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Zehn Jahre Schreiben

Zehn Jahre Bloggen heißt auch: zehn Jahre schreiben. Deshalb ein Überblick über die letzten zehn Jahre, über Schreibversuche und Stilfindungen. Eigentlich sollte das hier nur eine kurze Liste mit je einem Text pro Jahr werden. Es ist dann ein bisschen länger geworden. Aber im Netz ist ja Platz genug.

Ich behaupte ja gerne, dass ich schreibe, seit ich es kann. Meine erste „Publikation“ war ein Heft über Waldsäugetiere, mit selbst gemalten Bildern. Mit dem ersten Computer im Haushalt kam dann auch Wordpad und damit wieder eine wildtierökologische Abhandlung. Aber hier soll es ja um die Texte im Blog gehen. 2001 habe ich ja nur drei Monate gebloggt, Anfang 2002 bis Juli hat das Blog dann geruht, ehe ich Tag für Tag etwas HTML strickte, es „Blog“ nannte und mir unheimlich cool vor kam, nicht von blogger.com abhängig zu sein und ein eigenes Layout zu haben. Deshalb gibt es aus dieser Periode auch keinen Text, der nicht auch Tagebucheintrag wäre.

23.10. 2001 – Ohne Titel
Mir gefällt das. Die Schreibe ist natürlich unbeholfen, der Wunsch nach zwei Liter Kakao hätte wohl in Bauchweh geendet, aber ich kann ihn mit dem nahenden Winter im Genick durchaus nachvollziehen.

One Dead every day“ habe ich wohl Anfang 2002 geschrieben – beachtet auch das lustige Vorwort, das ich drei Jahre später schrieb. Leider habe ich ziemlich viele längere und prosaische Texte nicht direkt im Blog, das ich damals wirklich als öffentliches Tagebuch verstand, sondern auf statischen Seiten daneben veröffentlicht, so dass es schwierig ist, sie zu datieren. (Beim Umzug auf ein CMS habe ich die Texte nach Gutdünken eingeordnet.) Wer sich ODED nicht antun will: Meine damaligen Lehrer_innen und Klassenkamerad_innen metzeln sich gegenseitig ab. Im Weltraum.

2002 und 2003 waren auch die Jahre von „NEON ODED“, eine Mischung aus einer Neon Genesis Evangelion-Fanfiction (deren Fanfictionhaftigkeit ich mir aber nicht eingestehen wollte!) und dem eben erwähnten, etwas älteren Text. Interessanterweise habe ich mit NEON ODED etwas getan, was ich sonst mit so gut wie keinem wichtigen Text getan habe: Ich habe ihn nie online veröffentlicht, sondern nur Freund_innen gezeigt. Was wohl auch sein Verhängnis ist. Ich habe ihn nämlich nicht mehr auf der Festplatte, bei irgendeinem Crash ging er verloren. Was eigentlich schade ist, denn er war ca. 60 Seiten lang und wäre sicherlich ein interessantes Dokument meines Schreiben-Lernens gewesen.

Sehr glücklich war ich damals nicht. Es fühlt sich nicht gut an, über diese Zeit zu lesen. Kein Wunder, dass der Löffelmörder in dieser Periode entstanden ist, ein Text, der offenbar nur noch auf ff.net zu finden ist. (Die Fortsetzung ist allerdings im Blog.) Ab Oktober 2003 wurde es besser. Ich lernte L. kennen, schreib merkwürdige Songtexte und solche Aufsätze in der Schule.

2004 schrieb ich an einer Fantasygeschichte, in der die verschiedensten Personen aus meiner damaligen Clique auftauchten. Ich glaube, auch dieser Text ist verloren, einen Ausschnitt gibt es hier. Ich finde es interessant, wie ich damals so bloggte. Das sind oft Tagebucheinträge, bei denen die Gedanken so derart hin und her springen, dass ich sie wahrscheinlich oft nur selbst verstanden habe. Ich muss wahrscheinlich nicht erwähnen, dass vieles von dem, was ich damals geschrieben habe, mir heute zumindest schleierhaft ist. Musik beschreiben konnte allerdings ich besser als heute, habe ich das Gefühl.

