die ganze Nacht gefahren, um dich zu sehen. Ich wusste nicht, dass du mittlerweile eine Freundin hast. Tut mir Leid. Ich hätte das nicht tun sollen, ich hätte nicht einfach so hier auftauchen sollen.«

Ina trank Tee, setzte ihre Tasse nieder. Ein Geräusch in der Stille der Küche, beinahe schon erlösend. Mit jeder Sekunde ihres Schweigens verhallten seine Wörter weiter, so, als ob er nie gesprochen hätte.

Schweigen. Zwischen ihm und Ina hatte es manchmal Situationen gegeben, in denen Schweigen wie ein Heilmittel gewirkt hatte. In den seltenen Fällen, in denen sie an das Ende eines Gespräches gelangt waren, alle möglichen Gedankenfäden abgesponnen hatten und alle Diskussionen geführt hatten – das war meistens nur am Ende einer langer Nacht der Fall gewesen, hatten sie sich angeschwiegen. Es war ein durchaus behagliches Schweigen gewesen, ganz anders als das, was jetzt herrschte.

Er erinnerte sich an eine Autofahrt, die mit viel Gespräch begonnen hatte, und dann, als jedes Wort zu schwer und jeder Satz zu lang erschienen hatte, war das Schweigen ihre Medizin gewesen. Sie hatte mitten im Satz aufgehört zu sprechen, als sie gemerkt hatte, dass sie sich nur noch wiederholten, und er hatte nichts mehr gesagt. Nicht einmal mehr Musik war gelaufen. Das Ende der Kassette, das Ende der Wörter, nur noch Stille und Motorenlärm.

Ina hatte später gesagt, sie brauche das Schweigen manchmal, einfach nur, um nicht das Gefühl zu bekommen, reden zu müssen. Und sie wäre glücklich darüber gewesen auch einfach einmal die Stille genießen zu können. Anfangs hatte er das Gefühl nicht uneingeschränkt geteilt, vor allem da ihr Abbrechen mitten im Satz ihn im ersten Moment irritiert hatte. Im Nachhinein hatte er das Gespräch mit sich selbst geführt, sich auf seine eigenen Gedankengänge während der Fahrt geantwortet.
Auf die Frage, woran sie dann während dem Schweigen gedacht hatte, hatte sie damals nur mit einem Schulterzucken antworten können. Sie hatte es nicht mehr gewusst. Wie weiße Flecken auf der Landkarte ihrer Erinnerung. Vielleicht hatte sie sich so sehr auf die Landschaft konzentriert, dass sie überhaupt nicht mehr gedacht hatte.

Sie schwiegen noch immer. Die Geräusche des Frühstücks brachten eine merkwürdige Banalität in die Situation, ohne einen von ihnen in die Normalität zurückzuholen. Während eines kurzen Augenblicks blickte er Ina in die Augen. Sie hielt seinem Blick stand.
Fast kam es ihm vor, als zählte sie innerlich die Sekunden.
Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf.
Dann senkte er wieder seinen Kopf und sah in die Tiefen seiner Teetasse.
Sie biss in ein Brötchen, um sich kurz danach einen Rest Haselnusscreme mit der Zunge vom Mundwinkel zu lecken. Fast hatte er grinsen müssen. Manche Dinge änderten sich nie.

»Du spinnst.«
Das war das erste Wort nach diesem langen Schweigen. Sie sprach es nicht wütend aus, sondern fast liebevoll, als würde sie ihn necken wollen.

Er starrte sie an, unfähig, irgendetwas zu antworten. Zuerst einmal, weil er nicht wusste, wie ihre Worte genau gemeint waren, und auch, weil er keine Ahnung hatte, wie er auf solch eine Äußerung, egal, wie sie gemeint war, reagieren sollte.

[Der Autor hat einen bösen Hustenanfall und denkt sich, er sollte aufhören, ständig seinen Zustand zu beschreiben.]

»Ich weiß überhaupt nicht, was ich sagen soll. Du meldest dich über Monate lang überhaupt nicht, wohl auch, weil wir gesagt haben, wir würden das mit dem Kontakt erst mal eine Weile ruhen lassen, und dann stehst du an einem verregneten Morgen hier in meiner Küche und erzählst mir, du seist die ganze Nacht zu mir gefahren und wüsstest selbst nicht, warum. Du spinnst. Aber ich kann dir nicht einmal wütend sein.«

»Du hättest aber guten Grund dazu. Ich bin einfach hierher gekommen, ohne mich anzumelden, störe euch beide beim Frühstück und erwarte auch noch, dass du mir die Antwort lieferst, wieso ich denn zu dir gekommen bin.«

Ina blickte ihn mit großen Augen an. Er mochte ihre Augen, besonders wenn sie irgendwelche Grimassen damit schnitt. Sie hatte eine besondere Art in der Beherrschung ihrer Mimik, was sie immer besonders ausdrucksstark erscheinen ließ.

