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das letzte Stück

Das letzte Stück Schokolade im Universum.

Oder eher: das letzte Stück „echte“ Schokolade im Universum.
Er wollte gar nicht drüber nachdenken, wie Jasmin in den Besitz dieser Kostbarkeit gekommen war. Sie trieb öfters wertvolle Sachen auf, aber das letzte Stück Schokolade, das aus richtigen Kakaobohnen von der Erde gewonnen worden war, war einer der Höhepunkte ihrer Sammlung.
Und gerade jetzt wollte sie es mit ihm teilen.

Die künstliche Gravitation hatten sie ausgeschaltet, um Energie zu sparen. Sie schwebte zu ihm, strahlte ihn mit ihren dunklen Augen an und reichte ihm das Stück, das sie sorgsam abgebrochen hatte. Trotzdem stand ein kleiner Vorsprung aus dem Stück heraus, der Boden der Kammer, die sie in ihrem Mund versinken ließ. Er biss das Stück ab. Nur Schokolade.

Mild. Zartschmelzend. Er hatte die Begriffe gehört, aber nie wirklich etwas mit ihnen anfangen können. Jetzt wusste er, was gemeint war. Die Schokolade war leicht nussig, was die Füllung erahnen ließ. „Mousse auf Chocolat Noisettes“ hatte Jasmin gesagt und dabei gelächelt wie eine der Grinsekatzen von Aldeberan 8.

Das eigentliche Stück lag noch vor ihm. Sie schwebte, offenbar bereits entzückt von dem Geschmack durch das Schiff und hatte die Augen geschlossen. Er biss in die Mitte der gefüllten Kammer. Die Mousse quoll nicht raus, wie er es erwartet hatte, sondern blieb relativ fest. Er zerteilte das Stück in seinem Mund nochmal, nochmal, schmeckte die Mousse, die Schokolade, verstand nun, warum Jasmin die Augen geschlossen hatte. Er versuchte so viel wie möglich von dem Geschmack zu behalten, was ihm nicht gelang, viel zu schnell war das Teilstück zerteilt und seine Kehle runter gerutscht. Ein Nusssplitter bohrte sich sanft in seine Zunge, wie zum Abschied.

Er spürte, wie die zweite Hälfte zwischen seinen Fingern weich wurde. Zu lange konnte er nicht warten. Er öffnete den Mund. Diesmal würde er nicht kauen, er würde den Moment genießen, ihn auffangen für die Ewigkeit – oder zumindest so lange, wie er leben würde. Das letzte Stück Schokolade des Universums. In seinem Mund.

Wieder öffnete er den Mund, ließ das Stück auf seiner Zunge schmelzen. Diesmal funktionierte es. Der harte Kern, auf seiner Zunge wie die Außenhülle eines Raumschiffs, das in eine Sonne flog. Die Mousse, im Geschmack intensiv, aber nicht zu süß. Er versuchte die Masse auf seiner Zunge, am besten in seinem ganzen Mund zu verteilen, um alles zu schmecken, um zu verstehen, was er da im Mund hatte. Die Nusssplitter wie Asteroidenschauer auf seiner Zunge.

Der Moment dauerte viel zu kurz. Die Masse war schon verschwunden, in seinem Mund noch der Geschmack. Er würde ihn nicht vergessen, aber er würde ihn so auch nie wieder schmecken. Er wagte es kaum, Luft zu holen oder seinen Speichel zu schlucken.

Und dann verstand er, dass um ihn herum nur der kalte Weltraum war.

photo cc by Alex Garcia

Schokoladeneier

photo cc by net_efekt

Eine geradezu lächerlich absurde Situation.
Hier saß sie also nun, bei dem neuen Freund ihrer Schwärmerei.
Sie war die große Liebe gewesen, von vor über einem Jahr. Oder jedenfalls hätte sie das gewollt gehabt.
Unerwiderte Liebe war nichts besonders schönes, aber auch nicht sonderlich dramatisch. Konnte man einem Menschen vorwerfen, sich nicht in einen selbst zu verlieben? Möglich war das schön, sie hatte schon eine Reihe von Folgegefühlen auf solche Enttäuschungen entwickelt, aber war es gerechtfertigt, war es sozusagen ethisch gerechtfertigt, wütend auf einen Menschen zu sein, der Gefühle nicht erwiderte? Vor Allem, wenn dieser Mensch dazu noch geradewegs in eine neue Beziehung unterwegs war?

Und nun saßen sie da, auf dem Sofa in seiner Wohnung in ihrer Stadt und rauchten gemütlich selbst gedrehte Zigaretten und machten sich an den letzten Ostereiern zu schaffen. Weiße, gefüllt mit schwarzer Schokolade. Der Wein, das leckere, selbst gekochte Essen, das sich langsam von ihrem Magen in ihren Darm bewegte, um sich dort in eine breiartige Masse, die wie ein schwerer Stein wirkte, zu verwandeln, und die leichten Schübe des Shits, den sie vorhin geraucht hatten. Wie ein Filter legte sich die Droge vor Ruths Bewusstsein.
Jetzt sahen sich irgendwelche alten Folgen einer Serie an, die teilweise so lustig war, dass sie aus dem Lachen nicht mehr heraus kam, während die Beiden sich nur merkwürdig ansahen und teilweise aber auch so alt waren, dass kaum ersichtlich wurde, wann die Szenen übertrieben oder nur beschreibend waren.

Wäre das Fenster nicht gewesen, das, obwohl spiegelnd, einen Blick auf die Großstadt preis gab, sie hätte fast vergessen, wo sie waren. In ihrer Stadt. Die Stadt, die Mabel jetzt schon kannte. Wie gerne hätte Ruth ihr all die schönen, geheimnisvollen, unbekannten Ecken gezeigt. Aber das hatte jetzt jemand anderes getan.
Schweigend biss Ruth ein Schokoladenei in zwei Hälften und schabte die schwarze Füllung mit den Zähnen heraus.
Als die SMS gekommen war, dass Mabel ihre Stadt für ein paar Tage besuchen wurde, hatte sie sich gefreut. Die Frage, wieso sie gerade jetzt hier wäre und sich nicht eher angemeldet hatte, hatte Mabel lange Zeit unbeantwortet gelassen. Erste heute dann die Offenbarung: Sie besuchte ihren Freund hier.
Ihren Freund. Als sei das selbstverständlich. Als habe Ruth wissen müssen, dass Mabel einen Freund hätte.

Dabei war Mabel überhaupt nicht verpflichtet, Ruth irgendetwas zu erzählen. Es war ja nicht Mabels Schuld, dass sich Ruth ihr so nahe fühlte, dass sie viel lieber alleine mit ihr geredet hätte, als jetzt hier zu sitzen und merkwürdige Serien anzusehen. „Um die Pausen aufzufüllen.“ Ruth hätte das dumme Gerät am Liebsten in kleine Stücke geschlagen.
Einen kleinen Moment lang war sie voller Wut.
Vor ihrem geistigen Auge sah sie, wie die Mabel und ihr Freund Körperlichkeiten austauschten, wie er das anfasste, was sie gerne angefasst hätte.
Zum Glück war ihr Mund voller Schokolade.