Anfang 2005 versuchte ich zu dichten. Lustigerweise habe ich 2005 meine immer noch existierende Rubrik „fiktive Gespräche“ begonnen, in der ich, wenn ich das richtig sehe, immer nur Gespräche mit A. geführt habe, zum Beispiel dieses hier. Gedichtet habe ich immer noch, allerdings für ein Mädchen. „When I come arround“ war ziemlich beliebt bei den Leser_innen, so dass es sogar eine vorgelesene Version gibt. Nach meinem Rant über die luxemburgische Blogosphäre nahmen mich die Eingeborenen gut auf und wählten mich zu ihrem König. (Oder so ähnlich.) *fucker war wohl der Anfang zu dem, was so was wie „mein Stil“ werden würde. Ich würde den Text heute anders schreiben, aber ich finde ihn immer noch sehr spannend. Beschreibungen von Zärtlichkeiten und Sex, wie feeling so unholy fand ich damals aber wohl noch spannender.

Anfang 2006 lernte ich L. kennen und schreib AIDYLL, das ich mit Scribus zu einem pdf machte und als Heftchen fotokopieren ließ und verteilte. Es folgten oben erwähnte Beschreibungen wie Steg oder FrühlingsErwachen. Für Schwalbenhimmel gab es immerhin einen Anlass. Heute finde ich Texte wie days of war, nights of love oder den Sci-Fi Versuch Weltraum Blues ja wesentlich interessanter, ich würde die Kuschelprosa aber nicht unterschätzen, immerhin habe ich sogar noch 2007 einen solchen Text öffentlich vor Publikum vorgelesen. Weltraum Blues stammte übrigens aus einer Sci-Fi-Serie, die als Wiki angelegt war. Das Wiki war auf einem unglaublich tollen Wikisystem aufgebaut, das alle Funktionen hatte, von denen MediaWiki wahrscheinlich heute noch träumte: nur updaten konnte man es nicht. So sind auch dort viele Texte verschwunden. Achherje. Stelle ich die Texte nicht online, verschwinden sie, stelle ich sie online, verschwinden sie erst recht.

2007 war voller interessanter Texte: XX/Y. Oder das Gedicht Tränen, das mir einfach so auf der Straße einfiel. Ich schreib an einem Text namens EVA, immer noch inspiriert von Neon Genesis Evangelion und L. Ich würde EVA auch heute noch Potential geben. Irgendwann vielleicht. Bei meinem ersten Freewriting-Text habe ich Ina entdeckt. 2007 haben wir les jeunes melancoliques gegründet und im Dezember das erste mal im D:qliq vor Publikum gelesen. Mit Hoffnung habe ich die Arbeit an Kuchenbaum begonnen, unwissend, was da kommen würde.

Anfang 2008 fühlte ich mich wortlos und pflanzte den Wunsch, mit den jungen Melancholiker_innen in einem VW-Bus nach Skandinavien zu fahren. Was wir übrigens nie getan haben. Ich war 2008 trotzdem viel unterwegs und kam nicht immer ganz damit zurecht. Ich glaube, Ein dicker Strich aus schwarzer Kreide ist der erste Text, in dem das Zeppelin erwähnt wird, sicher bin ich mir allerdings nicht. Im September begann mein letztes Jahr in der Schule und ich kritzelte rote Zeichen in meinen Kalender. Übrigens die Daten der Examen.

Im Februar 2009 verliebte ich mich richtig heftig, das erste Mal in meinem Leben. Fühlte sich an wie ein Tumor in meinem Kopf, der sich dann verflüssigte und schließlich platzte. Im Sommer war dann nicht nur die Schulzeit vorbei, sondern ich fand das Zentrum des Universums. Ein Gefühl, das ich eigentlich gerne mal wieder hätte.

2010 vermisse ich k. auf meinem Fensterbrett, habe Kopfschmerzen und rieche Benzingeruch. Wien hat mein Schreiben verändert. Das Tagebuchartige ist wieder da, aber in einer prosaischen Form, die mir immer noch sehr gut gefällt. Ich wartete auf Dr. Kroko und warf Gewehre über Bord. Der Herbst war emotional sehr anstrengend, was ################################# und Yogaübung klar zeigen.

2011: Kälteeinbruch im März. Ich wünsche mir mehr verfickte Poesie in meinem Leben und finde sie im April beim Duschen. Noch bevor der Sommer richtig begonnen hat, versuche ich mir vorzustellen, wie ich ihn erinnern werde. Natürlich kam alles ganz anders als geplant.