»Ich kann dir nur sagen, was ich vermute. Ich denke mal, du bist noch nicht wirklich über diese lange Zeit und ihr abruptes, unschönes Ende hinweg. Genauso wenig wie ich. Und du hast wahrscheinlich keine Arme gefunden, in denen du Zuflucht suchen kannst. Und jetzt bist du gekommen, um mich erneut in den Arm nehmen zu können.«

Mit einem Male fühlte er sich sehr behaglich und zugleich merkwürdig unerwünscht auf diesem Stuhl in dieser Küche, die so voller Erinnerungen und Gewürze war. Er fühlte sich durchschaut und unverstanden zugleich.

(Photo cc by van Ort)

Türschwelle

Sie hatte also eine Freundin.

Das war neu für ihn. Er hatte schon immer gewusst, dass sie bisexuell war und auch schon mit Frauen zusammen gewesen war, aber für ihn war das mehr ein reizvolles Geheimniss gewesen als eine Tatsache, der er viel Beachtung geschenkt hatte. Er war nie auf andere Mädchen eifersüchtig gewesen, sondern immer nur dann, wenn sie einem anderen Typen zu lange in die Augen gesehen hatte.

Das Mädchen, oder die Frau – er hatte noch nie gewusst, wie er die beiden Begriffe voneinander trennen sollte, da es für ihn eine Gefühlssache war, wie er diese beiden Wörter verwendete, und Frau passte einfach nicht – es war aber das Wort, das beschrieb, wie die beiden sich wahrscheinlich sahen: als Frauen, sprach:
»Hallo? Du willst bestimmt zu …«
In ihrer Stimme lag Wärme, und trotzdem fiel er ihr ins Wort. Er war unbeherscht, er wollte sie sehen, er wollte vor ihr auf die Knie fallen, er wollte sein verrücktes Vorhaben in die Tat umsetzen. Das Mädchen war dabei bloß ein weiteres Hinderniss auf seiner Odysee.
»Ja. Wo ist sie?«
»Sie schläft noch. Komm doch rein, du hast bestimmt eine lange Reise hinter dir?«

Wusste sie, wer er war? Wieso war sie so freundlich zu ihm? Er hätte jeden Verehrer vor die Tür geschmissen, ihm gesagt, er solle seine Verrücktheiten unter der kalten Dusche oder im Schneeregen noch einmal überdenken. Und sie, dieses Mädchen, das jeden Grund gehabt hätte, misstrauisch zu sein, liess ihn einfach so herein? Noch dazu in ein Haus, das nicht ihr gehörte?

»Sie hat mir Fotos von dir gezeigt, deshalb weiß ich, wer du bist. Mit langen Haaren hast du übrigens besser ausgesehen.«
Wieder dieses Lächeln. Wäre die Situation nicht so absurd gewesen, wäre er vor diesem Mädchen ebenso dahingeschmolzen wie damals, im Frühling, als er das Ziel seiner Reise kennengelernt hatte.

Er trat wortlos ein, versuchte, zu Lächeln und bemerkte, wie ihm unwillkürlich ein wohliger Schauer über den Rücken lief. Die wunderbare Wärme dieses Hauses löste fürs Erste keine Erinnerungen aus, sondern Wohlbehagen. Er mochte die hellen, warmen Farben, den knarrenden Holzfußboden und die alten Möbel, wie die Kammode, die im Flur stand, und wo er, ohne es Recht zu bemerken und seiner alten Gewohnheit folgend, seine Schuhe auszog.

Dann erst setzte der Schmerz wieder ein. Es fühlte sich an, als ob man nach langem Aufenthalt in der Kälte in ein warmes Zimmer kommt und die Fingerkuppen zu schmerzen beginnen.

Die Unbekannte ging in die Küche, und er folgte ihr, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Er hatte wohl ihr Grinsen gesehen, als er seine Schuhe ausgezogen hatte, wollte aber nichts sagen. Was denn auch? Unwillkürlich starrte er ihr auf den Hintern und sah dabei wieder die Trainingshose.

