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Aus dem Film des Lebens rausgehen

Ich dachte halt, da würd jetzt noch was kommen.
Wie im Kino, nach dem Abspann, da kommt ja auch manchmal noch was. Aber da bleibt man sitzen.

Ich bin eben nicht sitzen geblieben, sozusagen.
Ich bin aus dem Film des Lebens raus gegangen. Das ist eine passende Metapher, aber das nützt ja auch nichts mehr.
Wenn man aus einem Film rausgeht, sieht man nur die Popcornbar. Oder heißt es Snackbar? Egal, Sie wissen ja, was gemeint ist!

Auf jeden Fall dachte ich, das würd dann jetzt besser werden. Deshalb find ich es auch komisch, dass Sie mich jetzt hier so verhören. Bin ja schließlich nicht der Erste, der das gemacht hat, was? Und als Schwerverbrecher können Sie mich auch nicht bezeichnen, hab ja niemandem weh getan. Nun gut, mir selbst vielleicht, aber das ist … oder war ja mein Problem.

Probleme hatte ich ja eh genug. Die Frauen sind mir ja immer alle weggelaufen. Weswegen können sie sich ja denken.
Das mit dem Arbeiten war auch so eine Sache. Wer mag schon jeden Tag das Gleiche tun? Ich mochte es ja, dahin zu gehen, war nett, das Gebäude und die Leute so. Aber jeden Tag Zahlen eintippen und rechnen und ausdrucken, dazwischen nur ein Kaffee und eine Stulle?
Arbeitslos wär aber auch doof gewesen.

Mir fiel auch irgendwie nichts mehr ein, was ich hätte tun können. Hab alles mal probiert:

  • Fußball (zu viel Laufen)
  • Radfahren (zu wenig Radwege)
  • Squash (zu schneller Ball)
  • Kino (zu langweilige Filme)
  • Musik (zu viele Noten)
  • ein Hund (zu viele Haare)
  • Fallschirmspringen (zu hoch)
  • und so weiter …

Dann hab ich mir halt gesagt, hörste halt auf. So mit Atmen und Verdauen und all dem Kram. Vor allem mit Verdauen. Konnt ich noch nie ausstehen, dieses Verdauen. Hatte da auch ständig Probleme mit.
Mal zu fest, mal zu flüssig, zu hell, zu dunkel – irgendetwas war ja immer.
Da bin ich schon froh, dass es vorbei ist.

Ich meine, klar hätte man noch viel machen können. Reisen zum Beispiel. Wollte immer mal die Pyramiden sehen. Aber mit meinem Darm und dem Essen bei denen da, das wär ja eh nicht gut gegangen. Oder glauben Sie, die hätten da ein Klo in die Pyramiden eingebaut?

Und wenn da jetzt nichts kommt, isses auch gut.
War ja mal ganz interessant, so zu sterben. Und so.
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Moor

Du sitzt im Bus, der geduldig wie ein altes großes Tier, ein Mammut oder Rhinozeros, über das Land fährt. Die silbergraue Karosserie trotzt dem strömenden Regen und dem peitschenden Wind, während der Bus mit stoischer Ruhe jede Haltestelle abfährt, ohne jemanden mitzunehmen. Vor einer Stunde ist der letzte Reisende zugestiegen. Wie lange du selbst berreits fährst, wagst du gar nicht zu rechnen. Du siehst den Regentropfen zu, die sich wegen dem starken Wind Spermatozoiden ähnlich horizontal über die Scheibe bewegen.

Moor cc by burtonwoodandholmes

Irgendwann bist du angekommen. Im Nirgendwo. In der Pampa, möchte man sagen. In Wahrheit stehst du an einem Moor, durch dessen Kanäle nachts angeblich Fischotter schwimmen.
Es regnet noch immer. Dicke Tropfen auf deiner Brille. Du kannst förmlich spüren, wie sich das Moor, die gesamte Landschaft mit Wasser vollsaugt. Ein gigantischer geologisch-biologischer Schwamm.

Es ist so friedlich hier. Der Regen schluckt jedes Geräusch, nur das einzelne Rufen eines dir unbekannten Vogels ist von Zeit zu Zeit zu hören. Du bist völlig durchnässt. Junge Fischotter sind angeblich wasserscheu. Du atmest tief ein, riechst die torfige Luft.
Ein letzter Atemzug.
Ein schöner Ort, um zu sterben.

[0803122202] (Image cc by burtonwoodandholmes)