Wow. Zehn Jahre. Ich staune immer noch über diese Zeit. Ich tue mir schwer mit vielen Texte, die im Blog stehen. Ich könnte sie höchstens aus heutiger Sicht kommentieren, aber wie lächerlich würde das in ein paar Jahren erst wirken. Löschen ist keine Lösung, also müssen sie stehen bleiben, als Zeugen von dem Joël, der sie vor sieben, acht, neun, zehn Jahren schrieb.

Hättet ihr andere Texte für diese Retrospektive ausgewählt? Gibt es Texte, die euch besonders am Herzen liegen, die euch berührt haben?

photo: some rights reserved by Thomas Fisher Rare Book Library

Tanzen/Schwimmen/Schreiben

Es gibt zwei Situationen, in denen meine Gedanken laut und klar sind. Im Schwimmbad, unter Wasser und bei lauter Musik. Letzteres ist ziemlich blöd. Mich auf Konzerten konzentrieren zu müssen, um nicht völlig abzudriften und mich irgendwann zu fragen, wie viele Lieder ich „verpasst“ habe, ist nicht sehr entspannend. Vielleicht geht es allen Menschen so und ich kann nur nicht so gut damit umgehen. Das macht auch das Tanzen schwierig. Ich tanze eigentlich gerne, aber ich komme sehr schwer „rein“ und lasse mich auch sehr leicht wieder „raus“ katapultieren. Vielleicht fehlt auch nur die richtige Musik. Oder irgendetwas anderes.

Ich stelle mir vor, wie ich in einem sterilen Schwimmbad meine Bahnen schwimme. Ich muss an die Szene in Neon Genesis Evangelion denken. Als ich die Folge „Magmadiver“ zum ersten Mal gesehen habe, hatte ich ein merkwürdiges Déja-Vue. Als sei ich schon mal in diesem Schwimmbad gewesen. Was nicht sein kann, weil das Schwimmbad gezeichnet ist und ich mich recht selten in gezeichneten Schwimmbädern aufhalte. Letztendlich ist es egal, wer da seine Runden zieht: die Helden meiner Jugend, Don Draper oder ich halt. Das Schwimmen wäre nebensächlich. Wichtig ist das helle Aquamarin, der Chlorgeruch und die sterilen Fliesen, auf denen wahrscheinlich ganze Fußpilzzivilisationen wachsen. Vielleicht würde das alles auch überhaupt nichts werden. Meine Kondition ist so gut wie nicht existent, ich sehe ohne Brille kaum etwas und die lauten Gedanken lenken vom Schwimmen genauso ab wie vom Tanzen.

Beim Schreiben sind meine Gedanken auch oft sehr klar und laut. Aber da stört es nicht.
(Nein, das ist keine Lösung.)

photo cc by jayhem

Müdigkeit

muedigkeit

Man braucht als Mensch immer beides. Klarheit, Nüchternheit als Geisteszustand des gesunden Menschenverstandes genauso wie den Rausch, das „Ecstasy“ auf dessen Suche der Menschen in seiner natürlichen Form immer ist. Leider ist Alkohol als legales Rauschmittel nur unzureichend geeignet, um künstlerische/kreative Tätigkeiten zu unterstützen, hat aber den Vorteil, in feinen und geringen Dosen während der Arbeit gebraucht werden zu können. Die meisten anderen Drogen sind nur als Erfahrungssammlung zu gebrauchen, das Arbeiten unter ihrem Einfluss bringt meist nur sinn-freies zustande.
Vielmehr ist das reflektierte Verarbeiten wichtig.

Müdigkeit bzw. Schlafentzug ist, wenn richtig eingesetzt, eine ideale Droge, da man unter ihrem Einfluss wunderbar arbeiten kann, jedoch weniger Filter besitzt (was wichtig ist!) und dennoch nicht „dumm“ oder blöd wird, wie es z.B. mit (zu viel) Alkohol schnell der Fall sein kann. Ich habe die anstrengenden sechs Stunden Radio mit einer Flasche Bier gemischt. Eine absolut richtige Entscheidung.

Wer sollte das alles verstehen? Ich hatte einen sehr weiten, ungetrübten Blick. Ich sah vom „Aldringer“, jenem schmutzigen Busbahnhof im Stadtzentrum aus fast die Synagoge, zumindest aber das Gebäude am nächsten Block klar und deutlich, was mir neu vorkam. Eine seltsame Schärfe lag in der Luft, wie oft nach Regen, wenn alles um einen herum wie frisch gewaschen erscheint.
Am Bahnhof hätte ich schwören können, bis nach Esch zu sehen, die Atommeiler Kattenhofens zu sehen, ja die Stadt Marseille hätte ich erblickt, hätte die Autobrücke über die Gleise mir nicht die Sicht versperrt.