Er konnte sich ganz genau an die Situation erinneren, wie diese Shorts den Besitzer gewechselt hatten. Normalerweise waren seine Erinnerungen an ihre wilden Nächte eher schwammig, er konnte sich nicht wirklich an viele Einzelheiten entsinnen, es sei denn, sie hatten an einem Abend etwas sehr spezielles ausprobiert oder waren an einem anderen Ort als dem Bett, das sich nun ein Stockwerk über ihm befand, gewesen. Aber mit dieser Nacht war es anders. Jedes noch so kleine Detail war haften geblieben, und mit dem Anblick der Shorts kam ihm wieder alles ins Gedächniss.
Er hatte die Gewohnheit, nach dem Akt seine Kleidung zu wechseln, und auch wenn nicht wirklich Grund dazu bestand, tat er es. So auch dieses Mal. Er war aufgestanden gewesen und hatte ihren Blick genossen, während er sich frische Unterwäsche angezogen hatte.
Und sie hatte sich seine Trainingsshorts, die für ihn fast zu kurz waren – und ihr deshalb auch nicht mal bis in die Mitte ihrer Oberschenkel reichten, genommen und angezogen. Ohne sonst etwas drunter anzuziehen. Er tolerierte diese Enteignung mit verliebter Verspieltheit und dem Wissen, dass sie wusste, wie sehr ihn seine eigene Kleidung an ihrem Körper anzog.

Das Mädchen schaltete einen Teekocher ein. Sie fragte, wieder mit dieser sanften, einladenen Stimme:
»Magst du einen Tee haben? Ich kann dir leider nur schwarzen anbieten! Und setz dich doch bitte.«
Er tat wie ihm geheißen und antwortete, ohne Recht zu Überlegen:
»Ja, gerne. Mit Zucker, bitte.«
Bald erfüllte der herliche Geruch von frischem, losen Tee die kleine Küche, die ungewohnt sauber und aufgeräumt wirkte. Aber er war es ja auch immer gewesen, der mit seinen Kochversuchen alles durcheinander gebracht hatte. Wie süße Nebelschwaden dampfte es aus dem Teekrug, als das Mädchen seine und ihre eigene Tasse füllte. Sie setzte sich zu ihm und sah ihm lange in die Augen.

cc by slambo_42

»Du bist aus gutem Grund hier. Aber irgendetwas sagt mir, dass du damit gerechnet hast, Ina alleine anzutreffen?«
Ina. Der Klang ihres Namens löste wieder Gänsehaut auf seinem Rücken aus.
Er nahm einen großen Schluck Tee, um nicht sofort antworten zu müssen.
»Ich wusste nicht, dass sie … dass sie eine Freundin hat.«
»Wusstest du nicht, dass sie bi ist, oder wusstest du nicht, dass sie vergeben ist? Ich meine, dass Ina das eine nicht unbedingt an die große Glocke hängt, weiß ich, aber ich dachte, sie hätte wenigstens den meisten Leuten erzählt, dass sie nicht mehr zu haben ist?«
Die Stimme des Mädchens klang verwundert, es schwang sogar ein klein wenig Verärgerung mit.

»Ich habe schon seit Monaten keinen Kontakt mehr mit ihr. Weder über Telefon, SMS noch über Internet. Ich hatte einfach angenommen, sie sei alleine. So wie ich.«
Sofort nach dem letzten Satz hätte er sich dafür am liebsten selbst auf die Zunge gebissen. Er wollte nicht vor Inas neuer Freundin die Mitleidstour ausprobieren. Sie wirkte nicht so, als ob sie auf so etwas anspringen würde und ausserdem … war sie vergeben.
Er schluckte bei dem Gedanken.

Sie lächelte wieder und fragte sanft, so, als hätte sie seinen letzten Satz nicht gehört oder eher noch, als sei ihre Frage die einzig gültige Antwort darauf:
»Wie war das eigentlich damals bei euch? Wie hast du Ina kennengelernt? Sie hat mir nie viel von euch beiden erzählt.«

Damals. Das Wort machte ihn wütend, obwohl es zu seinem Gefühl passte. Alles mit Ina schien ewig lange her zu sein, und alles was er jetzt noch in Verbindung mit ihr tat schien wie Archäologie zu sein. Trotzdem entfachte das Wort „damals“ in ihm ein kleines Feuer, das er sich nicht anmerken lassen wollte, denn eigentlich entsprach es genau seinem Gefühl, das wie ein schweres Tuch über der hellen Küche lag.
Er öffnete den Mund, um ihr zu antworten, da war das laute Knarren einer Tür im Obergeschoss zu hören.