So gut mein Blick auch war, mein Empfinden gegenüber den Menschen war völlig gestört. Ich erkannte nicht, dass eine Frau beim Bäcker vor mir dran war und glaubte dann auch noch, die Verkäuferin hätte mir falsch ausgegeben und entschuldigte mich, als ich langsam meinen Fehler begriff, mit fadenscheinigen Ausreden.

Als gäbe es irgendetwas zu verstehen. Horrormeldungen aus dem Gefängnis auf den Gratiszeitungen, nass und veraltet am Boden. Ein Moment der Melancholie in der Stille der Nacht.
Wer sollte sich darum kümmern? Die Welt war zu frisch für mich. Der menschenleere Zug sollte mich nach Hause bringen, in den Norden, in den kalten Norden.

(Photo cc by Jason Roger)

Schreiben

Schreiben

Ich bin ja wirklich nicht gut darin, einfach so los zuschreiben. Möchte ich glauben. Eigentlich weiß ich, dass ich nur dann schreiben kann, wenn ich „einfach so“ drauf los schreibe. Und das stimmt auch wiederrum nicht, denn für alles, was mit Angscht a Schrecken zu tun hat, plane ich Plots, Witze und Pointen oft lange, ehe ich mit Schreiben anfange. Oft vergesse ich die Hälfte davon wieder während dem Schreiben und verwende wesentlich schlechtere Witze und Wortspiele, über die nur ich lachen würde, würde mir ein anderer sie erzählen.

Das mit den Absätzen ist auch so ein Phänomen. Hat man einen abgeschlossen, weiß man oft nicht mehr, wie es weiter gehen soll. So geht es mir zumindest. Vielleicht ist das auch nur eine kleine psychologische Blockade, weil man ja schon zumindest einen Teil der Arbeit, nämlich einen Absatz, abgeschlossen hat und jetzt eine kleine Pause nehmen will. Was dazu führt, dass man sich an Mails erinnert, die man dringend schreiben sollte und tippt dann erst mal daran, sucht Dinge für diese Mail im Internet und endet damit, eine halbe Stunde lang Tetris zu spielen und kein ein Wort geschrieben zu haben.

Dann entdecke ich zusehend die Angst, nicht gut zu schreiben, nicht alle Facetten von einem Thema zu beleuchten oder meine Streitgesuche nicht gut genug zu formulieren. Ein völlig neues Gefühl für jemanden, der immer nur „so drauf los“ geschrieben hat.

Aber ich wollte gar keinen Text schreiben, um den es so halbwegs humoristisch übers Schreiben geht, denn ich bin kein Komiker und kann auch nicht gut komische Texte schreiben. Auch bei Angscht a Schreckenlachen die Menschen immer da, wo ich denke „oh, das ist ein doofer Witz“ und bei den Dingen, die ich furchtbar witzig finde, grinsen sie höchstens. Ich wollte eigentlich einen Text übers Schreiben unter Drogeneinfluss schreiben, weil ich diesen Artikel von Telepolis ganz interessant fand. Aber das passiert halt, wenn man einfach so drauf los schreibt.

(Photo cc by dbdbrobot)

Verlorener Tag

Dies wäre ein verlorener Tag, meintest du. Und ich entgegnete, dass es wohl wichtig wäre, die Bilder des letzten Abends, der vergangenen Nacht Revue passieren zu lassen und sich dem wohligen müden Gefühl der Dehydrierung hinzugeben. Du klagtest über Kopfschmerzen und die Unmöglichkeit, einen Kater zu genießen. Ich hingeben, der nie Kopfschmerzen hat, meinte, dass auch dies dazugehörte.