Sein Herz machte einen Sprung.

(Photo cc by slambo_42)

Überwindung.

Die Dunkelheit umschloss ihn nicht mehr wie ein düsterer Schutzmantel aus Abwesenheit von Licht. Wie merkwürdig. Dunkelheit war bloß die Abwesenheit von Licht. War Schmerz nur die Abwesenheit von Freude? Nostalgie nur die Abwesenheit von richtigen Dingen, die man erleben konnte?
Es waren nur noch wenige Minuten bis zu ihrem Haus, und die Nacht hatte sich in einen grauen Morgen verwandelt, düster und regnerisch. Wieder trommelten dicke Tropfen auf der Scheibe, vermischt mit Schneeflocken.

Er hatte seine verrückte Idee durchgezogen. Oder er würde sie durchziehen. Er hatte ihr Land durchquert, hatte den Erinnerungen an jedem Baum, an jedem der verstreuten Häuser, an jeder Kreuzung und Biegung getrotzt, sich auf seinen Schmerz konzentriert und war einfach gefahren, gefahren, bis jetzt. Und jetzt?

Dieses Gefühl kannte er, aber eher aus anderen Situationen. Als er mit ihr in Urlaub gefahren war, hatten sie das gleiche gehabt. Kurz vor ihrer Ankunft hatten sie sich gefragt, wieso sie eigentlich so furchtbar lange mit dem Auto unterwegs gewesen waren, was denn eigentlich so toll an ihrem Ziel sei. Er konnte sich die Frage damals nicht beantworten, aber sie hatte wie so oft einen philosophischen Satz gefunden, der ihn auf andere Gedanken gebracht hatte. Vielleicht hatten sie aber auch nur über ein Mädchen gelästert, das zufällig über die Straße gelaufen war.

Jetzt lief niemand mehr über die Straße, denn hier gab es niemanden, der über die Straße laufen konnte. Diese Gegend war leer, und jene, die hier lebten, war weit über das eintönige Land verstreut. Gottverlassen hatte sie es genannt, doch in Wahrheit waren es die Menschen, die diesen Landstrich verlassen hatten – nicht, dass es je viele gewesen wären, und mit ihnen hatten sich die Kirchen, die sie als Beweis für die Abwesenheit eines Gottes – zumindest in ihrer Gegend, gesehen hatte, geleert.

cc by Quinn Anya Dombrowski

Keine Musik mehr im Auto. Alle Sender spielten unpassende Musik, alle Kassetten waren zu oft gehört.

Es war nun nicht mehr weit. Er fuhr langsam, um seine Ankunft nicht durch lautes Motorengeräusch frühzeitig anzukündigen. Als ob man ihn bei all dem Schneeregen überhaupt hören würde. Ob sie jetzt schon wach war? Er wagte es nicht, auf die Uhr zu sehen, weil er nicht feststellen wollte, dass er eigentlich noch warten sollte, ehe er sie aus dem Bett klingelte. Es gab hier keinen Ort, an dem man warten konnte.

Noch drei Kurven. Hier hatten ihre langen Sommerspaziergänge durch das kleine Wäldchen in der Nähe immer ihr Ende gefunden. Meist war es schon dunkel gewesen, wenn sie zurückgekommen waren, und um die hohe Straßenlaterne mit ihrem fahlen, mondscheinähnlichen waren Myriaden von Insekten geschwirrt. Nachtfalter, Mücken und dicke Käfer, angezogen von dem künstlichen Licht, bald im Netz der Spinnen.
Sie hatte damals gesagt, dies sei eine Metapher für die Menschen. Wir würden immer nach Glück streben, blindlings darauf zulaufen, ohne auf die Gefahren zu achten. „Das Licht am Ende des Tunnels ist nur allzuoft mit einem Spinnennetz überzogen“ war einer ihrer Sätze gewesen.
Er bekam heute wie damals bei dem Gedanken Gänsehaut und ein kalter Schauer fuhr ihm über den Rücken.

Noch zwei Kurven.
Er erinnerte sich an keine spezielle Situation zu diesem Ort. Aber er wusste, dass sie etliche Male hier vorbeigelaufen waren, und sicher hatte er sie auch einmal in einem Anflug von Leidenschaft hier geküsst. Sie hatten sich so oft geküsst. Er wollte nicht daran denken, sich nicht das Gefühl zurückrufen, wie es war, ihre Zunge in seinem Mund zu spüren, mit ihr zu spielen, diese Verbindung, die nur non-verbal sein konnte, einzugehen. Vielleicht war das ein Paradoxon ihrer Beziehung: Sie, die so viel miteinander redeten, Nächte damit verbrachten, sich gegenseitig zu erzählen und philosophische Gedankengänge auszubauen, küssten sich gleichwohl so oft, wobei sie nicht reden konnten.

Noch eine Kurve. Er fuhr noch langsamer. Er wollte nicht, dass sie wusste, dass er kommen würde, dass sie sich vorbereiten konnte. Er wollte vor ihrer Tür sehen und ihr Erstaunen, ihr hoffentlich freudiges Erstaunen sehen.
Gleichzeitig schwand sein Mut wieder, seine Hände und Unterarme kribbelten so stark, dass es schmerzte.

Er blieb stehen. Es gab kein Haus gegenüber von ihrem, so dass er dort parken konnte.
Er schaltete den Motor ab. Kein Geräusch mehr ausser dem monotonen Hin- und Her der Scheibenwischer, die die Frontscheibe von dem weißgrauen Schneeregen befreiten. Klare Sicht. Das war es, was er jetzt brauchte. Er fühlte sich aber als sei das komplette Gegenteil der Fall.
Wie im Traum richtete er seinen zerknitterten Pullover, strich sich durchs Haar, trank einen Schluck Wasser aus der warmen Plastikflasche, die auf dem Beifahrersitz lag. Dann zog er den Schlüssel aus dem Schloß und stieg aus.

Der frischgefallene Schneematsch knirschte leicht unter seinen dünnen Turnschuhen. Unbelehrbar, was festes Schuhwerk angeht, hatte sie immer gesagt. Dabei hatte sie öfters kalte und nasse Füße gehabt als er. Oder es öfters zugegeben.

Der kurze Weg über die Straße, über den Bürgersteig bis hin zu ihrer Haustür schien ihm endlos. Irgendwo bellte ein Hund. Sie hatte von einer Freundin erzählt, deren Hunde einmal einen Liebhaber gebissen hatten. Es hatte sich nachher herausgestellt, dass der Typ ein richtiges Arschloch war – das jedenfalls war ihre Schlussfolgerung gewesen.

Er atmete die kalte, feuchte Luft ein. Sie schmeckte nicht so frisch wie im Sommer, aber nach den langen Stunden der gefilterten und abgestandenen Autoluft war sie geradezu köstlich. Er wusste, dass er nun den Klingelknopf drücken musste. Er konnte sich noch einige Minuten lang damit ablenken, die bekannte weiße Fassade und die bekannten merkwürdig grünen Fensterläden und -rahmen zu betrachten und sich über die moderne Tür zu wundern, die nicht so recht zu passen schien, obwohl sie farblich und stilistisch genau angepasst war. Aber er würde diesen Knopf drücken müssen. Er konnte nicht so lange wie im Fieberwahn gefahren sein, um bei Sonnenaufgang bei ihr zu sein, um jetzt, vor dem Ziel, aufzugeben. Er wusste, dass er das nicht konnte, nicht wollte, und auch nicht tun würde.

Also klingelte er. Und nahm tief Luft.
Wieder bellte weit entfernt ein Hund.

Durch das kleine Milchglasfenster auf Sichthöhe sah er Bewegung auf der anderen Seite. Sein Herz raste. Das Kribbeln in seinen Händen war wieder da.

Die Tür ging auf. Geradezu geräuschlos.
Eine fremde Person starrte ihn an.
Ein Mädchen. Ihr Gesicht war rundlich, mit großen, hellen, braunen Augen und einem breiten Mund. Ihre Unterlippe war gepierct, ein dicker Ring. Ihr Haar war kurz, in einem grellen Blau gefärbt und wirkte strohig.
Sie war schön.
Ihr weites dunkelblaues T-Shirt konnte ihre in seinen Augen vorteilhafte Oberweite nicht verstecken, die nicht so recht zu ihrer restlichen zierlichen Figur passen wollten. Sie war barfuß. Er hatte ganz vergessen, dass das Haus über eine Fußbodenheizung verfügte.
Und sie trug knappe, schwarze Trainingsshorts.
cc by Jennanana

Er wusste, wem diese Shorts gehörten.

Fotos: Auto: cc by Quinn Anya Dombrowski ¦ Haare: cc by Jennanana