Den Körper bis an die Grenzen treiben. Wie ein Irrer mit einer lächerlichen Sonnenbrille durch die Nacht laufen und ständig Thompson zitieren, was auf die Dauer nicht witzig, sondern nur nervig ist. In einem schicksalhaften Lokal brennt noch Licht, durch die halb heruntergelassenen Jalousien siehst du den Besitzer mit einem Freund diskutieren. Man hat dich überall vertrieben, und hier, mitten in der Nacht kommt dir die Erkenntnis:

Das, was wir brauchen, ist ein Zeppelin. Du siehst es schon vor dir. Ein gigantisches Luftschiff am Himmel über Norwegen, nur mit den LJM an Bord. Neben der luxuriösen Ausstattung gibt es noch ein paar weitere Argumente: Reisefreiheit, die Möglichkeit, unwillige LeserInnen zu entführen sowie die offensichtliche Inspiration, die von diesem Objekt ausgeht.
Du siehst dich selbst in deiner Kabine sitzen und deine Texte in die Tastatur einer altmodischen, mechanischen Schreibmaschine, die auf wunderbare Art und Weise mit einem Computer verbunden ist, hauen. »Klack! Klack! Klack!« macht die Maschine, während das Luftschiff starr seinen Kurs beibehält und nach Island fährt. (Fahren oder fliegen Luftschiffe?)

Wortlos/Muselos/Endlos

Du fühlst dich wortlos ob des leeren Formulars, in das du deine Texte reinhaust. Du hast dich quasi entfremdet von dem Ding, was du am liebsten tust, was dir so viel Freude bereitet, und das du nie aufgeben willst, weil es für dich quasi so wichtig ist wie atmen. Und deshalb quälst du dich durch die ersten Zeilen, drückst die ersten Worte heraus wie jemand, der Verstopfung und schweren Stuhlgang hat, bemerkst aber dann, dass die Wörter wieder zu fließen beginnen, sobald du dabei bist. Es ist das Anfangen, was dir so verdammt schwer fällt dieser Tage, aus welchem Grund auch immer.

Eine Muse würde dir fehlen, hast du gesagt. Du weißt, dass das teilweise stimmt und teilweise auch wieder gelogen ist. Es gibt doch eine, die als Muse funktionieren könnte, die in deinen Träumen auftaucht und sich dort ohne Probleme an deinen Körper schmiegt. Als würden Träume irgendetwas aussagen. Leise hegst du den Verdacht, dass die Muse wohl eher Johnnie Walker heißt. Jetzt werden sie wieder alle kommen, mit ihren guten Ratschlagen betreffend Magenschleimhaut und Leber. Überhaupt, all diese guten Ratschläge!

Du möchtest ihr sagen, dass du dir vorstellen könntest, sie zu lieben.
Aber was ist das für eine Aussage? Als ob das irgendetwas bedeuten würde! Du könntest dir auch genauso gut vorstellen, mit A. in einem Haus mit zwei großen Hunden irgendwo in der südamerikanischen Pampa zu leben und den ganzen Tag Rum zu saufen. (Prost!) Man kann sich so ziemlich alles vorstellen. Deshalb sind solche Aussagen eigentlich nichtig. Aber nur eigentlich.
Denn das, was du mit den Worten, die nichts aussagen vermögen, auszudrücken versuchst, ist etwas großes, gewaltiges. Ein Schritt von umgekehrt-armstrongischen Ausmaßen, der eigentlich heißt: Ich könnte mich in dich verlieben. Ich wäre sogar bereit dazu, wenn es passieren würde. Und ich glaube, ich würde es nicht bereuen.

Ein Jahr, fünf Monate und anderthalb Wochen später:
Sieben Personen fahren in einem alten VW-Bus durch Skandinavien, vorbei an Seen, die den Landratten erscheinen wie kleine Meere. Im Autoradio läuft Sigur Rós. Man genießt das wunderbare Gefühl des Erlebens, des Lebens in der Gegenwart, die Gemeinschaft und vielleicht auch die Gewissheit, an der Spitze von etwas Neuem zu stehen. Beat-Generation, die Beatles und Yoko Ono, ein beliebiger Tourbus einer erfolgreichen Band, LJM. Während du auf deinen Knien dein momentanes Lebensgefühl notierst, in ein noch jungfräuliches Exemplar deiner berühmt-berüchtigten grauen Bücher, A. Witze macht, eine Flasche mit Biowein herumgeht, was dich an andere, vom Gefühl her ähnlichen Zeiten erinnert, T., L. und S. sich halb flüsternd – aus welchem Grund auch immer, über ein Buch, das sie alle drei in der Schule lesen mussten, unterhalten, hat sie ihren Kopf auf deine Schultern gelegt und ist eingeschlafen.
Du bist glücklich.
Dies ist das Ende der Welt.

Wieso ich blogge (II)

Weil es die gottverdammte Revolution ist.

Es war nie einfacherer, Texte ins Internet zu setzen. Aber ich hatte auch mit komplizierten Lösungen nie meine Probleme. Ehe ich auf das Blog-CMS Nucleus umgestiegen bin, habe ich das Blog jeden Tag als HTML-Text geschrieben und geupdated. Irgendwann dachte ich, dass es wohl furchtbar schick wäre, ein RSS-Feed zu haben. Dann habe ich das RSS-Feed halt auch selbst gecodet.
Trotzdem gibt es mehr als genug Leute, die sich alleine bei der Vorstellung, auch nur irgendetwas mit HTML zu tun haben zu müssen, vor Angst fast in die Hose machen oder schon keine Lust mehr haben.

Mit Blogs ist das egal. Es funktioniert einfach oder man findet einen hilfsbereiten Menschen, der einem das Blog einrichtet. Das muss einmal getan werden, und dann kann man schreiben. Das kann jeder tun, und ebenso kann jeder es danach lesen.

Die umgekehrt chronologische Reihenfolge der Einträge scheint den meisten Menschen gut in den Kram zu passen. Vielleicht liegt es auch einfach nur an unseren Lesegewohnheiten im Internet. Das aktuellste steht oben, wo es am besten sichtbar ist.
Man muss, anders als bei „personal homepages„, nicht lange suchen um zu finden was man sucht oder was man finden soll. Das Design ist einheitlich, was die Übersichtlichkeit nochmals erleichtert.

Gut: Jeder kann bloggen und jeder findet sich mit Blogs zurecht. Ist das nun schon die Revolution?
Die wahre „Revolution“ entsteht durch das Linken, die Kommentarfunktion, die Fähigkeit, nicht nur Texte ins Internet zu setzen, sondern sich auch mit anderen Menschen auszutauschen. Es gibt wohl kaum ein Medium, dass eine direktere Kommunikation zwischen Sender und Empfänger ermöglicht als das Blog.

Ich hatte anfangs sehr wenig Kontakt mit anderen Bloggern. Alle Blogs, die ich damals (back in 2001/2002) fand, erschienen mir uninteressant oder ich verstand nicht sofort, worum es dabei ging. Trotzdem war Bloggen für mich eine wichtige Sache – obwohl ich zeitgleich auch eine/mehrere Homepages unterhielt. Irgendwann kam dann auch der „Klick“ mit Kommentaren und Kontakt zu anderen Blogs, und mit einem Schlag traf ich auf eine völlig andere Welt, etwas großes, das mich sofort faszinierte.

Ich denke, diese Gedanken kann man noch vertiefen. Und da ich „Wieso ich blogge“ von Anfang an als Reihe konzipiert habe, wird da wohl noch einiges nachkommen. Ich finde es jedenfalls interessant, über das Bloggen zu bloggen. Und da mir die Frage nach dem „wieso eigentlich“ in den letzten Tagen öfters gestellt wurde, bringe ich so einige dieser Gedanken auch hier unter.

Nicht ohne.

Ich kann nicht mehr ohne. Es geht einfach nicht. Ich kann mir ein Leben ohne Schreiben nicht mehr vorstellen. Wenn ich beide Hände verlieren würde, das wäre so schrecklich, da könnte ich auch gleich meine Lungen verlieren.
Ich habe heute erfahren, dass ich als Embryo einmal Kiemen hatte. Wie übrigens ein jeder von uns. Das ist eine wundervolle Information. In meinem früheren Leben war ich ein Fisch, heute bin ich ein Wal. Wir sind Wale im Ozean des Belanglosen.
Und wenn ich heute aufschreibe, wie es mir geht, dann tue ich dies, weil ich irgendwann wieder diesen Eintrag lesen werde und mich errinneren kann, dass der 7. Dezember 2006 ein völlig verregneter Tag in dem viel zu warmen Dezember 2006 war.

Nehme ich meine Umwelt so war, wie ich könnte? Lebe ich mit all meinen Sinnen? Was ist der letzte Geschmack in meinem Mund, an den ich mich erinnere? Der letzte Duft in meiner Nase? Das letzte Bild, das ich wirklich betrachtet habe? Das letzte Lied, das ich nicht nur zur Berieselung gehört habe?
Wenn ich den Regen so betrachte, könnte ich alles andere einfach vergessen.